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Philip Kerr und Scott Manson: Krimi und Liebeserklärung an den Fußball

Wenn man ganz strenge Maßstäbe anlegt, produziert Philip Kerr eigentlich ziemlich großen Quatsch. Zu seinem Werk gehören einige Science-Thriller um Yetis oder killende Hochhäuser, historische Stoffe um einen Berliner Cop, der wirklich allen Nazi-Größen vor und während des 2 Weltkrieges auf die Füße tritt – und Krimis um einen ermittelnden Fußballtrainer.

Ganz ehrlich? Ich mag nicht streng sein. Die Bücher von Philip Kerr sind immer wieder großartig, beste Unterhaltung für jede Lebenslage. Kerr schafft es, dass ich als Leser alle Zweifel wegen mangelnder Glaubwürdig sehr weit beiseiteschiebe und mich haltlos im Plot verliere. So ist das auch bei der Trilogie um den schottischen, schwarzen Fußballtrainer mit deutschen Wurzeln, der wider Willen zum Detektiv wird. Scott Manson heißt der Mann, hat eine bewegte und komplizierte Vergangenheit und – wie eigentlich alle Kerr-Kreaturen – einen Schlag bei den Frauen.

Scott Manson ermittelt am Spielfeldrand

Den Auftakt macht „Wintertransfer“, in dem Manson den Mord an seinem Chef Zarco, einem portugiesischen Startrainer aufklärt. Danach folgt „Die Hand Gottes“, in dem es um den Tod eines Mittelstürmers auf dem Platz mitten beim Auswärtsspiel in Griechenland geht. Der dritte, und bislang  letzte (?) Teil schickt den fußballernden Detektiv in die Karibik, wo er einen vermissten Spieler des glorreichen FC Barcelona wiederfinden und zurückbringen soll.

Philipp Kerr räubert sich durch den internationalen Fußball

Wie bei seiner Bernie Gunther-Serie hat Philip Kerr keinerlei Berührungsängste. Hemmungslos lässt er reale Figuren des internationalen Fußballs durch seine Krimis stolpern. Gelegentlich verfremdet  er bekannte Figuren, gibt ihnen Kunstnamen, was nicht heißt, dass man sie nicht dennoch mühelos identifizieren kann.

Scott Manson, natürlich ein sympathischer Ermittler

Ohne hier in die Details zu gehen: Kerr hat wieder Plots erdacht, die krimi-gerechte Spannung garantieren. Es gibt Irr- und Umwege bei den Ermittlungen und immer wieder ordentliche Überraschungen. Und natürlich hat er seinen Scott Manson wieder so gestaltet, dass es sehr leicht fällt, ihn trotz – oder gerade wegen – seiner diversen Schwächen zu mögen.

Wütende Abrechnung und Liebeserklärung an den Fußball

Die besondere Faszination für die Scott-Manson-Reihe speist sich aber aus der Tatsache, dass Kerr als unbedingter und wütender Fan geschrieben hat. Alle drei Krimis sind ehrliche Liebeserklärungen an einen sehr simplen und gerade deshalb faszinierenden Sport, bei dem 22 Männer einem Ball hinterherjagen. Gleichzeitig ist die Trilogie eine gnadenlose Abrechnung mit dem modernen Fußball. Kerr beschreibt einen Sport, der sich zu einer gewaltigen Unterhaltungsindustrie entwickelt hat, in dem Multimilliardäre das Spiel geschehen, Spieler zu unmündigen, twitternden Smartphone-Idioten, Trainer zu zynischen Menschenhändlern und Journalisten zu rückgratlosen Sidekicks auf einer gigantischen Show-Bühne mutieren.

Eine Krimi-Serie für Sportfans

Auch, wenn es vermutlich Heile-Welt-Verklärend ist, habe ich mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich beim Lesen zustimmend genickt habe, aber eben auch, weil auf jeder Seite zwischen aller Kritik die bedingungslose Liebe für den Sport durchschimmerte, eine Leidenschaft spürbar wurde, die jedes Leiden überstrahlt. Und wer Fußball mag, wer Sport liebt, der kennt das nur zu genau.

Philip Kerr, Wintertransfer, Tropen, 425 S., 9,95€, VÖ: 2015

Philip Kerr, Die Hand Gottes, Tropen, 397S., 14,95€, VÖ: 2015

Philip Kerr, Die Falsche Neun, Tropen, 367 S., 14,95€, VÖ: 2016

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Gute Nachrichten für Bernie-Gunther-Fans: Philip Kerr schreibt The Lady from Zagreb und zwei weitere Krimis der Serie

Philip Kerr hat wieder einmal Bernhard Gunther von der Leine gelassen: Dieses Mal muss sich der knorrige Detektiv mit Widersachern in Zagreb und der Schweiz auseinandersetzen.  Wie schon beim letzten Band „Wolfshunger“ ist das streng genommen wieder ziemlich unglaubwürdiger Blödsinn – und vermutlich gerade deshalb wieder ein großer Spaß.

Bernie Gunther trifft mal wieder eine Damsell in Distress

Im zehnten Band der Serie lebt Gunther als gescheiterte Existenz, wie auch sonst, an der Côte d’Azur. Bei einem Kinobesuch sieht er einen Film mit einem deutschen Filmstar und betritt in einen Pfad wehmütiger Erinnerungen. Und der beginnt so:  Joseph Goebbels bittet Gunther, ihm einen „privaten“ Gefallen zu tun. Er hat sich in besagte Schauspielerin verguckt, die wegen privater Probleme sich aber weigert, in Berlin, beziehungsweise Babelsberg mit dem Dreh zu beginnen, wo der Propagandaminister der Schönen näher zu kommen hofft. Bernie Gunther soll also die Probleme der Diva aus der Welt schaffen. Es kommt, wie es bei Kerr und Gunther immer kommen muss: Der Cop verguckt sich in die Damsel in Distress, gerät beim Versuch der Schönen zu helfen in massive Schwierigkeiten, legt sich mit allerlei Nazigrößen an, schwebt in Lebensgefahr, deckt eine gigantische Verschwörung auf – und muss am Ende einmal mehr ohne Happy End auskommen.

Bernie Gunther, die brillante Erfindung Philip Kerrs

Philip Kerr strickt seine Detektivgeschichten, die er im Deutschland der Nazizeit ansiedelt, mittlerweile nach dem immer selben Muster. Der Brite schert sich dabei immer weniger um Originalität oder Glaubwürdigkeit. Und dennoch funktionieren die Krimis immer wieder. Die Figur des Bernie Gunter ist einfach brillant erdacht, der abgebrühte Polizist, der immer wieder versuchen muss, sich mit den Monstern der Nazizeit auseinanderzusetzen ohne dabei selber zum Monster zu werden, ist eine herrlich altmodische Heldenfigur. Kerr gelingt es dabei aber auch, durch seine Schilderungen von Nazi-größen und deren Handlangern immer wieder gekonnt die Banalität des Bösen aufzudecken.

Keine Einstiegsdroge, aber ein Muss für Fans

Wer noch nie einen Krimi der Serie gelesen hat, sollte eher die Finger von der Neuerscheinung lassen und sich lieber die ersten drei Bände der Serie vornehmen. Die sind deutlich die bessere Einstiegsdroge und absolut und unbedingt für jeden Krimileser empfehlenswert.  Die beiden jüngsten Bände sind eher für eingefleischte Fans geeignet, die werden aber wieder sehr großen Spaß haben.

Kein Ruhestand für den Berliner Polizisten in Sicht

Und offenbar ist die Fangemeinde so groß, dass es mindestens noch zwei weitere Bände gibt beziehungsweise geben wird, obwohl Kerr eigentlich schon nach dem vorletzten, dem neunten Band, seinen Detektiv in den wohlverdienten Ruhestand schicken wollte. Ein paar Jahre ohne Aufregungen an der Côte d’Azur, vielleicht mit einer schönen Frau an der Seite, in jedem Fall mit einem ausreichenden Vorrat an Schnaps und Zigaretten, würde man Bernhard Gunther schon gönnen.

So geht es für Bernie-Gunther-Liebhaber weiter:

Wer „The Lady from Zagreb“ auf Deutsch lesen will, muss sich noch etwas gedulden. Alle anderen können sich sogar schon auf die Originalausgabe von Band 11 „The Other Side of Silencestürzen. Die ist seit Ende März im Handel. Man kommt also kaum hinterher…

Philip Kerr, The Lady from Zagreb, Quercus Press, 8,50€, VÖ: 7. April 2015

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Philip Kerr schickt Bernie Gunther in Wolfshunger an die vorderste Front

Man könnte ja anfangen zu nörgeln: Die Geschichten um den braven Polizisten Bernie Gunther werden immer unglaubwürdiger, das Schema ist immer gleich, ein Verbrechen im Nazi-Dunstkreis, Ermittlungen die behindert werden und am Ende eine überraschende Wendung. Auch eine unglückliche Liebe läuft dem Berliner Bullen wie eigentlich in jedem Band wieder über den Weg.

Mordermittlungen an vorderster Front

Natürlich hat der mittlerweile neunte Fall um Bernie Gunther mittlerweile einigen Wiedererkennungswert, und natürlich haut Philip Kerr, seit er seinen Kommissar mitten im zweiten Weltkrieg ermitteln lässt, immer wieder richtig auf die Kacke. Zuletzt musste er sich mit Reinhard Heydrich auseinandersetzen, jetzt schickt ihn gar Joseph Göbbels in „Wolfshunger“ an die Front, und zwar im wahrsten Sinne des Worts. Bernhard Gunther muss bei Smolensk ermitteln. Der Mord an polnischen Offizieren im Wald von Katyn erscheint perfekt für einen Propaganda-Coup geeignet. Gunther, innerlich der Wahrheit verpflichtet, beginnt zu ermitteln, wie eigentlich immer. Und wie schon so oft zuvor, gerät er zwischen die Fronten, setzt sich mit seiner eigenwilligen Art zwischen alle Stühle.

Bernie Gunther, eine geniale Erfindung Philip Kerrs

Auch wenn die Fälle gen Ende also immer unglaubwürdiger werden, lässt die Faszination für den knorrigen Polizisten nicht nach. Vom eingangs erwähnten nörgeln jedenfalls bin ich sehr weit entfernt: Philipp Kerr hat einfach eine geniale Figur geschaffen. Dem Schicksal des traurigen Helden, der stets versucht, in finstersten Zeiten das zarte Licht der Wahrhaftigkeit zu schützen, folgt man immer wieder gerne, gerade, weil sein Schöpfer ihn nicht als strahlenden Helden zeichnet. Bernie Gunther macht sich, die Zeiten lassen nichts anderes zu, immer wieder schmutzig, der modrige Sumpf bleibt unnentrinnbar, gleich wie sehr sich der Polizist abstrampelt, er wird hinabgezogen.

Wolfshunger spielt mit der Faszination für die NS-Zeit

Philip Kerr nutzt, seit er den Polizisten mit seiner „Berlin Noir“-Serie der Vorkriegszeit erfunden hat, raffiniert die Faszination für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Das funktioniert, weil der Autor Schotte ist (also die nötige Distanz wahren kann), das fesselt aber insbesondere, weil Kerr die Fähigkeit hat, dem Bösen gerade soviel Menschlichkeit und Charisma anzudichten, dass es gerade deshalb in seinen Handlungen noch viel unerträglicher wirkt. Und ganz nebenbei verwebt Kerr mit großem handwerklichen Geschick die ganz große Geschichte mit einem fesselnden Krimi-Plot. Das gilt ausnahmslos vom ersten bis zum jüngsten, dem neunten, Fall „Wolfshunger“.

Tatort: Smolensk

Man weiß jetzt natürlich nicht, ob sich Philip Kerr für seinen Krimi „Wolfshunger“ in Smolensk und Umgebung umgeschaut hat, aber in jedem Fall bedient er die Erwartungen, die man als Leser an eine Kriegszone in den russischen Weiten hat. Die Natur ist unerbittlich, die Weite zehrt an den Nerven. Es ist matschig, es ist kalt, es ist heiß, es ist eigentlich immer unerträglich – und im Wald heulen die Wölfe. Man weiß es wie gesagt nicht, woher Kerr seine Informationen hat, aber es scheint beinahe egal. Neben vielem anderen schildert auch der Schauplatz Smolensk,die immer näher rückende Front und die damit einhergehende Atmosphäre von Angst und Resignation sehr glaubwürdig,

Philip Kerr, Wolfshunger, Wunderlich, 544 S., 22,95€, VÖ: 29. August 2014

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Philip Kerr schreibt mit Böhmisches Blut ein weiteres Bernie-Gunther-Kapitel

Die Krimihandlung? Mehr oder weniger bei Agatha Christie geklaut. Die Bösewichter? Einfach der Geschichte entnommen. Das Prinzip? Schon mehrfach benutzt. Eigentlich müsste man Philip Kerr mindestens der Ideenlosigkeit, wenn nicht eines Plagiats anklagen, so wenig originell scheinen die Elemente, die er in seinem neuesten Kriminalroman um Bernie Gunther verwendet.  Doch dem Schotten sind all diese „Verfehlungen“ nachzusehen, weil er mal wieder einen teuflisch spannenden Krimi geschrieben hat.

Ein neuer Fall für Bernie Gunther

„Böhmisches Blut“ heißt der neueste Fall des Berliner Kriminalkommissars Bernhard Gunther, Wie schon im Vorgänger schickt Kerr seinen Protagonisten mitten in die düsterste Zeit deutscher Geschichte. Gunther ist verstört vom Einsatz an der Ostfront zurück in Berlin. Und als Mitglied der SS war er wohl an den schlimmsten Greueltaten beteiligt. Jetzt verrichtet er wieder, die Deutschen sind laut Kerr nun mal so, pflichtbewusst seinen Dienst im Polizeipräsidium am Alex.

Gunther als Leibwächter eines SS-Generals

Mitten in Morde und andere Missetaten ereilt ihn der Ruf seines Herren nach Prag. Reinhard Heydrich, Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, verlangt nach dem schrulligen Bullen, mit dem er bereits in Frankreich zusammenarbeitete. Heydrich erzählt Gunther nach dessen Ankunft, dass er um sein Leben fürchte. Der Polizist solle während einer Zusammenkunft hochrangiger Nazi-Funktionäre, SS- und Wehrmachtsoffiziere als eine Art Leibwächter auf Heydrich aufpassen.

Böhmisches Blut: Ein Mord bei Prag

Tatsächlich geschieht in dem abgelegenen Schloss bei Prag bald ein Mord. Der Tote, ein Adjutant Heydrichs, wird erschossen in einem abgeschlossenen Raum aufgefunden, von der Waffe fehlt aber jede Spur. Heydrich beauftragt Gunther mit den Ermittlungen. In eine Art Kammerspielsituation versucht Gunther mit Vernehmungen aller Beteiligten die Tat zu rekonstruieren. Er merkt schnell, dass es um mehr geht als einen bloßen Mord an einem Offizier.

Philip Kerr kann es einfach. Er nimmt seinen Leser bei jedem seiner Krimis auf eine enorm spannende Reise mit, deren hohes Tempo den Leser bis zur letzten Seite ins Sofa, in den Sessel, auf dem Stuhl (oder wo auch immer die bevorzugte Leseposition ist) drückt.

Schwerstverbrecher deutscher Geschichte als Darsteller

Die Faszination für die Bernie-Gunther-Reihe erklärt sich nicht nur durch die Erzählkunst Kerrs, nicht nur durch die immer wieder in einem intelligent verwobenen Gespinst, komplexer Handlungsstränge, sondern vermutlich zum guten Teil durch den historischen Rahmen. Vermutlich kann sich nur ein Brite trauen, Heydrich und all die anderen deutschen Schwerstverbrecher an der Menschheit mit einer gewissen Nonchalance als Haupt- und Nebendarsteller unterhaltsamer Kriminalromane auferstehen zu lassen. Aber es ist vermutlich die selber Faszination, die dazu führt, dass die Journalisten auch vom SPIEGEL  (und anderen Publikationen) immer neue „Originaldokumente“ des tausendjährigen Reiches hervorzaubern. Man wartet ja immer noch auf „die Tagebücher des Dackels von Görings Förster“ oder ähnliches.

 Nur kleinerer Ungehorsam gegen das System

Triebfeder für derlei journalistische Anstrengung ist vermutlich (hoffentlich) noch immer der Versuch, das Böse zu verstehen. Kerr hält sich damit nicht wirklich auf. Seine Gratwanderung auf den Klippen über dem Abgrund deutscher Geschichte gelingt, weil er sehr deutlich die düsteren (realen) Figuren, die er auftreten lässt, als Schurken schildert. Sein Bernhard Gunther ist mindestens nach seinen eigenen Kriegserlebnissen mindestens suizidgefährdet. Kerr erlaubt Gunther zudem kleineren Ungehorsam gegen das System, ohne ihn – das wäre dann wohl zu einfach – zum wirklichen Widerstandskämpfer werden zu lassen.

Philip Kerr wird einfacher – aus gutem Grund

Mitten im Krieg bezieht Kerr anders als in den vorherigen Bänden deutlichere Position. Er verzichtet, ebenfalls anders als in vielen vorherigen Gunther-Krimis wie „Mission Walhalla“ auf zeitliche Sprünge und nimmt auch damit seinem Protagonisten einiges an Ambivalenz. Vor und Nachkriegszeit, in die Kerr die meisten Kerr. Krimis angedockt hatte, botem dem Autor bei moralischen Fragen um das „richtige Leben im falschen“, der vielen Krimis seit Raymond Chandler Reiz verleiht, einigen Spielraum. Der Krieg nicht.

Philip Kerr, Böhmisches Blut, Wunderlich, 478S, ??€, VÖ: Januar 2014

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Philip Kerr schickt Bernie Gunther erneut auf eine spannende Zeitreise

Kuba, 1954. Carlos Hausner sitzt inmitten der Nachkriegswirren in einem Nachtclub, genauer gesagt in einem Bordell und schlürft entspannt an einem Drink. Ein Idyll? Vielleicht. Wenn, dann keines, das lange währt. Die Besitzerin des Etablissements erpresst den Mittfünfziger, eine junge kommunistische Revolutionärin (und gesuchte Mörderin) mit seinem Boot nach Haiti zu bringen. Von da an gerät der Besitzer eines argentinischen Passes in beträchtliche Schwierigkeiten.

Carlos Haussner ist allerdings Kummer gewohnt. Er musste in den Jahren zuvor für die argentinische Junta arbeiten und für die US-amerikanische Mafia. Hausner scheint das Pech magisch anzuziehen. Kein Wunder, eigentlich ist Hausner Bernhard Gunther, ehedem Berliner Kriminalkommissar mit einem außerordentlich großen Talent, sich Probleme aufzuhalsen.

Ein Polizist, der das Pech scheinbar magisch anzieht

Tatsächlich gerät Hausner, beziehungsweise Gunther, auf seiner Überfahrt von Cuba in die USA an Gegner, die Junta und Mob wie zahme Pfadfinderclubs erscheinen lassen. Die US-Marine bringt Gunthers Boot auf. Der Deutsche gerät in die Hände der CIA. Von da an wird es kompliziert – und für den Ex-Cop lebensgefährlich.

Der US-Autor Philip Kerr jagt seinen liebevoll Bernie genannten Ermittler jetzt bereits zum siebten Mal unbarmherzig durch die deutsche Geschichte. „Field Grey“, was die PR-Strategen etwas unglücklich mit „Mission Walhalla“ übersetzt sehen wollen, heißt das neueste Abenteuer Gunthers.

Bernie Gunther kommt weit herum

Kerr lässt seinen knurrigen Polizisten, der vergeblich versucht moralisch sauber zu bleiben, dabei immer wieder tief im Schlamm wühlt und feststellen muss, dass viel zu viel vom Dreck haften bliebt, weit herumkommen – geographisch wie chronologisch. Berlin, am Ende der Weimarer Republik, Paris nach der deutschen Besetzung, Minsk während des Russlandfeldzuges, ein Kriegsgefangenenlager in den Weiten der Sowjetunion und die junge Bundesrepublik im Jahr des „Wunders von Bern“ sind die wichtigsten, aber beileibe nicht alle Orte der Handlung.

Philip Kerr schließt damit zum Entzücken seiner treuen Leser Lücken in der Biographie seines Darstellers. In erster Linie aber hat der Brite wieder einen enorm packenden Thriller geschrieben. “Field Grey“ bietet eine raffiniert gewobene Geschichte mit zahlreichen überraschenden Wendungen, die selbst routinierte Krimi-Leser zu verblüffen vermögen.

Das ist aber auch wenig überraschend, denn bereits mit seiner „Berlin Noir“-Trilogie, dem Ursprung der Romane um Bernhard Gunther, hat Philip Kerr das Genre des historischen Krimis auf ein neues, enorm anspruchsvolles Niveau gehoben.

Philip Kerr plündert hemmungslos die deutsche Geschichte

Der britische Autor taucht dabei tief in die deutsche Geschichte ein, baut hemmungslos bekannte und unbekannte Figuren jener Jahre ein. Reinhard Heydrich spielt eine Rolle – und in „Field Grey“ erstmals auch der spätere Stasi-Chef Erich Mielke. Kerr zeichnet komplexe Figuren, lässt das Leid deutscher Kriegsgefangener in Sibirien genauso auferstehen wie die Misshandlung der Gefangenen im Vichy-Frankreich, vor allem aber die Greueltaten der Nazi-Schergen. Nie jedoch lässt er bei aller Spielerei mit der Geschichte die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus dem Blick, gleich von wem sie begangen wurden. Dass sich Bernie Gunther bei seinen ebenso energischen wie hilflosen Versuchen, das Richtige zu tun, immer wieder in der Geschichte verstrickt, macht einen großen Reiz der Serie aus.

 

 

Tatort:Berlin

Berlin ist die Heimat Bernhard Gunthers. Er lebt in einer Seitenstraße des Kudamms, arbeitet im Polizeipräsidium am Alex und kennt jede Kaschemme, jeden Puff, jeden Club im Wedding und anderswo. Gunther ist Polizist im Berlin der untergehenden Republik und der beginnenden Nazizeit und kommt herum. Das Berlin jener Jahre und das zerbombte Berlin der Nachkriegszeit ersteht in „Field Grey“ plastischer auf als je zuvor in den Thrillern Philip Kerrs. Gunther steht prototypisch für die Bewohner der Metropole. Er trinkt massenweise Bier, Schnaps und hat, so Kerr, die „Ausstrahlung eines Friedhofsgräbers“.

Philip Kerr legt weniger Wert auf eine detaillierte Beschreibung. Wichtiger ist es ihm, die Atmosphäre, die Stimmung seiner Schauplätze einzufangen – und das gelingt ihm immer wieder mit höchster Perfektion, sei es beim Kriegsgefangenenlager in Sibirien, sei es im Arbeiterwohnblock im roten Wedding, sei es im verschwenderisch prächtigen Hotel Adlon der Weimarer Republik.  So ensteht, auch ohne den lehrerhaften Ton des Geschichtsprofessors das historische Berlin neu.

 

Philip Kerr, Mission Walhalla, Wunderlich, 19,95€, VÖ: 15. Juli 2011