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Ein Krimi aus der Frontstadt des Kalten Krieges

Ein Szenario des Schreckens: Mitten im Kalten Krieg beschließt eine kleine Gruppe innerhalb des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA, dass es Zeit wird, die Konfrontation mit der UdSSR auf ein neues Niveau zu heben. Eine raffinierte Verschwörung soll den nach Ansicht der Hardliner schlaffen Präsidenten John F. Kennedy in eine offene Konfrontation mit der sowjetischen Führung treiben. Als passender Ort für die Eskalation wählen die Kriegstreiber die Frontstadt Berlin.

Die letzten Stunden vor dem Mauerbau

In dieses Szenario schickt Uwe Klausner seinen Berliner Kriminalpolizisten Tom Sydow. Der erfahrene Ermittler stößt bei einem Mordopfer, das in einem S-Bahnwagen gefunden wird, auf zahlreiche Ungereimtheiten. Als immer weitere Tote auftauchen, und Sydow und sein Team immer weitere Hinweise auf Manipulation entdecken, spitzt sich die Situation zu. Die deutschen Polizisten müssen sich nun mit Geheimagenten aus beiden Lagern auseinandersetzen. Die Uhr tickt zum Ultimatum. Der Bau der Mauer, dass allerdings weiß der Kommissar zu Beginn nicht, ist nur noch wenige Stunden entfernt.

Das „Kennedy-Syndrom“ von Uwe Klausner“

„Kennedy-Syndrom“ heißt der Roman von Uwe Klausner, der pünktlich zum 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer am 13. August erscheint und munter mit Spekulationen zum Thema „Wer wusste was“ spielt. Klausner webt dazu Handlungsstränge in den USA und Berlin zusammen. Weder der CIA, noch der US-amerikanische Präsident noch die Westberliner Polizeiführung kommen dabei besonders gut weg.

Der Kriminalroman Klausners hinterlässt nach der Lektüre allerdings zwiespältige Gefühle. Klausner vermag es eine Geschichte zu erzählen, die Verdichtung der Handlung auf die wenigen letzten Tage vor dem Mauerbau gelingen ihm zur spannenden Geschichtsstunde. Dennoch wirkt das Thema, ein Agententhriller, der in den sechziger Jahren spielt, leicht angestaubt.

Marken und Moden der sechziger Jahre

Das gilt auch für die Sprache. Klausner stattet seine Akteure mit dem Wortschatz jener Jahre aus. Das ist sehr anfangs sehr amüsant, auch weil der Autor Moden, Marken und Begriffe der Sechziger wieder ausgräbt und liebevoll inszeniert. Aber leider verwendet er diesen Stil auch für seine eigenen Beschreibungen – und das wirkt mitunter altbacken. Als Berlin-Krimi oder für Freunde historischer Momentaufnahmen ist „Das Kennedy-Syndrom“ dennoch sehr gut geeignet.

 

Tatort:Berlin

Das Berlin des „Kennedy-Syndroms“ ist das alte Westberlin. Die Stadt ist geteilt, aber noch offen. Die Figuren halten sich daher an Plätzen auf, die in jenen Jahren – und eigentlich bis zum Fall der Mauer – zentral für das Leben im Westteil der Stadt waren, heute jedoch an den Rand der Wahrnehmung gedrängt sind, auch weil sich das Zentrum wieder Richtung Osten verschoben hat. Uwe Klausner lässt dieses „alte“ Berlin als in Charlottenburg, Schöneberg und Zehlendorf noch das Herz der Stadt schlug, wieder auferstehen. Beim Lesen ergeben sich – zumindest für den Leser, der jene Mauerjahre bewusst miterlebt hat – zahlreiche Déjà-Vu-Erlebnisse. Für sie, aber ganz besonders für die Nachgeborenen das „Kennedy-Syndrom“ vielleicht weniger ein Krimi: Das Kennedy-Syndrom ist nicht nur für eine politische Zeitreise geeignet sondern auch als historischer Stadtführer.

 

Uwe Klausner, Kennedy-Syndrom, Gmeiner, 11,90 €

VÖ: 13. August 2011

 

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Klassiker

Ein perfektes Duo: Georges Simenon und Kommissar Maigret

Das waren noch Zeiten. Zur Pause ließ der Kommissar für seinen Assistenten und sich an langen Arbeitstage belegte Baguettes und Bier kommen. Nicht eins, sondern gleich drei, natürlich. Überhaupt gab es rein dienstlich reichlich Gelegenheiten zum trinken.  Absinth, Weißwein, Bier – und als Mittel gegen Kälte – auch den einen oder anderen Cognac.
Kommissar Maigret hatte kein einfaches Leben als Ermittler, aber der begeisterte Pfeiferaucher lebte, zumindest was die Duldung kleinerer Laster anging, in seligen Zeiten. 1929 betrat der hünenhafte Ermittler erstmals die literarische Bühne.

Unorthodoxe Ermittlungsmethoden

Gleich in seinem ersten Fall muss sich Maigret mit einer Art internationaler Verbechersyndikat auseinandersetzen: „Pietr der Lette“ leitet eine Verbrecherorganisation, die europaweit operiert, vermögende Bürger um ihr Geld bringt und auch vor Mord nicht zurück schreckt. Der Kommissar, den sich der belgische Schriftsteller Georges Simenon erdachte, hat dabei unorthodoxe, aber nichts desto trotz erfolgreiche Ermittlungsmethoden. Die Polizisten rücken den Verbrechern ganz schlicht beinahe buchstäblich auf die Pelle, folgen all ihren Bewegungen auf Schritt und Tritt, um sie so nervös zu machen und zu verräterischen Fehlern zu verleiten.  Natürlich stellt sich im Verlauf heraus, dass Verbrecher doch nicht so einfach denken, wie sich das die Bürohengste in den Polizeizentralen so ausdenken. Auf Maigret, der sich seinen Fällen stets mit Haut und Haar verschreibt,  jedenfalls wartet kriminalistische Schwerstarbeit.

Ein Polizist mit viel Verständnis für Missetäter

Die Reihe um den Pariser Ermittler mit dem großen Verständnis für alle gescheiterten Seelen erhält ihren besonderen Reiz dadurch, dass sie für uns heute in einer komplett anderen Welt spielen: Über 80 Jahr steht der erste Band der Reihe, „Maigret und Pietr der Lette“ jetzt schon in den Buchhandlungen. Elektrisch Licht, Telefon und Taxi waren noch erwähnenswerte Besonderheiten. In Maigrets Büro sorgte noch ein handbefeuerter Ofen für angenehme Wärme. (Den er auch in Zeiten nach der Einführung einer Zentralheizung behalten sollte) International wurden gelegentlich über die nagelneue Organisation „Interpol“ Telegramme ausgetaucht.

Enorm intensive und glaubwürdige Krimis

Das Paris Maigrets wirkt nostalgisch bis exotisch, ersteht aber in den Beschreibungen Simenons vibrierend zu Leben und wirkt trotz der zeitlichen Ferne sehr vertraut. Deshalb „funktionieren“ die Kriminalromane Simenons bis heute hervorragend. Die Zeiten waren andere, die Umstände gelegentlich faszinierend skurril, aber die Sehnsüchte, Wünsche und Motive der Menschen haben sich in 82 Jahren nicht wirklich verändert- und damit auch nicht die Intensität und Glaubwürdigkeit der Maigret-Krimis.
„Pietr der Lette“ ist der erste von insgesamt 75 Maigret-Romanen, die den Weltruhm von Georges Simenon begründen. Ganz „nebenbei schuf der schreibwütige Belgier noch 120 Romane jenseits des Maigret-Universums.

Die Entstehung des Krimi-Erstlings ist dabei so faszinierend wie sein „Schöpfer“ selber, der 1903 in Lüttich geboren wurde und 1989 in Lausanne verstarb. Wenn man dem Autor glauben darf, entstand der „Lette“ in vier Tagen an Bord einer Yacht im Hafen von Amsterdam.  Das erscheint insofern glaubwürdig, als Simenon bis dahin sein Geld als Autor von schnell verfassten Groschenromanen verdiente. Die Maigret-Premiere war der erste Versuch, einen literarischen Kriminalroman zu schreiben – und der erste Roman, den Simenon nicht unter einem Pseudonym veröffentlichte.

 

Tatort:Paris

Kommissar Maigret ermittelt in Paris. Oft sucht er vornehme Orte auf, muss sich in Hotels oder der Oper einquartieren und wirkt dort meist wie ein Fremdkörper. Zumindest versucht ihn das Personal des öfteren abzuwimmeln. Das Paris Maigrets befindet sich auch eher in den Seitenstraßen, im Café um die Ecke, in der kleinen Bar des einfachen Volkes. Hier fühlt sich der Kommissar wohl, hier fängt Simenon die Stimmung des Pariser Alltagslebens perfekt ein. Die französische Hauptstadt Simenons ist ein historischer Ort. So sollte man insbesondere die frühen Maigret-Romane auch lesen. Die Beschreibungen heruntergekommener Mietskasernen jedenfalls geben einen guten Einblick ins Paris der Vorkriegszeit. Der Glanz, die Pracht, aber eben auch die Hoffnungslosigkeit, die Tristesse jedenfalls sind so eindringlich beschrieben und haben eine derart überzeugende innere Wahrhaftigkeit, dass man sie auch heute bei einem Paris-Besuch wiederentdecken kann – wenn man so genau hinschaut, wie das Georges Simenon und sein literarischer Begleiter Jules Maigret einst taten.

Georges Simenon, Maigret und Pietr der Lette, Diogenes, 9 €

VÖ: 1929 (D 1959)

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„Der Federmann“ von Max Bentow ist ein rundum gelungenes Debüt

Es gibt Krimis, die überzeugen durch ihren raffinierten Plot. Andere begeistern, weil sie durch die Eleganz der Sprache auffallen, wieder andere, weil sie gesellschaftliche Zustände erklären und mehr sind „mehr“ als ein Kriminalroman. Und dann gibt es da noch die Krimis, von denen man noch nicht einmal genau sagen kann, was ihre außerordentliche Faszination ausmacht, die man aber nicht zur Seite legen kann, bis man die Auflösung erfahren hat.

Ein Plot mit sehr hohem Tempo

„Der Federmann“ von Max Bentow gehört in diese Kategorie. Das ist deshalb bemerkenswert, weil diese „Pageturner“  in der Regel im angelsächsischen Raum entstehen. In den USA und Großbritannien verstehen sich die Autoren darauf, Bücher zu schreiben, die den Plot mit einem extremen hohen Tempo vorantreiben und dabei eine enorm fesselnde Spannung entwickeln. Alles andere wird dem untergeordnet.

Dass Max Bentow einen Thriller geschrieben hat, der diese Merkmale aufweist, spricht für die Qualität des neuen Autoren auf dem Krimimarkt.

Jagd nach einem Serienmörder

Die Geschichte ist eher dabei eher einfach. Ein Serienmörder geht in Berlin um und ermordet Frauen. Der Täter geht äußerst brutal vor, foltert und verstümmelt seine Opfer. Am Tatort hinterlässt der Mörder zudem stets einen toten Vogel.  Kommissar Nils Trojan beginnt zu ermitteln und gerät bald selber in das Visier des Serienmörders. Das ist zugegeben nicht sehr originell, aber in diesem Fall außerordentlich gut erdacht.

Auch der „Federmann“ kann seine Heimat nicht völlig verleugnen. Deutsche Krimis der jüngsten Zeit weisen zwei eher merkwürdige Gemeinsamkeiten auf. Die Autoren neigen zu deutscher Gründlichkeit und beschreiben bis ins letzte Detail. Außerdem haben die Ermittler oder ihre Angehörigen, seltene, extrem merkwürdige Krankheiten. Vermutlich liegt beides daran, dass die Autoren häufig Journalisten sind und Belege ihres angelesenen Wissens und ihrer gründlichen Recherche abliefern müssen. Leider geht das allzuoft zu Lasten des Tempos.

Typisch deutsch?

Auch Max Bentow erliegt (teilweise) dieser doppelten Versuchung. Am Anfang verliert er sich bei seinen Szenen in zu viele Details und sein Kommissar leidet unter einer Angststörung mit regelmäßigen Panikattacken. Deshalb besucht der Polizist sogar eine Therapeutin. Hier enden die Gemeinsamkeiten mit anderen deutschen Krimis. Der „Federmann“ nimmt spätestens ab dem zweiten Viertel gewaltig Fahrt auf, und die Leiden des Kommissars und der Gang zur Therapeutin sind wichtiger Bestandteil der Handlung. Hier hat die erdachte Krankheit der Hauptfigur tatsächlich einen literarischen Sinn.

„Der Federmann“ ist ein gelungenes Debüt: Ungewöhnlich spannend und bis zum Schluss fesselnd. Die Ankündigung der PR-Strategen des Verlages, das ein Roman den Auftakt zu einer „neuen Krimiserie“ bilde, muss ja leider allzu oft als Drohung verstanden werden. Bei Max Bentow stimmt das den Krimi-Leser tatsächlich neugierig.

 

 

Tatort:Berlin 

Max Bentow, eigentlich Schauspieler und Dramatiker ist Berliner. Er kennt also seine Stadt. „Der Federmann“ spielt im südlichen Zentrum der Hauptstadt. Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln sind die Zentren des Romans. Der Kommissar bewegt sich mit dem Fahrrad durch die Straßen, die Wegbeschreibungen sind so genau, dass man die Wege, die der Ermittler nimmt, problemlos nachfahren könnte. Der Mittvierziger Bentow fängt die Stimmungen, die in den jeweiligen Kiezen zu spüren ist, gut ein. Die intellektuelle Bürgerlichkeit Schönebergs ist genau so glaubwürdig wie der Völkergemisch Kreuzbergs und die latenten Hoffnungslosigkeit das beinahe schon Stadtrandbezirkes Neukölln. Das Berlin Bentows zeigt einen realistischen Querschnitt. Es ist weder die Hochglanzmetropole der Neuen Mitte noch das Elendsquartier der Plattenbauten – und auch das ist, angesichts dessen, was mit Berlin in den vergangen Jahren literarisch bisweilen veranstaltet wird, sehr sympathisch.

Max Bentow, Der Federmann, Page&Turner, 14,99€

VÖ: 8. August 2011

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Klassiker

Eine erfreuliche Lektüre: Agatha Christies „Mord im Orientexpress“

Hercule Poirot hat einen scharfen Verstand. Er hört, was andere verpassen, er sieht, was andere nicht erkennen, und er stellt die richtigen Zusammenhänge her.  Kein Wunder, dass einem kleinen Körper ein großes Ego gegenübersteht. Die Aufklärungsrate – wie man das heute nennen würde – gibt dem Belgier, der ein polyglotter Handlungsreisender in Sachen Wahrheit war, immer wieder recht.

Mord im Kurswagen Istanbul-Calais

Einer der bekanntesten Kriminalfälle der Weltliteratur führt Hercule Poirot in einen Zug, den Orientexpress. Auf der Reise von Istanbul nach Wien bleibt der Zug im Balkan in einer Schneewehe stecken. Am nächsten Morgen wird eine Leiche gefunden. Die Umstände ergeben, dass nur einer der Reisenden aus Kurswagen Istanbul-Calais zum Täterkreis gehören kann.  In dieser Variante des geschlossenen-Raum-Thrillers folgt eine extrem spannende,  bis zum Schluss fesselnde Suche nach dem Täter. Die überraschende Auflösung eines länger zurückliegenden Entführungsdramas mit tödlichem Ausgang soll hier, auch wenn die Geschichte mittlerweile siebzig Jahre alt ist und weithin bekannt sein dürfte, nicht verraten werden.

Grundlage für einen Hollywood-Klassiker

Agatha Christie, Grande Dame des Krimis, erdachte den Plot in den dreißiger Jahren, als der Zug noch das wichtigste Reisemittel war und sich halb Europa in Bewegung befand. In Deutschland erschien die Kriminalgeschichte um den wunderlichen und wunderbaren Detektiv zunächst unter dem Titel „Der rote Kimono“. Spätestens seit der oscarprämierten Hollywood-Verfilmung mit Albert Finney, Ingrid Bergmann, Sean Connery, Lauren Bacall, Robert Redford und weiteren hochkarätigen Stars aus dem Jahr 1974 nennt auch in Deutschland den Krimi jeder bei seinem richtigen Namen: „Mord im Orientexpress“.

Spannender Einblick ein eine andere Zeit

Die Idee zur Rahmenhandlung kam Agatha Christie, als sie selber einmal während einer Reise mit dem Orientexpress stecken blieb.  Mit ihrem vierzehnten Werk gelang der Britin einer der wichtigsten Krimis der Geschichte. Auch wenn der Roman mittlerweile über siebzig Jahre auf dem Buckel hat, ist er unvermindert zu empfehlen. Das gilt in mehrfacher Hinsicht. Er gewährt zunächst Einblick in eine andere Welt, als noch Zofen, Gouvernanten und Butler die Welt bevölkerten und eine Reise in ein anderes Land für sich noch ein mehrtägiges Abenteuer darstellte. Zudem ist die Sprache, die zwar gelegentlich antiquiert anmutet – so bezeichnet eine Figur ein Buch, das sie liest, als „überaus erfreulich“ –  insgesamt von einer erfrischenden Klarheit.  Christie hat das Talent mit einer Mischung aus scheinbar völlig belanglosen Details und schnell skizzierten großen Linien ein atmosphärisch dichtes Bild zu zeichnen: Das gilt für den Tatort wie für das gesellschaftliche Umfeld gleichermaßen.

Schließlich ist der „Mord im Orientexpress“, verteufelt spannend. Die Lektüre lohnt sogar für diejenigen, die ihn in ihrer Jugend gelesen und die Verfilmung gesehen haben. Der Roman ist derart kunstvoll gewoben, dass er auch bei der „Wiedervorlage“, um es mit den Worten Agatha Christies zu sagen, „überaus erfreulich“ ist.

 

Tatort:Orientexpress

Der „Mord im Orientexpress“ ist, wie der Name schon andeutet, ein Kammerspiel. Der Reiz liegt zum Gutteil darin begründet, dass die Personen und die Handlung in einem eng umrissenen Raum gefangen sind. Den derart definierten Tatort erweckt Agatha Christie perfekt zum Leben. Der Leser fühlt den Glanz der ersten Klasse des Kurswagens Istanbul-Calais genau so, wie die Enge, die Zugabteilen damals wie heute trotz des privilegierten Status ihrer Reisenden zu eigen ist. Das Holz der Wände, das Leinen der Betten, die abgestoßenen Koffer der Reisenden scheinen, obwohl Agatha Christie für derlei Beschreibungen angenehm wenige Worte aufwendet, mit allen Sinne förmlich spürbar. So ersteht trotz des engen Korsetts der Handlung, des eingeschränkten Bewegungsspielraums der Personen eine ganze Ära mit all ihrem lang verblassten Glanz, ihrem ganz eigenen Charme wieder zum Leben. Auch das ein Grund einmal ein Buch hervorzunehmen, das seit Jahrzehnten beinahe vergessen in den Bücherregalen ruht. Zwischen den Buchdeckeln ist nämlich bis heute kein einziges Staubkorn zu finden.

Agatha Christie, Mord im Orientexpress, Fischer, 7,95€

VÖ: 1. Januar 1934

Einen Text von mir dazu gibt es auch auf dem WLG

 

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Lisa Gardners „Ohne jede Spur“: Eher einfach gehaltene Krimikost

Sandra, Jason und ihre Tochter Ree sind eine amerikanische Vorzeigefamilie. Jason arbeitet als Journalist, Sandra als Lehrerin und das Töchterlein ist altersgerecht einfach nur süß: Das Trio lebt in einem der besseren Bostoner Vororte. Die Familie hat Freunde, vor allem Sandra gilt als beliebt.

Dann aber verschwindet die Ehefrau und Mutter spurlos. In Verdacht gerät alsbald der Ehemann. Langsam beginnt die Fassade des gelebten amerikanischen Traumes zu bröckeln. Die Ermittler um Sergeant Detective D.D. Warren fördern bei ihren Untersuchungen so manches dunkle Familiengeheimnis ans Tageslicht. Auch die scheinbar so unkomplizierte Ehefrau, das vermeintliche Opfer, ist längst nicht so perfekt wie es auf den ersten Blick schien.

Ein Krimi-Kammerspiel

Bis zur Lösung des Falles müssen sich die Polizisten durch manche überraschende Wendung kämpfen und stehen lange Zeit, so will es Lisa Gardner, die sich „Ohne jede Spur“ erdacht hat, eigentlich den größten Teil der Zeit als staunende Beobachter am Rande der Ereignisse.

Die US-Autoren hat bei „Ohne jede Spur“ einen Plot ersonnen, der einige Raffinesse aufweist. Die Geschichte um die Kleinfamilie ist als intensives Kammerspiel konstruiert und verwöhnt mit zahlreichen überraschenden Momenten.

Viele schlicht gezeichnete Figuren

Dennoch ist „Ohne jede Spur“ bestenfalls als zwiespältig zu bezeichnen. Die Figuren sind eher schlicht gezeichnet. Von der Polizistin D.D Warren, einer 38-Jahre alte Frau, erfährt man beispielsweise nur, dass sie natürlich „umwerfend gut“ aussieht, auf All-You-Can-Eat-Buffets steht und sich chronisch unerfüllten Sex-Tagträumen hingibt.

Ähnlich einfallslos ist auch die Beschreibung der Männerwelt. Männer, die wichtig sind, haben beinahe ausnahmslos dunkles, volles Haar (eventuell – das macht sie „interessant“ –  mit grau melierten Schläfen), ein markantes Kinn und einen breiten, zumindest durchtrainieren Brustkorb. Perfiderweise gilt das auch für die „Schurken“, die derart „getarnt“ nicht auf Anhieb zu erkennen sind. Eigentlich sehen sie alle männlichen Figuren aus wie Patrick Dempsey, Schauspieler der US-Serie „Greys Anatomy“. Ehrlicherweise macht sich Gardner irgendwann auch gar nicht mehr die Mühe, ihr Männerbild im Detail aufzuschreiben, sondern verweist nur noch auf „McDreamy“.

„Ohne jede Spur ist also ein spannender Krimi, aber einer von sprachlicher und kreativer Schlichtheit, den ausgemachte Fans des Genres wegen seines Tempos zu schätzen wissen, Freunde gut geschriebener Kriminal-Literatur aber mit einem empörten Seufzer zur Seite legen werden.

 

 

Tatort: Boston

Lisa Gardner hat eher ein Kammerspiel verfasst. Größere Erkenntnisse über Bosten sind aus „Ohne jede Spur“ nicht zu gewinnen. Die Stadt scheint austauschbar, die Geschichte könnte in jeder US-amerikanischen Großstadt bzw. ihren Vororten spielen. Interessanter sind daher die unmittelbaren Schauplätze. Das Haus der Familie Jones erscheint als stereotypes Heim einer US-amerikanischen Durchschnittsfamilie. Wer also wissen will, wie „der Amerikaner“, wie man sich ihn  einst in den Köpfen der weißen Mittelschicht (und in Hollywood) idealisierte, so lebt, wird im Krimi von Lisa Gardner einige Erkenntnisse ziehen können.

Lisa Gardner, Ohne jede Spur, Rowohl, 9,99€

VÖ: 1. August 2011

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Massimo Carlotto brilliert über Liebe und Leid in der Welt der Ganoven

Der serbische Geschäftsmann und Mafioso hält auch im Angesichts des Todes treu zu seiner Sekretärin und Geliebten. Der Polizist kämpft um seine Braut, eine drogensüchtige Prostituierte. Der Schmuggler und Auftragskiller watet für seine Freundin, eine zwielichtige Tänzerin, beinahe buchstäblich  knöcheltief durch Blut. Sie alle verbindet die „Banditenliebe“, jene Seelenlage, die auch den härtesten Typen weich werden lässt. Es ist kein romantisches Gefühl, der Himmel hängt nicht voller Geigen, ein Happy-End ist selten – und wenn dann jenseits jeglicher Hollywood-Vorstellungen. Und doch ist diese skurrile Liebe unter gescheiterten Existenzen im schlammig-grauen Bodensatz der Gesellschaft trotz Lüge und Betrug wahrhaftig, innig und herzergreifend.

Ein ungleiches Trio auf Rachefeldzug

Diese Banditenliebe ist es auch, die die Handlung im gleichnamigen Roman von Massimo Carlotto vorantreibt. Sylvie, die Freundin des alternden Schmugglers Beniamino wird entführt – und, wie sich herausstellen soll, von ihren Peinigern über einen lange Zeitraum vergewaltigt und gebrochen. Beniamino versucht, unterstützt vom  Ex-Aktivisten Max und der gescheiterten Existenz Marco Buratti, Carlotto-Lesern auch als der „Alligator“ bekannt, zunächst seine Freundin zu befreien und später zu rächen.

Das ungleiche Trio bewegt sich auf gefährlichem Terrain, denn die Gegner gehören der serbischen beziehungsweise kosovarischen Mafia an. Da gilt es mit harten Bandagen zu kämpfen. Die drei unfreiwilligen Rächer machen sich dabei regelmäßig die Hände schmutzig. Die Umstände sind halt so. Das nordöstliche Italien des Romans befindet sich erstens weitgehend in der Hand ehemaliger, zu  finsteren Mafioso mutierten Schergen des untergegangenen jugoslawischen Regimes und ist überdies bis ins Mark korrupt. So lassen sich, wenn man Carlotto folgt, selbst diejenigen Polizisten schmieren, die ernsthaft Verbrecher jagen.

Die Grenzen zischen Gut und Böse verschwimmen

In „Banditenliebe“ sind mit Mord, Drogenhandel, Raub und Erpressung so ziemlich alle Untaten versammelt, die sich ein krimineller Geist auszudenken vermag. Gut und Böse unterscheiden sich nur durch eine schwammige unsichtbare Grenze, die die Bösen immerzu, die Guten nur unter großen Skrupeln überschreiten. Für den Leser ist das aus der sicheren Distanz des heimischen Wohnzimmers äußerst vergnüglich. Carlotto, der selber einst jahrelang auf der Flucht vor der Polizei war, unschuldig wegen Mordes im Gefängnis saß und  durch seine Figur des politischen Exhäftlings autobiographische Elemente einfließen lässt, ist ein ungeheuer dichter Roman gelungen. Dessen Reiz liegt auch darin, dass der Autor die schlimmsten Abgründe verbrecherischer Seelen in einem beinahe lockeren Plauderton beschreibt. Dieser anfangs etwas gewöhnungsbedürftige Stil, der Leichtigkeit mit einem hohen Tempo und Präzision kombiniert,  steigert jedoch die Spannung ungemein.  Dass Carlotto ganz nebenbei auch noch das unermessliche  Universum der Liebe in all ihrer Unmöglichkeit und gleichzeitigen Ewigkeit in seinem Roman untergebracht hat, macht das Lesevergnügen perfekt.

 

Tatort:Norditalien

In Padua leben etwas mehr als 200000 Menschen. Ihre Größe und Lage im Nordosten Italiens  machen die Stadt zum idealen Einfalltor für alle, die aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Italien wollen. Im Padua von Massimo Carlotto sind das viele – und sie haben jede Menge Unheil im Gepäck. Auf diesen  Ballast – Drogen, Waffen und ähnliches – beschränkt der Autor seine Beschreibungen. Der idyllischen Altstadt, den Sehenswürdigkeiten oder dem Umland widmet Carlotto nur wenig Worte. Für die Charakterisierung der Heimat seiner Figuren müssen einige wenige, kaum vertrauenserweckende Spelunken und Cafés herhalten. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, schließlich hat Carlotto einen Krimi und keinen Reiseführer geschrieben. Dennoch schafft der Mittfünfziger es, die Atmosphäre der Region nachvollziehbar einzufangen. Dass ihm das ohne viele Worte zu verlieren gelingt, macht die große Qualität seines jüngsten Krimis aus.

 

Massimo Carlotto, Banditenliebe, Tropen, 17,95 €

VÖ: Juli 2011

 

 

 

 

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Malin Fors soll einen Mörder jagen und ist selber eine Getriebene

Malin Fors kämpft. Sie ringt mit Verbrechern, Dämonen der Vergangenheit und einem beträchtlichen Alkoholproblem. Es ist schwer zu sagen, welcher Kampf der Polizistin mehr abverlangt. Einen ihrer Gegner kennt sie, einen ahnt sie, einen verleugnet sie lange Zeit.

Bei allen Problemen ist Fors eine gute Ermittlerin. Im weitgehend unbekannten Linköping, im Herzen Schwedens, hat die Kriminalbeamtin einen hervorragenden Ruf. Sie kann sich trotz aller persönlicher Probleme in Verbrecher und Opfer hineinfühlen und „hört die Stimmen“ ihre Fälle. So geht ihr das auch bei ihren aktuellen Ermittlungen.

Tod eines neureichen Widerlings

Im Burggraben eines hochherrschaftlichen Schlosses treibt ein Toter. Das Opfer ist ein besonders unangenehmer Zeitgenosse. Jerry Petersson war innerhalb kurzer Zeit zu sehr viel, beinahe unanständig viel Geld gekommen. Sein Vermögen hat er mit wenig Skrupeln und auf Kosten anderer zusammengehäuft. Freunde hatte der Mann, das finden die Ermittler schnell heraus, jedenfalls keine. Eher schon einen Haufen Feinde, beispielsweise den alten Adel, dem er das Schloss abkaufte – und mit dessen Familienmitgliedern der Tote, wie sich alsbald herausstellen soll, eine lange, gemeinsame Geschichte verbindet.

Ermittlerin auf einem absteigenden Ast

Der schwedische Autor Mons Kallentoft schickt seine Ermittlerin Malin Fors mittlerweile zum dritten Mal auf Mördersuche. Die Polizistin befindet sich privat in einer deutlich abwärts zeigenden Spirale. Sie hat einen Überfall auf ihre Tochter nicht verwunden. Sie trinkt und funktioniert nur noch mühsam. Ihre Familie zerbricht daran. Auch die Arbeit beginnt zu leiden. Dennoch findet sie sich in dem Gestrüpp aus Klassenkonflikten, Familiendramen und Intrigen einigermaßen zurecht.

Mons Kallentoft ist mit „Blutrecht“ ein interessanter Krimi gelungen. Insbesondere der Kampf seiner Kommissarin gegen sich selber, ihre Unfähigkeit zur Kommunikation, ihre fortschreitende Selbstzerstörung birgt – bereits ohne Mordermittlung – eine enorme innere Spannung. Kallentoft hat anders als viele andere skandinavische Autoren, die bei ihren Krimis meistens die gesamtgesellschaftlichen Zustände betrachten, eher eine Art geistiges Kammerspiel geschaffen.  Die Spannung entsteht vor allem in den Köpfen der handelnden Personen, zu denen – das sei als Warnung für den ausschließlich rational denkenden Leser vorausgeschickt – gelegentlich auf die Toten gehören. Wer darüber hinwegsehen kann, wird mit einem sehr spannenden, im besten Sinne tiefgründigen Krimi belohnt.

 

Tatort:Linköping

Es sind wenige Orte, die „Blutrecht“ bestimmen. Mons Kallentoft beschreibt Linköping, immerhin die siebtgrößte Stadt Schwedens, als einen eher blassen Ort mit kleinbürgerlicher Ausstrahlung. Die Einwohner der Industrie- und Universitätsstadt  leben meist in biederen Wohnungen und dürfen, so der Autor, durchaus als provinziell bezeichnet werden.

Obwohl der Mittvierziger wenige Worte über die Stadt verliert, ist sie gut greifbar. Die Wohnungen der Akteure, das Kommissariat und das Schloss, in dem der Tote gefunden wird, sind derartig gut skizziert, dass zumindest die fiktive schwedische Stadt greifbar zum Leben erweckt wird. Das Linköping Kallentofts ist eine solide, scheinbar heile bürgerliche Welt, der bei genauem Hinsehen jedoch schnell die Abgründe ansieht, die unter der Oberfläche warten.

Mons Kallentoft, Blutrecht, Wunderlich, 19,95 €

VÖ: 15. Juli 2011

 

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Ein Journalist muss in italienischen Gewässern im Trüben fischen

Das Zwitschern eines Vogels, das Rauschen eines Flusses das gleichmäßige Klackern der Absätze einer elegant dahingleitenden Frau. Geräusche können überraschend sein, spannend, bisweilen sogar betörend. Für Kaspar Lunau sind sie nur noch eine Last. Eine rätselhafte Krankheit lässt ihm jede Geräuschkulisse zum bedrohlichen Klangbrei, beinahe Schädel sprengende Belastung werden. Ein echtes Handicap für jemanden, der beim Radio arbeitet, und erst recht für einen investigativ arbeitenden Journalisten. Natürlich stürzt sich der Mann allen Widrigkeiten zum Trotz dennoch ohne nachzudenken in alle möglichen Abenteuer.

Eine Mauer des Schweigens

Ein Anruf genügt und Lunau setzt sich in den Flieger nach Italien. Eine junge Frau hatte ihn angerufen, von einem mysteriösen Mord erzählt und ihn so nach Ferrara gelockt. Damit fangen die Probleme für Kaspar Lunau an. Der Fall ist kompliziert, verborgen hinter einer Mauer des Schweigens. Zudem ist die junge Frau, die ihn rief –  wie junge Frauen nun einmal gelegentlich so sind – eher kapriziös-kompliziert. Zu allem Überfluss trachten ihm Unbekannte nach dem Leben.

Es dauert nicht lang, und der deutsche Journalist gerät in einen mörderischen Strudel von Gier, Gewalt und Korruption. Kaspar Lunau muss an den Ufern des Po, so will es sein Schöpfer Christian Försch, beinahe buchstäblich im Trüben fischen: „Aqua Mortale“, tödliches Wasser, heißt das Debüt des Italienkenners, das, so schreibt der Autor, zugleich Auftakt einer neuen Serie werden soll.

Debüt eines Italienkenners

Der Autor kennt sein Italien, das ist deutlich zu erkennen. Die Beschreibungen sind präzise, die Gassen Ferraras, die Ufer des Flusses, Schleusen und Wehre erstehen äußerst lebendig. Försch hat zudem einen interessanten Plot mit Wendungen erdacht, die auch den anspruchsvollen Krimileser zufrieden stellen können. Dennoch hinterlässt „Aqua Mortale“ ein zwiespältiges Gefühl.  Försch, selber Journalist und Filmemacher, hat, wie es Aufgabe seines Berufsstandes ist,  sorgfältig recherchiert. „Aqua Mortale“ strotzt vor Präzision, die man manchem aufstrebendem Politiker bei seinem Verfassen seiner Doktorarbeit wünschen würde. Allerdings leidet darunter das Tempo. Der Erstling Förschs ist so zwar durchaus gelungen, aber wegen manches akribisch aufgeschriebenen Nachweises intellektueller Durchdringung von Land und Leuten insgesamt etwas zu lang. Das wirkt sehr klug, aber auch – ein Phänomen, das insbesondere bei deutschen Autoren gelegentlich zu beobachten ist – streberhaft, als müsste der Autor auf jeder Seite den Beweis seines Könnes antreten. Das gelingt. Dennoch wäre gelegentlich etwas mehr Schlamperei, etwas mehr Coolness wünschenswert.

 

Tatort:Ferrara

Christian Försch lebt in Ferrara. Das merkt man. Es gelingt dem Mittvierziger, beinahe perfekt das Flair einer italienischen Stadt einzufangen. Hier sind es Lunaus präzise Beobachtungen, die dem literarischen Ort Leben einhauchen.  Das heruntergekommene Fußballstadion, die abgelegenen Wiesen vor den Toren der Stadt, der verblichene Charme historischer Gebäude in verwinkelten Gassen, die Tristesse von Sozialwohnungen – all das lebt in „Aqua Mortale“ und verströmt italienisches Lebensgefühl und gehört zu den größten Stärken des Buches.
Ferrara, in der Po-Ebene gelegen, ist eine Renaissance-Stadt, die zwar schon im 8. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde, aber erst durch die Herrschaft des Fürstengeschlechts der Este Berühmtheit erlangte. Einer der herrschaftlichen Baumeister jedenfalls erweiterte einst den Stadtkern. Dieser frühe Akt organisierter Stadtplanung begeistert noch heute. Die Altstadt Ferraras ist Weltkulturerbe der Unesco – und auch deshalb eine prima Kulisse für Krimis mit italienischem Flair.

Christian Försch, Aqua Mortale, Aufbau Verlag, 12,99

VÖ: 25. Juli 2011

 

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Aus Island kommt erneut ein melancholischer Kriminalfall

Alkohol scheint der wichtigste Treibstoff des Lebens im hohen Norden. Das gilt offenbar auch auf Island. Die Bewohner der einsamen Insel im nördlichen Atlantik scheinen bei jeder Gelegenheit hochprozentigem Stoff zuzusprechen. Das trifft, wenn man Aevar Örn Josepsson glauben darf, auf Ganoven genauso so zu, wie auf Polizisten. Jedenfalls greifen seine Figuren bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zur Flasche.

Zerstörerische Süchte

Ein besonders schweres Alkoholproblem hat Olafur Aki Bardarson. Im Prinzip verlässt der Mann seine Wohnung nur noch aus zwei Gründen. Zum einen, um Alkohol zu kaufen, und zum anderen, um seinen zweiten Treibstoff zu „tanken“. Bardarson ist süchtig nach dem Wort Gottes, so wie es der zwielichtige Prediger Meister Magnus verbreitet und folgt dessen Predigten im Fernsehen und auf der Bühne. Es ist nicht völlig klar, welche Sucht zerstörerischer wirkt

Die doppelte Droge bekommt Olafur Bardarson schlecht. Er wird ermordet. Das fällt lange Zeit niemandem auf. Erst mit reichlich Verspätung beginnen die Polizisten Stefan, Katrin, Arni und Gudni von der Mordkommission in Reykjavik zu ermitteln. Dass sämtliche Spuren alt und erkaltet sind, macht die Sache nicht gerade einfacher. Dennoch tummeln sich auf den Fluren der Polizei bereits kurze Zeit später scharenweise Verdächtige, und ein mühsames Puzzle auf der Suche nach dem Mörder beginnt.

Eine Mischung aus Melancholie und Verschrobenheit

Krimis aus Island wohnt meist ein ganz eigener Zauber inne. Es ist wohl diese einzigartige Mischung aus Melancholie und Verschrobenheit, die beim Leben zwischen Gletschern, Vulkanen und Geysiren entsteht und in die Romane aus dem Norden einfließt.  Das gilt auch für „Wer ohne Sünde ist“ von Aevar Örn Josepsson. Der dritte Roman des Isländers, der einst in Freiburg Philosophie und englische Literatur studierte, nimmt nach einem sperrigen Auftakt spätestens im zweiten Drittel Fahrt auf und entwickelt krimi-gerechte Spannung. Josepsson lässt sich zu Beginn Zeit, das Elend einer gescheiterten, insgesamt zutiefst unsympathischen Existenz zu entwickeln. Das hat Tiefgang, aber das bremst, genau wie die isländischen Namen, die sich  jedes Mal erneut sperrig lesen. Wer Geduld aufbringt, sich durch den Beginn „hindurchzuarbeiten“, wird mit einem soliden Krimi mit gutem Unterhaltungswert belohnt.

 

 

Tatort:Island

Es leben nicht besonders viele Menschen auf Island. Knapp 350.000 Inselbewohner kommen auf über 100.000 km2 zurecht (Im Vergleich: Im Bayen leben auf 70.000 km2 über zwölf Millionen Menschen). Es gibt also jene Menge einsame Stellen auf der Insel. Je nach charakterlicher Disposition leiden oder erfreuen sich Josephssons Figuren an Vulkan- und Geröllwüsten. Nicht jeder Isländer, so die Botschaft es Autors, ist ein Naturbursche. Viel mehr erfährt der Leser nicht über die Schönheit Islands. Josephsson verzichtet weitgehend auf eine ausgreifende Schilderung seiner Heimat. Ihm sind die Binnenorte, das geistige Klima seiner Handlung wichtiger – und das sieht beinahe genauso trist, wenn nicht gar schlimmer, als ein abgelegenes Geröllfeld aus. Triste Sozialbauten und spießige Wohnklötze eines kleinbürgerlichen Mittelstandes bestimmen die Szenerie in „Wer ohne Sünde ist“. Gescheitert scheinen sie alle, die einen ganz offensichtlich, die anderen unsichtbar, aber kaum weniger trist, so als würde eine riesige, dunkelgraue Wolke aus Vulkanasche jegliche Lebensfreude ersticken. Das klingt traurig, ist aber – als literarisches Konzept – in der richtigen Dosierung sehr unterhaltsam.

Aevar Örn Josepsson, Wer ohne Sünde ist, btb, 9,99€

VÖ: Juli 2011

 

 

 

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Philip Kerr schickt Bernie Gunther erneut auf eine spannende Zeitreise

Kuba, 1954. Carlos Hausner sitzt inmitten der Nachkriegswirren in einem Nachtclub, genauer gesagt in einem Bordell und schlürft entspannt an einem Drink. Ein Idyll? Vielleicht. Wenn, dann keines, das lange währt. Die Besitzerin des Etablissements erpresst den Mittfünfziger, eine junge kommunistische Revolutionärin (und gesuchte Mörderin) mit seinem Boot nach Haiti zu bringen. Von da an gerät der Besitzer eines argentinischen Passes in beträchtliche Schwierigkeiten.

Carlos Haussner ist allerdings Kummer gewohnt. Er musste in den Jahren zuvor für die argentinische Junta arbeiten und für die US-amerikanische Mafia. Hausner scheint das Pech magisch anzuziehen. Kein Wunder, eigentlich ist Hausner Bernhard Gunther, ehedem Berliner Kriminalkommissar mit einem außerordentlich großen Talent, sich Probleme aufzuhalsen.

Ein Polizist, der das Pech scheinbar magisch anzieht

Tatsächlich gerät Hausner, beziehungsweise Gunther, auf seiner Überfahrt von Cuba in die USA an Gegner, die Junta und Mob wie zahme Pfadfinderclubs erscheinen lassen. Die US-Marine bringt Gunthers Boot auf. Der Deutsche gerät in die Hände der CIA. Von da an wird es kompliziert – und für den Ex-Cop lebensgefährlich.

Der US-Autor Philip Kerr jagt seinen liebevoll Bernie genannten Ermittler jetzt bereits zum siebten Mal unbarmherzig durch die deutsche Geschichte. „Field Grey“, was die PR-Strategen etwas unglücklich mit „Mission Walhalla“ übersetzt sehen wollen, heißt das neueste Abenteuer Gunthers.

Bernie Gunther kommt weit herum

Kerr lässt seinen knurrigen Polizisten, der vergeblich versucht moralisch sauber zu bleiben, dabei immer wieder tief im Schlamm wühlt und feststellen muss, dass viel zu viel vom Dreck haften bliebt, weit herumkommen – geographisch wie chronologisch. Berlin, am Ende der Weimarer Republik, Paris nach der deutschen Besetzung, Minsk während des Russlandfeldzuges, ein Kriegsgefangenenlager in den Weiten der Sowjetunion und die junge Bundesrepublik im Jahr des „Wunders von Bern“ sind die wichtigsten, aber beileibe nicht alle Orte der Handlung.

Philip Kerr schließt damit zum Entzücken seiner treuen Leser Lücken in der Biographie seines Darstellers. In erster Linie aber hat der Brite wieder einen enorm packenden Thriller geschrieben. “Field Grey“ bietet eine raffiniert gewobene Geschichte mit zahlreichen überraschenden Wendungen, die selbst routinierte Krimi-Leser zu verblüffen vermögen.

Das ist aber auch wenig überraschend, denn bereits mit seiner „Berlin Noir“-Trilogie, dem Ursprung der Romane um Bernhard Gunther, hat Philip Kerr das Genre des historischen Krimis auf ein neues, enorm anspruchsvolles Niveau gehoben.

Philip Kerr plündert hemmungslos die deutsche Geschichte

Der britische Autor taucht dabei tief in die deutsche Geschichte ein, baut hemmungslos bekannte und unbekannte Figuren jener Jahre ein. Reinhard Heydrich spielt eine Rolle – und in „Field Grey“ erstmals auch der spätere Stasi-Chef Erich Mielke. Kerr zeichnet komplexe Figuren, lässt das Leid deutscher Kriegsgefangener in Sibirien genauso auferstehen wie die Misshandlung der Gefangenen im Vichy-Frankreich, vor allem aber die Greueltaten der Nazi-Schergen. Nie jedoch lässt er bei aller Spielerei mit der Geschichte die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus dem Blick, gleich von wem sie begangen wurden. Dass sich Bernie Gunther bei seinen ebenso energischen wie hilflosen Versuchen, das Richtige zu tun, immer wieder in der Geschichte verstrickt, macht einen großen Reiz der Serie aus.

 

 

Tatort:Berlin

Berlin ist die Heimat Bernhard Gunthers. Er lebt in einer Seitenstraße des Kudamms, arbeitet im Polizeipräsidium am Alex und kennt jede Kaschemme, jeden Puff, jeden Club im Wedding und anderswo. Gunther ist Polizist im Berlin der untergehenden Republik und der beginnenden Nazizeit und kommt herum. Das Berlin jener Jahre und das zerbombte Berlin der Nachkriegszeit ersteht in „Field Grey“ plastischer auf als je zuvor in den Thrillern Philip Kerrs. Gunther steht prototypisch für die Bewohner der Metropole. Er trinkt massenweise Bier, Schnaps und hat, so Kerr, die „Ausstrahlung eines Friedhofsgräbers“.

Philip Kerr legt weniger Wert auf eine detaillierte Beschreibung. Wichtiger ist es ihm, die Atmosphäre, die Stimmung seiner Schauplätze einzufangen – und das gelingt ihm immer wieder mit höchster Perfektion, sei es beim Kriegsgefangenenlager in Sibirien, sei es im Arbeiterwohnblock im roten Wedding, sei es im verschwenderisch prächtigen Hotel Adlon der Weimarer Republik.  So ensteht, auch ohne den lehrerhaften Ton des Geschichtsprofessors das historische Berlin neu.

 

Philip Kerr, Mission Walhalla, Wunderlich, 19,95€, VÖ: 15. Juli 2011