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Mark Pearsons „Blutbeute“: Ein Thriller als Seifenoper

Jack Delany ist Ire und Polizist. Er lebt und arbeitet in London. Genauer gesagt treibt er seit dem Tod von Frau und ungeborenem Kind eher ziellos und selten nüchtern dahin – und soll nach dem Willen seiner Chefin doch wieder in seinen Job einsteigen.

Kate Walker hat sich dummerweise auf Jack Delany eingelassen, der sich aber wegen seiner toten Frau nicht auf eine neue Beziehung einlassen will. Die Rechtsmedizinerin betäubt ihren Kummer im Pub und wacht am nächsten Morgen ohne jede Erinnerung an der Seite eines fremden Mannes auf. Der Fremde, so vermutet sie, hat sie betäubt und vergewaltigt.

Seifenoper oder Kriminalroman?

Die wichtigsten Figuren in „Blutbeute“ haben eigentlich völlig ausreichend mit sich selber und ihren Problemen zu tun. Da Mark Pearson keinen Stoff für eine ambitionierte Seifenoper sondern einen Krimi gesammelt hat, legt er seinem geplagten Team noch einige Frauenleichen vor die Füße, die – größeren Schrecken gibt es für die Einwohner der britischen Metropole vermutlich nicht – an die Opfer des bekanntesten aller Serienmörder, Jack the Ripper, erinnern.

Ein verworrener Fall

Der Polizist Delany beginnt zu ermitteln und muss feststellen, dass der Fall nicht nur außerordentlich verworren ist, sondern ihn mehr zwingt, sich mit seiner Vergangenheit und seinem aktuellen Leben auseinander zu setzen, als ihm das lieb sein kann.

Stark im Zentrum, blass an den Rändern

Mark Person hat einen spannenden Thriller geschrieben, bei dem allerdings stellenweise nicht klar wird, was im Vordergrund steht: Die Suche nach einem brutalen Serienmörder oder die persönlichen und Beziehungsprobleme der Protagonisten. Beinahe alles kreist in dem mit sprachlich einfachen aber soliden Mitteln aufgeschriebenen Kriminalroman um das Beziehungsgeflecht von Delany und Walker. Hier ist Pearson glaubhaft und stark. Die eine oder andere Nebenfigur, wie die der karrieregeilen, eitlen und geltungssüchtigen Fernsehreporterin, die sich mit allen Mitteln hochzuschlafen versucht, bleiben dagegen eindimensionale Stereotypen..

Wer bei seiner Krimilektüre nicht mit dem Problemen anderer Menschen behelligt werden will, der sollte von Blutbeute besser seine Finger lassen. Wer jedoch das Drama in der Seifenoper, die man so Leben nennt, auch beim Lesen zu schätzen weiß, der ist mit dem London-Thriller bestens bedient.

 

Tatort:London

Jack Delany ist Ire, den es nach London verschlagen hat. Das Leben des Polizisten spielt sich allen Klischees nach folgerichtig meist in Pubs ab. Hier hält sich Delany auf, hier führt er, so scheint es, die meisten seiner Gespräche. Dennoch ist „Blutbeute“ kein Kneipenführer. Pearson beschreibt ein London jenseits von Finanzdistrikt und Notting Hill. Es ist ein heruntergekommenes, bestenfalls spießig-kleinbürgerliches London, in dem Mörder und Polizisten ihr Katz-und-Maus-Spiel betreiben. Viel Raum nehmen die Beschreibungen des „Tatort:London“ ansonsten nicht ein. Immerhin erfährt man, dass auch im Londoner Vorortpub – so viel  Lebensart muss sein – beim irischen „Herrengedeck“ aus Whiskey und Guinness sich letzteres erst setzen muss. Keine ganz neue, aber immerhin eine nicht ganz unbedeutende Information für den Pub-Neuling.

Mark Pearson, Blutbeute, Goldmann, 8,99€

VÖ: Dezember 2011

 

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Klassiker

Eine erfreuliche Lektüre: Agatha Christies „Mord im Orientexpress“

Hercule Poirot hat einen scharfen Verstand. Er hört, was andere verpassen, er sieht, was andere nicht erkennen, und er stellt die richtigen Zusammenhänge her.  Kein Wunder, dass einem kleinen Körper ein großes Ego gegenübersteht. Die Aufklärungsrate – wie man das heute nennen würde – gibt dem Belgier, der ein polyglotter Handlungsreisender in Sachen Wahrheit war, immer wieder recht.

Mord im Kurswagen Istanbul-Calais

Einer der bekanntesten Kriminalfälle der Weltliteratur führt Hercule Poirot in einen Zug, den Orientexpress. Auf der Reise von Istanbul nach Wien bleibt der Zug im Balkan in einer Schneewehe stecken. Am nächsten Morgen wird eine Leiche gefunden. Die Umstände ergeben, dass nur einer der Reisenden aus Kurswagen Istanbul-Calais zum Täterkreis gehören kann.  In dieser Variante des geschlossenen-Raum-Thrillers folgt eine extrem spannende,  bis zum Schluss fesselnde Suche nach dem Täter. Die überraschende Auflösung eines länger zurückliegenden Entführungsdramas mit tödlichem Ausgang soll hier, auch wenn die Geschichte mittlerweile siebzig Jahre alt ist und weithin bekannt sein dürfte, nicht verraten werden.

Grundlage für einen Hollywood-Klassiker

Agatha Christie, Grande Dame des Krimis, erdachte den Plot in den dreißiger Jahren, als der Zug noch das wichtigste Reisemittel war und sich halb Europa in Bewegung befand. In Deutschland erschien die Kriminalgeschichte um den wunderlichen und wunderbaren Detektiv zunächst unter dem Titel „Der rote Kimono“. Spätestens seit der oscarprämierten Hollywood-Verfilmung mit Albert Finney, Ingrid Bergmann, Sean Connery, Lauren Bacall, Robert Redford und weiteren hochkarätigen Stars aus dem Jahr 1974 nennt auch in Deutschland den Krimi jeder bei seinem richtigen Namen: „Mord im Orientexpress“.

Spannender Einblick ein eine andere Zeit

Die Idee zur Rahmenhandlung kam Agatha Christie, als sie selber einmal während einer Reise mit dem Orientexpress stecken blieb.  Mit ihrem vierzehnten Werk gelang der Britin einer der wichtigsten Krimis der Geschichte. Auch wenn der Roman mittlerweile über siebzig Jahre auf dem Buckel hat, ist er unvermindert zu empfehlen. Das gilt in mehrfacher Hinsicht. Er gewährt zunächst Einblick in eine andere Welt, als noch Zofen, Gouvernanten und Butler die Welt bevölkerten und eine Reise in ein anderes Land für sich noch ein mehrtägiges Abenteuer darstellte. Zudem ist die Sprache, die zwar gelegentlich antiquiert anmutet – so bezeichnet eine Figur ein Buch, das sie liest, als „überaus erfreulich“ –  insgesamt von einer erfrischenden Klarheit.  Christie hat das Talent mit einer Mischung aus scheinbar völlig belanglosen Details und schnell skizzierten großen Linien ein atmosphärisch dichtes Bild zu zeichnen: Das gilt für den Tatort wie für das gesellschaftliche Umfeld gleichermaßen.

Schließlich ist der „Mord im Orientexpress“, verteufelt spannend. Die Lektüre lohnt sogar für diejenigen, die ihn in ihrer Jugend gelesen und die Verfilmung gesehen haben. Der Roman ist derart kunstvoll gewoben, dass er auch bei der „Wiedervorlage“, um es mit den Worten Agatha Christies zu sagen, „überaus erfreulich“ ist.

 

Tatort:Orientexpress

Der „Mord im Orientexpress“ ist, wie der Name schon andeutet, ein Kammerspiel. Der Reiz liegt zum Gutteil darin begründet, dass die Personen und die Handlung in einem eng umrissenen Raum gefangen sind. Den derart definierten Tatort erweckt Agatha Christie perfekt zum Leben. Der Leser fühlt den Glanz der ersten Klasse des Kurswagens Istanbul-Calais genau so, wie die Enge, die Zugabteilen damals wie heute trotz des privilegierten Status ihrer Reisenden zu eigen ist. Das Holz der Wände, das Leinen der Betten, die abgestoßenen Koffer der Reisenden scheinen, obwohl Agatha Christie für derlei Beschreibungen angenehm wenige Worte aufwendet, mit allen Sinne förmlich spürbar. So ersteht trotz des engen Korsetts der Handlung, des eingeschränkten Bewegungsspielraums der Personen eine ganze Ära mit all ihrem lang verblassten Glanz, ihrem ganz eigenen Charme wieder zum Leben. Auch das ein Grund einmal ein Buch hervorzunehmen, das seit Jahrzehnten beinahe vergessen in den Bücherregalen ruht. Zwischen den Buchdeckeln ist nämlich bis heute kein einziges Staubkorn zu finden.

Agatha Christie, Mord im Orientexpress, Fischer, 7,95€

VÖ: 1. Januar 1934

Einen Text von mir dazu gibt es auch auf dem WLG