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Simon Kernicks Nachtkiller, furioser Thriller nach schwachem Start

Es gibt Bücher, da lohnt es sich dran zu bleiben. Der erste Eindruck ist schlicht verheerend, aber dann entwickelt sich doch noch etwas lohnenswertes, ein Thriller der Spaß macht.

So ist mir das mit „Nachtkiller“ von Simon Kernick ergangen. Das Buch startet mit einer Jane Kinnear, die zu einem vergleichsweise Fremden ins Haus geht: Nach dem dritten Date, so hat sie beschlossen, ist die Zeit reif für Sex. Dazu soll es nicht kommen. Erst erscheint die Ehefrau des Geliebten, von der Kinnear nichts wusste, und dann tauchen auch noch zwei Profikiller auf und töten das Ehepaar. Die verhinderte Geliebte kann entkommen, weil sie sich unterm Bett versteckt.

Schwacher Einstieg, furioses Finale

Der Einstieg in „Nachtkiller“ ist wirklich sehr banal, unglaubwürdig obendrein und eine Ansammlung von Klischees. Tatsächlich wird der Einstieg später noch gebraucht. Zunächst beginnt vor dem Hintergrund der alles überschattenden Angst vor dem Terror eine sehr komplexe Jagd nach dem Täter und potentiellen Attentäter, die England in Angst und Schrecken versetzen könnten.  Die jagende Meute wird von Ray Mason angeführt, einem abgebrühte Cop in Diensten einer Antiterroreinheit der Londoner Polizei. Es sei nicht mehr verraten, nur so viel: Um Mason herum stapeln sich die Leichen, ganz so als sei man krimitechnisch nicht im beschaulichen England sondern im Herzen der USA unterwegs.

Drei gute Gründe für Nachtkiller

Was ändert nun das anfänglich desaströse Bild. Erstens baut Simon Kernick eine raffinierte Kulisse auf, legt falsche Spuren, wirft dem Leser Informationsbrocken hin, die erst später Sinn zu machen beginnen. So webt er eine interessante Geschichte mit überraschenden Wendungen. Zweitens hat sich Kernick interessante Figuren ausgedacht, die für einen tempoorientierten Thriller überraschende Tiefe und spannende Biographien erzählen. Drittens schraubt Kernick das Tempo nach wenigen Seiten hoch und kann es zum veritablen Showdown hin, immer weiter steigern.

Simon Kernick liefert solides Krimihandwerk

Dass dabei sprachliche Finesse, gesamtgesellschaftliche Betrachtungen und psychologische Tiefe auf der Strecke bleiben? Geschenkt. „Nachtkiller ist  kein Kunst-, aber sehr solides Krimihandwerk, solches zudem das bestens unterhält.

Simon Kernick, Nachtkiller, Heyne, 463 S., 9,99€, VÖ: Mai 2017

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Philip Kerr und Scott Manson: Krimi und Liebeserklärung an den Fußball

Wenn man ganz strenge Maßstäbe anlegt, produziert Philip Kerr eigentlich ziemlich großen Quatsch. Zu seinem Werk gehören einige Science-Thriller um Yetis oder killende Hochhäuser, historische Stoffe um einen Berliner Cop, der wirklich allen Nazi-Größen vor und während des 2 Weltkrieges auf die Füße tritt – und Krimis um einen ermittelnden Fußballtrainer.

Ganz ehrlich? Ich mag nicht streng sein. Die Bücher von Philip Kerr sind immer wieder großartig, beste Unterhaltung für jede Lebenslage. Kerr schafft es, dass ich als Leser alle Zweifel wegen mangelnder Glaubwürdig sehr weit beiseiteschiebe und mich haltlos im Plot verliere. So ist das auch bei der Trilogie um den schottischen, schwarzen Fußballtrainer mit deutschen Wurzeln, der wider Willen zum Detektiv wird. Scott Manson heißt der Mann, hat eine bewegte und komplizierte Vergangenheit und – wie eigentlich alle Kerr-Kreaturen – einen Schlag bei den Frauen.

Scott Manson ermittelt am Spielfeldrand

Den Auftakt macht „Wintertransfer“, in dem Manson den Mord an seinem Chef Zarco, einem portugiesischen Startrainer aufklärt. Danach folgt „Die Hand Gottes“, in dem es um den Tod eines Mittelstürmers auf dem Platz mitten beim Auswärtsspiel in Griechenland geht. Der dritte, und bislang  letzte (?) Teil schickt den fußballernden Detektiv in die Karibik, wo er einen vermissten Spieler des glorreichen FC Barcelona wiederfinden und zurückbringen soll.

Philipp Kerr räubert sich durch den internationalen Fußball

Wie bei seiner Bernie Gunther-Serie hat Philip Kerr keinerlei Berührungsängste. Hemmungslos lässt er reale Figuren des internationalen Fußballs durch seine Krimis stolpern. Gelegentlich verfremdet  er bekannte Figuren, gibt ihnen Kunstnamen, was nicht heißt, dass man sie nicht dennoch mühelos identifizieren kann.

Scott Manson, natürlich ein sympathischer Ermittler

Ohne hier in die Details zu gehen: Kerr hat wieder Plots erdacht, die krimi-gerechte Spannung garantieren. Es gibt Irr- und Umwege bei den Ermittlungen und immer wieder ordentliche Überraschungen. Und natürlich hat er seinen Scott Manson wieder so gestaltet, dass es sehr leicht fällt, ihn trotz – oder gerade wegen – seiner diversen Schwächen zu mögen.

Wütende Abrechnung und Liebeserklärung an den Fußball

Die besondere Faszination für die Scott-Manson-Reihe speist sich aber aus der Tatsache, dass Kerr als unbedingter und wütender Fan geschrieben hat. Alle drei Krimis sind ehrliche Liebeserklärungen an einen sehr simplen und gerade deshalb faszinierenden Sport, bei dem 22 Männer einem Ball hinterherjagen. Gleichzeitig ist die Trilogie eine gnadenlose Abrechnung mit dem modernen Fußball. Kerr beschreibt einen Sport, der sich zu einer gewaltigen Unterhaltungsindustrie entwickelt hat, in dem Multimilliardäre das Spiel geschehen, Spieler zu unmündigen, twitternden Smartphone-Idioten, Trainer zu zynischen Menschenhändlern und Journalisten zu rückgratlosen Sidekicks auf einer gigantischen Show-Bühne mutieren.

Eine Krimi-Serie für Sportfans

Auch, wenn es vermutlich Heile-Welt-Verklärend ist, habe ich mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich beim Lesen zustimmend genickt habe, aber eben auch, weil auf jeder Seite zwischen aller Kritik die bedingungslose Liebe für den Sport durchschimmerte, eine Leidenschaft spürbar wurde, die jedes Leiden überstrahlt. Und wer Fußball mag, wer Sport liebt, der kennt das nur zu genau.

Philip Kerr, Wintertransfer, Tropen, 425 S., 9,95€, VÖ: 2015

Philip Kerr, Die Hand Gottes, Tropen, 397S., 14,95€, VÖ: 2015

Philip Kerr, Die Falsche Neun, Tropen, 367 S., 14,95€, VÖ: 2016

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Totenfang: Simon Beckett schickt David Hunter erneut in die Ödnis

David Hunter ist zurück. Sechs Jahre lang war der britische forensische Anthropologe untergetaucht, weil sich sein Schöpfer eine Denkpause genommen hat, wenn man mal von einer Kurzgeschichte absieht.

Die Kriminalromane um David Hunter waren ab 2006 so ziemlichste das Aufregendste, das in jenen Jahren zu lesen war. Immer wenn Beckett seinen Mediziner mit dem fatalen Hang in desaströse Dramen zu schliddern in die Ödnis der britischen Inseln schickte, konnte man sich darauf verlassen, für einige wenige Tage im Bann von Sumpfen, Grotten und sturmumtosten Klippen zu landen. Wenn Beckett sich anderer Themen annahm, war das als Lektüre gelegentlich allerdings außerordentlich schrecklich schlecht. (Bei einigen Stoffen hatte er offenbar geübt. Dass die vor der Hunter-Reihe geschaffenen und nachher in Deutschland veröffentlichen Romane Leser erreichen konnten, war vermutlich weniger publizistischen als ökonomischen Gründen geschuldet.)

In Totenfang verschlägt es David Hunter nach Essex

Jetzt also Totenfang, der fünfte Band der Reihe. Aufatmen gleich zu Beginn. Das Leben schickt Hunter, der seit seinem letzten Fall auf dem Abstellgleis für Mediziner mit detektivischen Ambitionen gelandet ist, wieder in einen abgelegenen Winkel der britischen Insel. Es geht in die englischen Backwaters an der Nordseeküste, ein Landstrich in Essex, der verarmt und vereinsamt ist und zu Teilen im Rhythmus der Gezeiten unter Wasser steht.

Ermittlungen im Überschwemmungsgebiet

Die örtlichen Behörden haben eine Wasserleiche entdeckt – und da die sich gerne in eher schlechter Form präsentieren, haben die Entscheider bei der Polizei beschlossen, Hunter als forensischen Anthropologen hinzuziehen, damit die Identifizierung rasch geschehen kann. Das soll allerdings gewaltig schief gehen. Hunter bleibt nach der Bergung des Toten auf dem Weg zur Leichenhalle mit seinem Wagen auf einem dem Tidenhub zum Opfer fallenden Damm stecken. Diese Panne löst eine Kette von Ereignissen aus, bei denen noch weitere Leichen an Land treiben, alte und neue Mordfälle geklärt werden und Hunter Ansätze eines Privatlebens entwickelt. Zum  furiosen Showdown fährt Beckett noch einen ordentlichen Sturm und ein Springflut auf.

Simon Beckett spielt meisterhaft mit der Ödnis der britischen Proviz

Totenfang ist der perfekte Roman für die dunkle Jahreszeit. Beckett versteht es, die ganze Ödnis des verlassenen Küstenstreifens und die Gewalt der See noch im Inneren des Landes fühlbar zu beschreiben, so dass man beim Lesen unweigerlich die Beine hochnimmt, um nicht am Ende noch nasse Füße zu bekommen. David Hunter schafft es jedenfalls kaum ein mal für ein paar Stunden trockene Kleidung am Leib zu behalten.

David Hunter hat ein Talent für die falschen Entscheidungen

Ansonsten mag man David Hunter auch deshalb gerne beim Ermitteln zuschauen, weil er mit stoischer Konsequenz die falschen Entscheidungen zu treffen scheint. Damit dürfte er vielen Lesern Nahe sein, auch, wenn der durchschnittliche Krimi-Leser natürlich nur äußerst selten in Mordermittlungen oder finstere Komplotte schildert. Hunter passiert das ständig

Schwächen? Hat der neue Beckett auch. Die Geschichte ist gut erdacht, der Brite müht sich um Komplexität und überraschende Wendungen. Der versierte Krimileser fühlt sich allerdings bisweilen, als würden ihm subtile Hinweise regelrecht um die Ohren gehauen. Man ahnt früh, in welche Richtung sich viele Handlungsstränge bewegen. Dennoch macht Totenfang wegen des des gelungenen Hauptdarstellers und der gekonnt inszenierten Kulisse Spaß.

Simon Beckett, Totenfang, Wunderlich, 560 S., 19,99€, VÖ: 14. Oktober 2016

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Merkwürdige Menschenbilder bei A.J. Cross und ihrem „Kalter Schlaf“

Menschen mit Charakterschwäche haben schütteres Haar, Schwulen kann man nicht wirklich trauen, Menschen mit Bauch taugen höchstens als komischer, geistig eher minderbemittelter Side-Kick. Andererseits  darf man (genauer gesagt in diesem Fall Frau) von Männern nur das Beste erwarten, wenn sie erstens volles Blondes Haar haben und zweitens durchtrainiert sind. Wenn diese kein harmloser kleiner Krimiblog wäre, könnte einen ob solch eines darwinistisch, blond-blauäugigen Menschenbildes die pure Abscheu packen. Das der krimi-radar aber ein harmloser kleiner Krimiblog ist, sei an dieser Stelle nur auf die bis zur Schmerzgrenze grobschlächtige Figurenzeichnung hingewiesen, die die britische Autorin A.J. Cross bei ihrem Debüt „Kalter Schlaf“ verwendet.

Die Rückkehr der ermittelnden Super-Frau

Das Drama beginnt schon bei der Protagonistin, der Psychologin Kate Hansen. Die ist erstens Akademikerin, unterrichtet zweitens an der Uni von Birmingham, unterstützt viertens als Beraterin die örtliche Polizei bei besonders vertrackten Fällen, ist sechstens Mutter, siebtens das selbstverständlich alleinerziehen, um dann neuntens natürlich vor ihren Studenten perfekt gestylt mit lang wallender Mähne und Chanel-Kostüm aufzutreten, sich aber dann zehntens als Gegenprogramm abends zur Entspannung die Zehennägel zu lackieren.  Wer das für glaubwürdig hält, ist bei A.J. Cross und ihrem „Kalter Schlaf“ genau richtig. Ja, das ist zunächst einmal einfach nur platt, wenn der krimi-radar nicht nur ein harmloser kleiner Krimiblog wäre, würde er die Frage stellen, ob sich noch jemand wundert, dass angesichts solcher tonnenschwer drückenden Role-Models junge Frauen heute gelegentlich ein Problem mit der Selbstfindung haben. Aber glücklicherweise ist krimi-radar ja nur ein Krimiblog.

Keine gute Idee: A.J. Cross hat das eigene Leben als Vorbild genommen

Vielleicht führt A.J. Cross, die als forensische Psychologin in Birmingham lebt und mit Sexualstraftätern arbeitet, nicht ihre eigene Geschichte aufschreiben sollen. Mit allen Facetten trägt „kalter Schlaf“ so deutlich autobiografische Züge, und die Autorin ist vermutlich der allzu lockenden Versuchung erlegen, sich selber und ihr eigenes Leben bei leichten Verfremdungen zu idealisieren. Das ist bislang noch bei keinem Krimi-Autor wirklich gut ausgegangen.

Suche nach einem Mutti-Hasser und Mörder

Ein Krimi ist „Kalter Schlaf natürlich auch. Die Psychologin wird hinzugerufen, als eine verweste Frauenleiche gefunden wird. Die Identität der jungen Frau wird schnell geklärt, die Tätersuche gestaltet sich kompliziert. Es stellt sich jedoch heraus, dass mit der Leiche die Taten eines Serienvergewaltigers ans Tageslicht kommen. Das Motiv passt vom Niveau her zur Figurenzeichnung, und kann ohne zu viel preiszugeben, verraten werden: Der Täter wurde, wirklich originell ist das nicht, aus Hass auf seine Mutter zum Mörder und Vergewaltiger.

Kalter Schlaf ist auch sprachlich eine zähe Angelegenheit

Wer nach den bisherigen Bemerkungen noch eine Lese-Empfehlung braucht: Weglassen. Das ganze ist noch nicht einmal besonders gut aufgeschrieben. Ganz ohne literaturtheoretische Analyse bleibt auch sprachlich der Eindruck einer außerordentlich zähen Angelegentheit.

A.J. Cross, Kalter Schlaf, Blanvalet, 572S., 9,99€,VÖ: Juni 2013

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Mark Peterson zeichnet in Flesh&Blood ein gelungen düsteres Bild von Brighton

Brighton ist Mitbürgern, die ein gewisses Alter erreicht haben, noch vage als englischer Urlaubsort bekannt. Das stammt aus einer Zeit, als das europäische Ausland noch als exotisch und voller Geheimnisse galt, Europa ein Kontinent voller faszinierender Unterschiede und Kulturen schien.  Die englische Südküste blieb, eine See(!) Reise auf den Kontinent war aufwändig und teuer, weit ins 20. Jahrhundert hinein das wichtigste Badeparadies für klimatisch nicht eben verwöhnte Briten. Brighton und die anderen Seebäder standen für verschlafene Provinz, mondäne, leicht verstaubte Hotels und weit in den Ärmelkanal hineinreichende Seebrücken mit allerlei Belustigungen.

Das Verbrechen dominiert den Mark Petersons Brighton

Brighton, ein feenhafter, leicht versponnener friedlicher Ort? Keineswegs, wenn man Mark Peterson glauben darf: Der Brite zeichnet in „Flesh&Blood“ ein düsteres Bild. Sein Brighton wird von Drogendealern, kriminellen Banden, Schlägern, Zuhältern und ihren Strichjungen, der Mafia und einigen gewohnheitsmäßigen Mördern bevölkert. Und das ist nur die Verbrecherseite. Bei der Polizei regieren Karrieristen, Despoten und Verräter.

Auch die „Guten“ haben bei Mark Peterson so ihre Schwächen

„Flesh&Blood“ beginnt furios. Eine Undercover-Aktion der Polizei, bei der ein Drogendealer hochgenommen werden soll, geht gewaltig schief. Auf einen Parkplatz erschießt der Dealer einen der Polizisten und flieht. Das ist nur der Auftakt einer ganzen Reihe überaus brutaler (und drastisch geschilderter) Morde. Es herrscht Krieg. Auf den Piers, in den Hinterhöfen, aber auch auf den Gängen des Polizeigebäudes. Tom Beckett, leitender Detektiv bei der Polizei muss feststellen, dass er nur einem Mann trauen kann, dem jungen Sergeant Detective Minter. Dabei kann Beckett Minter überhaupt nicht leiden, wurde er ihm doch vom gemeinsamen Chef aufs Auge gedrückt, um ihn auszuspionieren, wie die gesamte Einheit glaubt. Der alte Wolf und der Jüngling raufen sich zusammen und nehmen die Spur auf. Obwohl sich beide nie viele Illusionen gemacht hatten, müssen sie feststellen, dass der Sumpf auf dem Brighton schwimmt, viel tiefer reicht, als sie sich das vorstellen konnten.

Mark Peterson weckt Leselust auf mehr

„Flesh&Blood“ ist das Krimi-Debüt von Mark Peterson – und ein sehr gelungenes. Das liegt zum einen daran, dass Peterson eine düstere, beinahe hoffnungslose Atmosphäre schafft und bis zum Ende durchhält, die  seinen Krimi angenehm von den zahllosen Gute-Laune-Krimis, die den Markt überschwemmen, abhebt. Die Atmosphäre hat aber auch viel mit den Figuren zu tun, die der Brite sich erdacht hat. Das Personal, von den „Hauptdarstellen“ und ihren Gegenspielern bis hin zu den Statisten ist gut konstruiert und glaubwürdig beschrieben. Allein die Figuren halten einen bei der Stange, sorgen für viel Krimilesevergnügen. Dennoch ist „Flesh&Blood“ noch kein ganz großer Roman: Es mag sein, dass beim Lesen kleinere stilistische Schwächen ins Bewusstsein drängen, es kann auch sein, dass das „Storytelling“ des Erstlings noch nicht ganz ausgereift ist. In jedem Fall aber machen Mark Peterson und sein „Flesh&Blood“ Lust auf eine Fortsetzung. Genug Potential haben beide gezeigt.

Tatort:Brighton

Bekannt sind die Seebrücken, seit dem 19. Jahrhundert ragen sie in den Kanal, stehen für eine ganz eigentümliche Form der Ferienunterhaltung. Man kennt sie eigentlich immer nur als Zeichen des Verfalls, wenn sie in Filmen außerhalb der Saison menschenleer und heruntergekommen, quasi ohne Make-up gezeigt werden. Brighton, eine Stadt mit Wurzeln im Mittelalter und seit einigen Jahren mit Hove zu einer Millenium-Stadt fusioniert, verfügt aber offenbar über Arbeiterviertel, wie sie Ken Loach nicht besser inszenieren könnte und zugleich über eine große Toleranz. Das Stadtviertel Kemptown jedenfalls ist eins der größten Homosexuellen-Viertel in Großbritannien. Mark Peterson schafft es, all diese schrillen und alle düsteren Seiten Brightons glaubhaft zum Leben zu erwecken. Nur vom heiteren, entspannten Seebad ist in „Flesh&Blood“ nichts zu spüren. So gehört sich das für einen ordentlichen Krimi.

Mark Peterson, Flesh&Blood, Rowohlt, 375S., 9,99

VÖ: April 2013





Thalia.de

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Klassiker

Dorothy Sayers vereint überaus amüsant interessante Gegensätze

Dorothy Sayers ist ein Kind des 19. Jahrhunderts.  Die Schriftsteller wurde 1893 in Oxford geboren und hat damit ein Leben jener Aufbruchjahre des 19. Jahrhunderts geführt, als sich Biographen beinahe von selber wie spannende Abenteuergeschichten lesen.

Aufbruch in neue Welten

Sayers wurde 1893 in Oxford geboren und eroberte auch ohne große Reisen für Frauen bis dahin beinahe völlig unbekannte Welten. In der Blütezeit des viktorianischen Zeitalters, als Frauen in der Gesellschaft gerne als komplett hilf- und hirnlose Wesen betrachtet wurden, gehörte Sayers zu den ersten Frauen, die es schafften, die Männerbastion Oxford zu erstürmen. Nach dem Studium arbeitete sie als Lehrerein und in einer Werbeagentur  und setzte ein uneheliches Kind in die Welt, Obendrein machte sie sich als Schriftstellerin einen Namen.

Eine Leiche im Meer

Die Romane um Lord Peter Wimsey gehören  zu den Klassikern der Kriminalliteratur. So auch „Mein Hobby: Mord“, in dem an der Seite von Lord Peter auch die Kriminalschriftstellerin Harriet Vane ermittelt. Letztere findet auf einer Wanderung in einem fiktiven Ort der Südwestküste Englands eine Leiche. Sie zaudert nicht lange und untersucht die Leiche, auch weil sie erkennt, dass die hereinströmende Flut alle Beweise vernichten wird. Die Ermittlungen bringen Wimsey und Vane in ein britisches Seebad, das von Eintänzern, russischen Emigranten und alternden Damen mit einsamen Herzen bevölkert wird. Natürlich finden die beiden Hobbydetektive mit ausdauernden Detailarbeit und scharfsinnigen Schlussfolgerungen gegen alle Zweifel der Polizeibehörden die Täter.

Unterhaltsame Gegensätze

Der besonderen Reiz  von „Mein Hobby: Mord liegt in den Gegensätzen, die Dorothhy Sayers in dem Buch aufeinanderprallen lässt: Die Britin zeichnet ein ländliches England mit Landadligen, Bauern, Dorfpolizisten und verstaubten Jungfern, das vollständig dem Klischee des liebenswert-verschrobenen Inselvolkes in Zeiten des britischen Empires entspricht. Gleichzeitig jagt Harriet Vane durch die Seiten, eine junge emanzipierte Frau, die sich von der Männerwelt nicht die Butter vom Brot nehmen lässt und um keinen Preis als dumm oder schwächlich wirken will. Auch deshalb widersteht sie hartnäckig dem Werben von Lord Peter. Auch dieser permanente Balztanz zwischen den Hauptdarstellern erhöht den Reiz der Serie. (Natürlich kriegen sie sich am Ende doch – aber noch nicht in „Mein Hobby: Mord“.)

Ein Tor zu einer anderen Zeit

Die Krimis von Dorothy Sayers sind dabei doppelt interessant: Es sind zunächst einmal gut konstruierte, spannende Kriminalromane mit Überraschungsmomenten, die das Genre verlangt. Gleichzeitig öffnen sie aber das Tor zu einer anderen Zeit. Auf den Seiten des Romans erwacht eine Gesellschaft zum Leben, die nicht als „gute alte“ aber als höchst faszinierend zu bezeichnend ist. Es ist eine Ära als die Männer noch Sportanzüge, aber spätestens zum Abendessen Smoking trugen und ein Hut zur Garderobe gehörte. Eine rebellische Attitüde wurde seinerzeit allerhöchstens in einer gewagten Krempe zur Schau gestellt.

Präzise Sätze und geistreiche Einfälle

Das ungewöhnliche Lesevergnügen der Sayers-Reihe erwächst schließlich noch durch die besondere Sprache, die Romane entstanden in der von einer Dekonstruktion des geschriebenen Worts noch keine Rede war und vollständige Sätze selbstverständlich schienen. Dennoch schrieb Sayers bei aller vornehmen Zurückhaltung enorm präzise Texte voller geistreicher Einfälle. Dorothy Sayers reiht sich damit ein eine Krimi-Ahnengalerie, in der Größen wie Agatha Christie und Georges Simenon stehen.

Anhängern der Kriminalliteratur, die gelegentlich auch Lust auf eine kleine Zeitreise verspüren, sei „Mein Hobby: Mord“ wärmstens empfohlen.

 

Tatort: England

Es ist nicht leicht, auf den Spuren von Lord Peter Wimsey und Harriet Vane zu wandeln. Dorothy Sayers hat sich beinahe sämtliche Orte selbst erdacht. Dennoch sind die Schauplätze nicht nur fiktiv. Wer sich genau durch die Seiten liest und mit offenen Augen durch den Süden Englands läuft, wird immer wieder Schilderungen aus dem Buch wiederfinden. So entsteht in „Mein Hobby: Mord“ eine Küstenlandschaft, die gleichermaßen rau wie lieblich ist. Zur Kunst von Dorothy Sayers gehört dabei, dass sie eine idyllische Natur schafft, die vom Schaf bis zum Dorfpolizisten mit pittoresken Einwohnern bevölkert wird, die aber auf eine weitaus düstere Wirklichkeit der englischen Gesellschaft trifft. Betulichkeit trifft Leidenschaft. Eine überaus reizvolle Kombination.

Dorothy Sayers: Mein Hobby: Mord

VÖ: 1932

Ein Text von mir zum Buch gibt es auch auf dem WLG