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Ursula Poznanski und Arno Strobel stöbern „Anonym“ und erfolgreich im Darknet

Das österreichisch-deutsche Autorengespann Ursula Poznanski und Arno Strobel hat sich erneut zusammen gesetzt und einen Krimi geschrieben, weil das bei „fremd“ schon ganz gut funktioniert hatte. Der neue Krimi heißt „Anonym“ und ist wieder nach dem Prinzip aufgebaut. Zwei Figuren tragen die Handlung, und je ein Autor schreibt aus der Perspektive eines Ermittlers.

Ermittler am Rande der Funktionstüchtigkeit

Poznanski und Strobel haben sich dazu zwei interessante Gestalten ausgedacht, beide sind Polizisten in Hamburg. Nina Salomon ist neu in der Stadt, aus dubiosen Gründen aus der Nachbarstadt Bremen an ihren neuen Dienstort geflüchtet, eine ziemlich kaputte Gestalt und so gerade eben an der Grenze zur Funktionstüchtigkeit. Ihr Partner, Daniel Buchholz, ist auf ersten Blick das genaue Gegenteil. Er funktioniert perfekt, präsentiert eine makellose Oberfläche – und ist im Inneren beinahe so kaputt wie seine Kollegin.

Ursula Poznanski und Arno Strobel stöbern im Darknet

Das Ermittlerteam muss sich mit einem besonders widerlichen Mörder auseinandersetzten. Dieser nutzt die neuen Medien, Internetforen und Social Media, um die Menschen an seinen Verbrechen teilhaben zu lassen. Genauer gesagt lässt er abstimmen, welches seiner Opfer, die er als sterbenswürdig erachtet, er umbringen soll. Zur Auswahl stehen Kandidaten, die nach gemeinem Volksempfinden als unsympathisch gelten und Verbrechen unterschiedlichen Kalibers begangen haben. Ein Rechtsextremer, der Flüchtlingsheime anzündet, ein Arzt, der intrigiert und sich bereichert, eine untreue Ehefrau und ein Hundebesitzer, der seinen Hund in fremde Gärten kacken lässt, geraten unterschiedslos auf die Todesliste

Ankläger, Richter und Henker im Personalunion

Die Polizisten laufen dem Täter, der seine Aktivitäten in das sogenannte Darknet verlegt hat, lange vergeblich hinterher. Immer perfider werden die Runden, irgendwann lässt der Mörder die Menschen im Internet nicht mehr nur Richter spielen, sie werden Ankläger und Henker in Personalunion, die sogar selber Todeskandidaten nominieren dürfen.

Anonym erfüllt alle wichtigen Qualitätskriterien

Streng genommen bietet das Buch von Poznanski und Strobel wenig innovative Ideen. Auch, wenn die Autoren mit ihrem Krimi formal nicht wirklich Neuland betreten, ist „anonym“ perfekte Unterhaltung. Das Buch ist handwerklich einfach außerordentlich gut gemacht. Die Protagonisten blicken hinreichend oft in klare, aber auch vom Nebel der Erinnerung verhangene Abgründe, dass sie gleichzeitig interessant und auf einer empathischen Ebene sympathisch sind (soll heißen, sie sind nicht wirklich immer sympathisch, aber der Leser mag sie trotzdem). Außerdem ist die Geschichte schön verwoben komplex und gleichzeitig schnörkellos klar erzählt, dass sie ein atemberaubendes Tempo aufnimmt, was für ein Krimi ja ein wichtiges Qualitätskriterium darstellt. Vermutlich ist das Thema Darknet und Internetjustiz dem Einfluss von Ursula Poznanski zu verdanken, die sich beim Schreiben ja immer ein gesellschaftlich relevantes Zeitgeistphänomen vornimmt und erklärt. Das bleibt genre-bedingt natürlich oft etwas oberflächlich, verhilft ihren Krimis aber zu einer diffusen gesellschaftliche Relevanz und gleichzeitig zu einer Erdung im Leben – und das ist eine weitere Stärke. Anonym erfüllt also alle (wichtigen) Qualitätskriterien. Wem für graue Novembertage also noch eine Empfehlung fehlt: Lesen. Macht Spaß!

Ursula Poznanski, Arno Strobel, Anonym, Wunderlich, 378 S., 19,95€, VÖ: Oktober 2016

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Till Raethers Blutapfel führt seine Ermittler in die Hamburger Vorstadthölle

Adam Danowski hat es nicht leicht. Sein Partner gönnt sich in einer Art Wachkoma eine Art Auszeit, seine Vorgesetzen dulden den Hamburger Polizei bestenfalls, die Kollegen üben sich in der Kunst der Intrige. Die meisten Schwierigkeiten hat Danowski allerdings mit sich selbst. Es ist weniger der Alltag mit seinen Tücken (obwohl der auch jede Menge lästige Herausforderungen bereithält). Das Problem steckt irgendwo in seinem Kopf – und das ist für den Leser höchst unterhaltsam.

Innere Monologe und Gedankenfetzen sorgen bei „Blutapfel“ für Unterhaltung

Adam Danowski beim Denken zuzusehen, gehört zu den größten Vergnügungen, die „Blutapfel“, der neuen Krimi von Till Raether, bereithält. Innere Monologe, Beobachtungen und Gedankenfetzen des Ermittlers sind immer höchst unterhaltsam, mit einem staubtrockenen Humor aufgeschrieben und meist sehr lustig. Allein deshalb lohnt „Blutapfel“.

Till Raether hat viele gute Ideen und ein Blick für Details

Es gibt noch mehr Gründe, Blutapfel zu lesen. Till Raether hat viele gute Ideen und einen guten Blick für die Details. Das beginnt bereits mit dem Auftakt: Ausgerechnet im perfekt überwachten Elbtunnel stirbt ein Mann, erschossen im tagtäglichen Stau unter dem Strom. Vom Täter fehlt, trotz aller Kameras, natürlich jede Spur. Danowski, der seit seinem ersten Fall auf einem verseuchten Kreuzfahrtschiff (Treibland) als schwierig und unzuverlässig gilt, wird an einen Randaspekt abgeschoben und ermittelt in der Vorstadthölle auf der anderen, der „falschen“ Elbseite. Dort, wo die Metropole im Umland versandet, muss sich der Polizist mit seiner neuen Partnerin Meta Jurkschat durch geplatzte Träume der Bewohner arbeiten. Wenig überraschend gerät dieser Friedhof kleinbürgerlicher Visionen doch noch ins Zentrum der Ermittlungen.

Das unauffällige Interesse eines Geheimdienstes

So richtig kommt Adam Danowski nicht weiter. Immer, wenn er glaubt, den Fall in den Griff zu bekommen, ergeben sich neue Wendungen. Unter anderem interessieren sich die Kollegen von der Organisierten Kriminalität und später der amerikanische Geheimdienst auffällig unauffällig für die Ermittlungen der Polizisten.

Adam Danowski ermittelt im Hamburger Untergrund

Till Raether überzeugt mit Ideenreichtum und interessanten Einfällen. So erfährt der Leser viel über das Leben im Untergrund. Das ist in diesem Fall buchstäblich zu nehmen, da Raether seine Ermittler in die Hamburger Eingeweide, in verborgene und halb vergessene Tunnelsystem unter Michel und Hafen schickt.

Ein Plot am unteren Ende der Glaubwürdigkeitsskala

Der Ideenreichtum und der Blick fürs Detail bedingen aber auch eine kleinere Schwäche. Ganz subjektiv gesehen, war „Blutapfel“ bei allem Lesevergnügen um einige Seiten zu lang. Auch der Plot, der zu einem veritablen Showdown führt, liegt bei aller Freiheit, denen Krimi-Autoren zusteht, in der Nachbetrachtung eher am unteren Ende der Glaubwürdigkeitsskala. Wegen des Feuerwerks an Unterhaltung kann man darüber aber gut hinweglesen. Insofern ist „Blutapfel“ ein sehr guter Krimi, aber kein großer, der wegen der relevanten oder zumindest ergreifenden Geschichte nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Till Raether, Blutapfel, Rowohlt-Polaris, 473 S., 14,99€, 30. Mai 2015

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Stephan M. Rother: Ein Grab mit deinem Namen, Stark (allein) wegen seiner Ermittler

Am Rande Hamburgs treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Verschrobene Wissenschaftler, raffgierige Investoren, eine politische Elite, die sich über den Gesetzen stehend glaubt, Esoteriker einer neuheidnischen Sekte und Angehörige alten dänischen Adels. Dass das nicht ohne menschliche Verwerfungen ausgehen kann, ist klar. Dass sich mittendrin in dieser ungewöhnlichen Ansammlung ein Mörder verbirgt, stellt die Ermittler um die Kommissare Jörg Albrecht und Hannah Friedrichs schon eher vor Probleme.

Mord im Moor

In ihrer eigenen Ausgrabungsstelle wird die Archäologin Melanie Dahl tot aufgefunden, ermordet – und wie sich bald herausstellen soll – mit obskuren Runenzeichen bedeckt. Diese Ausgangslage hat sich Stephan M. Rother für seinen Krimi „Ein Grab mit deinem Namen“, dem dritten Band der Serie um Albrecht und Friedrichs, erdacht. Bei der Suche nach dem Täter legt Rother seinen Kommissaren zunächst eine weitere Leiche, später jede Menge politischen Druck von oben und am Ende ein interessantes Feld potentieller Täter in den Weg.

Stephan M. Rother rückt seinen Kommissaren wieder auf die Pelle

Zu den Stärken der Stephan M. Rothers gehört die Gabe, seinen Protagonisten richtig dicht auf die Pelle zu rücken. Der Leser kommt den Ermittlern sehr nahe, das schafft eine emotionale Nähe, die man von den besseren skandinavischen Krimis gewohnt ist. Gleichzeitig lässt er seinen ebenso glaubwürdigen wie sympathischen Kommissaren so viel geheimnisvollen Freiraum, dass sie noch Entwicklungspotential haben – was ja für den Wunsch nach Fortsetzungen nicht unwichtig ist.

„Ein Grab mit deinem Namen“, eine gute Fortsetzung

Für mich reicht die Spannung aus, die Rother erzeugt, wenn er uns am Kampf seiner Ermittler mit den eignen Dämonen, den Widrigkeiten des Polizistenalltags und der Suche nach der Wahrheit zuzuschauen, um ihn als lesenswert zu empfehlen. „Ein Grab mit deinem Namen“ hat nämlich durchaus auch einige Schwächen.

Unglaubwürdiger SM-Quark in „Ein Grab mit deinem Namen“

Ich persönlich kann dieser pseudomystischen Welt irgendwelcher neuheidnischen Sekten oder Gruppen nicht so viel anfangen. Deshalb reizt mich auch ein Krimi, der sich das Thema aussucht, nicht sonderlich. Aber das sind natürlich persönliche Befindlichkeiten, die jeder andere Leser völlig anders sehen kann.

Außerordentlich ärgerlich fand ich allerdings Rothers Ideen, wie die „Reichen und Mächtigen“ ihre Freizeit verbringen. Ich hatte das Gefühl, dass sich Rother hier vom ökonomischen Erfolg von „Fifty Shades of Grey“ hat inspirieren lassen: Eine Handschelle hier, einige Hiebe dort, fertig ist das abgründige Verlangen, das neue Leserschichten erschließt. Die Ideen rund um den SM-Quark in „ein Grab mit deinem Namen“ waren einigermaßen platt, unglaubwürdig und auf ärgerliche Weise durchsichtig.

Stephan M. Rother, Ein Grab mit deinem Namen, Rowohlt, 475S., 9,99€, VÖ: 27. März 2015

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Till Raethers Treibland, zwiespältig und doch empfehlenswert

Till Raether hat Urlaub gemacht. Genauer gesagt hatte er sich zu einer gemeinsamen Kreuzfahrt mit seinem Vater überreden lassen. Offenbar geriet der Trip zur Grenzerfahrung, sodass er das Bedürfnis hatte, aus seinen Erfahrungen einen Kriminalroman zu entwickeln. Das Ergebnis ist zwiespältig – und das liegt an den Erlebnissen, die der Mann an Bord hatte. „Trotz Animation und gelegentlich vorbeiziehenden Landschaften schmort man doch ganz schön im eigenen Saft. Und hat vielleicht zu viel Zeit, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen“, schreibt Raether im Nachwort zu „Treibland“. Es herrsche eine besondere Atmosphäre von Verunsicherung und Apathie. An Bord sei man fremdbestimmt und „manchmal nimmt einem das dem Atem“.

Mord an Bord eines Kreuzfahrtschiffes

Grundsätzlich kann man Raether dankbar sein, dass er sich den merkwürdigen Erfahrungen aussetzte. Das bracht ihn immerhin auf die Idee zu „Treibland“. An Bord eines Kreuzfahrtschiffes stirbt unter mysteriösen Umständen ein Urlauber. Schnell wird klar, dass dieser Opfer eines besonders bösartigen Virus der Ebola-Klasse wurde. Das Schiff wird in Hamburg unter Quarantäne gestellt. Theoretisch darf niemand an oder von Bord. Auch nicht, als offensichtlich wird, dass der Mann Opfer eines Mordanschlages wird.

Ein Kommissar, der am Leben leidet

Till Raether hat hier eine wirklich interessante Kulisse für einen Kriminalroman gebastelt, in die er zudem doch sehr interessante Figuren aufstellt. Hauptkommissar Danowski beispielsweise ist ein besonders schwerer Fall, an sich und dem Leben leidend fristet der Exil-Berliner ein eher tristes Dasein in einer besonders unbedeutenden Abteilung der Polizei: Eigentlich soll er nur Akten von Todesfällen, bei denen die Polizei nicht mehr an ein Tötungsdelikt glaubt, abarbeiten. So landet auch die Akte des Unternehmers Carsten Lörsch auf seinem Schreibtisch. Mit einem Eifer, der ihn selber überrascht, geht er der Sache nach  – und löst am Ende nicht nur einen Mord, sondern ein weitreichendes Verbrechen.

Tell Raether lockt in „Treibland“ mit lakonischem Humor

Diesen Teil von „Treibland“ kann man wirklich gelungen nennen. Raether schreibt klar und unterhaltsam, seine Figurenzeichnung und die Dialoge stechen durch seinem lakonischen Humor über den Krimi-Durchschnitt hinaus. Viele hübsche Ideen auf Nebengleisen sorgen zudem  für Spannung und fesselnde Abwechslung.

Passagen, die man nur mit Schnellblättern übersteht

Leider bricht das hohe Niveau in der zweiten Hälfte für einen längeren Moment weg. Und das liegt ausgerechnet an der Idee, die Till Raether zu „Treibland“ brachte. Ungefähr nach der Hälfte der Seiten wird Hauptkommissar Danowski nämlich selber Gefangener auf der „Großen Freiheit“ wie das Kreuzfahrtschiff sinnigerweise heißt. Raether erliegt der Versuchung, diese fremdbestimmte Mischung aus Lethargie und Aggression, die er während seiner eigenen Kreuzfahrt machte, im Detail wiederzugeben. Und das ist leider langweilig. Ich konnte mich über viele Passagen nur mit Schnellblättern und Diagonallesen hinwegretten. Es gibt Dinge, die muss man wohl selber erlebt haben, um sie wirklich verstehen zu können – und Kreuzfahrten stehen bei mir noch lange nicht auf der Liste. Zwar nimmt „Treibland“ pünktlich zu einem spannenden Finale wieder Fahrt auf, aber der Schaden ist angerichtet.

Die perfekte Mischung aus Liebe und Herablassung

Ich persönlich würde, wenn ich gefragt würde, „Treibland“ dennoch als Krimi empfehlen, einfach weil ich die Sprache von Till Raether mag. Er umhüllt seine Figuren mit der perfekten Mischung aus Liebe und Herablassung, die auch scheinbar nebensächliche Dialoge zu eleganten Florettgefechten werden lässt.

 

Tatort: Hamburg

Der Leser wird Hamburg wiedererkennen, wenn er Treibland liest, auch wenn die Handlung im Prinzip in erster Linie auf dem Kreuzfahrtschiff und den Anlegern davor spielt. Die architektonischen Absonderlichkeiten, die sich in der Hafen-City breitmachen, handelt Raether nur in Nebensätzen, aber sehr treffend ab. Insofern ist, und dafür ist man ja immer dankbar, „Treibland“ kein Hamburg-Krimi, sondern ein Krimi, der zufällig in Hamburg spielt und der Hansestadt gerade soviel Aufmerksamkeit zukommen lässt, wie sie als Krimi-Tatort verdient.

Till Raether, Treibland, Rowohlt-Polaris, 495S., 14,99€, VÖ: März 2014

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„Eisnattern“, Eher Krippenspiel als Krimi. Totzdem gut

„Och, nöö“: Ein Roman in Ich-Form. „Hilfe“: Auch noch mit einer weiblichen Erzählerin. Ein Lokalkrimi außerdem noch:“ Hmmmpf“. „Neinneinnein“: ein Quentin-Tarantino-Zitat als Nachweis popkulturellen Bildungsbürgertums gleich auf den ersten Seiten. Der erste Kontakt verläuft wirklich eher sperrig und lässt nichts Gutes ahnen. „Eisnattern“ heißt das neueste Werk von  Simone Buchholz, die vor einigen Jahren die Hamburger Staatsanwältin Chas Riley erfunden hat

Als Kriminalroman ist „Eisnattern“ eine Fehlbesetzung

Um es gleich vorwegzunehmen. Als Kriminalroman ist „Eisnattern“ tatsächlich eine Fehlbesetzung. Wer Spannung, komplexe Handlungsstränge oder wenigstens finstere Schurken in seinem Krimi erwartet, wird bitterlich enttäuscht. Und doch ist der neue Roman von Simone Buchholz auf eine liebenswert verschrobene Weise großartig. Die Hamburgerin erzählt in „Eisnattern“ eine Art Weihnachtsgeschichte. Ganz ohne Engel, offenkundige Wunder oder Besinnlichkeit, aber mit einem gekonnt zusammengestellten Ensemble von Verlierern, die ihren Weg durch den Hamburger Winter suchen.

Hilfe für Hilflose in Hamburgs Kälte

Natürlich gibt es so etwas wie eine Handlung. Chas Riley (der Vater ist wohl Amerikaner, deshalb der Name) wird von ihren Vorgesetzen nach Hause geschickt, damit sie ihren Resturlaub abbummelt  – auch eine Staatsanwaltschaft ist schließlich nichts anderes als eine deutsche Behörde. Sie langweilt sich, streunert durch ihren Kiez, St. Pauli und das Karolinenviertel und findet einen Obdachlosen, der brutal zusammengeschlagen wurde. Es soll nicht der einzige bleiben. Riley macht sich an die Nachforschungen, um herauszufinden, wer sich an den Schwächsten der Schwachen vergreift.

Ein mitreißendes Krippenspiel der besonderen Art

Eigentlich aber stolpert sie in diesen Tagen rund um das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel durch ihr eigenes Leben, mit dem sie trotz ihres akademischen Grades und des profilierten Berufes überraschend schlecht zurecht kommt. Richtig glaubwürdig ist das natürlich nicht, dass eine Ermittlerin mit Prinzipien sich im Rotlichtmilieu herumtreibt. (Es soll ja auch korrupte Beamte geben, bei man das dann eher erwarten würde.) Die hilflosen Versuche der Frau, ihr Privatleben zu ordnen, sind jedoch einer wirklich perfekten Mischung aus schnoddriger Nonchalance und ergreifender Rührseligkeit aufgeschrieben. Der zugig-ungemütliche, elbnahe Teil Hamburgs und das liebevoll detailliert beschriebene Personal rund um Chas Riley bilden so die perfekte Kulisse für ein Krippenspiel der besonderen Art.

„Eisnattern“ ist vielleicht kein großer Krimi oder wegweisende Literatur, aber der Roman unterhält sehr gut. Damit ist er ein guter Begleiter für die leicht sentimentalen Stunden auf dem Weg zum Weihnachtsfest, bevor einen die  Wucht des familiären Wahnsinns umbläst und auf den Boden der Realität schleudert.

 

Tatort:Hamburg

„Eisnattern“ spielt in einem besonderen Mikrokosmos. Im Prinzip bewegen sich Ermittlerin und Gegenspieler in einem  zu Fuß zu bewältigenden Radius rund um das Heiligengeistfeld in der Schnittstelle zwischen Karolinenviertel und St. Pauli. Der Tatort Hamburg, gegen den sich ja ansonsten so einiges vorbringen ließe, hat den Vorteil, dass das „Exotische“ direkt vor der Haustür liegt. Die Elbe ist Wendeplatz und Startpunkt für so manchen Weltreisenden, die dazugehörigen Elbbrücken sind nicht nur Touristenmagnet. Sie sind immer auch Fernwehpunkt. Insofern haben die Hamburger (und ihre Krimi-Autoren) den Vorteil, dass ihnen tatsächlich die Welt zu Füßen liegt. Es ist immer schön, wenn einer dann auch mal hinguckt.

Simone Buchholz, Eisnattern, Droemer, 220 S., 12,99€

VÖ: November 2012

 

 

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Stephan M. Rother konstruiert ein packendes Duell zweier gegensätzlicher Seele

Das „Fleurs du Mal“ ist ein eher zwielichtiges Etablissement im Herzen Hamburgs. Die Kunden kaufen hier nicht einfach nur Sex, hier können sie auch ihre dunkelsten Phantasien ausleben. Dass das damit endet, an einen Stuhl gefesselt, gefoltert, verstümmelt und schließlich ermordet zu werden, ist jedoch selbst für das „Fleurs du Mal“ ungewöhnlich – und so herrscht dort helle Aufregung als die Polizei eintrifft.

Ein Polizist als Mordopfer in „Ich bin der Herr deiner Angst“

Die Beamten der Mordkommission, die in ihren Laufbahnen schon einiges gesehen haben, trifft beim Anblick der Leiche ein Schock. Der Ermordete war einer von ihnen, offenbar ist ein Undercover-Einsatz gründlich daneben gegangen. Die Polizisten rund um das ungewöhnliche Duo Jörg Albrecht und Hannah Friedrich hat gerade erst mit den Ermittlungen begonnen, als die nächste Hiobsbotschaft eintrifft. Eine weitere Kollegin ist verschwunden – auch sie wird kurze Zeit später grausam zugerichtet und ermordet aufgefunden. Irgendjemand hat es, so scheint es, auf die Beamten des Kommissariats von Albrecht abgesehen.

Ein furioser Auftakt

Stefan M. Rother ist mit „Ich bin der Herr deiner Angst“ der dichteste und temporeichste Auftakt zu einem Kriminalroman dieses Jahres gelungen. Mit seinem kunstvoll gewebten Schrecken hilfloser, selbst ins Visier geratener Polizisten zieht er seine Leser in den Bann.

Leider, so viel sei vorweg genommen, kann er das furiose Tempo des Auftaktes nicht ganz halten. Die Geschichte dreht sich nach kurzer Zeit. Aus einem packenden Polizeiroman entwickelt sich ein beinahe ebenso fesselnder Psychothriller. Ins Zentrum des Falles um eine lang zurück liegende grausame Verbrecherserie entwickelt sich ein Duell zweier gegensätzlicher Geister. Der leidenschaftliche Polizist und Kämpfer für die Wahrheit Jörg Albrecht muss sich nicht nur einem perfiden Verbrecher, sondern auch seinen dunkelsten Geheimnissen und einem komplexen Geflecht aus Angst, Manipulation und Rache stellen. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche drückt aufs Erzähltempo, ist deshalb aber keineswegs weniger spannend.

Stephan M. Rother arbeitet mit spannenden Perspektivwechseln

„Ich bin der Herr deiner Angst“ ist auch deshalb spannend, weil Rother zumindest zwei Perspektiven verwendet. Neben der „Draufsicht“ des Erzählers lässt er die Kommissarin Hannah Friedrichs ihre Sicht auf die Ereignisse schildern. Dieser dauernde permanente Persepktivwechsel ist ein gelungener Kniff, die Geschichte noch einmal interessanter zu erzählen. Auch deshalb gehört der Kriminalroman zu den interessantesten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs.

 

Tatort:Hamburg

Das Leben eines Polizisten spielt sich offenbar an drei Orten ab. Entweder besichtigt er einen Tatort, oder er sitzt sich seinen Hintern im Kommissariat platt, oder er macht das Gleiche hinter dem Steuer seines Wagens. Stephan M. Rother scheint mit der Verkehrssituation der Freien und Hansestadt Hamburg nicht recht zufrieden zu sein, zumindest lässt er seine Protagonisten regelmäßig in den verstopften Adern eine offenbar kurz vor dem Infarkt stehenden Patienten im Stau stehen. Wer zur Rush-hour schon einmal Zeit auf einem der sogenannte „Ringe“ zugebracht hat, wird in „Ich bin der Herr deiner Angst“ sehr schnell den Tatort Hamburg wiedererkennen. Über die Lenkrad-Perspektive hinaus bleibt Hamburg in dem Roman eher blass. Die Stadt ist zum einen eher Staffage für ein Duell, dass in erster Linie in den Köpfen der Hauptdarsteller ausgefochten wird und zum anderen geht es zur Ermittlung regelmäßig nach Niedersachsen, selbst Braunschweig wird so beinahe zum Vorort der Stadt an der Elbe. Das ist gewagt, tut dem „Gesamtkunstwerk“ aber keinen Abbruch.

Stephan M. Rother, Ich bin der Herr deiner Angst, Rowohlt Polaris, 9,99€

VÖ: 2. April 2012

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Irene Stratenwerth erfindet einen Krimi um eine Anwältin mit Herz

Die Figur der Kristina Wolland ist eine pure Fiktion – und zwar eine schlechte, weil sie zugleich Anwältin und eine guter Mensch ist. Dass sich Juristen tatsächlich mitfühlend in das Schicksal anderer Menschen hineindenken können, wird jeder bezweifeln, der sich während seines Studiums unbeabsichtigt einmal einer juristischen Fakultät und den gierigen Gestalten, die sie bevölkern, genähert hat. Insofern mag man kaum glauben, dass Kristina Wollank mit ihrer einer kleinen Straßenkanzlei die weniger privilegierten der Gesellschaft vertritt und sich überdies noch zum Vormund einer obdachlosen Freundin (!) bestimmen ließ. Aber das sind natürlich alles nur Vorurteile…

Irene Stratenwerth und ihre unwahrscheinliche Ermittlerin

Irene Stratenwerth hat diese unwahrscheinlichste aller Ermittlerinnen ausgerechnet im piekfeinen Hamburg angesiedelt: „Im wilden Osten dieser Stadt“ heißt der bereits zweite Kriminalroman um die unkonventionelle Anwältin mit dem Talent, sich Ärger aufzuhalsen. Ausgerechnet ihr „Mündel“, wenn man diesen Begriff angesichts von Alter und Lebensumständen der Obdachlosen Angie verwendend darf, wird tot aufgefunden. Die Umstände sind ungeklärt. Kristina Wolland weigert sich jedoch, an einen Unfalltod oder Selbstmord zu glauben. Kurz darauf verschwindet eine weitere Frau – und ihr Freund, ein Deutscher mit russischen Wurzeln, bittet die Anwältin um Hilfe. Es entspinnt sich ein Drama um Frauenhandel, osteuropäischen Banden und deutschen „Gutmenschen“, die genau genommen, wenig Gutes im Sinn haben.

Ermittlungen im Windschatten der Polizei

Angesichts häufig ausufernder Kriminalromane präsentiert sich „Im wilden Osten dieser Stadt“ schon rein äußerlich angenehm kompakt. Die Geschichte findet in einem überschaubaren Taschenbuch Platz und bietet Krimi-Unterhaltung für ein oder zwei verregnete Nachmittage oder eine sehr lange Zugfahrt. Die Lektüre fällt aber auch deshalb leicht, weil Irene Stratenwerth eine, wie man trotz aller Vorurteile zugeben muss, sympathische Ermittlerin auf die Suche nach Tätern und Opfern schickt. Besonders glaubwürdig ist die Figur der Hobby-Detektivin wider Willen dann aber deshalb, weil sie eigentlich weniger ermittelt, als vielmehr genervt einem Klienten bis an den äußersten Rand Europas folgt und dabei eher zufällig und im Windschatten der Polizei die entscheidenden Puzzleteile eines Rätsels zusammenfügt.

Ein solider Kriminalroman

Der „wilde Osten“ ist schwierig zu fassen. Die Geschichte ist im Vergleich zu vielen marktschreierischen Thrillern angenehm unspektakulär, ein beinahe altmodischer Kriminalroman, aber genau deshalb fehlt ihm gelegentlich das letzte Tempo, das mitreißende Spannungselement. Das gilt auch für die Sprache: Der Krimi ist solide, aber eben auch nicht besonders aufregend aufgeschrieben. Im Zentrum steht ein brisantes Thema und ergreifende menschliche Schicksale, aber in der Beschreibung menschlichen (männlichen) Fehlverhaltens erschöpft sich die Gesellschaftskritik. Insofern könnte ein Fazit lauten: „Im Wilden Osten dieser Stadt“ ist vielleicht kein großer, aber ein guter Krimi, der einen zuverlässig unterhaltend durch einen verregneten Nachmittag oder eine ermüdende Zugfahrt bringt. Und das ist ja auch nicht das Allerschlechteste…

 

Tatort:Hamburg

Hamburg ist eine reiche Stadt. Vor allem im Zentrum haben die Kaufleute und Unternehmer ihre Spuren hinterlassen. Prächtige Fassaden, herausgeputzte, belebte Straßen zeugen von altem, die Bauwut in Hafen- und Speicherstadt von neuem Reichtum. Etwas anders sieht es in den östlichen Vororten der Hansestadt aus. Hier werden die Fassaden schäbiger, die Straßen deutlich leerer, der Ton rauer. Dieses Hamburg, das in Reiseführern kaum vorkommt, beschreibt Irene Stratenwerth in ihrem Kriminalroman und zeichnet damit einen oft vergessenen Charakterzug des feinen Hamburgs. Beinahe ebenso interessant ist aber auch der Ausflug nach Odessa, den die Autorin ihrer Anwältin spendiert. Im äußersten Südosten Europas trifft Kristina Wolland auf den morbiden Charme einer einstmals mondänen Stadt, einer Stadt, die im Kommunismus niedergeschlagen und anschließend vom Kapitalismus ausgesaugt wurde. Dennoch ist die Stadt, wenn man der Autorin glauben darf, nicht klein zu kriegen, blüht bei aller Käuflichkeit in Nischen immer wieder jugendlich, optimistisches Leben, leuchtet, wenn auch blass, das Licht einer Zukunft.

Irene Stratenwerth, Im wilden Osten dieser Stadt, Rowohlt, 239 S., 8,99€

VÖ: März 2012

 

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Arno Strobel liefert eine furiose Jagd auf einen Serienmörder

Eine junge Frau wird vermisst. Es fehlt jede Spur von der Tochter eines Hamburger Zeitungsverlegers. Die Sonderkommission kommt bei den Ermittlungen nicht wirklich voran – bis eine weitere junge Frau ein Päckchen erhält. Der Absender hat offenbar auf menschlicher Haut Teile eines „Romans“ geschrieben. Die Polizisten ahnen, dass das nicht gut ausgehen kann.

Ein Rennen gegen die Zeit

Die Hamburger Kommissare Andrea Matthiessen und Stephan Erdmann müssen erkennen, dass für sie ein klassisches Rennen gegen die Zeit begonnen hat, denn der Täter folgt einem fest gefügten Muster – und tatsächlich häufen sich sowohl Entführungs- als auch Mordfälle. Die Ermittlungen werden nicht leichter, weil die Polizisten von einem fiesen Vorgesetzten schikaniert werden, was geordnete Polizeiarbeit nicht gerade einfach macht.

Ein Roman im Roman von Arno Strobel

Arno Strobel hat sich die Geschichte ausgedacht und eine „Roman im Roman“-Handlung konstruiert. Der Mörder folgt der Anleitung des Schriftstellers Christoph Jahn. Dessen Buch, wie auch Strobels Roman heißen „Das Skript“. Obgleich die Idee nicht ganz neu ist und insbesondere im Film vermutlich bereits hundertfach umgesetzt wurde, funktioniert die Grundidee sehr gut. Strobel hat einen außerordentlich dichten Kriminalroman erdacht, der mit einem furiosen Auftakt den Leser in die Seiten zieht und bis zum Schluss nicht mehr loslässt.

Strobel hat eine spannende Jagd in einer Handlung aufgeschrieben, die zwar wenig Seitenstränge oder falsche Fährten enthält, aber mit unaufhaltsamer Wucht auf einen action-geladenen Show-Down zusteuert.

Ermittler mit Konturen und Tiefe

Der gebürtige Saarländer hat überdies in seinem „Skript“ ein gleichermaßen sympathisches wie glaubwürdiges Ermittlerteam versammelt. Er verleiht dem handelnden Personal Konturen und Tiefe, ohne gleich deren gesamtes Innenleben auszubreiten. Das schafft eine unaufdringliche Nähe, den Beschreibungen eines unmenschlichen, raffinierten Serienmörders werden so fehlbare, aber engagierte Ermittler entgegengesetzt, die Bindung schaffen.

 

Tatort:Hamburg

Arno Strobel ist Saarländer, arbeitet in Luxemburg und lebt in Trier. Für seinen Roman „Das Skript“ hat er sich in Hamburg herumführen lassen. So fallen gelegentlich Straßennamen, Stadtviertel und markante Plätze, insgesamt bleibt die Hansestadt Hamburg jedoch blass. Strobel hat einen Kriminalroman geschrieben, der mit wenigen Suche&Ersetze-Befehlen beliebig gesamten deutschen Sprachraum „versetzt“ werden könnte. Das ist schade, weil Krimileser, die einen interessanten Tatort zu schätzen wissen, zu kurz kommen, aber andererseits auch unwichtig, weil das Skript als tempogeladener Thriller auch ohne lokale Verankerung gut funktioniert.

Arno Strobel, Das Skript, Fischer, 382 S., 8,99€

VÖ: 6. Februar 2012