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Jagd auf Deppen? Ein neuer Sebastian Bergman-Krimi von Hjorth/Rosenfeldt

Eine der wichtigsten Fragen, die sich zuletzt bei den Kriminalromanen von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt aufdrängte, kreist darum, wie sehr Sebastian Bergman mit neuerlicher menschlicher Niedertracht dem Leser auf die Nerven geht. In den letzten Bänden wurde die Lektüre der Serie wegen der Penetranz des schwedischen Profilers beinahe zur Qual.

Neue Eskapaden eines therapiebedürftigen Psychologen

Im neuesten Band kann man beinahe Entwarnung geben. Die Eskapaden des dringend therapiebedürftigen Psychologen halten sich in „Die Menschen, die es verdienen“ in Grenzen. Der fünfte Band um das Team der Reichsmordkommission ist auch deshalb insgesamt sehr unterhaltsam geraten.

Ein Serienmörder macht Jagd auf Ignoranz

Hjorth/Rosenfeldt haben sich einen Täter erdacht, der – vereinfacht formuliert – Deppen umbringt. Der fiktive Serienmörder hat es auf die Prominenz moderner Zeit abgesehen; Doku-Soap-Stars, Blogger und andere Sternchen, die ihren Erfolg leistungsfrei zu erreichen scheinen. Jedenfalls entführt der Serienmörder C- und D-Prominenten, unterzieht sie einem Wissenstest. Wer bei diesem „Check“ der Allgemeinbildung durchfällt, stirbt. Das Team um Torkel Höglund läuft dem Täter lange Zeit  weit hinter her, bis Sebastian Bergman, der noch immer versucht, eine Beziehung zu seiner Tochter herzustellen, mal wieder einen waghalsigen Alleingang startet, ein „Stunt“, der dramatische Folgen haben soll.

Die Romane des Autorenduos Hjorth/Rosenfeldt sind ja immer ein Vergnügen, ob nun trotz oder wegen der penetranten Ausfälle des Sebastian Bergman. Die beiden Schweden denken sich jedenfalls immer wieder spannende Geschichten aus, verwirren mit kunstvoll gelegten Nebengleisen und schreiben das auch noch sehr dicht auf.

„Die Menschen, die es nicht verdienen“, eine starke Folge der Serie

Dass sie sich bei allen persönlichen Verwicklungen und Problemen der Protagonisten in „Die Menschen die es nicht verdienen“ nach einigem Geplänkel zu Beginn darauf konzentrieren, einen ungewöhnlichen Kriminalfall zu erzählen, trägt meiner Meinung nach zu bei, dass der neueste Band eher zu den stärkeren Folgen der Serie zählt. Und wer sich jetzt sorgt, dass bei Sebastian Bergman, seiner Tochter Vanja, Teamchef Torkel, sowie Billy und Ursula Normalität eingekehrt sein könnte, kann sich entspannt zurück- bzw. angespannt vorlehnen. Bei Hjorth/Rosenfeldt ist für Durchschnitt und das Normale kein Platz.

Ein Krimi mit pädagogischem Trostpflaster

Ein pädagogisches Trostpflaster für alle Blogger und Menschen mit überschaubarer Allgemeinbildung haben die Autoren auch: Natürlich ist das Wissen, dass ihr Mörder abfragt, verstaubt. In Zeiten von Smartphone und Google komme es, so der Schluss, doch mehr darauf an, zu wissen, wie man an Informationen komme. Das ist doch für sehr beruhigend für den Krimi-Blogger, der trotz eines Geschichtsstudiums große Probleme hätte, alle schwedischen Könige und dann noch in der richten Reihenfolge aufzusagen…

Hjorth/Rosenfeldt, Die Menschen, die es nicht verdienen, Wunderlich, 536S., 19,95€, VÖ: 29. Oktober 2015

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Tobias Radloff, Amoralisch: Kein Krimi, kein High-tech-Thriller, aber ein spannender Familienroman

Als Krimi ist das Buch im Prinzip eine Fehlbesetzung. Auch ein Hightec-Thriller ist „Amoralisch nicht wirklich. Und das, obwohl ein Privatdetektiv im Umfeld einer Firma für Biotechnologie ermittelt.  Das bedeutet jetzt nicht, dass „Amoralisch“ ein schlechtes Buch ist. Es ist auf eine schwer erklärbare Weise sogar ganz ordentlich

„Amoralisch“ ist am ehesten ein spannender Familienroman

Am ehesten hat Tobias Radloff wohl einen sehr spannenden Familienroman geschrieben. Der Verlag nennt das ganze jedenfalls auch einen Biotech-Roman Noir.

Philip Strasser, ein mieser kleiner Spitzel

Im Zentrum steht jedenfalls der sehr gescheiterte Privatdetektiv Philip Strasser Im Grunde ist er ein mieser kleiner Schnüffler, wie er im Buche steht, eine Stufe über dem Kaufhausdetektiv. Er hält sich mühsam über Wasser, in dem er für seine Auftraggeber mutmaßlich untreuen Partnern hinterhersteigt und für einen Pharmakonzern dessen Mitarbeiter bespitzelt.  Ansonsten ist er im wesentlichen damit beschäftigt, seiner Verflossenen hinterher zu trauern und um seine Tochter zu kämpfen.  Damit ist auch schon das wichtigste Pfund des Buches genannt. Versagern folgt man im Krimi immer gerne, und Philip Strasser ist ein außerordentlich sympathisches Exemplar dieser Spezies.

Mal wieder ein Detektiv, der sich durchs Leben stümpert

Es macht also viel Spaß, dem armen Philip Strasser, dabei zuzuschauen, wie er sich unbeholfen durchs Lebens stümpert – und dabei am Ende doch noch einen Fall um eine dubiose Amor-Pille  (man ahnt beim Namen, worum es gehen könnte) und Experimente am Menschen aufklärt.

Tobias Radloff erklärt zu viel und fesselt doch

Eigentlich schreibt Tobias Radloff zu viel, zumindest erschlägt er seinen Leser zu Beginn mit vielen Wörtern. Auch die Themen sind nicht wirklich neu: Gescheiterter Privatdetektiv, der ersten Schuld auf sich geladen hat, zweitens gescheitert ist und drittens in eine amoralischen Welt versucht, anständig zu bleiben? Das hat man schon mal gelesen. Auch von Menschen, die unwissentlich über Pillen zu willenlosen Werkzeugen werden hat man schon gehört. Und dennoch. Auf seine ganz eigene Art entfaltet „Amoralisch“ eine Sogwirkung, wie man sie von veritablen „Thrillern“ gewohnt ist – und das macht ihn am Ende dann doch lesenswert.

Tobias Radloff, Amoralisch, Divan, 252 S., 15,90, 5. Oktober 2015

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Ilja Albrechts „Kalter Zorn“: Ein sehr solider, spannender Krimi

Ausgerechnet die westfälische Provinz wird zum „Spielplatz“ eines ganz besonders abgefeimten Serienmörders. Zunächst stirbt eine US-amerikanische Austauschschülerin. Die junge Frau wurde vor ihrem Tod noch stundenlang brutal gefoltert, ihr Tod sorgfältig inszeniert.

Grausame Morde in der westfälischen Provinz

Die örtlichen Behörden rufen Angesichts der Grausamkeit des Verbrechens sofort  das Bundeskriminalamt zur Hilfe – und so macht sich Fallanalytiker Kiran Mendelsohn zusammen mit seinem Team auf den Weg in den Westen. Schon bald wird Mendelsohn viel weiter in den Westen reisen müssen, als ihm lieb ist. Schnell finden die Ermittler heraus, dass es ähnliche Fälle in den USA gab.

Ein Berliner Bulle in Quantico

Auf der Suche nach einem internationalen Serientäter muss der Berliner Bulle also nach Quantico zum FBI, wo er zu allem Überfluss einst sein Handwerk erlernt hatte. Mendelsohn hat sich dabei nicht nur einem raffinierten Täter sondern auch den Dämonen seiner eigenen, gelinde gesagt nicht eben unkomplizierten Vergangenheit zu stellen.

„Kalter Zorn“: Wieder ein sehr solider Krimi

Dieses Szenario hat sich der auf Malta lebende Autor Ilja Albrecht für seinen zweiten Krimi um seinen Fallermittler Kiran Mendelsohn erdacht: „Kalter Zorn“ ist wieder ein sehr solider Krimi, schnörkellos und sehr spannend erzählt. Kritisch könnte man anmerken, dass er insgesamt recht konventionell gehalten ist, dabei aber dennoch ungemein gut unterhält

Ilja Albrecht variiert gekonnt das Motiv des einsamen, alternden Wolfs

„Kalter Zorn“ lebt wie der erste Band „Sibirischer Wind“ dabei in erster Linie von dem interessant erdachten Ermittler, der das Thema „einsamer alternder Wolf“ interessant variiert, und vom klug erdachten Setting, das beklemmende, neue Facetten von Schein und Wirklichkeit beleuchtet.

Ilja Albrecht, Kalter Zorn, Blanvalet, 319S., 8,99€, VO: 16. November 2016

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Silja Ukena, Der Eismann: Gelungenes Krimi-Debüt mit packendem Plot

Im Moloch Berlin hat die Vorweihnachtszeit selten etwas Besinnliches. Das muss auch Kommissar Bruno Kahn erleben. Mitten in den Vorbereitungen auf den Feierabend wird der Polizist aus seiner Dienststube in eine Kleingartenkolonie nach Lichtenberg gerufen, weil dort ein Toter gefunden wurde. Es ist relativ schnell klar, dass es sich um Mord handelt, wurde der ältere Mann doch nackt an einen Stuhl gefesselt gefunden.

In rascher Folge tauchen weitere Tote auf. Für Kahn, der als klassischer einsamer Wolf durchs Leben grantelt, ist es damit endgültig mit der besinnlichen Zeit vorbei, Weihnachten hin oder her.  Kaum jemand will ihm zunächst glauben, als er in scheinbar völlig unterschiedlichen Fällen Zusammenhänge erkennt.

Ermittlungen in einem sibirisch kaltem Berlin

Der arme Mann hat dabei nicht nur mit komplizierten Ermittlungen, einer vorlauten jungen Kollegin und Vorgesetzten, die seine Akten schnell abgeschlossen sehen wollen, zu kämpfen, sondern zu allem Überfluss mit einem nachgeradezu sibirischen Winter.

Die Journalistin Silja Ukena hat sich Bruno Kahn und seine Fälle ausgedacht. „Der Eismann“ heißt ihr erster Roman, der sehr unterhaltsam gelungen ist.

Einige kleine Schönheitsfehler in „Der Eismann“

Auf den ersten Seiten war ich offen gestanden eher skeptisch.

Ich kann es nicht leiden, wenn im Krimi im Dialekt geschrieben wird. Insbesondere, wenn damit auf den beschränkten Bildungshorizont der Figuren hingewiesen wird. Und wenn schon „berlinert“ wird, dann auch konsequent. Nicht nur der Lichtenberger Kleingärtner, auch die Kreuzberger Jungpolizistin mit italienischen Wurzeln, die im Kiez aufgewachsen ist, dürfte eine leichte Klangfärbung aufweisen.

Auch mit Berlin-Mitte als Lebenszentrum des Ermittlers ist für mich als Vielleser eher mäßig originell. Man immer das Gefühl, dass hier für den Markt geschrieben wird. Viele Touristen werden den Hackeschen Markt,  Museumsinsel und Friedrichsstraße wiedererkennen.

Und schließlich sind viele Figuren rund um Kommissar Kahn reichlich blass geraten.  Teile des Ermittlerteams aber auch andere Nebenfiguren stehen eher unmotiviert  im Bühnenbild herum.

Silja Ukena sucht vertrautes Terrain fürs Debüt

Meine Interpretation: Die Autorin hat sich für ihr Debüt erstens vertrautes Terrain gesucht, von dem man annehmen kann, dass es beim Publikum „funktioniert“ und zweitens beim Schreiben schon eine Fortsetzung im Kopf gehabt. Beides wäre ja legitim, stört vermutlich auch nur den viellesenden Krimi-Blogger

„Der Eismann“ ist spannend, und damit richtig gut

Ukena erfüllt aber bei allen kleineren Schönheitsfehlern die wichtigste Schlüsselqualifikation für eine Krimi-Autorin: Sie hat sich eine ungemein spannende Geschichte, die weit in die deutsch-deutsche Geschichte zurückreicht,  ausgedacht und diese auch noch mit krimi-gerechten Verwicklungen und hohem Tempo aufgeschrieben. Insofern ist „Der Eismann“ richtig gut geworden: Es ist eines von diesen Büchern, bei denen der Alltag nicht beim Lesen stören darf.

Und so ganz nebenbei ist ihr mit dem Eigenbrötler Bruno Kahn auch ein hinreichend komplexer Ermittler gelungen, dem man gerne beim Ermitteln und beim genre-typische Durchs-Leben-stolpern folgt.

Silja Ukena, Der Eismann, Blanvalet, 384S., 19,99€

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Klaus Jägers Rennsteig-Schwalben, Detailverliebter Thüringen-Krimi mit unglücklichem Titel

Ein Stück Heimatkunde. Ein Krimi aus Thüringen, geschrieben von einem Kollegen. Als Krimi-Blogger schreibe ich darüber auch für die Thüringer Allgemeine. Hier mein Text über Rennsteig-Schwalben, den Text von Klaus Jäger.

Lokalreporter Peter Hartmann ermittelt gegen Mädchenhändler

Peter Hartmann ermittelt wieder. In seinem jüngsten Fall muss sich der wackere Reporter mit einem brutalen Mädchenhändlerring auseinandersetzen. Das merkt der Mann aber erst als der Polizei sehr öffentlichkeitswirksam eine Leiche abhanden kommt. Weil dabei die beiden Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens regelrecht hingerichtet werden, wird dem Reporter genau wie der Polizei schnell klar, dass der Tod des Mannes weit mehr ist als ein mysteriöser Unfall.

Klaus Jäger zeigt in Rennsteig-Schwalben Liebe zum Detail

Klaus Jäger, Journalist bei der Thüringer Allgemeinen hat den Krimi „Rennsteig-Schwalben“ geschrieben und zeigt wieder viel Gefühlt für Lokalkolorit. Auch wenn der Riedburg, Ort der Handlung erfunden ist, wird Thüringen aber Erfurt, das vermutlich Vorbild für den fiktiven Ort ist, auf beinahe jeder Seite spürbar. Wenn man Jäger eines vorwerfen kann, ist es vielleicht die journalistische Ausbildung. Wie viele seiner krimi-schreibenden Kollegen liebt er die Recherche und die Details, beides für das Tagesgeschäft wichtig. Freunde eines hohen Krimi-Tempos werden die vielen liebevoll erzählten Details auf dem Weg zu einem ordentlichen Show-down vielleicht als bremsend empfinden, wer die Genauigkeit liebt, wird voll auf seine Kosten kommen.

Thüringen-Krimi mit problematischem Titel

Ich persönlich hätte übrigens noch einen anderen Titel gewählt, Rennsteig-Schwalben suggeriert einen heiteren Umgang mit dem Thema Prostitution. Das ist ja schon grundsätzlich eher problematisch, insbesondere aber, wenn es um junge Frauen und Mädchen geht, die dem Plot zufolge unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus Weißrussland nach Deutschland gelockt und dann mit Gewalt dazu gezwungen werden, sich zu prostituieren. Hier hat die Vermarktung (Der Autor entscheidet so was höchstens mit) kein besonders glückliches Händchen bewiesen.

Über seinen Krimi habe ich mit Klaus Jäger für die Thüringer Allgemeine gesprochen. Das Ergebnis steht hier: http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Klaus-J-228-ger-58-8222-Ich-liebe-es-44-Bilder-zu-erzeugen-8220-1183828313

Klaus Jäger, Rennsteig-Schwalben, Emons, 272S., 10,90€, VÖ: 17. September 2015

Hinweis: Klaus Jäger ist Mitarbeiter der Thüringer Allgemeine, so wie auch ich. 

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Interview mit Dominique Horwitz zu „Tod in Weimar“

Für meinen neuen Arbeitgeber, die Thüringer Allgemeine habe ich kürzlich den Schauspieler Dominique Horwitz interviewt. Horwitz, der seit einigen Jahren in Weimar lebt, hat ja gerade einen Krimi geschrieben: „Tod in Weimar„. Hier der Link zu dem wie ich finde einigermaßen interessanten Interview. „Jede Figur trägt Züge von mir“.

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Dominique Horwitz Tod in Weimar: Ein vielschichtiger Kriminalroman

Roman Kaminski führt ein eigentümliches Leben. Er schlägt sich in Weimar als Kutscher und Stadtführer durch. Gemeinsam mit seinen Pferden haust er in einem verfallenen Gutshaus vor den Toren der Stadt, das er von seinen Eltern erbte. Seine Routine wird von drei Frauen durchbrochen: Erstens von der halbstarken „Frettchen“, einer ausgestoßenen Jugendlichen, die gelegentlich bei ihm Schutz sucht. Zweitens von der opulent-sinnlichen Trixi Muffinger, Leiterin der Villa Gründgens, einem Heim für Schauspieler jenseits des Rentenalters. Und drittens, Laura, die der Wilhelm Meister Schänke, zu deren Stammgästen Kaminski gehört.

Mord im Heim für alternde Schauspieler

Der eher aushaltbare als grandiose Alltag des ehemaligen Schauspielers Kaminski wird jäh gestört, nachdem es in der Villa Gründgens innerhalb weniger Tage gleich mehrere Tote gibt. Vom jungen, ehrgeizigen Kommissar Marc Westphal gedrängt, wird der Wessi in Weimar eher unfreiwillig zum Privatdetektiv – und entdeckt zunächst eine Menge gut verborgener Geheimnis und am Ende natürlich auch den Täter.

Tod in Weimar, der erste Roman von Dominique Horwitz

„Tod in Weimar“ heißt der Krimi, geschrieben von einem nicht ganz unbekannten „Berufsanfänger“. Dominique Horwitz hat seinen ersten (Kriminal-)Roman geschrieben  – und das hat er gut gemacht. „Tod in Weimar“ überzeugt mit interessanten Figuren, einer geschickt verborgenen komplexen Motivation für eine Mordserie, die in einem veritablen Showdown mündet.

Eine angenehme Abwechslung

Dominique Horwitz bleibt dabei dicht bei seinem Protagonisten, dem Kutscher Roman Kaminiski. Offen gestanden ist es eine angenehme Abwechslung dass der schreibende Schauspieler nicht der derzeitigen Thriller-Mode folgt, die vorsieht, dass seitenweise innere Monologe gestörter Psychopathen die wirre Motivation für einen Serienmord wiedergeben.

Ein Heimspiel für Dominique Horwitz zum Debüt

Natürlich hat Dominque Horwitz sich für ein Heimspiel entschieden. Die Figur des Kutschers Kaminski erinnert an jenen verschrobenen Charakter, den der Schauspieler in zwei Weimarer Tatortfolgen gespielt hat. Für die Bewohner des Heimes für alternde Schauspieler dürfte er während seiner Engagements an hochklassigen deutschen Bühnen genügend Blaupausend begegnet sein. Und zu guter Letzt könnte die Wirtin der Wilhelm Meister Schänke seinem eigenen Leben entlehnt sein. Seit einigen Jahren ist er mit einer Café-Besitzerin in Weimar, seiner neuen Thüringer Heimat, verheiratet.

Ein Krimi? Eine großartige Liebeserklärung!

Vermutlich ist „Tod in Weimar“ ohnehin eine Liebeserklärung an seine Frau, zumindest liest es sich wie eine sehr großartige Liebeserklärung. Offen gestanden ist Horwitz’ Krimi  immer dann am stärksten, wenn er emotional wird. Der Autor benutzt hier die ganze Palette subtil-verborgen über verspielt bis schlagschattenhaft-deutlich. Insofern ist der Krimi „Tod in Weimar“ auch, aber keinesfalls nur, ein Liebesroman.

Schön vielschichtig: Tod in Weimar

Vermutlich gibt es Krimis, die raffiniertere Plots aufweisen und mit deutlich höherem Tempo  aufgeschrieben sind, aber „Tod in Weimar“ liest sich schön vielschichtig, ist also genau deshalb eine absolute lohnende Lektüre.

Kleine Kritik am Schluss: Anstrengende Klassiker-Zitate

Etwas zum Nörgeln gibt es natürlich auch. Mir als Nicht-Intellektuellen und Nicht-Feuilletonisten sind die ständigen Klassiker-Zitate einigermaßen auf die Nerven gegangen, auch wenn sie perfekt zum Setting nach Weimar und in die Schauspielerszene passen. Aber welcher Leser will sich schließlich ständig vor Augen führen  lassen, dass er wieder einen wichtigen Klassiker nicht ausreichend kennt. Aber der Schauspieler und Regisseur Horwitz ist natürlich entschuldigt, sein Kopf steckt vermutlich voll davon. Dass die ehemaligen Schauspieler reden als stünden sie auch beim Mittagstisch auf der Bühne, ist ebenfalls eher schräg, scheint – soweit meine spärlichen Kontakt in die Branche reichen – aber der Realität dieses eher exaltierten Berufstandes zu entsprechen.

Es wird in jedem Fall spannend zu sehen, was passiert, wenn er als Autor bei einer Fortsetzung, beziehungsweise einem weiteren Roman vertrautes Terrain verlässt.

Dominique Horwitz, Tod in Weimar, Knaus, 288 S., 19,99€, VÖ: 24. August 2015

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Stefan Ahnheims Herzsammler, ein guter Krimi in fragwürdiger Verpackung

Gelegentlich nehmen auch Nicht-Krimi-Leser Krimis in die Hand. So ging mir das vergangene Woche. Die Reisebegleitung nahm „Herzsammler“ von Stefan Ahnhem in die Hand, und sie war schnell durch mit dem Urteil: „Merkwürdig, was die sich immer für Titel und Cover ausdenken. Ich weiß nicht, ob ich das lesen würde.“ Ich reagierte schnell und erzählte von Marketing-Abteilungen in Verlagen, die seit dem Sensationserfolg von Stig Larssons Trilogie „Verblendung“, „Verdammnis“  und „Vergebung“ Krimis beinahe ausschließlich Einworttitel und möglichst psychedelisch-mystische Cover verpassen. Dann dachte ich noch einmal nach und überlegte, dass „Herzsammler“ wirklich ein wenig merkwürdig ist. Und das ist schade, weil es einem guten Krimi nicht wirklich gerecht wird.

Stefan Ahnhem rückt seinen Ermittlern dicht auf die Pelle

Stefan Ahnhem bewegt sich in bester Tradition schwedischer Krimi-Autoren, in dem er seinen Protagonisten sehr dicht auf die Pelle rückt. Sein Krimi ist so zum guten Teil auch Familienroman, der das ganze Bündel von Problemen seiner Kommissare ausbreitet. Das schafft Nähe, die den Leser an den Krimi fesselt.

Raffinierter Plot und düstere Elemente in „Herzsammler“

Dazu hat Ahnheim die Fähigkeit, einen raffinierten Plot mit vielen düsteren Elementen aufzuladen, dass sich der angenehme Krimi-Grusel über die schlechte Welt einstellt. In seinem neuen, nach „und morgen Du“ zweiten Fall muss sich Fabian Risk mit einem Unbekannten auseinandersetzen, der seine Opfer regelrecht ausweidet. Die Ermittlungen kommen ins Rollen, weil ausgerechnet der Justizminister des Landes entführt wird. Damit beginnt nicht nur eine Serie ganz besonders gruseliger Morde, sondern auch eine politische Intrige, die in den Polizeiapparat hineinreicht.

Subtile Kritik an skandinavischer Sprachlosigkeit

Zur gleichen Zeit ermittelt von Dänemark aus eine Polizistin in ähnlich gruseligen Fällen. Dass die Polizisten bis zum Schluss nicht mit einander reden und so die Ermittlungen verzögern, darf durchaus als subtile Kritik an dem öffentlich postulierten, aber allzuoft nicht wirklich gelebten skandinavischen Miteinanders verstanden werden – ein Thema, dass sich mittlerweile seit den siebziger Jahren immer wieder als mehr oder weniger komische Fußnote im Krimi festgesetzt hat.

Wer es düster mag, und auch hautnah am Leben der Ermittler teilhaben will, wird mit „Herzsammler“ sein Vergnügen finden – Titel und Cover sieht man ja nur einmal in der Buchhandlung…

Stefan Ahnhem, Herzsammler, List, 569S., 14,99€, VÖ: 10. Juli 2015

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Till Raethers Blutapfel führt seine Ermittler in die Hamburger Vorstadthölle

Adam Danowski hat es nicht leicht. Sein Partner gönnt sich in einer Art Wachkoma eine Art Auszeit, seine Vorgesetzen dulden den Hamburger Polizei bestenfalls, die Kollegen üben sich in der Kunst der Intrige. Die meisten Schwierigkeiten hat Danowski allerdings mit sich selbst. Es ist weniger der Alltag mit seinen Tücken (obwohl der auch jede Menge lästige Herausforderungen bereithält). Das Problem steckt irgendwo in seinem Kopf – und das ist für den Leser höchst unterhaltsam.

Innere Monologe und Gedankenfetzen sorgen bei „Blutapfel“ für Unterhaltung

Adam Danowski beim Denken zuzusehen, gehört zu den größten Vergnügungen, die „Blutapfel“, der neuen Krimi von Till Raether, bereithält. Innere Monologe, Beobachtungen und Gedankenfetzen des Ermittlers sind immer höchst unterhaltsam, mit einem staubtrockenen Humor aufgeschrieben und meist sehr lustig. Allein deshalb lohnt „Blutapfel“.

Till Raether hat viele gute Ideen und ein Blick für Details

Es gibt noch mehr Gründe, Blutapfel zu lesen. Till Raether hat viele gute Ideen und einen guten Blick für die Details. Das beginnt bereits mit dem Auftakt: Ausgerechnet im perfekt überwachten Elbtunnel stirbt ein Mann, erschossen im tagtäglichen Stau unter dem Strom. Vom Täter fehlt, trotz aller Kameras, natürlich jede Spur. Danowski, der seit seinem ersten Fall auf einem verseuchten Kreuzfahrtschiff (Treibland) als schwierig und unzuverlässig gilt, wird an einen Randaspekt abgeschoben und ermittelt in der Vorstadthölle auf der anderen, der „falschen“ Elbseite. Dort, wo die Metropole im Umland versandet, muss sich der Polizist mit seiner neuen Partnerin Meta Jurkschat durch geplatzte Träume der Bewohner arbeiten. Wenig überraschend gerät dieser Friedhof kleinbürgerlicher Visionen doch noch ins Zentrum der Ermittlungen.

Das unauffällige Interesse eines Geheimdienstes

So richtig kommt Adam Danowski nicht weiter. Immer, wenn er glaubt, den Fall in den Griff zu bekommen, ergeben sich neue Wendungen. Unter anderem interessieren sich die Kollegen von der Organisierten Kriminalität und später der amerikanische Geheimdienst auffällig unauffällig für die Ermittlungen der Polizisten.

Adam Danowski ermittelt im Hamburger Untergrund

Till Raether überzeugt mit Ideenreichtum und interessanten Einfällen. So erfährt der Leser viel über das Leben im Untergrund. Das ist in diesem Fall buchstäblich zu nehmen, da Raether seine Ermittler in die Hamburger Eingeweide, in verborgene und halb vergessene Tunnelsystem unter Michel und Hafen schickt.

Ein Plot am unteren Ende der Glaubwürdigkeitsskala

Der Ideenreichtum und der Blick fürs Detail bedingen aber auch eine kleinere Schwäche. Ganz subjektiv gesehen, war „Blutapfel“ bei allem Lesevergnügen um einige Seiten zu lang. Auch der Plot, der zu einem veritablen Showdown führt, liegt bei aller Freiheit, denen Krimi-Autoren zusteht, in der Nachbetrachtung eher am unteren Ende der Glaubwürdigkeitsskala. Wegen des Feuerwerks an Unterhaltung kann man darüber aber gut hinweglesen. Insofern ist „Blutapfel“ ein sehr guter Krimi, aber kein großer, der wegen der relevanten oder zumindest ergreifenden Geschichte nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Till Raether, Blutapfel, Rowohlt-Polaris, 473 S., 14,99€, 30. Mai 2015

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Stephan M. Rother: Ein Grab mit deinem Namen, Stark (allein) wegen seiner Ermittler

Am Rande Hamburgs treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Verschrobene Wissenschaftler, raffgierige Investoren, eine politische Elite, die sich über den Gesetzen stehend glaubt, Esoteriker einer neuheidnischen Sekte und Angehörige alten dänischen Adels. Dass das nicht ohne menschliche Verwerfungen ausgehen kann, ist klar. Dass sich mittendrin in dieser ungewöhnlichen Ansammlung ein Mörder verbirgt, stellt die Ermittler um die Kommissare Jörg Albrecht und Hannah Friedrichs schon eher vor Probleme.

Mord im Moor

In ihrer eigenen Ausgrabungsstelle wird die Archäologin Melanie Dahl tot aufgefunden, ermordet – und wie sich bald herausstellen soll – mit obskuren Runenzeichen bedeckt. Diese Ausgangslage hat sich Stephan M. Rother für seinen Krimi „Ein Grab mit deinem Namen“, dem dritten Band der Serie um Albrecht und Friedrichs, erdacht. Bei der Suche nach dem Täter legt Rother seinen Kommissaren zunächst eine weitere Leiche, später jede Menge politischen Druck von oben und am Ende ein interessantes Feld potentieller Täter in den Weg.

Stephan M. Rother rückt seinen Kommissaren wieder auf die Pelle

Zu den Stärken der Stephan M. Rothers gehört die Gabe, seinen Protagonisten richtig dicht auf die Pelle zu rücken. Der Leser kommt den Ermittlern sehr nahe, das schafft eine emotionale Nähe, die man von den besseren skandinavischen Krimis gewohnt ist. Gleichzeitig lässt er seinen ebenso glaubwürdigen wie sympathischen Kommissaren so viel geheimnisvollen Freiraum, dass sie noch Entwicklungspotential haben – was ja für den Wunsch nach Fortsetzungen nicht unwichtig ist.

„Ein Grab mit deinem Namen“, eine gute Fortsetzung

Für mich reicht die Spannung aus, die Rother erzeugt, wenn er uns am Kampf seiner Ermittler mit den eignen Dämonen, den Widrigkeiten des Polizistenalltags und der Suche nach der Wahrheit zuzuschauen, um ihn als lesenswert zu empfehlen. „Ein Grab mit deinem Namen“ hat nämlich durchaus auch einige Schwächen.

Unglaubwürdiger SM-Quark in „Ein Grab mit deinem Namen“

Ich persönlich kann dieser pseudomystischen Welt irgendwelcher neuheidnischen Sekten oder Gruppen nicht so viel anfangen. Deshalb reizt mich auch ein Krimi, der sich das Thema aussucht, nicht sonderlich. Aber das sind natürlich persönliche Befindlichkeiten, die jeder andere Leser völlig anders sehen kann.

Außerordentlich ärgerlich fand ich allerdings Rothers Ideen, wie die „Reichen und Mächtigen“ ihre Freizeit verbringen. Ich hatte das Gefühl, dass sich Rother hier vom ökonomischen Erfolg von „Fifty Shades of Grey“ hat inspirieren lassen: Eine Handschelle hier, einige Hiebe dort, fertig ist das abgründige Verlangen, das neue Leserschichten erschließt. Die Ideen rund um den SM-Quark in „ein Grab mit deinem Namen“ waren einigermaßen platt, unglaubwürdig und auf ärgerliche Weise durchsichtig.

Stephan M. Rother, Ein Grab mit deinem Namen, Rowohlt, 475S., 9,99€, VÖ: 27. März 2015