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Ian Rankin holt seinen John Rebus aus dem Ruhestand. Gut so

Ian Rankin hat seinen Lesern gleich zwei Gefallen getan. Erstens hat er einen weiteren Kriminalroman um seinen Ermittler großartigen John Rebus geschrieben und zweiten hat er den Mann altern lassen. Der allzeit knurrige Eigenbrötler Rebus, der von einer eigentümlichen Treibstoffmischung aus Rock, Whiskey und hartnäckiger Neugier angetrieben wird, befindet sich im halb im Ruhestand. Als richtiger Polizist darf der Mann nicht mehr arbeiten, weil er die Altersgrenze überschritten hat. Da er von der Verbrecherjagd nicht lassen kann, hat er 25 Jahre nach seinem ersten von bislang insgesamt 16 Fällen, als eine Art Hilfspolizist bei einer „Cold-Case-Einheit“ angeheuert. Dass er gelegentlich kurzatmig ist und auch sonst altersgerechte Ausfallerscheinungen hat, hebt ihn angenehm von anderen Ermittlern ab, die einfach nicht altern wollen.

John Rebus,dauerhaft vom Unglück verfolgt

Eine Konstante zieht sich durch das Leben des Schotten.  Das Unglück verfolgt ihn. Eher unfreiwillig fällt ihm der Fall eines seit 20 Jahren vermissten Mädchens vor die Füße. Schnell findet er heraus, dass nicht eine, sondern gleich mehrere junge Frauen vermisst werden und die Fälle zusammenhängen. Insbesondere, weil sie alle entlang der A9 verschwanden. Die A9 ist die zentrale Verkehrsschlagader, die von Edinburgh durch die Highlands nach Inverness und bis zum hohen Norden führt. Eigentlich alle, die in Schottlands Osten unterwegs sind, müssen die Straße, die sich malerisch schön, von steilen, meist kargen Bergen flankiert, durch die Täler schlängelt, passieren.

Rebus, wie könnte es anders sein, findet die Straße nur nervenraubend, viel Verkehr, wenig Fortschritt. So geht es lange auch seinem Fall. Durch hartnäckige Kleinarbeit und ausgiebige Kilometerfresserei kommt er mindestens als Ermittler irgendwann doch ans Ziel. Er findet erst das „Mädchengrab“ mitten in der schottischen Wildnis und später den Täter.

Ian Rankin versteht sein Handwerk

Mittlerweile ermittelt John Rebus seit über 25 Jahren und hat dabei öffentlichkeitswirksam bislang 16 Fälle aufgeklärt. Insofern ist er regelmäßigen Krimilesern ein alter Bekannter. Bestimmte Macken des Edinburgher Ex-Polizisten sind also, sagen wir mal vorsichtig, dem Leser vertraut, genau wie das handelnde Personal. Dennoch versteht es Ian Rankin immer wieder spannende Geschichten zu erzählen. Auch „Mädchengrab“ ist ein sehr unterhaltsamer Kriminalroman. Rankin versteht sein Handwerk und hat es geschafft, trotz des Seriencharakters seiner Krimi-Reihe nicht in Routine zu erstarren. Dass er noch lange nicht schreibmüde ist, deutet er durch eine weitere Volte an. Er hat, möglicherweise von der Realität inspiriert, kurzerhand das Rentenalter bei der schottischen Polizei angehoben und seinen Ermittler natürlich ein Bewerbungsformular ausfüllen lassen. Gut möglich also, dass John Rebus wieder in den aktiven Dienst zurückkehrt – bis er wieder irgendwo aneckt.

 

Tatort:Schottland

John Rebus ist Stadtmensch, Edinburgh (unter dem Link einige eigene Eindrücke von mir zur Stadt) seine Heimat. Immer wenn er aufs Land muss, wird er besonders grantig. In „Mädchengrab“ muss er gleich mehrfach die schottische Verkehrsschlagader A9 befahren. Natürlich hat er keinen Blick für die raue Schönheit, die sich dem Autofahrer eröffnet, wenn er Perth passiert hat. Es geht in die Highlands, im Westen ragen die Grampian Mountains auf, im Osten die Cairngorm Mountains mit seinem riesigen Nationalpark. Es sind schroffe Bergflanken, sie sich über dem Autofahrer auftürmen, karg bewachsen mit runden, felsigen Gipfeln. Zwischen den Bergmassiven liegen jedoch enge Täler, in denen sich Flüsse schlängeln und Gehöfte ducken. So geht es mindestens bis Inverness, eine tatsächlich verwachsen bebaute Stadt, immer kurz vorm Verkehrsinfarkt. Vermutlich ist John Rebus, der meist nach Whiskey-Brennereien navigiert, nur deshalb nicht gut auf die A9 zu sprechen, weil ihm sein Schöpfer hinter Aviemore, dem schottischen Skiort, keinen Abstecher in sie Speyside gönnt. Dort hätte der Edinburgher nicht nur liebliche Täler und sanft geschwungene grüne Hügel, munter gluckernde Flüsschen und pittoreske Dörfer gefunden, sondern auch den Großteil der Brennereien, die das „Wasser des Lebens“ produzieren, das John Rebus in seinen Pub-Besuchen in Edinburgh neben dem einheimischen Ale so ausgiebig konsumiert.

Ian Rankin, Mädchengrab, Manhatten, 512 S., 19,99€

VÖ: 11. März 2013

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Ian Rankins Edinburgh für Krimifreunde – Drei Tipps

Wenn an ersten Herbsttagen der gemeine Mitteleuropäer bereits nach seiner Winterjacke kramt, trotzt der Schotte dem schneidenden, über die Nordsee heranjagenden Wind lächelnd im T-Shirt.  So war das zumindest bei meinem letzten Besuch in der Stadt im Norden der britischen Insel. Insgesamt bietet sich dem Besucher viel Leben auf den Straßen und eine interessante Mischung aus mittelalterlich anmutenden verwachsen aneinander drängenden Mauern, hochherschaftlichen viktorianischen Stadthäusern und den typischen kompakten Arbeitersiedlungen.

Edinburgh ist zugleich die Heimat des großartigen John Rebus. Das ist der Detektiv, den sich der Schotte Ian Rankin vor mittlerweile einem guten Viertel Jahrhundert erdacht hat. Da Rebus jetzt nach einer längeren Pause wieder auf Mörderjagd geht, will ich meine kurzen Eindrücke seines „Fanggrundes“ schildern. Hier also meine drei Edinburgh-Orte aus eigener Anschauung

Edinburgh Castle – Das Neuschwanstein des Nordens

Edinburgh vom Edinburgh Castle aus gesehen
Edinburgh vom Edinburgh Castle aus gesehen © Kanter

Vermutlich ist der Vergleich mit dem märchenhaft konstruierten, gertenschlanken Schloss Neuschwanstein gewagt, aber das gedrungene Edinburgh Castle thront mindestens genauso selbstbewusst über der Stadt wie Ludwigs Traumhaus. Vor allem aber ist es mindestens ebenso überlaufen und ähnlich abschreckend effektiv organisiert.

Ja, man kann das Schloss besichtigen: Das ist nicht ganz billig und ziemlich wuselig. Auch die für Touristen herangekarrten „Mel Gibson-William Wallace“-Schotten, die in historischen Kostümen kleine Szenen aufführen, sind eher anstrengend, aber dennoch lohnt sich der Besuch. Erstens ist das Schloss ein Nationalheiligtum und zweitens gibt es von abgelegenen Schießscharten aus einen großartigen Blick über die Dächer der Stadt – und so mitten im Trubel einen beinahe meditativen Augenblick

Tauchbad in die Vergangenheit: Die Old Town

Straße in der Old Town von Edinburgh © Jan Kanter
Straße in der Old Town von Edinburgh © Jan Kanter

Touristenfalle Teil2. Grassmarket und die angeschlossenen Gassen sind ist eine mittelalterlich anmutendes Viertel am Fuße des Schlossberges im älteren Teil der Stadt (Edinburgh hat eine Old Town und eine New Town, der Rest zählt offenbar nicht). Auch hier schieben  sich die Touristen entlang, aber sie drängen sich eben an einigen der ältesten Pubs der britischen Inseln vorbei. Und wer kann sich schon der besonderen Pub-Atmosphäre mit klebrigem Tresen, klingelnden Spielautomaten und dröhnendem Fernsport entziehen, wenn das Bier Pint-weise ausgeschenkt wird.

Mums – Ein perfektes Diner

Mums Diner in Edinburgh © Kanter
Mums Diner in Edinburgh © Kanter

Essen wie bei Muttern ist bei Deutschland der einfachste Slogan, der mich zu einem weiten Bogen um ein Restaurant treibt. Bei Mums in Edinburgh ist das ganz anders. Eingerichtet im schlichten Diner mit nur teils standfesten Stühlen und dem Retro-Design der späten fünfziger Jahre, serviert das Team hochwertige britische Hausmannskost, Burger mit Pommes, Sausages, Pie und andere eher schlichte Gerichte. Der besondere Spaß liegt in der Qualität der Zutaten und insbesondere der Leidenschaft, mit dem das eher studentisch-herumtreiberisch wirkende Personal die Gerichte an den Mann bzw. auf den Tisch bringt. Wer die Muße hat, kann sich ja die Anekdoten über die Hausbrauerei erzählen lassen.

 

Mehr Texte über Schottland gibt von mir gibt es auf der Schottlandseite des Reiseportals my-Entdecker.de



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