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Gar nicht so kleine Monster, die Kinder in Marc Elsbergs Helix

Reiche Ernteerträge, gesunde und hyperintelligente Wunschbabys, ein perfides politisches Attentat per Erkältungsvirus: Der neue Roman von Marc Elsberg hält die gesamte Bandbreite von Fluch bis Segen beim Thema Genmanipulation bereit.

Mord mit einem Designer-Virus

Helix heißt das jüngste Werk, das damit bereits im Titel andeutet, welches Thema der Science-Thriller-Autor Elsberg sich diesmal ausgesucht hat. Auftakt bildet ein Mord. Auf der Münchener Sicherheitskonferenz bricht urplötzlich der US-Außenminister tot zusammen, ermordet, wie sich schnell herausstellt, durch einen auf den Mann zugeschnittenen Designer-Virus.

Marc Elsberg hält wieder viele Erzählstränge im Griff

Zu Elsbergs Erzählmuster gehört die Parallelmontage. So erfährt der Leser schnell von überraschend gut gedeihenden landwirtschaftlichen Produkten ausgerechnet in Krisenregionen in Südamerika, Asien und Afrika und einem mäßig amüsierten Lebensmittelkonzern, der um durch scheinbar anarchisch veränderte Lebensmittel um den Ertrag seiner Patente fürchtet.  In einem weiteren Handlungsstrang macht sich ein US-Amerikanisches Ehepaar auf, um die Verlockung eines perfekt designten Wunschkindes auszuloten.

Helix beschreibt wieder ein apokalyptisches Szenario

Zu den Stärken von Marc Elsberg gehören zwei handwerkliche Fähigkeiten, die er bereits in Blackout und Zero unter Beweis gestellt hat. Scheinbar zusammenhanglos zusammengefügte Erzählschnipsel ergeben schnell das Gefühl grundsätzlicher Hoffnungslosigkeit, der perfekte Nährboden eines guten Thrillers. Außerdem arbeitet sich der Österreicher solide in die Materie ein, der Leser bekommt so das Gefühl, dass all das, was da passiert, tatsächlich möglich ist.

Kinder als gar nicht so kleine Monster

Beste Voraussetzungen also für einen perfekten Thriller. Und dennoch funktioniert das, was vor allem den Erstling Blackout zu einer sensationellen Lektüre hat werden lassen, diesmal nicht. Das liegt vor allem an den „Schurken“. Schnell wird klar, zuerst den Lesern, dann der US-Ermittlerin Jessica Roberts, die die Geschichte zusammenhält, dass hinter dem eingetretenen und noch zu erwartenden weitaus schlimmeren Ungemach, genetisch mutierte, hyperintelligente und starke Kinder stecken – und das funktioniert leider nicht. So sehr sich Elsberg bemüht, die kleinen genmanipulierten Monster bleiben Kinder und bei aller zugeschriebenen Raffinesse zutiefst uninteressant.

Helix unterhält, prägt sich aber nicht ein

Wegen der handwerklichen Fähigkeiten Elsbergs ist Helix interessant und leidlich spannend. Wegen der einen zentralen Schwäche stellt sich jedoch nicht diese emotionale Bindung zwischen Buch und Leser ein, die es erstens unmöglich (sehr schwer) macht, das Buch aus der Hand zu legen und zweitens dafür sorgt, dass sich die Story über Jahre hinweg in die Erinnerung einbrennt. Wer so ein Buch sucht, dem sei – wenn er es denn noch nicht kennt – Elsbergs Blackout empfohlen.

Marc Elsberg, Helix, Blanvalet, 646S., 22,99€, VÖ: 31. Oktober 2016

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Weshalb ich mit Marc Elsbergs sehr gelungenen Zero meine Probleme habe

Das Endzeitszenario „Blackout“ war mit Sicherheit einer der Bücher des Jahres 2012. Jetzt hat dessen Autor, Marc Elsberg, seinen neuesten Krimi veröffentlicht. Wieder steht die Technik im Mittelpunkt – und die Folgen, wenn die Systeme versagen.

Ein Kampf der Gegenwart: Datenschützer vs. Datenkraken

In „Zero“ geht es im Prinzip um einen sehr aktuellen Konflikt. Ungefähr so wie in der Jetztzeit stehen in einer nahen Zukunft Datenkraken und Datenschützer gegeneinander. Die Datenkraken haben, da bleibt Elsberg dicht an der Realität, alle möglichen Algorithmen entwickelt, mit denen sie die Daten ihrer (eigentlich aller) Nutzer sammeln (und verwenden). Gleichzeitig, und da entfernt sich Elsberg (hoffentlich) von der Wirklichkeit, verfolgen die Datenkraken mit diesem beinahe allumfassenden Wissen die finstersten Pläne, die im Prinzip die Weltherrschaft beinhalten. Vermutlich kann man nur hoffen, dass es Google, Facebook und Co einfach zu anstrengend (und nicht lukrativ genug) wäre, gleich ganze Länder zu regieren.

Die Datenbrille als Zeuge eines Mordes

Jedenfalls passiert bei einer Verfolgungsjagd durch London ein Mord, der durch eine Datenbrille aufgezeichnet und publik gemacht wird. Das Opfer ist ein Junge der mit der Tochter der Journalisten Cynthia Bonsant befreundet ist. Das Ganze steht zu allem Überfluss im Zusammenhang mit einer „Aktion“ von Datenschutzaktivisten gegen den Präsidenten der USA. Die Journalistin, die von ihrem Arbeitsethos eher Old-School ist, beginnt zu recherchieren und gerät unversehens in einen fiesen Krieg aller möglichen (Firmen-)Finsterlinge gegen die Datenschützer. Es beginnt eine atemlose Jagd.

Marc Elsberg hat wieder einen enorm spannenden Thriller geschrieben

Hatte Marc Elsberg sich bei „Blackout“ den europäischen Kontinent als Schauplatz ausgesucht, breitet er in „Zero“ die Landkarte noch weiter aus. Über den großen Teich bis in die USA geht die Jagd. Um es kurz zu sagen: Eigentlich hat Marc Elsberg wieder einen enorm spannenden, sauber durchdeklinierten und intelligenten Thriller geschrieben. Dennoch habe ich mit Zero meine Probleme. Aber das hat eher mit mir zu tun.

Meine persönlichen Befindlichkeiten und „Zero“

Marc Elsberg hat sich eine ältere Journalistin als Protagonistin auserkoren, die ihre Wurzeln im guten alten Printgeschäft hat und eher widerwillig sich mit den modernen Informationsplattformen auseinandersetzen muss. So wie Elsbergs „Cyn Bonsant“ habe ich meine Wurzeln, das Alter bringt es mit sich, im Printgeschäft. Vielleicht ist es ja ganz einfach, und es geht mir wie Polizisten, die keine literarischen Kommissare mögen, weil sie zu fern von der eigenen Realität sind. Bei mir kommt hinzu, dass ich vor einigen Jahren den Weg gegangen bin, den Elsbergs Heldin verweigert. Ich arbeite „online“ und versuche, bei meiner Arbeit immer wieder den Beleg zu bringen, dass moderne Kommunikationsformen und Qualitätsjournalismus kein Widerspruch sein müssen. In sofern kann ich mit der Zivilisationskritikerin Cyn Bonsant nicht viel anfangen: Es ist meiner Erfahrung nach viel mehr so, dass in der Realität die Online-Kritiker unter den Journalisten in den seltensten Fällen Kämpfer für die Qualität und hohe Werte, sondern meistens von der Blockadehaltung gegen jegliche Veränderung oder zusätzlich von dem Bemühen, jeglicher ernsthafter Arbeit aus dem Weg zu gehen, getrieben sind. Deshalb taugt die Protagonistin in „Zero“ für mich persönlich nicht als Identifikationsfigur.
Eigentlich sollten diese persönlichen Befindlickeiten bei der Bewertung eines Buches keine Rolle spielen, abr andererseits kann ich nur so erklären, weshalb ich bei einem eigentlich sehr gelungenen Kriminalroman keinen euphorischen Text schreiben kann. Aber das muss alle Menschen, die ihr Geld nicht mit Online-Journalismus verdienen, ja ohnehin nicht abhalten, „Zero“ mit großem Vergnügen zu lesen. Jenseits meines leichten Unbehagens ist „Zero“ schließlich ein sehr guter, spannender und action-geladener Krimi in bester angelsächsischer Thriller-Tradition.

Marc Elsberg, Zero, Blanvalet, 478S, 19,99€ VO: 26. Mai 2014

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Marc Elsberg zeichnet ein paneuropäisches Horrorszenario

Es beginnt vergleichsweise harmlos. Der Italiener Piero Manzano übersteht leicht verletzt einen Verkehrsunfall. Es hatte an einer Kreuzung gekracht, weil die Ampeln ausgefallen waren. Das kommt ja schon mal vor. Erst als er das Krankenhaus verlässt, beginnen die Dinge kompliziert zu werden. Noch ahnt der wackere Mann nicht, dass aus dem scheinbar unkomplizierten Heimweg eine Odyssee quer durch Europa werden soll. Zunächst kehr er in seine Wohnung zurück und muss feststellen, dass nicht nur die Ampel, an der er seinen Unfall hatte, sondern auch der Strom in seiner Wohnung ausgefallen ist. Genauer gesagt sitzt ganz  Mailand im Dunkeln.

„Blackout“ beginnt mit einigen kleinen Aussetzern

Es beginnt mit einigen wenigen Aussetzern in Italien und Schweden, aber immer rascher brechen immer größere Teile der Stromversorgung quer durch Europa zusammen. Am Anfang glauben die zuständigen Behörden und Stromversorger noch an technische Pannen und sind zuversichtlich, die Panne schnell wieder beheben zu können. Aber das gelingt nicht. Ganz im Gegenteil. Unterdessen wird zumindest Piero Manzano, einem ehemaligen Hacker, bei der Untersuchung seines elektronischen Stromzählers klar, dass irgendjemand das Stromnetz im gigantischen Umfang manipuliert. Der Italiener hat allerdings – ein Thema wie aus der antiken Sagenwelt – das Problem, dass dem Hellsichtigen niemand seine Prognose glauben will. Obwohl er mit seinen Erkenntnissen bis in die Zentralen europäischer Macht reist, gerät er sogar selber unter Verdacht.

Ein gesamteuropäisches Schreckensbild

Marc Elsberg hat sich mit „Blackout“ ein wahres Horrorszenario moderner Gesellschaften erdacht. Der Autor geht der Frage nach, was passiert, wenn die lebenserhaltende Energieversorgung zusammenbricht. Zunächst einmal zeichnet der Österreicher ein paneuropäisches Bild  Rembrandtschen Ausmaßes. Der Leser steht, einem Museumsbesucher gleich, staunend vor einem riesigen Gemälde und versucht, die zahllosen Fragmente, aus denen sich das Gesamtkunstwerk zusammensetzt, zu erfassen.

Marc Elsberg analysiert die Krise mit der Präzision des Chirurgen

Details gibt es in Blackout in Massen. Kühl zeichnet Elsberg den Verlauf einer Katastrophe auf, wenn nach der Stromversorgung Stück für Stück die Infrastruktur zusammenbricht, wenn erst die täglichen kleinen Helfer ausfallen, dann Wasser- und Lebensmittelversorgung zusammenbrechen und mit den letzten gesellschaftlichen Strukturen auch die öffentliche Ordnung verschwindet. Raubzüge, Gewalt, Machtübernahmen durch das Militär sind nur einige Bestandteile, der apokalyptischen Reise, die Europa in nur wenigen Tagen durchläuft. Wie bei einer Zwiebel schält Elsberg mit der Präzision eines Chirurgen Schicht für Schicht nicht nur die Errungenschaften des Fortschritts sondern auch den dünnen Firnis der Zivilisation von den Menschen – so lange, bis nur noch ein brutaler, egoistischer Kern übrig bleibt, der dem Humanisten die Tränen in die Augen treibt. Vermutlich hat der Mittvierziger dabei sogar noch ein weiches Herz und lässt den Einwohner Europas noch für einige Tage Zivilcourage, Solidarität und Nächstenliebe. Die Wirklichkeit würde sich , so steht zu befürchten, noch wesentlich härter und grausamer darstellen.

„Blackout“: Ein überaus gelungener Thriller

„Blackout“ ist eine enorm spannende Lektüre. Wer sich an die häufigen Ortswechsel dieses gesamteuropäischen Thrillers gewöhnt hat, wird mit zunehmenden Schrecken der Geschichte verfallen, die über mehrere hundert Seiten so gar keine Aussicht auf ein Happy End anbieten will. Der Leser geht im Kopf tatsächlich die Vorräte an Batterien, Kerzen und Lebensmittel im eigenen Haushalt durch, so realistisch zeichnet Elsberg den Weg in den unversorgten Abgrund. Dass gebürtige Wiener  über lange Zeit darauf verzichtet, sich mit den Verursachern der Katastrophe auseinander zu setzen, ist ein außergewöhnlich gelungener Einfall, der das dramatische Moment des Romans deutlich erhöht. Erst gegen Ende, als alle Hoffnung verloren scheint, wendet er den Blick und bietet eine Erklärung, die in ihrer beinahe schon banalen Beiläufigkeit dem Schreckensszenario zusätzliche Glaubwürdigkeiten verleiht.

Blackout ist kein Kriminalroman im herkömmlichen Sinne, aber ein überaus gelungener, enorm dicht geschriebener und beinahe schon penetrant spannend erdachter Thriller, der obwohl er ein genretypisches Weltuntergangsszenario zeichnet, eine intelligente gesellschaftskritische Komponente enthält. „Blackout“ ist Thrillerkost auf allerhöchstem Niveau.

 

Tatort:Europa

Es gibt viele Schauplätze in „Blackout“. Handelnde Figuren gibt es in beinahe allen europäischen Hauptstädten, insbesondere aber in den Machtzentralen in Paris, Brüssel, Den Haag und Berlin. Marc Elsberg hat einen europäischen Thriller geschrieben und entsprechend weit kommt das handelnde Personal herum. Natürlich bleiben die Orte angesichts der Vielzahl der Schauplätze ein wenig blass, aber Elsberg hat keinen Reiseführer, sondern ein Krisenszenario erdacht. Die Orte, die er dazu braucht, vom aufgegebenen, verlassenen Krankenhaus, über das überfüllte Notasyl bis hin zu kleinen, langsam untergehende  Inseln der Versorgung in einem wilden Meer des stromlosen Chaos, hat er gut erdacht und glaubwürdig beschrieben.

Marc Elsberg, Blackout, Blanvalet, 797 S., 19,99€

VÖ: 15. März 2012