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Gute Nachrichten für Bernie-Gunther-Fans: Philip Kerr schreibt The Lady from Zagreb und zwei weitere Krimis der Serie

Philip Kerr hat wieder einmal Bernhard Gunther von der Leine gelassen: Dieses Mal muss sich der knorrige Detektiv mit Widersachern in Zagreb und der Schweiz auseinandersetzen.  Wie schon beim letzten Band „Wolfshunger“ ist das streng genommen wieder ziemlich unglaubwürdiger Blödsinn – und vermutlich gerade deshalb wieder ein großer Spaß.

Bernie Gunther trifft mal wieder eine Damsell in Distress

Im zehnten Band der Serie lebt Gunther als gescheiterte Existenz, wie auch sonst, an der Côte d’Azur. Bei einem Kinobesuch sieht er einen Film mit einem deutschen Filmstar und betritt in einen Pfad wehmütiger Erinnerungen. Und der beginnt so:  Joseph Goebbels bittet Gunther, ihm einen „privaten“ Gefallen zu tun. Er hat sich in besagte Schauspielerin verguckt, die wegen privater Probleme sich aber weigert, in Berlin, beziehungsweise Babelsberg mit dem Dreh zu beginnen, wo der Propagandaminister der Schönen näher zu kommen hofft. Bernie Gunther soll also die Probleme der Diva aus der Welt schaffen. Es kommt, wie es bei Kerr und Gunther immer kommen muss: Der Cop verguckt sich in die Damsel in Distress, gerät beim Versuch der Schönen zu helfen in massive Schwierigkeiten, legt sich mit allerlei Nazigrößen an, schwebt in Lebensgefahr, deckt eine gigantische Verschwörung auf – und muss am Ende einmal mehr ohne Happy End auskommen.

Bernie Gunther, die brillante Erfindung Philip Kerrs

Philip Kerr strickt seine Detektivgeschichten, die er im Deutschland der Nazizeit ansiedelt, mittlerweile nach dem immer selben Muster. Der Brite schert sich dabei immer weniger um Originalität oder Glaubwürdigkeit. Und dennoch funktionieren die Krimis immer wieder. Die Figur des Bernie Gunter ist einfach brillant erdacht, der abgebrühte Polizist, der immer wieder versuchen muss, sich mit den Monstern der Nazizeit auseinanderzusetzen ohne dabei selber zum Monster zu werden, ist eine herrlich altmodische Heldenfigur. Kerr gelingt es dabei aber auch, durch seine Schilderungen von Nazi-größen und deren Handlangern immer wieder gekonnt die Banalität des Bösen aufzudecken.

Keine Einstiegsdroge, aber ein Muss für Fans

Wer noch nie einen Krimi der Serie gelesen hat, sollte eher die Finger von der Neuerscheinung lassen und sich lieber die ersten drei Bände der Serie vornehmen. Die sind deutlich die bessere Einstiegsdroge und absolut und unbedingt für jeden Krimileser empfehlenswert.  Die beiden jüngsten Bände sind eher für eingefleischte Fans geeignet, die werden aber wieder sehr großen Spaß haben.

Kein Ruhestand für den Berliner Polizisten in Sicht

Und offenbar ist die Fangemeinde so groß, dass es mindestens noch zwei weitere Bände gibt beziehungsweise geben wird, obwohl Kerr eigentlich schon nach dem vorletzten, dem neunten Band, seinen Detektiv in den wohlverdienten Ruhestand schicken wollte. Ein paar Jahre ohne Aufregungen an der Côte d’Azur, vielleicht mit einer schönen Frau an der Seite, in jedem Fall mit einem ausreichenden Vorrat an Schnaps und Zigaretten, würde man Bernhard Gunther schon gönnen.

So geht es für Bernie-Gunther-Liebhaber weiter:

Wer „The Lady from Zagreb“ auf Deutsch lesen will, muss sich noch etwas gedulden. Alle anderen können sich sogar schon auf die Originalausgabe von Band 11 „The Other Side of Silencestürzen. Die ist seit Ende März im Handel. Man kommt also kaum hinterher…

Philip Kerr, The Lady from Zagreb, Quercus Press, 8,50€, VÖ: 7. April 2015

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Ermittler

Bernie Gunther, verbissener Cop und gefallener Held in einer dunklen Zeit

Am 29. August erscheint „Wolfshunger“, der neunte Band der Berlin-Noir-Serie des Briten Philip Kerr. Ein guter Anlass, den „Helden“ der Serie, den Berliner Kommissar Bernhard „Bernie“ Gunther vorzustellen, schließlich ist er einer der ganz großen seiner Zunft.

Schnaps, Bier und deftige Berliner Hausmannskost. Das sind die Grundnahrungsmittel von Bernie Gunther, dem Berliner Kommissar und Detektiv. Beinahe ist man geneigt, sich über diese Stereotypen, die der Schotte Philip Kerr über seinen Romanhelden ergießt zu empören. Dann aber scheint die kulinarische Einfalt aber doch treffend. Bernie Gunther ist eine Figur des frühen 20. Jahrhunderts, als Pizza und Döner und Thai-Curry noch nicht im Herzen Mittteleuropas angekommen waren.

Bernie Gunther, ein Besessener in Sachen Wahrheit

Natürlich vereinfacht Philip Kerr, natürlich blitzt zwischen den Zeilen gelegentlich sanfter Spott über die aus britischer Sicht eher grobschlächtigen Deutschen. Aber insgesamt hat der Schotte den deutschen Polizisten doch recht gut getroffen. Gunther ist pflichtbewusst, hartnäckig, diszipliniert, meist gehorsam und sehr stur. Letztere Eigenschaft steht allerdings gelegentlich seinem Gehorsam im Wege. Wie viele gute Ermittler aus der Kriminalliteratur ist Gunther ein Besessener, wenn es darum geht, die Wahrheit aufzudecken. Das ist eine noch wichtigere Triebfeder, als den Verbrecher zu überführen. Tatsächlich ist Gunther erst zufrieden, wenn er weiß, wer ein Verbrechen begangen hat. Wie viele Deutsche ist er aber auch ein Durchwurschtler, im Versuch zu überleben, arrangiert er sich mit den jeweiligen Machthabern, die über richtig oder falsch entscheiden.

Eine Krimi-Reihe als Spiegel deutscher Geschichte

Im Fall von Bernie Gunther ist diese Flexibilität, diese moralische Geschmeidigkeit im wahrsten Sinne lebensnotwendig. Gunther wird zur Zeit der Weimarer Republik Kriminalkommissar bei der Berliner Polizei. Als Privatdetektiv, Gestapo-Offizier und Polizist schlägt er sich durch die gesamte NS-Zeit. Insgesamt ist er als Polizist vor allem eher ein aufmerksamer Beobachter, hartnäckiger Verfolger als ein brillanter Kopf. Insbesondere zeichnet ihn das aus dramaturgischen Gründen notwendige Talent sich erstens immer in die falschen Frauen zu vergucken und mindestens genau so oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Wobei viel zu oft, das erste (das mit den Frauen), letzteres (falsche Zeit, falscher Ort) nach sich zieht.

Literarischer Flirt mit den Köpfen der NS-Verbrechen

Die Biographie Gunthers, wenn man die Kriminalromane von Philip Kerr so nennen will, umfasst mittlerweile acht Bände, einen neunten gibt es auf Englisch und erscheint im Sommer 2014 auf Deutsch. Die ersten drei Bände spielen in den Vorkriegsjahren des „tausendjährigen Reiches“ und sind als „Berlin Noir“-Serie bekannt geworden. Einige Jahre später hat Kerr eine weitere Trilogie nachgelegt, die in der Nachkriegszeit angesiedelt ist. Mittlerweile beschreibt Kerr Gunthers Leben mitten im Krieg. Die Geschehnisse auf den Schlachtfeldern scheinen soweit her, dass sich der Schotte immer hemmungsloser traut, reale Nazi-Größen auftreten zu lassen, im neunten Band muss sich Gunther unter anderen mit Feldmarschall Günther von Kluge, Admiral Canaris und Joseph Goebbels auseinandersetzen. Das Spiel mit den Nazi-Größen ist vermutlich auch wirtschaftliches Kalkül, weil es allenthalben eine große Faszination für die Monster deutscher Geschichte gibt. Kerr leistet sich da immer einer Gratwanderung, weil er diesen Verbrechern an der Menschlichkeit, auch wenn er die Verbrechen deutlich nennt, eine beinahe menschliche Kontur gibt.

Viele Stereotype und dennoch ein vielschichtiger Charakter

Dem mühselig-komplizierten Leben Gunthers zu folgen, hat auch nach acht Bänden kein bisschen an Reiz verloren, weil Kerr eine enorm vielschichtige, und zutiefst menschlich-sympathische Figur geschaffen hat. Natürlich folgt er dem Prinzip des „Einsamen Wolfes“, der in einer verdorbenen Welt (natürlich vergeblich) versucht, „das richtige Leben im Falschen“ zu führen.

Bernhard Gunther bleibt allen Untaten zum trotz sympathisch

Gunther funktioniert auch deshalb so gut, weil Kerr ihn nicht glorifiziert. Natürlich leistet sich der deutsche Polizist kleineren Ungehorsam gegen das System, versucht anständig zu bleiben, aber Kerr gesteht ihm das natürlich nicht dauerhaft zu. Immer wieder muss Gunther sich die Hände schmutzig machen, nicht nur im Widerstand gegen das System, sondern immer wieder auch in dessen Namen und für dessen Repräsentanten. Immerhin hasst sich Gunther nach seinen Kriegseinsätzen und spielt mit dem Gedanken an Selbstmord. Die Pflichterfüllung, da ist er vermutlich in den Augen seines literarischen Schöpfers wieder ganz Deutscher, hält ihn davon ab.
Wer sich für historische Krimis interessiert und Krimistoffe mit Seriencharakter mag, dürfte sich mit Bernie Gunther sehr wohl fühlen. Gerade weil er so oft fehl geht.
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Philip Kerr schickt Bernie Gunther erneut auf eine spannende Zeitreise

Kuba, 1954. Carlos Hausner sitzt inmitten der Nachkriegswirren in einem Nachtclub, genauer gesagt in einem Bordell und schlürft entspannt an einem Drink. Ein Idyll? Vielleicht. Wenn, dann keines, das lange währt. Die Besitzerin des Etablissements erpresst den Mittfünfziger, eine junge kommunistische Revolutionärin (und gesuchte Mörderin) mit seinem Boot nach Haiti zu bringen. Von da an gerät der Besitzer eines argentinischen Passes in beträchtliche Schwierigkeiten.

Carlos Haussner ist allerdings Kummer gewohnt. Er musste in den Jahren zuvor für die argentinische Junta arbeiten und für die US-amerikanische Mafia. Hausner scheint das Pech magisch anzuziehen. Kein Wunder, eigentlich ist Hausner Bernhard Gunther, ehedem Berliner Kriminalkommissar mit einem außerordentlich großen Talent, sich Probleme aufzuhalsen.

Ein Polizist, der das Pech scheinbar magisch anzieht

Tatsächlich gerät Hausner, beziehungsweise Gunther, auf seiner Überfahrt von Cuba in die USA an Gegner, die Junta und Mob wie zahme Pfadfinderclubs erscheinen lassen. Die US-Marine bringt Gunthers Boot auf. Der Deutsche gerät in die Hände der CIA. Von da an wird es kompliziert – und für den Ex-Cop lebensgefährlich.

Der US-Autor Philip Kerr jagt seinen liebevoll Bernie genannten Ermittler jetzt bereits zum siebten Mal unbarmherzig durch die deutsche Geschichte. „Field Grey“, was die PR-Strategen etwas unglücklich mit „Mission Walhalla“ übersetzt sehen wollen, heißt das neueste Abenteuer Gunthers.

Bernie Gunther kommt weit herum

Kerr lässt seinen knurrigen Polizisten, der vergeblich versucht moralisch sauber zu bleiben, dabei immer wieder tief im Schlamm wühlt und feststellen muss, dass viel zu viel vom Dreck haften bliebt, weit herumkommen – geographisch wie chronologisch. Berlin, am Ende der Weimarer Republik, Paris nach der deutschen Besetzung, Minsk während des Russlandfeldzuges, ein Kriegsgefangenenlager in den Weiten der Sowjetunion und die junge Bundesrepublik im Jahr des „Wunders von Bern“ sind die wichtigsten, aber beileibe nicht alle Orte der Handlung.

Philip Kerr schließt damit zum Entzücken seiner treuen Leser Lücken in der Biographie seines Darstellers. In erster Linie aber hat der Brite wieder einen enorm packenden Thriller geschrieben. “Field Grey“ bietet eine raffiniert gewobene Geschichte mit zahlreichen überraschenden Wendungen, die selbst routinierte Krimi-Leser zu verblüffen vermögen.

Das ist aber auch wenig überraschend, denn bereits mit seiner „Berlin Noir“-Trilogie, dem Ursprung der Romane um Bernhard Gunther, hat Philip Kerr das Genre des historischen Krimis auf ein neues, enorm anspruchsvolles Niveau gehoben.

Philip Kerr plündert hemmungslos die deutsche Geschichte

Der britische Autor taucht dabei tief in die deutsche Geschichte ein, baut hemmungslos bekannte und unbekannte Figuren jener Jahre ein. Reinhard Heydrich spielt eine Rolle – und in „Field Grey“ erstmals auch der spätere Stasi-Chef Erich Mielke. Kerr zeichnet komplexe Figuren, lässt das Leid deutscher Kriegsgefangener in Sibirien genauso auferstehen wie die Misshandlung der Gefangenen im Vichy-Frankreich, vor allem aber die Greueltaten der Nazi-Schergen. Nie jedoch lässt er bei aller Spielerei mit der Geschichte die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus dem Blick, gleich von wem sie begangen wurden. Dass sich Bernie Gunther bei seinen ebenso energischen wie hilflosen Versuchen, das Richtige zu tun, immer wieder in der Geschichte verstrickt, macht einen großen Reiz der Serie aus.

 

 

Tatort:Berlin

Berlin ist die Heimat Bernhard Gunthers. Er lebt in einer Seitenstraße des Kudamms, arbeitet im Polizeipräsidium am Alex und kennt jede Kaschemme, jeden Puff, jeden Club im Wedding und anderswo. Gunther ist Polizist im Berlin der untergehenden Republik und der beginnenden Nazizeit und kommt herum. Das Berlin jener Jahre und das zerbombte Berlin der Nachkriegszeit ersteht in „Field Grey“ plastischer auf als je zuvor in den Thrillern Philip Kerrs. Gunther steht prototypisch für die Bewohner der Metropole. Er trinkt massenweise Bier, Schnaps und hat, so Kerr, die „Ausstrahlung eines Friedhofsgräbers“.

Philip Kerr legt weniger Wert auf eine detaillierte Beschreibung. Wichtiger ist es ihm, die Atmosphäre, die Stimmung seiner Schauplätze einzufangen – und das gelingt ihm immer wieder mit höchster Perfektion, sei es beim Kriegsgefangenenlager in Sibirien, sei es im Arbeiterwohnblock im roten Wedding, sei es im verschwenderisch prächtigen Hotel Adlon der Weimarer Republik.  So ensteht, auch ohne den lehrerhaften Ton des Geschichtsprofessors das historische Berlin neu.

 

Philip Kerr, Mission Walhalla, Wunderlich, 19,95€, VÖ: 15. Juli 2011