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Roger Smith inszeniert ein morbides Ballett aus Verrat und Gewalt

Die Ehe ist oft die vorweggenommene Hölle. Davor schützen weder beruflicher Erfolg, ein mittleres Vermögen, gemeinsame Kinder oder ein komfortables Heim. Zumindest für Nicholas und Catherine Exley gilt das. Beide leben mit Tochter Sunny in Kapstadt am Strand. Über den Zustand der Familie ist alles gesagt, wenn man weiß, dass ein Kindergeburtstag damit endet, dass der Gatte vor dem Haus mit einem Kumpanen kifft, während sich die Gemahlin in der Küche von ihrem serbischen Geliebten vögeln lässt. Kein Problem, könnte man in modernen Zeiten meinen, wenn nicht in diesem Moment die Tochter, die beiden Elternteilen aus unterschiedlichen Motiven im Weg ist, Richtung Atlantik läuft und dort ertrinkt. Das wiederum bekommt der ehemalige Polizist Vernon Saul mit, der wegen einer Schussverletzung den Dienst quittieren musste und seine Rente als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma fristet. Saul bekommt auch mit, weshalb die kleine Sunny stirbt.

Ein korrupter Cop schmiedet finstere Pläne

Der Südafrikaner Roger Smith hat wieder ein erlesenes Ensemble gescheiterter Existenzen versammelt. „Stiller Tod“ heißt sein neuer, soeben erschienener  Thriller, der eigentlich eher  die kalte Tagebuchaufzeichnung einiger Leben in einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale ist. Vernon Saul etwa wurde nicht als Held im Einsatz angeschossen: Einigen Drogenhändlern war schlicht das „Schutzgeld“ zu hoch, das der Cop erpresste. Den Dienst musste er denn auch quittieren, weil ihm sonst eine unangenehme interne Ermittlung gedroht hätte. So versucht er als Security-Mann aus seinem Umfeld herauszuquetschen, was eben geht. Er kontrolliert eine ehemalige Prostituierte, hält seine eigene Mutter wie eine Sklavin im Haus gefangen und macht sich auch sonst wenig Freunde.

Ausgehend vom tragischen Tod eines kleinen Mädchens entspinnt sich ein finsterer Reigen, in dem  die Beteiligten ein morbides Ballett aus Betrug, Verrat und Gewalt tanzen. Wenig überraschend, dass sich bald die Leichen am Weg stapeln.

Wenig Raum für Liebe oder Hoffnung bei Roger Smith

Roger Smith hat mit kraftvoller, teils derber Sprache wieder einen düsteren Triller geschrieben. In seinen Büchern ist wenig Raum für Liebe oder Hoffnung. Aber das macht den Reiz aus. Dieses Mal hat sich der Südafrikaner ganz auf die Beziehungen (oder Nicht-Beziehungen) seiner Protagonisten konzentriert – und das enttäuscht. Das „enttäuscht“, weil Smith zuvor mit „Staubige Hölle“ ein ganz außergewöhnlich starker Thriller gelungen war, dessen Personal noch verderbter, dessen Bühne aber die Politik war, auf der Smith ein eindringliches Drama über einen verlorenen Kontinent inszeniert hatte. Sein neuer Roman, „Stiller Tod“ ist dagegen einfach nur ein sehr guter Thriller, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Insofern hält sich die „Enttäuschung“ auch in Grenzen.

Tatort:Kapstadt

Roger Smith stellt zwei Welten gegeneinander. Die Idylle der Reichen, die in noblen, vom Wachpersonal geschützten Häusern am Strand mit Blick auf das Meer leben und die brutale Welt der Slums, in denen Drogenhändler, Zuhälter und  korrupte Cops den Gang der Dinge bestimmen. Stadtviertel, in denen es keine Hoffnung gibt. Roger Smith beschränkt sich in „Stiller Tod“ darauf, diese Gegensätze herauszuarbeiten. Auch der Leser, der Kapstadt nicht aus eigener Anschauung kennt, kann so erahnen, die südafrikanische Metropole eher ein wildes Reiseziel darstellt, dass für einfache touristische Freuden denkbar ungeeignet scheint. Die besondere Kunst Smiths besteht darin, diese Bilder seiner Heimat beinahe beiläufig, aber eindringlich bis unentrinnbar im Gehirn seiner Leser zu projizieren.

Roger Smith, Stiller Tod, Tropen, 380 S., 19,95€

VÖ: 24. Oktober 2012

 



Thalia.de

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Eine meisterliche Skizze afrikanischer Hoffnungslosigkeit

Es ist wahrlich keine schöne Welt, in die Roger Smith seine Leser mitnimmt. Das Südafrika Smiths wird von korrupten Politikern, mordgierigen Polizisten, rassistischen weißen Farmern und brutalen Stammeskriegern bevölkert. Es handelt sich dabei um das Südafrika der Gegenwart, nicht um jenes der Apartheid – wobei, wenn man dem Autor glauben darf, sich nicht viel geändert hat seit jenen Tagen.

Eine Orgie von Elend und Gewalt

Der 51-jährige Smith hetzt in „Staubige Hölle“ ein außerordentlich heruntergekommenes Ensemble aufeinander. Der arbeitslose Journalist Robert Dell muss sich einer blutrünstigen Mordbande erwehren, die von dem Zulu-Kämpfer Inja angeführt wird. Offiziell ist dieser Polizist, Sonderermittler gar, eigentlich ist er jedoch drogensüchtig, Bandenchef und Auftragskiller. Hilfe bekommt Dell nach dem brutalen Mord an seiner Frau und seinen beiden Kindern ausgerechnet von seinem Vater. Dieser hatte lange Zeit im Gefängnis gesessen, weil er einst für die CIA, Vertreter der Apartheid, rassistische Weiße im Kampf gegen die neue Ordnung unterstützt hatte – und an dessen Händen jede Menge Blut klebt.
Zu behaupten, dass sich Dell und sein Vater beim Versuch, sich gegen die Verfolger zu Wehr zu setzen, zusammenraufen, wäre eine positive Umschreibung, für die Smith keinen Raum lässt. Der Autor bietet seinen Figuren – genau wie seinen Lesern – keine Hoffnung. „Staubige Hölle“ führt mitten ins finstere Herz Afrikas. Die lakonische Schilderung einer Orgie der Gewalt, des Elends lässt erahnen, warum der Kontinent so gar nicht auf die Beine kommt.

Ein spannender Krimi mit apokalyptischer Grundstimmung
Smith führt seinen Leser in eine deprimierende Welt in neben der Gewalt nur noch Aids und Drogen das Leben bestimmen – und hat dabei einen enorm spannenden Krimi geschrieben, der trotz oder vielleicht gerade wegen seiner apokalyptischen Grundstimmung extrem fesselt. Smith und die beiden Übersetzer Jürgen Bürger und Peter Torberg haben dabei eine Sprache gefunden, die in ihrer Gradlinigkeit besticht und das Szenario extrem glaubwürdig beschreibt.
Wer in seiner Lektüre auf eine heile Welt hofft, auf einen auch nur ansatzweise positiven Ausgang der Ereignisse, der sollte seine Finger von der „Staubigen Hölle“ lassen. Allen anderen sei sie wärmstens empfohlen.

 

Tatort:Südafrika

Wie ein guter Maler nur wenige Striche aufträgt, um den Charakter einer Landschaft zu skizzieren, so benötigt Roger Smith nur sehr wenige Worte für sein Südafrika. Dennoch wird dank der präzisen, eindringlichen Sprache die unerträgliche Hitze, der Dreck, das Elend der Townships sehr schnell beinahe körperlich fühlbar. Smith nimmt seine Leser auf einen Trip mit, der weit weg von den modernden Metropolen der Fußball-WM hin in das von allem Fortschritt abgeschnittenen Hinterland führt, ins Zululand. Dort, so wird schnell deutlich, haben sich die schlechtesten Bräuche der Stämme mit den miesesten Einflüssen der westlichen Welt zu einer ungesunden, explosiven Mischung verbunden haben.
Das südafrikanische Tourismusministerium, die Fremdenverkehrsverbände werden Roger Smiths desillusioniertes Bild von Südafrika nicht mögen, vermutlich hat er aber – so steht zu befürchten – mit seinen Skizzen der Hoffnungslosigkeit neben einem fiktionalen Krimi ein treffendes Gemälde einer Region, vermutlich eines ganzen Kontinents geschaffen.
Roger Smith, „Staubige Hölle“, Tropen, 19,95 €
VÖ: Juni 2011