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Philip Kerr und Scott Manson: Krimi und Liebeserklärung an den Fußball

Wenn man ganz strenge Maßstäbe anlegt, produziert Philip Kerr eigentlich ziemlich großen Quatsch. Zu seinem Werk gehören einige Science-Thriller um Yetis oder killende Hochhäuser, historische Stoffe um einen Berliner Cop, der wirklich allen Nazi-Größen vor und während des 2 Weltkrieges auf die Füße tritt – und Krimis um einen ermittelnden Fußballtrainer.

Ganz ehrlich? Ich mag nicht streng sein. Die Bücher von Philip Kerr sind immer wieder großartig, beste Unterhaltung für jede Lebenslage. Kerr schafft es, dass ich als Leser alle Zweifel wegen mangelnder Glaubwürdig sehr weit beiseiteschiebe und mich haltlos im Plot verliere. So ist das auch bei der Trilogie um den schottischen, schwarzen Fußballtrainer mit deutschen Wurzeln, der wider Willen zum Detektiv wird. Scott Manson heißt der Mann, hat eine bewegte und komplizierte Vergangenheit und – wie eigentlich alle Kerr-Kreaturen – einen Schlag bei den Frauen.

Scott Manson ermittelt am Spielfeldrand

Den Auftakt macht „Wintertransfer“, in dem Manson den Mord an seinem Chef Zarco, einem portugiesischen Startrainer aufklärt. Danach folgt „Die Hand Gottes“, in dem es um den Tod eines Mittelstürmers auf dem Platz mitten beim Auswärtsspiel in Griechenland geht. Der dritte, und bislang  letzte (?) Teil schickt den fußballernden Detektiv in die Karibik, wo er einen vermissten Spieler des glorreichen FC Barcelona wiederfinden und zurückbringen soll.

Philipp Kerr räubert sich durch den internationalen Fußball

Wie bei seiner Bernie Gunther-Serie hat Philip Kerr keinerlei Berührungsängste. Hemmungslos lässt er reale Figuren des internationalen Fußballs durch seine Krimis stolpern. Gelegentlich verfremdet  er bekannte Figuren, gibt ihnen Kunstnamen, was nicht heißt, dass man sie nicht dennoch mühelos identifizieren kann.

Scott Manson, natürlich ein sympathischer Ermittler

Ohne hier in die Details zu gehen: Kerr hat wieder Plots erdacht, die krimi-gerechte Spannung garantieren. Es gibt Irr- und Umwege bei den Ermittlungen und immer wieder ordentliche Überraschungen. Und natürlich hat er seinen Scott Manson wieder so gestaltet, dass es sehr leicht fällt, ihn trotz – oder gerade wegen – seiner diversen Schwächen zu mögen.

Wütende Abrechnung und Liebeserklärung an den Fußball

Die besondere Faszination für die Scott-Manson-Reihe speist sich aber aus der Tatsache, dass Kerr als unbedingter und wütender Fan geschrieben hat. Alle drei Krimis sind ehrliche Liebeserklärungen an einen sehr simplen und gerade deshalb faszinierenden Sport, bei dem 22 Männer einem Ball hinterherjagen. Gleichzeitig ist die Trilogie eine gnadenlose Abrechnung mit dem modernen Fußball. Kerr beschreibt einen Sport, der sich zu einer gewaltigen Unterhaltungsindustrie entwickelt hat, in dem Multimilliardäre das Spiel geschehen, Spieler zu unmündigen, twitternden Smartphone-Idioten, Trainer zu zynischen Menschenhändlern und Journalisten zu rückgratlosen Sidekicks auf einer gigantischen Show-Bühne mutieren.

Eine Krimi-Serie für Sportfans

Auch, wenn es vermutlich Heile-Welt-Verklärend ist, habe ich mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich beim Lesen zustimmend genickt habe, aber eben auch, weil auf jeder Seite zwischen aller Kritik die bedingungslose Liebe für den Sport durchschimmerte, eine Leidenschaft spürbar wurde, die jedes Leiden überstrahlt. Und wer Fußball mag, wer Sport liebt, der kennt das nur zu genau.

Philip Kerr, Wintertransfer, Tropen, 425 S., 9,95€, VÖ: 2015

Philip Kerr, Die Hand Gottes, Tropen, 397S., 14,95€, VÖ: 2015

Philip Kerr, Die Falsche Neun, Tropen, 367 S., 14,95€, VÖ: 2016

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Joakim Zanders Der Bruder: Facettenreich, intelligent, überambitioniert

Thematisch liegt Joakim Zander ziemlich genau in der Zeit. Er schreibt über die misslungene Integration von Migranten, die Radikalisierung von Jugendlichen, den Terror des IS und die Vermarktung der Sicherheit als Geschäft
Der Bruder heißt der neue Thriller des Schweden, der sich mit Themen auseinandersetzt, die auch unsere Schlagzeilen beherrschen. Drei Personen stehen im Zentrum des Romans. Die junge Yasemine Ajam ihr Bruder Fadi  und Klara Walldéen die der Leser schon aus dem sehr gelungenen „Der Schwimmer“ kennt. Yasemine lebt in New York, gerade ist ihr die zweite Flucht gelungen. Die erste schaffte sie als Jugendliche, die der Vororthölle Stockholms, in der Zuwanderer und Flüchtlinge wie in einem Ghetto lebten, entkam, und zu Beginn der Handlung lässt sie ihren gewalttätigen Freund hinter sich, der sie regelmäßig verprügelte.

Ein verblasstes Foto als einziges Lebenszeichen

Yasemine entdeckt ein Lebenszeichen, ein verwaschenes, unscharfes Foto ihres Bruders, der doch eigentlich in Syrien (?) ums Leben gekommen sein soll, gestorben als fanatischer Moslem in einem sinnlosen Bürgerkrieg.

Zander erzählt aus drei Perspektiven

Zander erzählt „Der Bruder“ aus drei Perspektiven, er spinnt das Garn für drei Geschichten. Das hat seinen Reiz, ist aber vor allem zu Beginn ein wenig anstrengend, weil der Leser da erst in den Rhythmus kommen muss. Auf der Habenseite bekommt der Leser dafür drei Geschichten zum Preis von einer, so eine Art Überraschungsei unter den Büchern. Der Bruder ist Sozialdrama, Selbstfindungsgeschichte und Verschwörungsthriller in einem, der – das ist ja typisch schwedisch – eine gehörige Portion Gesellschaftskritik transportiert. Er schildert den Irrsinn fundamentalistischer  Moslems, zeigt aber auch wie die Umstände, die Hoffnungslosigkeit des Lebens, die Tristesse der Umwelt, junge Menschen in die Fänge der Verführer geraten.

Zander liefert keine einfachen Erklärungen

Dass es in Der Bruder nicht wirklich Helden gibt, sondern nur Figuren, die durch die Handlung, durch unbeeinflussbare Ereignisse eher durch das Leben gepeitscht werden, macht den Reiz von „Der Bruder“ aus. Dabei ist der Thriller gleichermaßen vielschichtig wie überraschend. Wer einfache Erklärungen sucht, ist bei Zander falsch.

Die Stärken werden zu Schwächen.

In den Stärken des Romans liegen zugleich seine Schwächen, er ist vielleicht etwas zu überambitioniert, das dämpft  die Faszination, die sich beim Leser im Idealfall auch bei komplexen Stoffen einstellt. Zudem sind nicht alle Stränge gleichermaßen gut gelungen, neben atemberaubenden Passagen gibt es auch eher durchschnittliche Abschnitte, insbesondere die Hauptdarstellerin des ersten Teils bleibt eher blass. Hier wird der Leser durch den Klappentext in die Irre geführt. Das kann man als Marketingidee machen, führt aber zu einer, wie man neudeutsch sagt, Nutzerenttäuschung.

Joakim Zander, Der Bruder, Rowohlt Polaris, 459S., 14,99€, VÖ: Oktober 2016

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Weshalb ich mit Marc Elsbergs sehr gelungenen Zero meine Probleme habe

Das Endzeitszenario „Blackout“ war mit Sicherheit einer der Bücher des Jahres 2012. Jetzt hat dessen Autor, Marc Elsberg, seinen neuesten Krimi veröffentlicht. Wieder steht die Technik im Mittelpunkt – und die Folgen, wenn die Systeme versagen.

Ein Kampf der Gegenwart: Datenschützer vs. Datenkraken

In „Zero“ geht es im Prinzip um einen sehr aktuellen Konflikt. Ungefähr so wie in der Jetztzeit stehen in einer nahen Zukunft Datenkraken und Datenschützer gegeneinander. Die Datenkraken haben, da bleibt Elsberg dicht an der Realität, alle möglichen Algorithmen entwickelt, mit denen sie die Daten ihrer (eigentlich aller) Nutzer sammeln (und verwenden). Gleichzeitig, und da entfernt sich Elsberg (hoffentlich) von der Wirklichkeit, verfolgen die Datenkraken mit diesem beinahe allumfassenden Wissen die finstersten Pläne, die im Prinzip die Weltherrschaft beinhalten. Vermutlich kann man nur hoffen, dass es Google, Facebook und Co einfach zu anstrengend (und nicht lukrativ genug) wäre, gleich ganze Länder zu regieren.

Die Datenbrille als Zeuge eines Mordes

Jedenfalls passiert bei einer Verfolgungsjagd durch London ein Mord, der durch eine Datenbrille aufgezeichnet und publik gemacht wird. Das Opfer ist ein Junge der mit der Tochter der Journalisten Cynthia Bonsant befreundet ist. Das Ganze steht zu allem Überfluss im Zusammenhang mit einer „Aktion“ von Datenschutzaktivisten gegen den Präsidenten der USA. Die Journalistin, die von ihrem Arbeitsethos eher Old-School ist, beginnt zu recherchieren und gerät unversehens in einen fiesen Krieg aller möglichen (Firmen-)Finsterlinge gegen die Datenschützer. Es beginnt eine atemlose Jagd.

Marc Elsberg hat wieder einen enorm spannenden Thriller geschrieben

Hatte Marc Elsberg sich bei „Blackout“ den europäischen Kontinent als Schauplatz ausgesucht, breitet er in „Zero“ die Landkarte noch weiter aus. Über den großen Teich bis in die USA geht die Jagd. Um es kurz zu sagen: Eigentlich hat Marc Elsberg wieder einen enorm spannenden, sauber durchdeklinierten und intelligenten Thriller geschrieben. Dennoch habe ich mit Zero meine Probleme. Aber das hat eher mit mir zu tun.

Meine persönlichen Befindlichkeiten und „Zero“

Marc Elsberg hat sich eine ältere Journalistin als Protagonistin auserkoren, die ihre Wurzeln im guten alten Printgeschäft hat und eher widerwillig sich mit den modernen Informationsplattformen auseinandersetzen muss. So wie Elsbergs „Cyn Bonsant“ habe ich meine Wurzeln, das Alter bringt es mit sich, im Printgeschäft. Vielleicht ist es ja ganz einfach, und es geht mir wie Polizisten, die keine literarischen Kommissare mögen, weil sie zu fern von der eigenen Realität sind. Bei mir kommt hinzu, dass ich vor einigen Jahren den Weg gegangen bin, den Elsbergs Heldin verweigert. Ich arbeite „online“ und versuche, bei meiner Arbeit immer wieder den Beleg zu bringen, dass moderne Kommunikationsformen und Qualitätsjournalismus kein Widerspruch sein müssen. In sofern kann ich mit der Zivilisationskritikerin Cyn Bonsant nicht viel anfangen: Es ist meiner Erfahrung nach viel mehr so, dass in der Realität die Online-Kritiker unter den Journalisten in den seltensten Fällen Kämpfer für die Qualität und hohe Werte, sondern meistens von der Blockadehaltung gegen jegliche Veränderung oder zusätzlich von dem Bemühen, jeglicher ernsthafter Arbeit aus dem Weg zu gehen, getrieben sind. Deshalb taugt die Protagonistin in „Zero“ für mich persönlich nicht als Identifikationsfigur.
Eigentlich sollten diese persönlichen Befindlickeiten bei der Bewertung eines Buches keine Rolle spielen, abr andererseits kann ich nur so erklären, weshalb ich bei einem eigentlich sehr gelungenen Kriminalroman keinen euphorischen Text schreiben kann. Aber das muss alle Menschen, die ihr Geld nicht mit Online-Journalismus verdienen, ja ohnehin nicht abhalten, „Zero“ mit großem Vergnügen zu lesen. Jenseits meines leichten Unbehagens ist „Zero“ schließlich ein sehr guter, spannender und action-geladener Krimi in bester angelsächsischer Thriller-Tradition.

Marc Elsberg, Zero, Blanvalet, 478S, 19,99€ VO: 26. Mai 2014

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Tom Rob Smith verlässt mit „Ohne jeden Zweifel“ vertraute Pfade

Daniel ist Gärtner in London und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben.  Zwar hat er einen grünen Daumen, aber kein Talent fürs Geschäft. Auch insofern ist sein Leben eine große Lüge, genau wie seine private Beziehung zu Marc, die er seinen Eltern vorenthalten hat. Insofern macht er sich – als seine Mutter, die mittlerweile in Schweden lebt, ankündigt, ihn besuchen zu wollen, zunächst einmal Sorgen um das fragile Konstrukt seines Lebens.

Eine gigantische Verschwörung in Ohne jeden Zweifel“?

Seine Mutter Tilde jedoch hat ganz andere Sorgen. Sie werde von ihrem Mann und anderen finsteren Gestalten verfolgt, sei zu Unrecht in die Psychiatrie eingewiesen worden und wisse um eine Verschwörung von gigantischem Ausmaß, erzählt sie am Telefon. Sie überzeugt ihren Sohn, sich die Geschichte anzuhören, reist nach London und legt ihre Beweiskette in einer ausführlichen Erzählung dar. Daniel hört zu – und fragt sich, ob er seiner Mutter glauben soll.

Tom Rob Smith verlässt das Genre des historisch-politischen Thrillers

Tom Rob Smith hat sich die Geschichte ausgedacht und mit „Ohne jeden Zweifel“ zunächst einen radikalen Wechsel vollzogen. Smith hatte den russischen Agenten Leo Demidow erfunden und mit „Agent 6“ und „Kind 44“ sensationell gute (und sensationell erfolgreiche) Bücher geschrieben.  Jetzt hat er das Genre gewechselt und hat es natürlich schwer, weil er immer an seinen ungemein komplexen, raffiniert erdachten und spannend aufgeschriebenen Thrillern im politisch-historischen Bereich gemessen wird.

Ein sehr privates Buch

„Ohne jeden Zweifel“ ist ein sehr privates Buch, in der das Halbschwede Smith ein wenig auch seine eigene Herkunft einfließen lässt. Sein neuester Thriller basiert ist mehr Familiendrama als Weltverschwörungsroman; statt Kreml  und Kabul sind die Handlungsorte eine kleine Wohnung im Herzen von London und ein abgelegenes Dorf in Südschweden.

Raffiniertes Spiel um Wahn und Wirklichkeit

Auch wenn Demidow-Fans beim neuen Smith sehr enttäuscht sind, kann man Smith seine Klasse nicht aberkennen. Auch „Ohne jeden Zweifel“ ist fesselnd aufgeschrieben, weniger komplex vielleicht, mit klarer konturiertem Rahmen, aber nichtsdestotrotz raffiniert. Das Spiel um Wahn und Wirklichkeit hat jenseits üblicher Krimilektüre jedenfalls seine ganz eigene Qualität und ebenfalls hohen Unterhaltungswert.

 

Tatort:Südschweden

Den Augen vieler Deutscher ist Schweden der perfekte Urlaubsort, eine heile Welt mit viel schöner Natur, freundlichen Menschen und entspannter Lebenswirklichkeit. Viele schwedische Krimi-Autoren setzen alles daran, dieses Bild ländlich heiler, von modernen Problemen unberührter Welt durch düstere Großstadtbeschreibungen zu zerstören. Tom Rob Smith, der eine schwedische Mutter hat, geht da raffinierter vor. Er beschreibt das ländliche Schweden mit kleinen Landwirtschaften, idyllischen Seen und verschlafenen Dörfern genau so, um dann nur umso präziser den ganzen Schrecken auszumalen, der in dieser abgelegenen Provinz, die längst nicht so heile ist, wie der Schein  es suggeriert, das Leben zur Hölle werden lässt. Insofern ist „Ohne jeden Zweifel“ auch ein interessantes Länderportrait.

Tom Rob Smith, Ohne jeden Zweifel, Manhattan, 383S.,19,99€, VÖ:: 14. Oktober 2013

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Klassiker

„Hier spricht Edgar Wallace“: Die Krimi-Vorlage des Fernsehklassikers

Mehrere Generationen jugendlicher deutscher Fernsehzuschauer sind mit dem knappen und doch ins Mark dringenden Satz „Hier spricht Edgar Wallace“ zum Fernsehabend begrüßt und mit einem wohligen Gruseln ins Bett entlassen worden.  Die Filme mit Heinz Drache, Joachim Fuchsberger, Eddie Arend und natürlich Klaus Kinski waren in den sechziger und siebziger Jahren Kult.

Das bewegte Leben von Edgar Wallace

Die Verfilmungen basieren auf dem Werk von Edgar Wallace und das ist noch einmal ein paar Jahre älter. Wallace führte ein bewegtes Leben, kam 1875 als uneheliches und verstoßenes Kind von ganz unten, eignete sich ohne große Schulbildung wissen an und berichtete sogar als Kriegsberichterstatter vom Burenkrieg in Südafrika. 1905 schrieb er seinen ersten Roman, „Die vier Gerechten“, was ihn beinahe ruinierte, weil er offenbar Lesern, die die Lösung fanden, 500 Pfund Preisgeld versprach. Vermutlich war sein Rätsel einfach nicht komplex genug…

Edgar Wallace, ein fleißiger Krimi-Autor

Insgesamt schrieb Edgar Wallace bis zu seinem frühen Tod 1932 um die einhundert Kriminalromane und Krimi-Erzählungen, sowie zahlreiche Afrika-Romane, einige Sachbücher und andere Stoffe.  Zu den berühmtesten (wegen der Verfilmungen) gehören wohl „der Hexer“, „Die toten Augen von London“ oder „Der Frosch mit der Maske“. Auch wenn man ihn in Deutschland wegen der deutschen Verfilmungen kennt. Er gehört zu den erfolgreichsten und bekanntesten Krimi-Autoren Großbritanniens.

Ein Krimi-Klassiker: „Das Gesetz der vier“

Ich habe mir mal „Das Gesetz der Vier“ noch einmal vorgenommen, eine Fortsetzung von „Die vier Gerechten“. Darin sind im Prinzip eine Sammlung von kürzeren, lose verbundenen Kriminalgeschichten enthalten. Die „Vier“ sind hier auf Zwei geschrumpft, weil einer der „Vier“ – eine Vereinigung von Rächern, die für Gerechtigkeit kämpfen, wo Polizei und Behörden versagt haben – gestorben ist und ein weiterer im Ruhestand auf seinem Landgut in Spanien lebt. Die verbleibenden Zwei klären jedoch jede Menge perfide Morde und andere Verbrechen auf.

Ermittler, die die moderne Wissenschaft in ihren Dienst nehmen

Die Edgar-Wallace-Romane sind deshalb so interessant, weil sie in eine völlig andere Zeit führen, sie spielen unbestimmt in einer Ära, in der Kutschen und Automobile einigermaßen gleichberechtigt das Straßenbild beherrschten. Es war eine Zeit, in der die Wissenschaft sich auch in der Kriminalistik durchzusetzen begann. Wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes benutzen die fortschrittlichen Rächer – anders als die Behörden – die Wissenschaft zur Aufklärung ihrer Fälle, sie diskutieren die Möglichkeit, Fingerabdrücke zu nehmen, analysieren chemische Substanzen.

Anwandlungen von Sozialdarwinismus bei Edgar Wallace

Bedenklich scheint aus heutiger Sicht die Idee, die Verbrecher anhand ihrer Physiognomie ausmachen zu können. Aus der Form des Schädels, der Größe der Ohren, der Form des Unterkiefers vermeinten Wallaces Detektive Verbrecher messen und erkennen zu können. Das war Sozialdarwinismus in reinster Form – damals leider weit verbreitet, auf die politische Gesinnung Wallace schließen zu wollen, ginge wohl zu weit.

Spannend, kurzweilig, vorbildlich präzise

Abgesehen von diesen irritierenden Ausflügen jener Zeit hat Wallace unterhaltsame, recht spannende Geschichten geschrieben, die zwar aus der historischen Distanz gelegentlich etwas drollig wirken, aber als Kriminalgeschichten bis heute funktionieren. Insofern könnte es ich lohnen, mal einen Edgar-Wallace-Krimi in die Hand zu nehmen. Das dauert auch nicht lang. Wallace hat kurz geschrieben, einfach verständlich, aber eben auch mitreißend – und das hat angesichts einiger langatmiger, um nicht zu sagen geschwätziger Neuerscheinungen beinahe Vorbildcharakter.

Edgar Wallace, Das Gesetz der Vier, VÖ: 1929
Autor:

Das Gesetz der Vier: Ein Edgar-Wallace-Krimi gibt es gratis als Kindle-Edition

Edgar Wallace gibt es natürlich gedruckt:

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Klassiker

Sherlock Holmes, Großvater aller Detektive, Klassiker der Literatur

Seine Beobachtungsgabe ist unvergleichlich. Seine Gabe der Deduktion verhilft ihm immer dazu, sein Umfeld bis zur Atemlosigkeit ins Erstaunen zu versetzen. Außerdem glaubt er an die Naturwissenschaften, allerdings nicht, weil er die der Welt systematisch zu erforschen suchte, oder weil ihn unternehmerischer Ehrgeiz trieb. Das Interesse des Briten liegt allein in der Wahrheit, genauer gesagt der Aufdeckung verbrecherischer Machenschaften.

Der bekannteste Detektiv Europas

Mit diesen Eigenschaften wurde Sherlock Holmes im 19. Jahrhundert zum bekanntesten Detektiv Europas, vermutlich sogar der Welt – eine Position, die er selbst in Zeiten von Hollywood und seinen Heroen nicht räumen musste. Im Gegenteil: Immer neue Verfilmungen für Kino und Fernsehen mehren den Ruhm des Privatermittlers. Aktuell läuft im Fernsehen eine bemerkenswerte Adaption der Sherlock Holmes-Stoffe durch die britische BBC im deutschen Fernsehen.

Sherlock Holmes, Dandy und Wissenschaftler

Der Brite Sir Arthur Conan Doyle erdachte zum Ende des 19. Jahrhunderts die Figur des genialen Detektivs und schuf sich mit dessen Wegbegleiter Dr. Watson ein literarisches Alter Ego. Doyle selber praktizierte bei seinem Krimi-Debüt 1887 als  Arzt, konnte aber wegen des schnellen Erfolges bald von seiner Schreiberei leben. Das Werk um den eigenwilligen Detektiv, der die Eigenschaften eines Dandys alter Schule (und Zeit) und eine Wissenschaftlers moderner Prägung vereinte, umfasst vier Romane und eine Vielzahl von Kurzgeschichten, die ursprünglich in Zeitschriften erschienen und erst später in fünf Sammelbänden zusammengefasst wurden.

Sir Arthur Conan Doyle und sein Alter Ego, Dr. Watson

Die „Geburtsstunde“ erlebte Sherlock Holmes in „A Study in Scarlet“, in dem er zunächst mit Dr. Watson zusammengeführt wird. Aus ökonomischen Zwängen bilden beide, wie man heute sagen würde, eine Zweck-WG. Holmes hat bereits einen Ruf als findiger Detektiv und wird von der Polizei nach einem mysteriösen Mord um Hilfe gebeten. Natürlich verwickelt er seinen neuen Mitbewohner in den Fall. Dr. Watson wird so nicht nur Opfer regelmäßiger Stichelein des eigenwilligen Detektivs sondern wird zu dessen Chronist. Die Romane und Kurzgeschichten sind sämtlichst aus der Sicht Watsons erzählt.

Eine Krimi rund um die merkwürdigen Ideen der Mormonen

A Study in Scarlet führt zunächst die überlegene Beobachtungsgabe Sherlock Holmes ein, spielt gekonnt mit den Erwartungen seiner Leser. Möglicherweise ist der Erstling noch nicht einmal der spannendste oder gelungenste Kriminalroman Doyles, aber er ist in jedem Fall hochinteressant, auch weil er im Prinzip zwei Romane in einem vereint.

Zunächst erzählt gebürtige Edinburgher die Geschichte um Holmes, Watson und die gemeinsamen Ermittlungen. Im eine zweiten Teil, als die Lösung sich abzuzeichnen beginnt, malt Doyle detailverliebt eine tragische Liebesgeschichte rund um die US-amerikanischen Mormonen und bringt so seinen Lesern die merkwürdigen Sitten und Riten der „Heilige der letzten Tage nahe.

Eine vielschichtiges Interesse für Geheimbünde aller Art

Die Polygamisten und fanatischen Christen aus den USA bildeten vermutlich den idealen Nährboden, auf dem Sir Arthur Conan Doyle seine Ideen züchtete. Der schreibende Arzt hatte zeitlebens ein Faible für das Exotische, für Übersinnliches und alle Arten von Geheimbünden. Aus seiner Sicht füllten die „Heiligen der letzten Tage“ (übrigens ein selbst verliehener Titel) vermutlich alle drei Kategorien perfekt aus. Diesen Teil der Geschichte lassen übrigens die meisten Verfilmungen aus rein praktischen Gründen aus. Auch deshalb lohnt es sich, den Krimi in Buchform zur Hand zu nehmen.

Vom „Groschenroman“ zur Weltliteratur

„A Study in Scarlet“ und all seine Geschwister haben eine interessante Metamorphose durchgemacht. Der Autor verfasste sie in erster Linie als Unterhaltungsware, die meisten Originale erschienen daher in Heftform, heute würde man vermutlich von Groschenromanen sprechen, über die Jahre mauserten sich die Geschichten um den Londoner Detektiv und seinen Mitstreiter zu Globus-umspannender Weltliteratur. Diese Einordnung ist schon allein wegen ihrer Wirkung gerechtfertigt: Natürlich hat Sir Arthur Conan Doyle weder die Figur des Detektivs noch das Genre des Kriminalromans erfunden, aber sein Sherlock Holmes ist über Generationen hinweg, stilbildend und vorbildhaft für Detektivgeschichten in aller Welt. Sherlock Holmes ist sozusagen der Großvater aller modernen Ermittler, Sir Arthur Conan Doyle Vorbild und Ansporn für Hunderte Krimi-Autoren. Dafür gebührt ihm Respekt und Dank aller begeisterten Krimi-Leser. Ganz neben bei sind die Geschichten aus einer anderen Zeit bis heute spannende, höchst unterhaltsame Kriminalgeschichten.

 

Tatort:London

221b Baker Street lautet eine der bekanntesten Adressen der Welt. Hier stand in der Phantasie des Autors das Haus, in dem Sherlock Holmes und Dr. Watson lebten und ihre Fälle lösten. Das literarische Werk von Sir Arthur Conan Doyle führt den Leser aber in das London des 19. Jahrhundert. Der Brite beschreibt die Weltmetropole in jenen Hochzeiten des britischen Weltreiches, als Glanz und Elend einer oft noch zügellos industrialisierten Metropole sehr dicht beieinander lagen. So bewegen sich Holmes und Watson gerne in den Kreisen – aber vor allem auch nach den Regeln – der „besseren Gesellschaft“, während auf den Straßen oft das blanke Elend herrscht. Sir Arthur Conan Doyle schrieb keine aufrüttelnden Sozialreportagen, aber die Gegensätzlichkeiten der viktorianischen Gesellschaft schimmern immer wieder durch. Insofern liefert das Werk um Sherlock Holmes vielleicht keinen brauchbaren geographischen, aber nach mittlerweile ziemlich genau 125 Jahren einen sehr guten historischen Atlas, der dem Leser nicht nur eine Stadt, sondern eine ganze Epoche erschließt.

Sir Arthur Conan Doyle, A Study in Scarlet

VÖ: 1887
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Jeffery Deaver lässt James Bond einen gemeinen Müllmann jagen

Dieses Mal geht die Reise nach Serbien, Dubai und Südafrika. Exotische Ziele sind für den ordentlichen Spionage-Thriller mindestens genau so wichtig, wie fantasievoll erdachte Waffen, schöne Frauen und abgefeimte Schurken mit dem Drang, die Welt zu vernichten.

Der neue James Bond, der ja traditionell so eine Art global agierender Handlungsreisender in Sachen Geheimniskrämerei ist, macht da keine Ausnahme. Der US-Autor Jeffery Deaver wurde gebeten die Vorlage für das jüngste 007-Abenteuer zu verfassen. Echte Fans können also jetzt schon lesen, was dem britischen Geheimagenten in der nächsten Verfilmung widerfahren wird.

Product-Placement jetzt auch im Buch

Zunächst zum unangenehmen Teil: Das Product-Placement hat jetzt auch in die Literatur Einzug gehalten. Vermutlich haben die Produzenten des Filmes eine unauffällige Mail mit Kooperationspartnern an den Krimi-Autoren geschickt: Jedenfalls finden sich wahrscheinliche und unmögliche Produkte ausgiebig benannt und beschrieben. Freunde der Abteilung Q werden beispielsweise vergeblich auf fantasievoll erdachte Fortbewegungsmittel hoffen, die raffiniertesten Tricks finden im Inneren eines Telefons US-amerikanische Herkunft statt.

James Bond ist erwachsen geworden

Die nächste „Enttäuschung“: James Bond scheint erwachsen geworden, beziehungsweise im 21. Jahrhundert angekommen. Der Agent nimmt Frauen ernst, weiß ihre beruflichen Qualitäten zu schätzen und reflektiert (!), ob er eine Frau, die er attraktiv findet, auch tatsächlich verführen soll. (soweit, dass er mit dem Versuch scheitern könnte, reicht der Fortschritt selbstverständlich nicht.)

Da der Roman zumindest als Vorlage für ein Drehbuch gedacht ist, nehmen – ungewöhnlich für Jeffery Deaver – „Action-Szenen“ einen breiten Raum ein. Ausführlich kann der Leser Zweikämpfen Bonds mit allen möglichen Waffen und Nahkampftechniken gegen erst unüberwindbar scheinende, aber dann doch zu bezwingende Bösewichte folgen. Das geht, obwohl dicht geschrieben, zu Lasten des Tempos.

007 muss nach Dubai und Kapstadt

Zum Plot ist nicht viel zu sagen. Der zentrale Gegenspieler Bonds ist, so scheint es, harmlos im Recycling-Business. Das zumindest ist eine hübsche Idee. Der potentielle Gutmensch als durchtriebener Bösewicht. Kleine Puzzlestücke deuten darauf hin, dass ein gewaltiger Anschlag bevorsteht, und James Bond wird von „M“ damit beauftragt, den Urheber aufzuspüren und aufzuhalten. Das gelingt nach Abenteuern in Dubai und Kapstadt, bei denen Bond erkennen muss, dass er es mit einem überaus raffinierten Gegenspieler zu tun hat, der an alle Eventualitäten zu denken scheint und deshalb lange nicht zu fassen ist.

Jeffrey Deaver sprüht wieder vor guten Ideen

Hier liegen Stärken des Bond-Thrillers: Jeffrey Deaver recherchiert sehr genau, sprüht meistens vor guten Ideen und versteht es beinahe unerreicht, einen spannenden, immer wieder überraschende Wendungen bereit haltenden Plot zu konstruieren. Zuletzt ließ er beispielsweise per Stromkabel morden.

Bei allen Merkwürdigkeiten, die die Wiederaufarbeitung eines hinlänglich bekannten Serienhelden mit Wurzeln in den sechziger Jahren mit sich bringt, ist es Jeaffrey Deaver tatsächlich gelungen, eine spannende Fortsetzung zu erzählen, die zudem einige neue, wenn auch ungewöhnliche Facetten des Superagenten im Einsatz ihrer britischen Majestät bereit hält.

Tatort:Südafrika

Natürlich ist London die Heimat von 007, aber sein Arbeitsplatz ist die Welt. Als Spion kommt James Bond herum. Neben dem Auftakt in Serbien und einem Intermezzo in Dubai spielt der neue Bond vor allem in Südafrika, genauer gesagt in Kapstadt und seiner Umgebung. Mit wenigen Worten skizziert Deaver die südafrikanische Gesellschaft, Strukturen und Probleme eines Landes im Wandel. Wer eine tiefgründige Analyse erwartet und sich über oberflächlich hingeworfene, grob gezeichnete Schraffuren ärgert, hat vermutlich Recht, sollte sich aber fragen, ob ein James-Bond-Roman für ihn die richtige Lektüre darstellt. 007 ist schließlich kein Erdkundelehrer. Wer sich mit solcherlei Gedanken nicht aufhält, wird sich gleichermaßen informiert wie unterhalten fühlen…

 Jeffery Deaver, Carte Blanche, Blanvalet,544 S., 14,99€

VÖ: 27. Februar 2012

 

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Helen Black entwertet mit fröhlich-plapperndem Ton ein ernstes Thema

Archaische Strukturen in Familien, Unterdrückung von Mädchen und Ehrenmorde sind ein ernstes Thema. Das Leben islamisch geprägter Familien in einem westlichen Umfeld, das Integration verlangt und das Fremde nicht zu akzeptieren bereit ist, ebenso. Um so wichtiger ist es, dass die Probleme angesprochen werden. Ob nun das Genre des Krimis der richtige Ort ist, scheint angesichts Helen Blacks „Schuldspruch“ allerdings fraglich.

Rebellen mit Rechtsbuch in „Schuldspruch“

Die Britin lässt in ihrem dritten Kriminalroman eine junge Frau sterben. Sie wurde mit Schlaftabletten vergiftet, also ermordet. Außerdem war die Frau mit pakistanischen Wurzeln schwanger. Für die Polizei ist der Fall schnell klar. Einer ihrer Brüder wird verhaftet. Die Behörden gehen von einem „Ehrenmord“ aus. Hier kommt die Anwältin Lilly Valentine ins Spiel. Die Rebellin mit Rechtsbuch wird von der Familie des Jugendlichen engagiert und glaubt trotz erdrückender Beweislast und fundamentalistischer Attitüde an die Unschuld ihres Mandanten. Sie beginnt zu ermitteln und stellt alsbald die Polizei bloß. Bei ihren Recherchen stößt sie nicht nur auf sturköpfige, ignorante Polizisten, sondern auch auf kriminell-gewalttätige selbsternannte „Heilige Krieger“ und natürlich auf eine Mauer des Schweigens mitten in der Weltmetropole London.

Helen Black zeichnet Figuren ohne Tiefe

Helen Black arbeitet, wenn sie nicht gerade Krimis schreibt, als Anwältin für Jugendstrafrecht in London, kennt also Materie und Umfeld einigermaßen genau. Dennoch kann „Schuldspruch“ trotz eines leidlich guten Spannungsbogens und des eigentlich dramatischen und deshalb mitreißenden Grundthemas nicht wirklich überzeugen. Letztlich verliert sie sich bei ihren Versuchen, dem Leben islamischer Einwanderer auf den Grund zu gehen, in einem Labyrinth schwarz-weiß gezeichneter Pappfiguren – mit scharfen Konturen, aber ohne Tiefe. Das ist dramatisch gezeichnet, aber für die Diskussion um Integration nicht wirklich hilfreich.

Ein amüsant-oberflächlicher Ton

Die schreibende Anwältin hilft ihrer Sache auch in stilistischer Weise nicht wirklich weiter. Sie verfällt immer wieder in einen seicht-plaudernden Ton amüsant-oberflächlicher Frauenliteratur. Protagonistin und ihr Umfeld vermögen auch Angesichts der dramatischsten Zuspitzung noch fröhlich-plappernde Dialoge, die an einen dieser „Beim-nächsten-Frosch wird-alles-anders“-Frauenstoffe erinnern und ein merkwürdig antiquiertes Frauenbild zeichnen. Und das ist wirklich nicht besonders lustig, gleich wie die Zielgruppe aussieht.

 

Tatort:London

Ein kuscheliges Cottage für die Anwältin, eine heruntergekommene Mietskaserne für ihre Assistentin, Gettho-artige Siedlungen für die Moslems, ein Schlachterladen für einen verdächtigen Moslem. Man kann sich schon vorstellen, dass es im weniger feinen Norden Londons genau so aussieht, man ahnt aber gleichzeitig, dass hier leere Fassaden zu einer „stimmigen“ Kulisse zusammengeschoben wurden. Wie das bei Stereotypen und Klischees so ist, steckt auch in den London-Schilderungen Helen Blacks, ein Quentchen Wahrheit, ob man die Vereinfachungen aber tatsächlich für bare Münze nehmen sollte?

Helen Black, Schuldspruch, Fischer, 378 Seiten, 8,99€

VÖ: Januar 2012

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Spannend, aber oberflächlich: Tim Weavers „Blutiges Schweigen“

Journalisten sind oft Menschen, die nichts Ordentliches gelernt haben und doch oft glauben, von allem ein bisschen was können. So ist das wohl auch mit David Raker. Einst reiste er als Reporter um die Welt, um spannende Geschichten zu finden und aufzuschreiben. Seit dem Tod seiner Frau zieht er als Getriebener durch London und spürt vermisste Kinder auf.  Auf sein Umfeld wirkt er dabei gelegentlich besessen, aber die Quote stimmt: Bisher hat er alle, die er gesucht hat, wiedergefunden – ein Trost für alle, die sich mit gesundem Halbwissen durchs Leben schlagen. Aber das nur nebenbei.

Suche nach einem verschwundenen Mädchen

Über ein halbes Jahr ist jetzt die siebzehnjährige Megan Carver verschwunden. Die Polizei lässt es bei der Suche eher locker angehen, und so wenden sich die Eltern an David Raker. Der ehemalige Journalist beginnt, Fragen zu stellen und stößt schnell auf Ungereimtheiten. Ganz so perfekt, wie ihm versucht wird, vorzugaukeln, war der angeblich strebsame, zurückhaltende Teenager offenbar doch nicht. Merkwürdiges entdeckt der Mann auch bei der Polizei, die offenbar ein Geheimnis zu verbergen versucht.

Blutige Spur eines Serienmörders

David Raker findet neue Spuren und muss feststellen, dass Megan Carver einem abgrundtief bösen Verbrecher begegnete, der nicht einfach nur ein Mädchen entführte, sondern mit mörderischer Präzision einem perfiden Plan folgt. Dass der Kidnapper sich zu allem Überfluss an einem Ort herumtreibt, an dem einst ein Serienmörder seine blutige Spur legte, lässt nichts Gutes ahnen.

Ein illustres Ensemble

Der britische Journalist Tim Weaver hat sich David Raker erdacht und schickt seinen Ermittler in „Blutiges Schweigen“ bereits zum zweiten Mal durch die Straßen von London. Weaver geht bei seinem jüngsten Kriminalroman wieder in die Vollen. Er hetzt dem wackerem Raker ein bunt gemischtes, spannungstreibendes Personal auf den Hals: Der Ex-Journalist muss sich mit bösartigen Kommissaren, einem wild wordenen, abgehalfterten Polizisten auf Rachfeldzug, einem sadistischen Arzt, einem russischen Bandenchef und allerlei anderen dubiosen Figuren herumschlagen. Dieses illustre Ensemble lässt die Vielzahl der Handlungsstränge erahnen, die Weaver zu seinem Krimi verwebt.

Nervenkitzel pur

Gleichzeitig drückt der Brite auf Tempo. Nach handelsüblich geruhsamen Auftakt lässt Weaver weder seinem Hauptdarsteller noch seinen Lesern Zeit für eine Verschnaufpause. Die Handlung verdichtet sich auf einige Stunden, in denen Raker sich ein Duell mit einem gnadenlosen, genialischen Gegner liefert. Das ist ungemein spannend. Weaver versteht es, seinen Lesern mit allen Mitteln an seine Story zu fesseln. Insofern liest sich „Blutiges Schweigen“ sehr gut. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Früh schält sich der Gegner Rakers heraus, der Plot lässt bei aller Spannung, bei allem Nervenkitzel überraschende Wendungen vermissen. Dazu kommt, das Weaver viele Ideen hat, dabei Handlungsstränge andeutet aber nicht konsequent verfolgt. Außerdem erscheinen die Figuren jenseits des „Hauptdarstellers“ blass, so dass am Ende der Eindruck perfekt inszenierter, aber in Teilen doch recht oberflächlicher Thriller-Unterhaltung hängen bleibt.

 

Tatort:London

Ost-London ist der Schauplatz von „Blutiges Schweigen“, aber Tim Weaver modelliert die Stadt nach eigenem Bedarf um. Neben kleinbürgerlichen Wohnsiedlungen spielt in erster Linie ein vergessener Ort die Hauptrolle in seinem Kriminalroman. Ein dunkel zugewucherter, verflucht wirkender Wald und ein Stadtteil mit Geisterstadtcharakter, der von Fabrikruinen und verfallenen Häusern geprägt wird, verbergen finstere Geheimnisse aus Vergangenheit und Gegenwart. Das ist natürlich weder real noch realistisch, aber außerordentlich gut ausgedacht. Der aus einer Gothic Novel in den modernen Krimi entsprungene Schauplatz trägt wesentlich zum fesselnden Spannungsbogen von „Blutiges Schweigen“ bei. Da macht es dann auch nichts, dass der Tatort komplett erdacht ist, weil man ihn sich so oder so ähnlich gerne in London vorstellen mag.

Tim Weaver, Blutiges Schweigen, Goldmann, 505 S., 9,99€, VÖ: Januar 2012

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Mark Pearsons „Blutbeute“: Ein Thriller als Seifenoper

Jack Delany ist Ire und Polizist. Er lebt und arbeitet in London. Genauer gesagt treibt er seit dem Tod von Frau und ungeborenem Kind eher ziellos und selten nüchtern dahin – und soll nach dem Willen seiner Chefin doch wieder in seinen Job einsteigen.

Kate Walker hat sich dummerweise auf Jack Delany eingelassen, der sich aber wegen seiner toten Frau nicht auf eine neue Beziehung einlassen will. Die Rechtsmedizinerin betäubt ihren Kummer im Pub und wacht am nächsten Morgen ohne jede Erinnerung an der Seite eines fremden Mannes auf. Der Fremde, so vermutet sie, hat sie betäubt und vergewaltigt.

Seifenoper oder Kriminalroman?

Die wichtigsten Figuren in „Blutbeute“ haben eigentlich völlig ausreichend mit sich selber und ihren Problemen zu tun. Da Mark Pearson keinen Stoff für eine ambitionierte Seifenoper sondern einen Krimi gesammelt hat, legt er seinem geplagten Team noch einige Frauenleichen vor die Füße, die – größeren Schrecken gibt es für die Einwohner der britischen Metropole vermutlich nicht – an die Opfer des bekanntesten aller Serienmörder, Jack the Ripper, erinnern.

Ein verworrener Fall

Der Polizist Delany beginnt zu ermitteln und muss feststellen, dass der Fall nicht nur außerordentlich verworren ist, sondern ihn mehr zwingt, sich mit seiner Vergangenheit und seinem aktuellen Leben auseinander zu setzen, als ihm das lieb sein kann.

Stark im Zentrum, blass an den Rändern

Mark Person hat einen spannenden Thriller geschrieben, bei dem allerdings stellenweise nicht klar wird, was im Vordergrund steht: Die Suche nach einem brutalen Serienmörder oder die persönlichen und Beziehungsprobleme der Protagonisten. Beinahe alles kreist in dem mit sprachlich einfachen aber soliden Mitteln aufgeschriebenen Kriminalroman um das Beziehungsgeflecht von Delany und Walker. Hier ist Pearson glaubhaft und stark. Die eine oder andere Nebenfigur, wie die der karrieregeilen, eitlen und geltungssüchtigen Fernsehreporterin, die sich mit allen Mitteln hochzuschlafen versucht, bleiben dagegen eindimensionale Stereotypen..

Wer bei seiner Krimilektüre nicht mit dem Problemen anderer Menschen behelligt werden will, der sollte von Blutbeute besser seine Finger lassen. Wer jedoch das Drama in der Seifenoper, die man so Leben nennt, auch beim Lesen zu schätzen weiß, der ist mit dem London-Thriller bestens bedient.

 

Tatort:London

Jack Delany ist Ire, den es nach London verschlagen hat. Das Leben des Polizisten spielt sich allen Klischees nach folgerichtig meist in Pubs ab. Hier hält sich Delany auf, hier führt er, so scheint es, die meisten seiner Gespräche. Dennoch ist „Blutbeute“ kein Kneipenführer. Pearson beschreibt ein London jenseits von Finanzdistrikt und Notting Hill. Es ist ein heruntergekommenes, bestenfalls spießig-kleinbürgerliches London, in dem Mörder und Polizisten ihr Katz-und-Maus-Spiel betreiben. Viel Raum nehmen die Beschreibungen des „Tatort:London“ ansonsten nicht ein. Immerhin erfährt man, dass auch im Londoner Vorortpub – so viel  Lebensart muss sein – beim irischen „Herrengedeck“ aus Whiskey und Guinness sich letzteres erst setzen muss. Keine ganz neue, aber immerhin eine nicht ganz unbedeutende Information für den Pub-Neuling.

Mark Pearson, Blutbeute, Goldmann, 8,99€

VÖ: Dezember 2011