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„Der Anhalter“ von Lee Child, ein sehr solider Spannungsroman

Jack Reacher hängt fest. Seit mehreren Romanen versucht der Mann, der Ödnis des mittleren Westens der USA zu entkommen. Seinem Ziel, Virginia – wo möglicherweise eine tolle Frau wartet – kommt er dabei kein Stück näher Mindestens zum vierten Mal in Folge hat Lee Child die Handlung seiner Jack-Reacher-Krimis ins Nirgendwo, dass aus Farmland bis zum Horizont, heruntergekommenen Häusern und gesichtslosen Städten besteht, verlegt.

Lee Child perfektioniert die Schilderung des amerikanischen Alptraums

Klingt nach Wiederholung, ist aber nicht schlimm, weil Child die Schilderung dieser besonderen Form des amerikanischen Alptraums mittlerweile perfektioniert hat. Im neuesten Roman „Der Anhalter“, dem mittlerweile 17. Roman der Serie,  passiert genau das. Jack Reacher steht in Nebraska an einem einsamen Interstate-Highway und versucht, trampend voranzukommen. Erst nach langer Wartezeit hält ein Wagen an. Darin befinden sich drei Insassen, gemeinsam reisende Geschäftsleute. Reacher, der ehemalige Militärpolizist merkt schnell, dass die Geschichten jede Menge Löcher hat. Offenbar sind die beiden männlichen Reisenden Auftragskiller, die eine junge Frau in ihrer Gewalt haben und Reacher als Tarnung für diverse Straßensperren brauchen.

Jack Reacher jagt mal wieder skrupellose Verbrecher

Glaubwürdigkeit war noch nie die Stärke Childs, Spannung dagegen schon. Auf jeden Fall findet die Polizei, nachdem sich Reacher von dem merkwürdigen Trio getrennt hat, die Frau verbrannt am Straßenrand. Kurz darauf verschwindet auch noch die Tochter. Jack Reacher misstraut, wie eigentlich immer, den Behörden und beginnt selber, nach dem Kind zu suchen. Schnell stellt sich heraus: Nichts ist wie es scheint, abgesehen von der Gefahr. Die ist höchst real, aber andererseits Reachers ständiger Begleiter.

„Der Anhalter“ von Lee Child, ein sehr solider Spannungsroman

Lee Child hat wieder einen sehr soliden Spannungsroman geschrieben, in dem der einsame Wolf Reacher sich wieder durch ein kunstvolles Labyrinth von Irrwegen und falschen Fährten kämpfen muss und dabei einen sehr großen Haufen Leichen hinter sich lässt. „Der Anhalter“ ist wieder spannend geschriebene Action, nichts für Feingeister oder Freunde kriminalistischer Sozialkritik, aber immer wieder unterhaltsam zu lesen.

Lee Child, Der Anhalter, Blanvalet, 448S, 19,99€, 29. Juni 2015

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Lee Child schickt Jack Reacher und sein Faustrecht ins Wespennest

Wirklich vorstellen muss man Jack Reacher ja nicht mehr. Er ist eher mit 1,95 Metern eher einigermaßen groß gewachsen, verfügt auch deshalb über eine gewisse körperliche Präsenz, die aber vor allem deshalb deutlich wird, weil er Konflikte meist schnell und sehr handgreiflich löst. Reacher variiert immer wieder aus Neue die Phrase „erst schießen, dann fragen“.  Der ehemalige Militärpolizist ist zudem immer unterwegs, seit nunmehr 15 Bänden zieht er ziellos durch die USA, immer auf dem Weg irgendwohin. Meist trifft er in ausgemachten Drecksnestern erstens auf hilflose Frauen, die klassische „Damsell in Distress“ und zweitens auf finstere Gesellen, die irgendeine Verschwörung vorantreiben.

Jack Reacher hilft mal wieder einer „Damsell in Distress“

Auch in „Wespennest“ setzt Lee Child, der Erfinder von Reacher, wieder auf das Thema. Diesmal verschlägt es den Militärpolizisten in ein Kaff in Nebraska, das fest in den Händen einer miesen Familie scheint. Jack Reacher, der nichts von weltlichem Besitz hält und deshalb meist per Anhalter unterwegs ist, wird in der Bar eines Motels Zeuge, wie sich der Dorfarzt weigert, eine Frau zu behandeln. Natürlich mischt der Mann sich ein, fährt den Doktor zu seiner Patientin, die, wie könnte es anders sein, von ihrem Ehemann geschlagen wird. Und natürlich ist die Frau mit einem der Clan-Mitglieder, die die Stadt terrorisieren, verheiratet.

Zustände wie im Chicago Al Capones

Da Reachers Auftauchen den Alltag in dem Kaff durcheinanderbringt, geraten die Geschäfte des Clans ins Stocken. Das wiederum ruft nicht nur die drei Brüder, sondern auch die Geschäftspartner in Las Vegas auf den Plan – gleich eine ganze Reihe von Angehörigen verschiedener Verbrecherbanden. Sie alle schicken Abgesandte nach Nebraska, wo es bald zugeht wie im Chicago der 30er Jahre, mit sehr bleihaltiger Luft. Jack Reacher sieht sich also einer erdrückenden Übermacht gegenüber. Es hilft ein wenig, dass jede der beteiligten Parteien, eigene Vorstellungen vom Ausgang der Ereignisse hat.

Lee Childs „Wespennest“, ein Fest für Reacherfans

Es dürfte kaum überraschen, schließlich kennen wir Jack Reacher mittlerweile, dass sich am Ende seine Version von Recht und Ordnung durchsetzt und er am Ende einsam in die Dunkelheit reitet (naja, er reitet natürlich nicht wirklich). Dass das trotz des bekannten Schemas diesmal wieder Spaß macht, liegt an den immer neuen kleineren Variationen, die Lee Child, der ja immer mit hohem Tempo und präzise schreibt, in den neuesten Fall einbaut. Bösewichte, Nebenfiguren und vor allem die Tristesse des Schauplatzes sind außerordentlich gut gelungen. Insofern ist „Wespennest“ zumindest für alle überzeugten Jack-Reacher-Fans, die sich mit seiner speziellen (Faust-)Rechtsauslegung anfreunden können, wieder ein Fest.

Tatort: Nebraska

Lee Child denkt sich für seine Jack-Reacher-Orte immer wieder fiktive Provinznester aus, die ganz weit von den Metropolen tief im Unterbauch der Vereinigten Staaten liegen. So ist es auch diesmal. Mitten in Nebraska liegt der kleine Ort, in den es Jack Reacher verschlägt, eigentlich ist es nur eine Ansammlung von Farmhäusern im ewigen Einerlei nicht enden wollender Acker. Im Zentrum dieser Scheinstadt liegt als gesellschaftliches Zentrum ausgerechnet ein Motel. Wichtig ist eigentlich nur die Weite Nebraskas, in der es über Meilen hinweg keine Erhebung, also auch kein Versteck gibt. Die ganze Ödnis beschreibt Child sehr gekonnt. Man meint beim Lesen von Wespennest förmlich, Bruce Springsteen im Hintergrund singen zu hören. Obwohl das Land weit ist und keine Hindernisse im Weg liegen, wird es gerade deshalb zum Gefängnis, für die Menschen, die dort leben, aber eben auch für „Besucher“ wie Jack Reacher. Das macht einen großen Teil der Qualität von „Wespennest“ aus.

Lee Child, Wespennest, Blanvalet, 446S., 19,99€  VÖ: 29. April 2014

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Serientäter Lee Child gibt Jack Reacher diesmal „61 Stunden“ Zeit

Heute neu: Der Baukasten-Krimi. Der Autor: Lee Child. Seit geraumer Zeit lässt der britisch-amerikanische Autor Jack Reacher auf die Bösewichter los. Der bislang neueste Thriller heißt „61 Stunden“.

„61 Stunden“ Zeit in der amerikanischen Provinz

Das sind die Bestandteile des Krimis. Natürlich Jack Reacher, unbeugsamer Einzelgänger mit Vergangenheit als Soldat, der Konflikte meist mit seinem Körper als Waffe löst, mindestens einmal  je Roman mit ausgefeilter Kampftechnik in erdrückender zahlenmäßiger Unterlegenheit. Außerdem dabei: Eine abgelegene Provinzstadt der USA, meist von der Zivilisation abgeschnitten, sei es durch  große Wüsten (wie bei „Outlaw“) oder Naturgewalten (wie bei „61 Stunden“). Unverzichtbar: Dümmliche Schlägertypen, ausgekochte Bandenbosse, eine weitreichende Verschwörung, ein oder mehrere korrupte Polizisten und eine Frau in Not, die, wenn sie alt ist oder stirbt, aber unerhört bleibt.

Lee Child erzählt seine Thriller-Serie routiniert

Auch wenn die Handlungsstränge austausch- und vorhersehbar sind, bleiben die Thriller von Lee Childs auf eine merkwürdige Weise spannend. Das liegt daran, dass Childs dicht, schnell und ohne große Schnörkel erzählen kann. Zudem ist der ewigwährende Kampf des unterlegenen „Gute“ gegen das erdrückend starke „Böse“ als Entspannungslektüre immer gut geeignet. Insbesondere mittelbegeisterte Vielflieger wissen die Child-Romane als gleichermaßen einfach verdauliche wie gut ablenkende Lektüre zu schätzen.

Eine Partnerin für Jack Reacher?

In „61 Stunden“ variiert Child sein Jack Reacher-Thema ein wenig. Es tritt erstmals eine Frau auf, die Bedeutung erlangen soll. Susan Turner heißt die Dame und ist aktuell die Kommandantin jener Spezialeinheit der Militärpolizei, die Reacher einst gründete. Bereits jetzt hat der Autor angekündigt, dass es eine fünfbändige Serie in der Serie um Susan Turner geben soll.

Diesmal: Nicht nur Fäuste, auch Gehirn

Noch etwas ist im Vergleich zum vorherigen Band anders. Jack Reacher ermittelt. Im vorherigen Band hatte er sich in erster Linie auf seine Fäuste und eine Kanone verlassen, in „61 Stunden“ benutzt er auch sein Gehirn. Das ist ganz angenehm, auch wenn die Synapsen Reachers – dessen größte Demütigung vermutlich darin bestand, dass er in der ersten Verfilmung eines Falles als 1,98-Mann ausgerechnet von dem Hollywood-Gnom Tom Cruise gespielt wurde –  natürlich nur eine deutliche Schwarz-Weiß-Färbung der Welt wahrnehmen können.

Darum geht es in „61 Stunden“

Die Handlung des Baukastenkrimis in der aktuellen Folge? Reacher bleibt in einem Schneesturm in einem abgelegenen Kaff in South Dakota hängen, hilft der Polizei bei Ermittlungen gegen eine Motorradgang, versucht eine Zeugin vor einem Drogenboss zu schützen, gerät dabei unter Zeitnot und sorgt, soviel darf verraten werden, nachhaltig für Ordnung auf den Straßen.

Tatort: South Dakota

South Dakota steht mehr noch, als der nördliche „Schwester“-Bundesstaat North Dakota in dem Ruf, US-amerikanische Provinz zu sein. Dieses Thema erzählt Lee Child am Beispiel des Örtchens … gründlich aus. Die Menschen leben friedlich, meist in farmartigen Gebäuden. Die nächste Stadt ist weit, die wirtschaftliche Lage meist angespannt, wenn nicht schmutziges, zumindest aber teuer erkauftes Geld in die Stadt fließt. In South-Dakota ist zudem das Wetter ein bestimmender Faktor, im Winter ist es kalt. Das erfährt Jack Reacher nach dem Willen seines Schöpfers in allen möglichen Facetten am eigenen Leib. Wirklich etwas über die Gegend, den Tatort des Geschehens, erfährt der Leser darüber hinaus nicht.

Lee Child, 61 Stunden, Blanvalet, 443S, 19,99€, VÖ: 28. Oktober 2013

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Jack Reacher, ein anachronistischer Held im intellektuellen Retro-Design

Es gibt Menschen und Situationen, die sind nicht gut für den Blutdruck. Ein Taxifahrer in der Großstadt, der sich offenkundig nicht im Straßenverkehr auskennt und sich dennoch weigert, zielführende Ratschläge entgegenzunehmen. Ein Bahn-Mitarbeiter mit marketing-getränkter Freundlichkeit, der einem doch wieder nur nicht erklären kann, weshalb auch der nächste Zug nicht fahren wird. Ein vermeintlicher Freund, der einen ohne jedes Schuldbewusstsein über den Tisch zieht. Ein nur scheinbar freundlicher Chef, der seinem Mitarbeiter kalt lächelnd den Stuhl unterm Hintern wegzieht.  Mit steigenden diastolischen Werten und brodelnden Magensäften wachsen auch bei bravsten Bürgern, die sonst ordentlich den Müll trennen und tierlieb jede Spinne ins Freie tragen, die übelsten Gewaltphantasien mit einem Meer von Blut und schrillen Schmerzensschreien.

Ermittler mit schlagkräftigen Argumenten

Genau für diese Situationen könnte Lee Child seinen Jack Reacher erfunden haben. Der ehemalige Militärpolizist walzt sich gnadenlos durch die USA. Der gute Mann, der das Leben eines Stromers führt, gerät – selbstverständlich unverschuldet – immer wieder in die schwierigsten Konfliktsituationen und löst diese mit einigen gekonnt geführten Schlägen und Tritten. Meist liegen nach diesen „Diskussionen“, die Reacher führt, zwischen vier bis sechs kräftig gewachsene Gegner auf den Brettern.

Ein Ausgleich für geplagte Reisende

Für den geplagten Leser mit Gewaltphantasien liefert Lee Child mit seinen Geschichten so eine Art Tele-Karthasis, die eine reinigende Wirkung ausübt. Das ist vermutlich einer der Gründe, weshalb die Reacher-Romane vor allem in Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen seit Jahren turmhoch ins Auge fallen. Der gemeine Reisende im unfreiwilligen Standby-Modus, der sich mit Bodenpersonal, Stewardessen oder gar Bahnbediensteten herumschlagen muss, braucht fürs Seelenheil einfach einen gewissen Ausgleich. Da kommt Jack Reacher mit seiner ganz speziellen Problemlösungskompetenz gerade recht.

Das beste Mittel gegen Turbulenzen

Es gibt einen weiteren Grund, weshalb sich die Krimis von Lee Child besonders gut als Reiselektüre eignen. Sie sind hinreichend einfach geschrieben, dass auch ein laut schnarchender Sitznachbar den Fluss der Geschichte nicht weiter stört und so spannend konstruiert, dass sich auch schwere Turbulenzen in elf Kilometer Höhe perfekt weglesen lassen.

Jack Reacher zwischen Hoffnung und Verzweiflung

In seinem neuesten Fall „Outlaw“ wird der kernige Reacher, bei dem sich der kritische Leser merkwürdig anachronistisch in eine Welt mit Werten der 50er Jahre zurückversetzt fühlt, politisch. Der durchtrainierte Landstreicher mit militärischem Hintergrund gerät in die tiefste Provinz, zwischen die Nester Hope und Despair. In letzterem herrscht ein Unternehmer über eine „Firmenstadt“, in der ein Patriarch die Geschicke der gesamten Stadt bestimmt. Dort werden Fremde nicht gerne gesehen und junge Menschen verschwinden spurlos.

Lee Childs Kommentar zum Irak-Krieg

Jack Reacher mischt sich ein und stößt zusätzlich auf einen merkwürdigen Militärposten. Lee Child setzt sich mit dem Irak-Krieg auseinander, zerlegt dabei die pathetisch-verlogene Doktrin, nach der die US-Armee nie einen Soldaten „zurücklässt“ und thematisiert die den „unpatriotischen Akt“ der Desertation. Das war bei Erscheinen des Buches vermutlich provozierend. Jetzt, rund drei Jahre später, und aus der geographischen Ferne wirkt der Roman und seine Themen jedoch tatsächlich  sehr weit weg, auch deshalb entfaltet „Outlaw“ nicht die ganz große Wirkung. Für Reisende oder Urlauber, die sich auf eine eher schlicht geschriebene, schnörkellose und raubeinige Geschichte einlassen mögen, ist der neue „Reacher“ jedoch gut geeignet.

 

 

Tatort:Colorado

Wenn man sich eine Karte der USA anschaut, fällt der Bundesstaat Colorado zunächst dadurch auf, dass er sehr genau umrissene Konturen hat. Ein präzise gezeichnetes liegendes Rechteck beschreibt die Grenzen. Das sagt beinahe alles. Colorado ist, mal abgesehen von den schicken Ski-Resorts in den Rocky Mountains, ein Staat, durch den die Amerikaner auf der Suche nach grüneren Weiden hindurchgezogen sind. Nur wenige blieben hier hängen. Es waren in erster Linie diejenigen, die auf dem Weg aufgaben. So bechreibt Lee Child in „Outlaw“ die US-Provinz. Man weiß nicht, welche Ödnis schwerer zu ertragen ist: Die Einsamkeit in schier endlosen ausgetrockneten Ebenen aus Geröll und Gras oder die lähmende Tristesse in den Straßen der Kleinstädte, in denen Pickup-fahrende Hinterwäldler den Ton angeben. Dass Lee Childs diese Stimmung eingefangen und lakonischen Sätzen wiedergegeben hat, gehört zu den Stärken von „Outlaw“. Hier kann man den Kriminalroman mit viel Spaß als Reiseführer lesen: Als ultimativer Guide zu Zielen, die man getrost umfahren sollte.

Lee Child, Outlaw, Blanvalet, 19,99 €

VÖ: November 2011