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Tom Rob Smith verlässt mit „Ohne jeden Zweifel“ vertraute Pfade

Daniel ist Gärtner in London und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben.  Zwar hat er einen grünen Daumen, aber kein Talent fürs Geschäft. Auch insofern ist sein Leben eine große Lüge, genau wie seine private Beziehung zu Marc, die er seinen Eltern vorenthalten hat. Insofern macht er sich – als seine Mutter, die mittlerweile in Schweden lebt, ankündigt, ihn besuchen zu wollen, zunächst einmal Sorgen um das fragile Konstrukt seines Lebens.

Eine gigantische Verschwörung in Ohne jeden Zweifel“?

Seine Mutter Tilde jedoch hat ganz andere Sorgen. Sie werde von ihrem Mann und anderen finsteren Gestalten verfolgt, sei zu Unrecht in die Psychiatrie eingewiesen worden und wisse um eine Verschwörung von gigantischem Ausmaß, erzählt sie am Telefon. Sie überzeugt ihren Sohn, sich die Geschichte anzuhören, reist nach London und legt ihre Beweiskette in einer ausführlichen Erzählung dar. Daniel hört zu – und fragt sich, ob er seiner Mutter glauben soll.

Tom Rob Smith verlässt das Genre des historisch-politischen Thrillers

Tom Rob Smith hat sich die Geschichte ausgedacht und mit „Ohne jeden Zweifel“ zunächst einen radikalen Wechsel vollzogen. Smith hatte den russischen Agenten Leo Demidow erfunden und mit „Agent 6“ und „Kind 44“ sensationell gute (und sensationell erfolgreiche) Bücher geschrieben.  Jetzt hat er das Genre gewechselt und hat es natürlich schwer, weil er immer an seinen ungemein komplexen, raffiniert erdachten und spannend aufgeschriebenen Thrillern im politisch-historischen Bereich gemessen wird.

Ein sehr privates Buch

„Ohne jeden Zweifel“ ist ein sehr privates Buch, in der das Halbschwede Smith ein wenig auch seine eigene Herkunft einfließen lässt. Sein neuester Thriller basiert ist mehr Familiendrama als Weltverschwörungsroman; statt Kreml  und Kabul sind die Handlungsorte eine kleine Wohnung im Herzen von London und ein abgelegenes Dorf in Südschweden.

Raffiniertes Spiel um Wahn und Wirklichkeit

Auch wenn Demidow-Fans beim neuen Smith sehr enttäuscht sind, kann man Smith seine Klasse nicht aberkennen. Auch „Ohne jeden Zweifel“ ist fesselnd aufgeschrieben, weniger komplex vielleicht, mit klarer konturiertem Rahmen, aber nichtsdestotrotz raffiniert. Das Spiel um Wahn und Wirklichkeit hat jenseits üblicher Krimilektüre jedenfalls seine ganz eigene Qualität und ebenfalls hohen Unterhaltungswert.

 

Tatort:Südschweden

Den Augen vieler Deutscher ist Schweden der perfekte Urlaubsort, eine heile Welt mit viel schöner Natur, freundlichen Menschen und entspannter Lebenswirklichkeit. Viele schwedische Krimi-Autoren setzen alles daran, dieses Bild ländlich heiler, von modernen Problemen unberührter Welt durch düstere Großstadtbeschreibungen zu zerstören. Tom Rob Smith, der eine schwedische Mutter hat, geht da raffinierter vor. Er beschreibt das ländliche Schweden mit kleinen Landwirtschaften, idyllischen Seen und verschlafenen Dörfern genau so, um dann nur umso präziser den ganzen Schrecken auszumalen, der in dieser abgelegenen Provinz, die längst nicht so heile ist, wie der Schein  es suggeriert, das Leben zur Hölle werden lässt. Insofern ist „Ohne jeden Zweifel“ auch ein interessantes Länderportrait.

Tom Rob Smith, Ohne jeden Zweifel, Manhattan, 383S.,19,99€, VÖ:: 14. Oktober 2013

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Herrlich durchgeknallt: Christopher Brookmyres „die hohe Kunst des Bankraubs“

Angelique de Xavia lebt in einer völlig falschen Welt, so scheint es. Sie hat die falsche Hautfarbe, mag den falschen Fußballverein, hat möglicherweise den falschen Beruf, und sie mag definitiv die falschen Männer. De Xavia wurde zusammen mit ihren Eltern vom Schlächter und Diktator Idi Amin aus Uganda vertrieben, landete als Schwarze in Glasgow, feuert in einem Akt von postjugendlicher Rebellion die Rangers an, ist Polizistin und verguckt sich in einen Bankräuber, aber davon später mehr.

Das Robin-Hood-Thema fürs 21. Jahrhundert neu erzählt

Der Brite Christopher Brookmyre hat sich für seinen Roman „Die hohe Kunst des Bankraubes“ einen komplett versponnenen Plot ausgedacht, der beinahe märchenhafte Züge trägt, mindestens aber ein gutes Stück des immer wieder mitreißenden Robin-Hood-Themas, eingepackt allerdings in eine deutlich weniger selbstlose moderne Räuberpistole – und aufgeschrieben mit den direkten, gelegentlich harten Worten des 21. Jahrhunderts.

Vor allem mit dem ersten Drittel seines Kriminalromans hat mich Brookmyre begeistert. Mit viel Liebe fürs Detail beschreibt er einen wahrhaft durchgeknallten Bankraub, in dem fünf Männer als Clowns verkleidet eine Bank stürmen, bewusst eine Geiselsituation in Kauf nehmen und bei ihrem Beutezug alle, insbesondere die Polizei an der Nase herumführen. Zwischendurch unterhalten die Bankräuber ihre Geiseln noch mit Bilderrätseln und einer Theaterinszenierung.

Christoher Brookmyre zeigt viel Liebe auch für Randaspekte

Das gesamte Szenario beschreibt Christopher Brookmyre überaus unterhaltsam, mit vielen Seitenhieben auf Ermittler und Behörden. Der Brite nimmt sich dabei viel Zeit für das Detail, füllt auch Nebenfigur mit viel Leben.

Von der Groteske zur Romanze und zurück

Nach einem furiosen Auftakt wird „Die hohe Kunst des Bankraubes“ im weiteren Verlauf aber „normaler“, Brookmyre löst sich aus der ironisch-satirischen Distanz und kommt seinen Figuren näher, insbesondere Angelique de Xavia und ihren Gegenspieler, dem Anführer der Bankräuber. Der legt sie nämlich aufs Kreuz, als die Sonderermittlerin die belagerte Bank für die Polizei ausspähen soll. Brookmyre widmet ausführlich der zarten Romanze, die im Eiltempo – wie sagt man so schön – zur leidenschaftlichen Affäre auswächst. Dabei erzählt er breit die Biographien seiner Protagonisten, gibt die Distanz zu seinen Figuren auf.. Das erhöht die emotionale Nähe, schlägt aber aufs Tempo und nimmt den Zauber des Durchgeknallten. Insgesamt bleibt die Glasgower Räubergeschichte trotz dieses „strukturellen Wandels“ durchgehend auf hohem Niveau unterhaltsam: Das liegt auch an dem knapp abgehandelten, aber nichtsdestotrotz furiosem Finale.

Tatort:Glasgow

Über weite Strecken ist „die hohe Kunst des Bankraubes“ ein Kammerspiel, angesiedelt in einem Bankgebäude. Christopher Brookmyre schafft es aber, seinem Leser mit dem ihm eigenen Blick aufs Detail die ganze Geschichte einer einstmals prächtigen, sich nur langsam vom jahrzehntelangen Niedergang erholenden und bis heute zerrissenen Stadt Nahe zu bringen. Allein der für Außenstehende schwer nachvollziehbare (und vergnüglich aufgeschriebene) Konflikt zischen den Fußballfans von Celtic und den Rangers, an denen die unsichtbaren, aber schier unüberwindlichen Grenzen innerhalb der Stadt nachziehen lassen, sagt beinahe alles über die schottische Industriestadt. Brookmyre erwartet hier allerdings einiges kulturelles Vorwissen, beschreibt die Stadt dafür ohne große Absicht besser als mancher Reiseführer.

Christopher Brookmyre, die hohe Kunst des Bankraubes, Galiani, 381 S. 14,99€, VÖ: August 2013
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Klassiker

„Hier spricht Edgar Wallace“: Die Krimi-Vorlage des Fernsehklassikers

Mehrere Generationen jugendlicher deutscher Fernsehzuschauer sind mit dem knappen und doch ins Mark dringenden Satz „Hier spricht Edgar Wallace“ zum Fernsehabend begrüßt und mit einem wohligen Gruseln ins Bett entlassen worden.  Die Filme mit Heinz Drache, Joachim Fuchsberger, Eddie Arend und natürlich Klaus Kinski waren in den sechziger und siebziger Jahren Kult.

Das bewegte Leben von Edgar Wallace

Die Verfilmungen basieren auf dem Werk von Edgar Wallace und das ist noch einmal ein paar Jahre älter. Wallace führte ein bewegtes Leben, kam 1875 als uneheliches und verstoßenes Kind von ganz unten, eignete sich ohne große Schulbildung wissen an und berichtete sogar als Kriegsberichterstatter vom Burenkrieg in Südafrika. 1905 schrieb er seinen ersten Roman, „Die vier Gerechten“, was ihn beinahe ruinierte, weil er offenbar Lesern, die die Lösung fanden, 500 Pfund Preisgeld versprach. Vermutlich war sein Rätsel einfach nicht komplex genug…

Edgar Wallace, ein fleißiger Krimi-Autor

Insgesamt schrieb Edgar Wallace bis zu seinem frühen Tod 1932 um die einhundert Kriminalromane und Krimi-Erzählungen, sowie zahlreiche Afrika-Romane, einige Sachbücher und andere Stoffe.  Zu den berühmtesten (wegen der Verfilmungen) gehören wohl „der Hexer“, „Die toten Augen von London“ oder „Der Frosch mit der Maske“. Auch wenn man ihn in Deutschland wegen der deutschen Verfilmungen kennt. Er gehört zu den erfolgreichsten und bekanntesten Krimi-Autoren Großbritanniens.

Ein Krimi-Klassiker: „Das Gesetz der vier“

Ich habe mir mal „Das Gesetz der Vier“ noch einmal vorgenommen, eine Fortsetzung von „Die vier Gerechten“. Darin sind im Prinzip eine Sammlung von kürzeren, lose verbundenen Kriminalgeschichten enthalten. Die „Vier“ sind hier auf Zwei geschrumpft, weil einer der „Vier“ – eine Vereinigung von Rächern, die für Gerechtigkeit kämpfen, wo Polizei und Behörden versagt haben – gestorben ist und ein weiterer im Ruhestand auf seinem Landgut in Spanien lebt. Die verbleibenden Zwei klären jedoch jede Menge perfide Morde und andere Verbrechen auf.

Ermittler, die die moderne Wissenschaft in ihren Dienst nehmen

Die Edgar-Wallace-Romane sind deshalb so interessant, weil sie in eine völlig andere Zeit führen, sie spielen unbestimmt in einer Ära, in der Kutschen und Automobile einigermaßen gleichberechtigt das Straßenbild beherrschten. Es war eine Zeit, in der die Wissenschaft sich auch in der Kriminalistik durchzusetzen begann. Wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes benutzen die fortschrittlichen Rächer – anders als die Behörden – die Wissenschaft zur Aufklärung ihrer Fälle, sie diskutieren die Möglichkeit, Fingerabdrücke zu nehmen, analysieren chemische Substanzen.

Anwandlungen von Sozialdarwinismus bei Edgar Wallace

Bedenklich scheint aus heutiger Sicht die Idee, die Verbrecher anhand ihrer Physiognomie ausmachen zu können. Aus der Form des Schädels, der Größe der Ohren, der Form des Unterkiefers vermeinten Wallaces Detektive Verbrecher messen und erkennen zu können. Das war Sozialdarwinismus in reinster Form – damals leider weit verbreitet, auf die politische Gesinnung Wallace schließen zu wollen, ginge wohl zu weit.

Spannend, kurzweilig, vorbildlich präzise

Abgesehen von diesen irritierenden Ausflügen jener Zeit hat Wallace unterhaltsame, recht spannende Geschichten geschrieben, die zwar aus der historischen Distanz gelegentlich etwas drollig wirken, aber als Kriminalgeschichten bis heute funktionieren. Insofern könnte es ich lohnen, mal einen Edgar-Wallace-Krimi in die Hand zu nehmen. Das dauert auch nicht lang. Wallace hat kurz geschrieben, einfach verständlich, aber eben auch mitreißend – und das hat angesichts einiger langatmiger, um nicht zu sagen geschwätziger Neuerscheinungen beinahe Vorbildcharakter.

Edgar Wallace, Das Gesetz der Vier, VÖ: 1929
Autor:

Das Gesetz der Vier: Ein Edgar-Wallace-Krimi gibt es gratis als Kindle-Edition

Edgar Wallace gibt es natürlich gedruckt:

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Merkwürdige Menschenbilder bei A.J. Cross und ihrem „Kalter Schlaf“

Menschen mit Charakterschwäche haben schütteres Haar, Schwulen kann man nicht wirklich trauen, Menschen mit Bauch taugen höchstens als komischer, geistig eher minderbemittelter Side-Kick. Andererseits  darf man (genauer gesagt in diesem Fall Frau) von Männern nur das Beste erwarten, wenn sie erstens volles Blondes Haar haben und zweitens durchtrainiert sind. Wenn diese kein harmloser kleiner Krimiblog wäre, könnte einen ob solch eines darwinistisch, blond-blauäugigen Menschenbildes die pure Abscheu packen. Das der krimi-radar aber ein harmloser kleiner Krimiblog ist, sei an dieser Stelle nur auf die bis zur Schmerzgrenze grobschlächtige Figurenzeichnung hingewiesen, die die britische Autorin A.J. Cross bei ihrem Debüt „Kalter Schlaf“ verwendet.

Die Rückkehr der ermittelnden Super-Frau

Das Drama beginnt schon bei der Protagonistin, der Psychologin Kate Hansen. Die ist erstens Akademikerin, unterrichtet zweitens an der Uni von Birmingham, unterstützt viertens als Beraterin die örtliche Polizei bei besonders vertrackten Fällen, ist sechstens Mutter, siebtens das selbstverständlich alleinerziehen, um dann neuntens natürlich vor ihren Studenten perfekt gestylt mit lang wallender Mähne und Chanel-Kostüm aufzutreten, sich aber dann zehntens als Gegenprogramm abends zur Entspannung die Zehennägel zu lackieren.  Wer das für glaubwürdig hält, ist bei A.J. Cross und ihrem „Kalter Schlaf“ genau richtig. Ja, das ist zunächst einmal einfach nur platt, wenn der krimi-radar nicht nur ein harmloser kleiner Krimiblog wäre, würde er die Frage stellen, ob sich noch jemand wundert, dass angesichts solcher tonnenschwer drückenden Role-Models junge Frauen heute gelegentlich ein Problem mit der Selbstfindung haben. Aber glücklicherweise ist krimi-radar ja nur ein Krimiblog.

Keine gute Idee: A.J. Cross hat das eigene Leben als Vorbild genommen

Vielleicht führt A.J. Cross, die als forensische Psychologin in Birmingham lebt und mit Sexualstraftätern arbeitet, nicht ihre eigene Geschichte aufschreiben sollen. Mit allen Facetten trägt „kalter Schlaf“ so deutlich autobiografische Züge, und die Autorin ist vermutlich der allzu lockenden Versuchung erlegen, sich selber und ihr eigenes Leben bei leichten Verfremdungen zu idealisieren. Das ist bislang noch bei keinem Krimi-Autor wirklich gut ausgegangen.

Suche nach einem Mutti-Hasser und Mörder

Ein Krimi ist „Kalter Schlaf natürlich auch. Die Psychologin wird hinzugerufen, als eine verweste Frauenleiche gefunden wird. Die Identität der jungen Frau wird schnell geklärt, die Tätersuche gestaltet sich kompliziert. Es stellt sich jedoch heraus, dass mit der Leiche die Taten eines Serienvergewaltigers ans Tageslicht kommen. Das Motiv passt vom Niveau her zur Figurenzeichnung, und kann ohne zu viel preiszugeben, verraten werden: Der Täter wurde, wirklich originell ist das nicht, aus Hass auf seine Mutter zum Mörder und Vergewaltiger.

Kalter Schlaf ist auch sprachlich eine zähe Angelegenheit

Wer nach den bisherigen Bemerkungen noch eine Lese-Empfehlung braucht: Weglassen. Das ganze ist noch nicht einmal besonders gut aufgeschrieben. Ganz ohne literaturtheoretische Analyse bleibt auch sprachlich der Eindruck einer außerordentlich zähen Angelegentheit.

A.J. Cross, Kalter Schlaf, Blanvalet, 572S., 9,99€,VÖ: Juni 2013

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Mark Peterson zeichnet in Flesh&Blood ein gelungen düsteres Bild von Brighton

Brighton ist Mitbürgern, die ein gewisses Alter erreicht haben, noch vage als englischer Urlaubsort bekannt. Das stammt aus einer Zeit, als das europäische Ausland noch als exotisch und voller Geheimnisse galt, Europa ein Kontinent voller faszinierender Unterschiede und Kulturen schien.  Die englische Südküste blieb, eine See(!) Reise auf den Kontinent war aufwändig und teuer, weit ins 20. Jahrhundert hinein das wichtigste Badeparadies für klimatisch nicht eben verwöhnte Briten. Brighton und die anderen Seebäder standen für verschlafene Provinz, mondäne, leicht verstaubte Hotels und weit in den Ärmelkanal hineinreichende Seebrücken mit allerlei Belustigungen.

Das Verbrechen dominiert den Mark Petersons Brighton

Brighton, ein feenhafter, leicht versponnener friedlicher Ort? Keineswegs, wenn man Mark Peterson glauben darf: Der Brite zeichnet in „Flesh&Blood“ ein düsteres Bild. Sein Brighton wird von Drogendealern, kriminellen Banden, Schlägern, Zuhältern und ihren Strichjungen, der Mafia und einigen gewohnheitsmäßigen Mördern bevölkert. Und das ist nur die Verbrecherseite. Bei der Polizei regieren Karrieristen, Despoten und Verräter.

Auch die „Guten“ haben bei Mark Peterson so ihre Schwächen

„Flesh&Blood“ beginnt furios. Eine Undercover-Aktion der Polizei, bei der ein Drogendealer hochgenommen werden soll, geht gewaltig schief. Auf einen Parkplatz erschießt der Dealer einen der Polizisten und flieht. Das ist nur der Auftakt einer ganzen Reihe überaus brutaler (und drastisch geschilderter) Morde. Es herrscht Krieg. Auf den Piers, in den Hinterhöfen, aber auch auf den Gängen des Polizeigebäudes. Tom Beckett, leitender Detektiv bei der Polizei muss feststellen, dass er nur einem Mann trauen kann, dem jungen Sergeant Detective Minter. Dabei kann Beckett Minter überhaupt nicht leiden, wurde er ihm doch vom gemeinsamen Chef aufs Auge gedrückt, um ihn auszuspionieren, wie die gesamte Einheit glaubt. Der alte Wolf und der Jüngling raufen sich zusammen und nehmen die Spur auf. Obwohl sich beide nie viele Illusionen gemacht hatten, müssen sie feststellen, dass der Sumpf auf dem Brighton schwimmt, viel tiefer reicht, als sie sich das vorstellen konnten.

Mark Peterson weckt Leselust auf mehr

„Flesh&Blood“ ist das Krimi-Debüt von Mark Peterson – und ein sehr gelungenes. Das liegt zum einen daran, dass Peterson eine düstere, beinahe hoffnungslose Atmosphäre schafft und bis zum Ende durchhält, die  seinen Krimi angenehm von den zahllosen Gute-Laune-Krimis, die den Markt überschwemmen, abhebt. Die Atmosphäre hat aber auch viel mit den Figuren zu tun, die der Brite sich erdacht hat. Das Personal, von den „Hauptdarstellen“ und ihren Gegenspielern bis hin zu den Statisten ist gut konstruiert und glaubwürdig beschrieben. Allein die Figuren halten einen bei der Stange, sorgen für viel Krimilesevergnügen. Dennoch ist „Flesh&Blood“ noch kein ganz großer Roman: Es mag sein, dass beim Lesen kleinere stilistische Schwächen ins Bewusstsein drängen, es kann auch sein, dass das „Storytelling“ des Erstlings noch nicht ganz ausgereift ist. In jedem Fall aber machen Mark Peterson und sein „Flesh&Blood“ Lust auf eine Fortsetzung. Genug Potential haben beide gezeigt.

Tatort:Brighton

Bekannt sind die Seebrücken, seit dem 19. Jahrhundert ragen sie in den Kanal, stehen für eine ganz eigentümliche Form der Ferienunterhaltung. Man kennt sie eigentlich immer nur als Zeichen des Verfalls, wenn sie in Filmen außerhalb der Saison menschenleer und heruntergekommen, quasi ohne Make-up gezeigt werden. Brighton, eine Stadt mit Wurzeln im Mittelalter und seit einigen Jahren mit Hove zu einer Millenium-Stadt fusioniert, verfügt aber offenbar über Arbeiterviertel, wie sie Ken Loach nicht besser inszenieren könnte und zugleich über eine große Toleranz. Das Stadtviertel Kemptown jedenfalls ist eins der größten Homosexuellen-Viertel in Großbritannien. Mark Peterson schafft es, all diese schrillen und alle düsteren Seiten Brightons glaubhaft zum Leben zu erwecken. Nur vom heiteren, entspannten Seebad ist in „Flesh&Blood“ nichts zu spüren. So gehört sich das für einen ordentlichen Krimi.

Mark Peterson, Flesh&Blood, Rowohlt, 375S., 9,99

VÖ: April 2013





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Ian Rankin holt seinen John Rebus aus dem Ruhestand. Gut so

Ian Rankin hat seinen Lesern gleich zwei Gefallen getan. Erstens hat er einen weiteren Kriminalroman um seinen Ermittler großartigen John Rebus geschrieben und zweiten hat er den Mann altern lassen. Der allzeit knurrige Eigenbrötler Rebus, der von einer eigentümlichen Treibstoffmischung aus Rock, Whiskey und hartnäckiger Neugier angetrieben wird, befindet sich im halb im Ruhestand. Als richtiger Polizist darf der Mann nicht mehr arbeiten, weil er die Altersgrenze überschritten hat. Da er von der Verbrecherjagd nicht lassen kann, hat er 25 Jahre nach seinem ersten von bislang insgesamt 16 Fällen, als eine Art Hilfspolizist bei einer „Cold-Case-Einheit“ angeheuert. Dass er gelegentlich kurzatmig ist und auch sonst altersgerechte Ausfallerscheinungen hat, hebt ihn angenehm von anderen Ermittlern ab, die einfach nicht altern wollen.

John Rebus,dauerhaft vom Unglück verfolgt

Eine Konstante zieht sich durch das Leben des Schotten.  Das Unglück verfolgt ihn. Eher unfreiwillig fällt ihm der Fall eines seit 20 Jahren vermissten Mädchens vor die Füße. Schnell findet er heraus, dass nicht eine, sondern gleich mehrere junge Frauen vermisst werden und die Fälle zusammenhängen. Insbesondere, weil sie alle entlang der A9 verschwanden. Die A9 ist die zentrale Verkehrsschlagader, die von Edinburgh durch die Highlands nach Inverness und bis zum hohen Norden führt. Eigentlich alle, die in Schottlands Osten unterwegs sind, müssen die Straße, die sich malerisch schön, von steilen, meist kargen Bergen flankiert, durch die Täler schlängelt, passieren.

Rebus, wie könnte es anders sein, findet die Straße nur nervenraubend, viel Verkehr, wenig Fortschritt. So geht es lange auch seinem Fall. Durch hartnäckige Kleinarbeit und ausgiebige Kilometerfresserei kommt er mindestens als Ermittler irgendwann doch ans Ziel. Er findet erst das „Mädchengrab“ mitten in der schottischen Wildnis und später den Täter.

Ian Rankin versteht sein Handwerk

Mittlerweile ermittelt John Rebus seit über 25 Jahren und hat dabei öffentlichkeitswirksam bislang 16 Fälle aufgeklärt. Insofern ist er regelmäßigen Krimilesern ein alter Bekannter. Bestimmte Macken des Edinburgher Ex-Polizisten sind also, sagen wir mal vorsichtig, dem Leser vertraut, genau wie das handelnde Personal. Dennoch versteht es Ian Rankin immer wieder spannende Geschichten zu erzählen. Auch „Mädchengrab“ ist ein sehr unterhaltsamer Kriminalroman. Rankin versteht sein Handwerk und hat es geschafft, trotz des Seriencharakters seiner Krimi-Reihe nicht in Routine zu erstarren. Dass er noch lange nicht schreibmüde ist, deutet er durch eine weitere Volte an. Er hat, möglicherweise von der Realität inspiriert, kurzerhand das Rentenalter bei der schottischen Polizei angehoben und seinen Ermittler natürlich ein Bewerbungsformular ausfüllen lassen. Gut möglich also, dass John Rebus wieder in den aktiven Dienst zurückkehrt – bis er wieder irgendwo aneckt.

 

Tatort:Schottland

John Rebus ist Stadtmensch, Edinburgh (unter dem Link einige eigene Eindrücke von mir zur Stadt) seine Heimat. Immer wenn er aufs Land muss, wird er besonders grantig. In „Mädchengrab“ muss er gleich mehrfach die schottische Verkehrsschlagader A9 befahren. Natürlich hat er keinen Blick für die raue Schönheit, die sich dem Autofahrer eröffnet, wenn er Perth passiert hat. Es geht in die Highlands, im Westen ragen die Grampian Mountains auf, im Osten die Cairngorm Mountains mit seinem riesigen Nationalpark. Es sind schroffe Bergflanken, sie sich über dem Autofahrer auftürmen, karg bewachsen mit runden, felsigen Gipfeln. Zwischen den Bergmassiven liegen jedoch enge Täler, in denen sich Flüsse schlängeln und Gehöfte ducken. So geht es mindestens bis Inverness, eine tatsächlich verwachsen bebaute Stadt, immer kurz vorm Verkehrsinfarkt. Vermutlich ist John Rebus, der meist nach Whiskey-Brennereien navigiert, nur deshalb nicht gut auf die A9 zu sprechen, weil ihm sein Schöpfer hinter Aviemore, dem schottischen Skiort, keinen Abstecher in sie Speyside gönnt. Dort hätte der Edinburgher nicht nur liebliche Täler und sanft geschwungene grüne Hügel, munter gluckernde Flüsschen und pittoreske Dörfer gefunden, sondern auch den Großteil der Brennereien, die das „Wasser des Lebens“ produzieren, das John Rebus in seinen Pub-Besuchen in Edinburgh neben dem einheimischen Ale so ausgiebig konsumiert.

Ian Rankin, Mädchengrab, Manhatten, 512 S., 19,99€

VÖ: 11. März 2013

Mehr Texte zu Schottland von mir auch auf dem Reiseportal myEntdecker

 





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Sherlock Holmes, Großvater aller Detektive, Klassiker der Literatur

Seine Beobachtungsgabe ist unvergleichlich. Seine Gabe der Deduktion verhilft ihm immer dazu, sein Umfeld bis zur Atemlosigkeit ins Erstaunen zu versetzen. Außerdem glaubt er an die Naturwissenschaften, allerdings nicht, weil er die der Welt systematisch zu erforschen suchte, oder weil ihn unternehmerischer Ehrgeiz trieb. Das Interesse des Briten liegt allein in der Wahrheit, genauer gesagt der Aufdeckung verbrecherischer Machenschaften.

Der bekannteste Detektiv Europas

Mit diesen Eigenschaften wurde Sherlock Holmes im 19. Jahrhundert zum bekanntesten Detektiv Europas, vermutlich sogar der Welt – eine Position, die er selbst in Zeiten von Hollywood und seinen Heroen nicht räumen musste. Im Gegenteil: Immer neue Verfilmungen für Kino und Fernsehen mehren den Ruhm des Privatermittlers. Aktuell läuft im Fernsehen eine bemerkenswerte Adaption der Sherlock Holmes-Stoffe durch die britische BBC im deutschen Fernsehen.

Sherlock Holmes, Dandy und Wissenschaftler

Der Brite Sir Arthur Conan Doyle erdachte zum Ende des 19. Jahrhunderts die Figur des genialen Detektivs und schuf sich mit dessen Wegbegleiter Dr. Watson ein literarisches Alter Ego. Doyle selber praktizierte bei seinem Krimi-Debüt 1887 als  Arzt, konnte aber wegen des schnellen Erfolges bald von seiner Schreiberei leben. Das Werk um den eigenwilligen Detektiv, der die Eigenschaften eines Dandys alter Schule (und Zeit) und eine Wissenschaftlers moderner Prägung vereinte, umfasst vier Romane und eine Vielzahl von Kurzgeschichten, die ursprünglich in Zeitschriften erschienen und erst später in fünf Sammelbänden zusammengefasst wurden.

Sir Arthur Conan Doyle und sein Alter Ego, Dr. Watson

Die „Geburtsstunde“ erlebte Sherlock Holmes in „A Study in Scarlet“, in dem er zunächst mit Dr. Watson zusammengeführt wird. Aus ökonomischen Zwängen bilden beide, wie man heute sagen würde, eine Zweck-WG. Holmes hat bereits einen Ruf als findiger Detektiv und wird von der Polizei nach einem mysteriösen Mord um Hilfe gebeten. Natürlich verwickelt er seinen neuen Mitbewohner in den Fall. Dr. Watson wird so nicht nur Opfer regelmäßiger Stichelein des eigenwilligen Detektivs sondern wird zu dessen Chronist. Die Romane und Kurzgeschichten sind sämtlichst aus der Sicht Watsons erzählt.

Eine Krimi rund um die merkwürdigen Ideen der Mormonen

A Study in Scarlet führt zunächst die überlegene Beobachtungsgabe Sherlock Holmes ein, spielt gekonnt mit den Erwartungen seiner Leser. Möglicherweise ist der Erstling noch nicht einmal der spannendste oder gelungenste Kriminalroman Doyles, aber er ist in jedem Fall hochinteressant, auch weil er im Prinzip zwei Romane in einem vereint.

Zunächst erzählt gebürtige Edinburgher die Geschichte um Holmes, Watson und die gemeinsamen Ermittlungen. Im eine zweiten Teil, als die Lösung sich abzuzeichnen beginnt, malt Doyle detailverliebt eine tragische Liebesgeschichte rund um die US-amerikanischen Mormonen und bringt so seinen Lesern die merkwürdigen Sitten und Riten der „Heilige der letzten Tage nahe.

Eine vielschichtiges Interesse für Geheimbünde aller Art

Die Polygamisten und fanatischen Christen aus den USA bildeten vermutlich den idealen Nährboden, auf dem Sir Arthur Conan Doyle seine Ideen züchtete. Der schreibende Arzt hatte zeitlebens ein Faible für das Exotische, für Übersinnliches und alle Arten von Geheimbünden. Aus seiner Sicht füllten die „Heiligen der letzten Tage“ (übrigens ein selbst verliehener Titel) vermutlich alle drei Kategorien perfekt aus. Diesen Teil der Geschichte lassen übrigens die meisten Verfilmungen aus rein praktischen Gründen aus. Auch deshalb lohnt es sich, den Krimi in Buchform zur Hand zu nehmen.

Vom „Groschenroman“ zur Weltliteratur

„A Study in Scarlet“ und all seine Geschwister haben eine interessante Metamorphose durchgemacht. Der Autor verfasste sie in erster Linie als Unterhaltungsware, die meisten Originale erschienen daher in Heftform, heute würde man vermutlich von Groschenromanen sprechen, über die Jahre mauserten sich die Geschichten um den Londoner Detektiv und seinen Mitstreiter zu Globus-umspannender Weltliteratur. Diese Einordnung ist schon allein wegen ihrer Wirkung gerechtfertigt: Natürlich hat Sir Arthur Conan Doyle weder die Figur des Detektivs noch das Genre des Kriminalromans erfunden, aber sein Sherlock Holmes ist über Generationen hinweg, stilbildend und vorbildhaft für Detektivgeschichten in aller Welt. Sherlock Holmes ist sozusagen der Großvater aller modernen Ermittler, Sir Arthur Conan Doyle Vorbild und Ansporn für Hunderte Krimi-Autoren. Dafür gebührt ihm Respekt und Dank aller begeisterten Krimi-Leser. Ganz neben bei sind die Geschichten aus einer anderen Zeit bis heute spannende, höchst unterhaltsame Kriminalgeschichten.

 

Tatort:London

221b Baker Street lautet eine der bekanntesten Adressen der Welt. Hier stand in der Phantasie des Autors das Haus, in dem Sherlock Holmes und Dr. Watson lebten und ihre Fälle lösten. Das literarische Werk von Sir Arthur Conan Doyle führt den Leser aber in das London des 19. Jahrhundert. Der Brite beschreibt die Weltmetropole in jenen Hochzeiten des britischen Weltreiches, als Glanz und Elend einer oft noch zügellos industrialisierten Metropole sehr dicht beieinander lagen. So bewegen sich Holmes und Watson gerne in den Kreisen – aber vor allem auch nach den Regeln – der „besseren Gesellschaft“, während auf den Straßen oft das blanke Elend herrscht. Sir Arthur Conan Doyle schrieb keine aufrüttelnden Sozialreportagen, aber die Gegensätzlichkeiten der viktorianischen Gesellschaft schimmern immer wieder durch. Insofern liefert das Werk um Sherlock Holmes vielleicht keinen brauchbaren geographischen, aber nach mittlerweile ziemlich genau 125 Jahren einen sehr guten historischen Atlas, der dem Leser nicht nur eine Stadt, sondern eine ganze Epoche erschließt.

Sir Arthur Conan Doyle, A Study in Scarlet

VÖ: 1887
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Jeffery Deaver lässt James Bond einen gemeinen Müllmann jagen

Dieses Mal geht die Reise nach Serbien, Dubai und Südafrika. Exotische Ziele sind für den ordentlichen Spionage-Thriller mindestens genau so wichtig, wie fantasievoll erdachte Waffen, schöne Frauen und abgefeimte Schurken mit dem Drang, die Welt zu vernichten.

Der neue James Bond, der ja traditionell so eine Art global agierender Handlungsreisender in Sachen Geheimniskrämerei ist, macht da keine Ausnahme. Der US-Autor Jeffery Deaver wurde gebeten die Vorlage für das jüngste 007-Abenteuer zu verfassen. Echte Fans können also jetzt schon lesen, was dem britischen Geheimagenten in der nächsten Verfilmung widerfahren wird.

Product-Placement jetzt auch im Buch

Zunächst zum unangenehmen Teil: Das Product-Placement hat jetzt auch in die Literatur Einzug gehalten. Vermutlich haben die Produzenten des Filmes eine unauffällige Mail mit Kooperationspartnern an den Krimi-Autoren geschickt: Jedenfalls finden sich wahrscheinliche und unmögliche Produkte ausgiebig benannt und beschrieben. Freunde der Abteilung Q werden beispielsweise vergeblich auf fantasievoll erdachte Fortbewegungsmittel hoffen, die raffiniertesten Tricks finden im Inneren eines Telefons US-amerikanische Herkunft statt.

James Bond ist erwachsen geworden

Die nächste „Enttäuschung“: James Bond scheint erwachsen geworden, beziehungsweise im 21. Jahrhundert angekommen. Der Agent nimmt Frauen ernst, weiß ihre beruflichen Qualitäten zu schätzen und reflektiert (!), ob er eine Frau, die er attraktiv findet, auch tatsächlich verführen soll. (soweit, dass er mit dem Versuch scheitern könnte, reicht der Fortschritt selbstverständlich nicht.)

Da der Roman zumindest als Vorlage für ein Drehbuch gedacht ist, nehmen – ungewöhnlich für Jeffery Deaver – „Action-Szenen“ einen breiten Raum ein. Ausführlich kann der Leser Zweikämpfen Bonds mit allen möglichen Waffen und Nahkampftechniken gegen erst unüberwindbar scheinende, aber dann doch zu bezwingende Bösewichte folgen. Das geht, obwohl dicht geschrieben, zu Lasten des Tempos.

007 muss nach Dubai und Kapstadt

Zum Plot ist nicht viel zu sagen. Der zentrale Gegenspieler Bonds ist, so scheint es, harmlos im Recycling-Business. Das zumindest ist eine hübsche Idee. Der potentielle Gutmensch als durchtriebener Bösewicht. Kleine Puzzlestücke deuten darauf hin, dass ein gewaltiger Anschlag bevorsteht, und James Bond wird von „M“ damit beauftragt, den Urheber aufzuspüren und aufzuhalten. Das gelingt nach Abenteuern in Dubai und Kapstadt, bei denen Bond erkennen muss, dass er es mit einem überaus raffinierten Gegenspieler zu tun hat, der an alle Eventualitäten zu denken scheint und deshalb lange nicht zu fassen ist.

Jeffrey Deaver sprüht wieder vor guten Ideen

Hier liegen Stärken des Bond-Thrillers: Jeffrey Deaver recherchiert sehr genau, sprüht meistens vor guten Ideen und versteht es beinahe unerreicht, einen spannenden, immer wieder überraschende Wendungen bereit haltenden Plot zu konstruieren. Zuletzt ließ er beispielsweise per Stromkabel morden.

Bei allen Merkwürdigkeiten, die die Wiederaufarbeitung eines hinlänglich bekannten Serienhelden mit Wurzeln in den sechziger Jahren mit sich bringt, ist es Jeaffrey Deaver tatsächlich gelungen, eine spannende Fortsetzung zu erzählen, die zudem einige neue, wenn auch ungewöhnliche Facetten des Superagenten im Einsatz ihrer britischen Majestät bereit hält.

Tatort:Südafrika

Natürlich ist London die Heimat von 007, aber sein Arbeitsplatz ist die Welt. Als Spion kommt James Bond herum. Neben dem Auftakt in Serbien und einem Intermezzo in Dubai spielt der neue Bond vor allem in Südafrika, genauer gesagt in Kapstadt und seiner Umgebung. Mit wenigen Worten skizziert Deaver die südafrikanische Gesellschaft, Strukturen und Probleme eines Landes im Wandel. Wer eine tiefgründige Analyse erwartet und sich über oberflächlich hingeworfene, grob gezeichnete Schraffuren ärgert, hat vermutlich Recht, sollte sich aber fragen, ob ein James-Bond-Roman für ihn die richtige Lektüre darstellt. 007 ist schließlich kein Erdkundelehrer. Wer sich mit solcherlei Gedanken nicht aufhält, wird sich gleichermaßen informiert wie unterhalten fühlen…

 Jeffery Deaver, Carte Blanche, Blanvalet,544 S., 14,99€

VÖ: 27. Februar 2012

 

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Helen Black entwertet mit fröhlich-plapperndem Ton ein ernstes Thema

Archaische Strukturen in Familien, Unterdrückung von Mädchen und Ehrenmorde sind ein ernstes Thema. Das Leben islamisch geprägter Familien in einem westlichen Umfeld, das Integration verlangt und das Fremde nicht zu akzeptieren bereit ist, ebenso. Um so wichtiger ist es, dass die Probleme angesprochen werden. Ob nun das Genre des Krimis der richtige Ort ist, scheint angesichts Helen Blacks „Schuldspruch“ allerdings fraglich.

Rebellen mit Rechtsbuch in „Schuldspruch“

Die Britin lässt in ihrem dritten Kriminalroman eine junge Frau sterben. Sie wurde mit Schlaftabletten vergiftet, also ermordet. Außerdem war die Frau mit pakistanischen Wurzeln schwanger. Für die Polizei ist der Fall schnell klar. Einer ihrer Brüder wird verhaftet. Die Behörden gehen von einem „Ehrenmord“ aus. Hier kommt die Anwältin Lilly Valentine ins Spiel. Die Rebellin mit Rechtsbuch wird von der Familie des Jugendlichen engagiert und glaubt trotz erdrückender Beweislast und fundamentalistischer Attitüde an die Unschuld ihres Mandanten. Sie beginnt zu ermitteln und stellt alsbald die Polizei bloß. Bei ihren Recherchen stößt sie nicht nur auf sturköpfige, ignorante Polizisten, sondern auch auf kriminell-gewalttätige selbsternannte „Heilige Krieger“ und natürlich auf eine Mauer des Schweigens mitten in der Weltmetropole London.

Helen Black zeichnet Figuren ohne Tiefe

Helen Black arbeitet, wenn sie nicht gerade Krimis schreibt, als Anwältin für Jugendstrafrecht in London, kennt also Materie und Umfeld einigermaßen genau. Dennoch kann „Schuldspruch“ trotz eines leidlich guten Spannungsbogens und des eigentlich dramatischen und deshalb mitreißenden Grundthemas nicht wirklich überzeugen. Letztlich verliert sie sich bei ihren Versuchen, dem Leben islamischer Einwanderer auf den Grund zu gehen, in einem Labyrinth schwarz-weiß gezeichneter Pappfiguren – mit scharfen Konturen, aber ohne Tiefe. Das ist dramatisch gezeichnet, aber für die Diskussion um Integration nicht wirklich hilfreich.

Ein amüsant-oberflächlicher Ton

Die schreibende Anwältin hilft ihrer Sache auch in stilistischer Weise nicht wirklich weiter. Sie verfällt immer wieder in einen seicht-plaudernden Ton amüsant-oberflächlicher Frauenliteratur. Protagonistin und ihr Umfeld vermögen auch Angesichts der dramatischsten Zuspitzung noch fröhlich-plappernde Dialoge, die an einen dieser „Beim-nächsten-Frosch wird-alles-anders“-Frauenstoffe erinnern und ein merkwürdig antiquiertes Frauenbild zeichnen. Und das ist wirklich nicht besonders lustig, gleich wie die Zielgruppe aussieht.

 

Tatort:London

Ein kuscheliges Cottage für die Anwältin, eine heruntergekommene Mietskaserne für ihre Assistentin, Gettho-artige Siedlungen für die Moslems, ein Schlachterladen für einen verdächtigen Moslem. Man kann sich schon vorstellen, dass es im weniger feinen Norden Londons genau so aussieht, man ahnt aber gleichzeitig, dass hier leere Fassaden zu einer „stimmigen“ Kulisse zusammengeschoben wurden. Wie das bei Stereotypen und Klischees so ist, steckt auch in den London-Schilderungen Helen Blacks, ein Quentchen Wahrheit, ob man die Vereinfachungen aber tatsächlich für bare Münze nehmen sollte?

Helen Black, Schuldspruch, Fischer, 378 Seiten, 8,99€

VÖ: Januar 2012

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Spannend, aber oberflächlich: Tim Weavers „Blutiges Schweigen“

Journalisten sind oft Menschen, die nichts Ordentliches gelernt haben und doch oft glauben, von allem ein bisschen was können. So ist das wohl auch mit David Raker. Einst reiste er als Reporter um die Welt, um spannende Geschichten zu finden und aufzuschreiben. Seit dem Tod seiner Frau zieht er als Getriebener durch London und spürt vermisste Kinder auf.  Auf sein Umfeld wirkt er dabei gelegentlich besessen, aber die Quote stimmt: Bisher hat er alle, die er gesucht hat, wiedergefunden – ein Trost für alle, die sich mit gesundem Halbwissen durchs Leben schlagen. Aber das nur nebenbei.

Suche nach einem verschwundenen Mädchen

Über ein halbes Jahr ist jetzt die siebzehnjährige Megan Carver verschwunden. Die Polizei lässt es bei der Suche eher locker angehen, und so wenden sich die Eltern an David Raker. Der ehemalige Journalist beginnt, Fragen zu stellen und stößt schnell auf Ungereimtheiten. Ganz so perfekt, wie ihm versucht wird, vorzugaukeln, war der angeblich strebsame, zurückhaltende Teenager offenbar doch nicht. Merkwürdiges entdeckt der Mann auch bei der Polizei, die offenbar ein Geheimnis zu verbergen versucht.

Blutige Spur eines Serienmörders

David Raker findet neue Spuren und muss feststellen, dass Megan Carver einem abgrundtief bösen Verbrecher begegnete, der nicht einfach nur ein Mädchen entführte, sondern mit mörderischer Präzision einem perfiden Plan folgt. Dass der Kidnapper sich zu allem Überfluss an einem Ort herumtreibt, an dem einst ein Serienmörder seine blutige Spur legte, lässt nichts Gutes ahnen.

Ein illustres Ensemble

Der britische Journalist Tim Weaver hat sich David Raker erdacht und schickt seinen Ermittler in „Blutiges Schweigen“ bereits zum zweiten Mal durch die Straßen von London. Weaver geht bei seinem jüngsten Kriminalroman wieder in die Vollen. Er hetzt dem wackerem Raker ein bunt gemischtes, spannungstreibendes Personal auf den Hals: Der Ex-Journalist muss sich mit bösartigen Kommissaren, einem wild wordenen, abgehalfterten Polizisten auf Rachfeldzug, einem sadistischen Arzt, einem russischen Bandenchef und allerlei anderen dubiosen Figuren herumschlagen. Dieses illustre Ensemble lässt die Vielzahl der Handlungsstränge erahnen, die Weaver zu seinem Krimi verwebt.

Nervenkitzel pur

Gleichzeitig drückt der Brite auf Tempo. Nach handelsüblich geruhsamen Auftakt lässt Weaver weder seinem Hauptdarsteller noch seinen Lesern Zeit für eine Verschnaufpause. Die Handlung verdichtet sich auf einige Stunden, in denen Raker sich ein Duell mit einem gnadenlosen, genialischen Gegner liefert. Das ist ungemein spannend. Weaver versteht es, seinen Lesern mit allen Mitteln an seine Story zu fesseln. Insofern liest sich „Blutiges Schweigen“ sehr gut. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Früh schält sich der Gegner Rakers heraus, der Plot lässt bei aller Spannung, bei allem Nervenkitzel überraschende Wendungen vermissen. Dazu kommt, das Weaver viele Ideen hat, dabei Handlungsstränge andeutet aber nicht konsequent verfolgt. Außerdem erscheinen die Figuren jenseits des „Hauptdarstellers“ blass, so dass am Ende der Eindruck perfekt inszenierter, aber in Teilen doch recht oberflächlicher Thriller-Unterhaltung hängen bleibt.

 

Tatort:London

Ost-London ist der Schauplatz von „Blutiges Schweigen“, aber Tim Weaver modelliert die Stadt nach eigenem Bedarf um. Neben kleinbürgerlichen Wohnsiedlungen spielt in erster Linie ein vergessener Ort die Hauptrolle in seinem Kriminalroman. Ein dunkel zugewucherter, verflucht wirkender Wald und ein Stadtteil mit Geisterstadtcharakter, der von Fabrikruinen und verfallenen Häusern geprägt wird, verbergen finstere Geheimnisse aus Vergangenheit und Gegenwart. Das ist natürlich weder real noch realistisch, aber außerordentlich gut ausgedacht. Der aus einer Gothic Novel in den modernen Krimi entsprungene Schauplatz trägt wesentlich zum fesselnden Spannungsbogen von „Blutiges Schweigen“ bei. Da macht es dann auch nichts, dass der Tatort komplett erdacht ist, weil man ihn sich so oder so ähnlich gerne in London vorstellen mag.

Tim Weaver, Blutiges Schweigen, Goldmann, 505 S., 9,99€, VÖ: Januar 2012