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Joakim Zanders Der Bruder: Facettenreich, intelligent, überambitioniert

Thematisch liegt Joakim Zander ziemlich genau in der Zeit. Er schreibt über die misslungene Integration von Migranten, die Radikalisierung von Jugendlichen, den Terror des IS und die Vermarktung der Sicherheit als Geschäft
Der Bruder heißt der neue Thriller des Schweden, der sich mit Themen auseinandersetzt, die auch unsere Schlagzeilen beherrschen. Drei Personen stehen im Zentrum des Romans. Die junge Yasemine Ajam ihr Bruder Fadi  und Klara Walldéen die der Leser schon aus dem sehr gelungenen „Der Schwimmer“ kennt. Yasemine lebt in New York, gerade ist ihr die zweite Flucht gelungen. Die erste schaffte sie als Jugendliche, die der Vororthölle Stockholms, in der Zuwanderer und Flüchtlinge wie in einem Ghetto lebten, entkam, und zu Beginn der Handlung lässt sie ihren gewalttätigen Freund hinter sich, der sie regelmäßig verprügelte.

Ein verblasstes Foto als einziges Lebenszeichen

Yasemine entdeckt ein Lebenszeichen, ein verwaschenes, unscharfes Foto ihres Bruders, der doch eigentlich in Syrien (?) ums Leben gekommen sein soll, gestorben als fanatischer Moslem in einem sinnlosen Bürgerkrieg.

Zander erzählt aus drei Perspektiven

Zander erzählt „Der Bruder“ aus drei Perspektiven, er spinnt das Garn für drei Geschichten. Das hat seinen Reiz, ist aber vor allem zu Beginn ein wenig anstrengend, weil der Leser da erst in den Rhythmus kommen muss. Auf der Habenseite bekommt der Leser dafür drei Geschichten zum Preis von einer, so eine Art Überraschungsei unter den Büchern. Der Bruder ist Sozialdrama, Selbstfindungsgeschichte und Verschwörungsthriller in einem, der – das ist ja typisch schwedisch – eine gehörige Portion Gesellschaftskritik transportiert. Er schildert den Irrsinn fundamentalistischer  Moslems, zeigt aber auch wie die Umstände, die Hoffnungslosigkeit des Lebens, die Tristesse der Umwelt, junge Menschen in die Fänge der Verführer geraten.

Zander liefert keine einfachen Erklärungen

Dass es in Der Bruder nicht wirklich Helden gibt, sondern nur Figuren, die durch die Handlung, durch unbeeinflussbare Ereignisse eher durch das Leben gepeitscht werden, macht den Reiz von „Der Bruder“ aus. Dabei ist der Thriller gleichermaßen vielschichtig wie überraschend. Wer einfache Erklärungen sucht, ist bei Zander falsch.

Die Stärken werden zu Schwächen.

In den Stärken des Romans liegen zugleich seine Schwächen, er ist vielleicht etwas zu überambitioniert, das dämpft  die Faszination, die sich beim Leser im Idealfall auch bei komplexen Stoffen einstellt. Zudem sind nicht alle Stränge gleichermaßen gut gelungen, neben atemberaubenden Passagen gibt es auch eher durchschnittliche Abschnitte, insbesondere die Hauptdarstellerin des ersten Teils bleibt eher blass. Hier wird der Leser durch den Klappentext in die Irre geführt. Das kann man als Marketingidee machen, führt aber zu einer, wie man neudeutsch sagt, Nutzerenttäuschung.

Joakim Zander, Der Bruder, Rowohlt Polaris, 459S., 14,99€, VÖ: Oktober 2016

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Die besten Krimis des Jahres 2014

Die besten Krimis des Jahres: Auch 2014 hatte ich wieder viel „Material“ in den Händen – und es war wieder  einige raußergewöhnlich gutes und spannende Bücher dabei. Deshalb auch in diesem Jahr wieder ein Überblick über die meiner Meinung nach gelungensten Krimis und Thriller. Die mittlerweile schon fast traditionelle Top-5-Liste der Spannung.

Tom Hillenbrand: Drohnenland

Eine düstere Zukunftsvision, die eigentlich alle Schreckenszenarien abhandelt. Überwachungsstaat, Korruption, Herrschaft der Konzerne, Klima-Katastrophe Tom Hillenbrand verwendet die ganz großen Themen als perfekte Kulisse für einen gelungenen Kriminalroman – der noch lang ein Erinnerung bleibt.

Tom Hillenbrand, Drohnenland, KiWi, 423S., April 2014

Rosa Ribas, Sabine Hofmann: Das Flüstern der Stadt

Ein bedrückendes Stück Zeitgeschichte arbeitet das deutsch-spanische Autoren-Duo in „Das Flüstern der Stadt“ auf. Barcelona unter der Knute der Falangisten der Franco-Ära in den fünfziger Jahren ist die heimliche Hauptdarstellerin in einem intelligent erdachten Krimi mit sympathischen „Ermittlerinnen“.

Rosa Ribas, Sabine Hofmann. Das Flüstern der Stadt, Kindler, 512S. 29. August 2014

Jochen Frech: Hochsommermord

Vergleichsweise unspektakulär kommt „Hochsommermord“ daher, ein Kriminalroman geschrieben von einem Polizisten. Gerade weil das Debüt von Jochen Frech nicht versucht, mehr zu sein, als ein solider, unterhaltsamer Krimi, ist es so sympathisch. Frech schafft das Kunststück, Wohlfühlatmosphäre und spannende Krimihandlung zu verknüpfen.

Jochen Frech, Hochsommermord, btb, 318S., Januar 2014

Elisabeth Elo: Die Frau, die nie fror.

Die surrealste Idee des Krimi-Jahres hatte Elisabeth Elo. Die Amerikanerin stattete ihre Protagonistin nicht nur mit einer sehr komplexen Biographie sondern auch mit der Fähigkeit aus, kaltes Wasser gut zu vertragen. Das nutzt die Hauptfigur denn auch, um ein Verbrechen mitten im Nordatlantik aufzuklären. Klingt schräg? Ist aber gut gemacht.

Elisabeth Elo, Die Frau, die nie fror, Ullstein, 505 S., März 2014

Joakim Zander: Der Schwimmer

Wer verworrene Verschwörungstheorien mag ist bei Joakim Zander genau richtig. Der Schwede schreibt von den Missetaten eines US-Geheimdienstes, gedeckt durch finstere Gestalten in der EU-Bürokratie in Brüssel. „Der Schwimmer“ ist sehr spannend und sehr mitreißend. Die perfekte Lektüre für dunkle Winterabende.

Joakim Zander, Der Schwimmer, Rowohlt, 431S., 1. September 2014

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Joakim Zanders Der Schwimmer: Politthriller und Familiendrama

Kriminalromane sind eines der wichtigsten Exportgüter Schwedens jenseits praktischer Buchregale. Da ist dann natürlich oft Durchschnitt dabei, gelegentlich aber auch außerordentlich Gelungenes. So ist das auch mit Joakims Zanders „Der Schwimmer“.

Die Geschichte um den alternden CIA-Agenten und die junge schwedische Juristin ist gleichzeitig verschachtelt komplex und spannend zielstrebig konstruiert. Das passt auch zum Thema, das hochpolitisch scheint, eigentlich aber um eine einfache Vater-Tochter-Beziehungsgeschichte kreist.

Das Schwimmbecken wird in „Der Schwimmer“ zum Fluchtpunkt

Das sind die Handlungsstränge: Da ist der CIA-Agent, der im Damaskus der achtziger Jahre bei einem Attentat seine Frau verliert, die Tochter weggeben muss, nach dem doppelten Verlust nur mühsam wieder auf die Beine kommt und letztlich bei seinem Arbeitgeber, dem US-amerikanischen Geheimdienst, ein Fremdkörper bleibt. Ruhe findet er nur beim Schwimmen.

Gnadenlose Jagd auf eine einsame Schwedin

Dann ist da die schwedische Juristin Klara Walldéen, die in Brüssel als Referentin einer Abgeordneten arbeitet und trotz Karriere und profiliertem Lover zwischen allen Stühlen zu schweben scheint In weiteren Erzählsträngen trifft der Leser auf einen Wissenschaftler, der sich mit Misshandlungen im Krieg beschäftigt und seiner Ex Klara Walldéen Informationen zukommen lässt, die lebensgefährlich werden sollen: Unter anderem ein kokainsüchtiger Lobbyist, schmierige Anwälte und gewalttätige Verbrecher machen bis zu einem furiosen Showdown in der einsamen Schärenwelt der Ostsee Jagd auf die Schwedin. Sie alle wollen ein grausames Verbrechen vertuschen.

Politthriller und Familiendrama

Joakim Zander macht das, wie ich finde, sehr gut. Er benutzt das „Haifischbecken“ Brüssel und die modernen Verhörmethoden der USA, die von Kritikern ja nicht völlig zu unrecht als behördlich gebilligte Folter bezeichnet werden, als Kulisse für eine im Grunde sehr persönliche Geschichte. Vater und Tochter müssen mit dem Verlust leben, auch wenn diese frühe Trennung nur der Vater bewusst durchlitten hatte. Im Leben beider klafft seither eine Lücke, die sie zwar funktionieren, aber nicht wirklich glücklich werden lässt: Das Gefühl der Verlorenheit erzählt Zander ohne viele Worte darauf zu verwenden beinahe beiläufig, aber zugleich sehr glaubwürdig und bewegend.

Zander steht mit dieser Mischung von großer Politik und persönlicher Tragödie in bester schwedischer Krimi-Tradition. Denn das macht die besseren schwedischen Krimis aus: Dass sie Gesellschaftskritik und individuelle Dramen perfekt verquicken, also zugleich empören und bewegen, und dabei dennoch ihre erzählerische Leichtigkeit bewahren.

Joakim Zander, eine Krimi-Neuentdeckung

Man könnte als von einer echten Krimi-Neuentdeckung sprechen. Allerdings mit einer kleinen Einschränkung: Joakim Zander ist Jurist und hat selber in Brüssel beim EU-Apparat gearbeitet: Er verfügt durch seine eigene Biografie also über reichlich Anschauung – und die hilft ja meistens beim Schreiben. Es wird interessant zu sehen, wie sich Joakim Zander schlägt, wenn er ohne „Insiderwissen“ auskommen muss.

Tatort:Schären

Damaskus, Stockholm, Kabul, Langley, Brüssel: Joakim Zander hat sich für sein Debüt eine große Bühne gezimmert. Der Schwede schafft es, jeden seiner „Tatorte“ mit wenigen Worten gekonnt in Szene zu setzen. Die spezielle Stimmung, die diese Orte ausmacht, findet sich in „Der Schwimmer“ gelungen wieder. Der packendste „Tatort“ ist jedoch eine kleine Schäreninsel vor der Küste Schwedens.

Bei Zander ist der Schärengürtel kein paradiesischer Fluchtort für deutsche Touristen. Seine Schären sind dunkel, kalt, sturmumtost und einsam. Eher ein bedrohlicher als ein idyllischer Ort, der dennoch Heimat und Fluchtburg werden kann. Diese Widersprüchlichkeit lässt sogar die viel beschrieben schwedischen Schären noch einmal interessant und geheimnisvoll erscheinen. Auch das ist, obgleich es nur um eine Nebensächlichkeit wie die Kulisse für einen Krimi geht, eine Leistung.

Joakim Zander, Der Schwimmer, Rowohlt, 431S., 14,99€, VÖ: 1. September

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