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Ausflug in die Vorstadthölle. Max Landorff: Die Siedlung der Toten

Es gibt Krimis, die sind in ihrem Fachbereich eine außerordentliche Fehlbesetzung – und dennoch lesens-, beziehungsweise hörenswert. So ist das beispielsweise bei Max Landorffs „Siedlung der Toten“.

Auslöser der Geschichte ist der Mord an einer alten Frau in einer Siedlung vor den Toren Münchens. Mit den Ermittlungen wird die unkonventionelle, problembehaftete Kommissarin Eva Schnee betraut. Die begibt sich in eine kompliziertes, man könnte auch sagen verwirrendes Geflecht der Kunstfigur Max Landorff, den sich der Verlag zu Vermarktungszwecken der „Regler-Serie (beispielsweise Die Stunde des Reglers) erdacht hat. Der Autor (oder die Autoren) haben für „Die Siedlung der Toten“ also eine neue Ermittlerin erdacht, die Anneke Kim Sarnau für das Hörbuch mit viel (und interessantem) Leben erfüllt. Ohnehin ist das Hörbuch aufwändig produziert, außerdem lesen unter anderem noch Silvester Groth, Leslie Malton und Felix von Manteuffel.

Zeitreise in ein spießiges Siedlungsidyll

Die Ermittlungen zum Tode der alten Frauen führen weit in die Vergangenheit, zu einem nie aufgeklärten Massentod von gleich 18 Menschen in der Siedlung – und hier wird „Die Siedlung der Toten“ interessant, weniger wegen des grausamen Massentodes sondern wegen der Zeitreise in die spießig-engstirnige (noch gar nicht so lange überwundene) Vergangenheit des kleinbürgerlichen Vorstadtmilieus. Das Leben in der scheinbar idyllischen Bungalow-Siedlung entpuppt sich für die im Vergleich zu den alteingesessenen Dorfbewohnern der Nachbarschaft vermeintlich besser gestellten Neubürgern als echte Vororthölle.

Anneke Kim Sarnau liest über Doppelmoral und Gewalt

Anneke Kim Sarnau als Eva Schnee dabei zuzuhören, wie sie sich Schicht für Schicht immer tiefer durch eine perfekte Oberfläche zu einen verrotteten Kern aus Doppelmoral, Grausamkeit und Gewalt vorarbeitet ist ein gruseliges Vergnügen, aber ungemein fesselnd und faszinierend.  Allein deshalb lohnt es sich, das Hörbuch anzuhören.

Max Landorff übertreibt es mit inneren Monologen

Einen Schönheitsfehler gibt es auch. Wer mit inneren Monologen aller möglicher Getriebener und undurchsichtiger Gestalten nichts anfangen kann, den wird Landorffs Krimi vermutlich immer wieder auch nerven. In „Die Siedlung der Toten“ beglückt der Autor seine Leser/Hörer mit einer Menge dieser Monologe. Vermutlich sind sie ja für die Psychologie des Plots irgendwie wichtig. Mich haben sie ehrlich gesagt eher genervt.

Max Landorff, Die Sprache der Toten, Fischer/Headroom, , (ungekürzt), 14,99€, VÖ: 22. September 2016

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Der Regler kämpft sich durch ein wüstes Konglomerat an Ideen

Man muss die Grundidee mögen, dann funktioniert es vielleicht. Gabriel Tretjak mischt sich auf Wunsch ins Leben seiner Kunden ein und manipuliert es derart gründlich, dass Probleme verschwinden und die Zukunft optimiert wird. Die Kundschaft ist vielschichtig: Eine Astrophysikerin, die versucht, die Zeit aufzuheben oder Kinder von Nazis, die ihr Vermögen retten wollen. Man merkt schon, es ist eine merkwürdige Mischung, die sich der Autor, der sich hinter dem Pseudonym Max Landorff verbirgt, ausgedacht hat.

Ein massiver Eingriff in das Leben des „Reglers“

In seinem zweiten „Fall“, der erste war ein Bestseller, soll Tretjak eben jener Astrophysikerin am Cern im Genf helfen, da sie anonym bedroht wird. Der umtriebige Mann schlüpft in die Rolle der Unglücklichen, die natürlich nicht nur Opfer ist, und macht sich an die Arbeit. Weit kommt er nicht, weil er selber ins Visier eines Unbekannten gerät, der seinerseits versucht das Leben des „Reglers“ so die Arbeitsbezeichnung Tretjaks, nachhaltig zu verändern, final oder tödlich, um genau zu sein.

Ein Krimi an der Oberfläche

„Die Stunde des Reglers“ ist der zweite Roman über Gabriel Tretjak – und für mich funktioniert die Idee des Reglers, so reizvoll sie in der Theorie scheint, nicht. Der Kriminalroman ist einfach furchtbar überfrachtet, eine Physikerin, die die Zeit umkehren will, eine christlich-fundamentalistische Geheimorganisation, die genau das verhindern will, manipulierte oder ermordete Ex-Geliebte, bösartige Nachkommen von Nazigrößen , ein nicht therapierbarer Protagonist mit komplexer Familiengeschichte und ein geheimnisvoller Rächer. Man kommt kaum hinterher, so oft wechseln die Themen: Das muss natürlich oberflächlich und damit noch unglaubwürdiger als erwartbar bleiben: Das kann man lesen, das kann man mögen, nachdenken sollte man über das Konglomerat der Ideen, das ein höchst artifizielles Universum schafft, besser nicht. Man kommt dann recht schnell zum Schluss, dass die Grundidee nicht funktioniert.

 

Tatort:Europa

In der „Stunde des Reglers“ häufen sich die Ideen – und damit die Einfälle. Einen wirklichen Tatort gibt es damit nicht, die Protagonisten kommen herum. Der Autor beschäftigt sich ausgiebiger lediglich mit einer kleinen Berghütte im italienischen und einem Krankenhaus. Es sind dies jedoch, eher Mikro-Orte, die nur wenig Rückschlüsse auf real existierende Orte zulassen.

Max Landorff, Die Stunde des Reglers, Scherz, 351 S., 14,99 €,

VÖ: September 2012