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Malin Fors soll einen Mörder jagen und ist selber eine Getriebene

Malin Fors kämpft. Sie ringt mit Verbrechern, Dämonen der Vergangenheit und einem beträchtlichen Alkoholproblem. Es ist schwer zu sagen, welcher Kampf der Polizistin mehr abverlangt. Einen ihrer Gegner kennt sie, einen ahnt sie, einen verleugnet sie lange Zeit.

Bei allen Problemen ist Fors eine gute Ermittlerin. Im weitgehend unbekannten Linköping, im Herzen Schwedens, hat die Kriminalbeamtin einen hervorragenden Ruf. Sie kann sich trotz aller persönlicher Probleme in Verbrecher und Opfer hineinfühlen und „hört die Stimmen“ ihre Fälle. So geht ihr das auch bei ihren aktuellen Ermittlungen.

Tod eines neureichen Widerlings

Im Burggraben eines hochherrschaftlichen Schlosses treibt ein Toter. Das Opfer ist ein besonders unangenehmer Zeitgenosse. Jerry Petersson war innerhalb kurzer Zeit zu sehr viel, beinahe unanständig viel Geld gekommen. Sein Vermögen hat er mit wenig Skrupeln und auf Kosten anderer zusammengehäuft. Freunde hatte der Mann, das finden die Ermittler schnell heraus, jedenfalls keine. Eher schon einen Haufen Feinde, beispielsweise den alten Adel, dem er das Schloss abkaufte – und mit dessen Familienmitgliedern der Tote, wie sich alsbald herausstellen soll, eine lange, gemeinsame Geschichte verbindet.

Ermittlerin auf einem absteigenden Ast

Der schwedische Autor Mons Kallentoft schickt seine Ermittlerin Malin Fors mittlerweile zum dritten Mal auf Mördersuche. Die Polizistin befindet sich privat in einer deutlich abwärts zeigenden Spirale. Sie hat einen Überfall auf ihre Tochter nicht verwunden. Sie trinkt und funktioniert nur noch mühsam. Ihre Familie zerbricht daran. Auch die Arbeit beginnt zu leiden. Dennoch findet sie sich in dem Gestrüpp aus Klassenkonflikten, Familiendramen und Intrigen einigermaßen zurecht.

Mons Kallentoft ist mit „Blutrecht“ ein interessanter Krimi gelungen. Insbesondere der Kampf seiner Kommissarin gegen sich selber, ihre Unfähigkeit zur Kommunikation, ihre fortschreitende Selbstzerstörung birgt – bereits ohne Mordermittlung – eine enorme innere Spannung. Kallentoft hat anders als viele andere skandinavische Autoren, die bei ihren Krimis meistens die gesamtgesellschaftlichen Zustände betrachten, eher eine Art geistiges Kammerspiel geschaffen.  Die Spannung entsteht vor allem in den Köpfen der handelnden Personen, zu denen – das sei als Warnung für den ausschließlich rational denkenden Leser vorausgeschickt – gelegentlich auf die Toten gehören. Wer darüber hinwegsehen kann, wird mit einem sehr spannenden, im besten Sinne tiefgründigen Krimi belohnt.

 

Tatort:Linköping

Es sind wenige Orte, die „Blutrecht“ bestimmen. Mons Kallentoft beschreibt Linköping, immerhin die siebtgrößte Stadt Schwedens, als einen eher blassen Ort mit kleinbürgerlicher Ausstrahlung. Die Einwohner der Industrie- und Universitätsstadt  leben meist in biederen Wohnungen und dürfen, so der Autor, durchaus als provinziell bezeichnet werden.

Obwohl der Mittvierziger wenige Worte über die Stadt verliert, ist sie gut greifbar. Die Wohnungen der Akteure, das Kommissariat und das Schloss, in dem der Tote gefunden wird, sind derartig gut skizziert, dass zumindest die fiktive schwedische Stadt greifbar zum Leben erweckt wird. Das Linköping Kallentofts ist eine solide, scheinbar heile bürgerliche Welt, der bei genauem Hinsehen jedoch schnell die Abgründe ansieht, die unter der Oberfläche warten.

Mons Kallentoft, Blutrecht, Wunderlich, 19,95 €

VÖ: 15. Juli 2011

 

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Packende Krimis und beißende Gesellschaftskritik aus Schweden

Der erste Auftritt verlief äußerst unspektakulär. Der Leser trifft auf Martin Beck während dieser im Bad seine Zähne putzt und folgt ihm auf dem Weg zur Arbeit durch die Wohnung, vorbei an einem halbfertigen Modell eine Segelschiffs und den Überresten einer nur für kurze Zeit glücklichen Ehe. Der Arbeitsplatz des Mannes ist ungleich spektakulärer als der erste Eindruck vermuten lässt.

Martin Beck ist Beamter, Polizist genauer gesagt; ein erfahrener Ermittler, der in Stockholm bei der Reichsmordkommission arbeitet und als bester Vernehmungsleiter in ganz Schweden gilt.

Martin Beck und ein Mord in der Provinz

Später begleitet der Leser den Polizisten in die Provinz. Dort wurde bei Baggerarbeiten vor einer Kanalschleuse ein Tote gefunden. Die junge Frau, das finden die Ermittler schnell heraus, wurde vergewaltigt und ermordet. Weitaus mühsamer gestaltet sich die Suche nach der Identität der Toten und ihrem Mörder.

„Die Tote im Götakanal“ ist der erste von insgesamt zehn Bänden des schwedischen Autoren-Ehepaars Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Die beiden Autoren begleiten das Leben ihres Ermittlers von 1964 bis in die Mitte der siebziger Jahre. Dabei erzählen sie nicht nur enorm spannende Kriminalfälle, sondern beobachten ihre Romanfigur auch bei einer mühsamen Emanzipation. Martin Beck ist ein enorm kluger Kopf, ein sehr gute Ermittler, aber eben auch in seiner Beamtenseele gefangen. Bis zum Schluss schwankt er zwischen seiner Treue zum Dienstherren und seiner zunehmenden kritischen Distanz zum System.

Gesellschaftskritischer Romanzyklus von Maj Sjöwall/Per Wahlöö

Sjöwall/Wahlöö haben mit ihrem Dekalog weit mehr geschaffen als eine Serie hervorragender Krimis, die vor allem durch die Liebe zum Detail bei den Beschreibungen, die glaubwürdige Wiedergabe des Polizeialltages ein enorm hohes erzählerisches Tempo bestechen. Sjöwall/Wahlöö haben mit ihrer Reihe ein kritisches, zum Schluss vernichtendes Portrait der schwedischen Gesellschaft geschaffen. Vor allem der letzte Band der Serie, „Die Terroristen“, ist weitestgehend eine Farce, eine voller bissiger Ironie triefende Abrechnung mit Staat und Regierung. Davon ist im ersten Band nur ansatzweise zu ahnen. „Die Tote im Götakanal“ ist noch weitgehend gradlinige Kriminalliteratur mit gelegentlichen Seitenhieben auf den bürokratischen Apparat. Das politische der Serie war aber wohl von vorneherein beabsichtigt.

Die Begründer der skandinavischen Schule

Die Autoren und ihr Kommissar sind die wichtigsten Vorreiter der schwedischen Kriminalliteratur, sie haben im Prinzip die (inoffizielle) Schule anspruchsvoller, als Detektivgeschichten getarnter skandinavischer Literatur begründet. Alle bekannten Namen von Mankell bis Larsson ruhen auf dem Fundament von Sjöwall/Wahlöö. Auch die mittlerweile inflationären schwedischen TV-Krimis greifen ihre Ideen auf.

Per Wahlöö, Jahrgang 1926, war studierter Historiker, Mai Sjöwall, Jahrgang 1935, studierte Journalismus. Beide arbeiteten für Zeitungen, Wahlöö konnte ins Autorenteam seine Erfahrungen als Polizei- und Gerichtsreporter einbringen. Beide waren in jenen Jahren überzeugte Kommunisten. Wahlöö ging in den fünfziger Jahren nach Spanien und wurde dort wegen politische Umtriebe ausgewiesen. Nach ihrer Hochzeit 1962 begann die gemeinsame Arbeit an den Kriminalromanen. In dieser Zeit waren sie bekennende Kritiker der schwedischen Gesellschaft und lebten bis zum Tode Wahlöös 1975 als öffentliche Enfants terribles in Stockholm.

 

Tatort:Schweden

Der genaue Blick für das Detail prägt die Martin-Beck-Krimis. Der Kommissar kommt im Land herum – und damit seine Leser. Mai Sjöwall und Per Wahlöö beschreiben die Großstadt genau wie die Provinz. Besonders idyllisch kommt die Heimat ihres Kommissars nicht weg. Die Großstadt ist trist, lebensfeindliche Vororte schnüren Stockholm ein, das einstmals lebenswerte Zentrum wird von wuchernden Betongiganten aufgefressen. Die Provinz ist meist, nun ja, eben Provinz, abgelegen, verstaubt, zurückgeblieben. Das Schweden Martin Becks wird dabei nicht durch umfangreiche Landschaftsbeschreibungen lebendig, sondern durch die Menschen, die es  bevölkern – und dabei ersteht in den zehn Bänden Sjöwall/Wahlöös ein ganzer Kosmos im Roman sehr großartig neu. Viel mehr geht eigentlich nicht.

 

Maj Sjöwall/Per Wahlöö, Die Tote im Götakanal, Rowohlt, 8,95 €

VÖ: 1968

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Kein Mitleid mit einem verlorenen Trio in Stockholm

Es ist ein merkwürdiges Volk, das in „Mach sie fertig“ Stockholm bevölkert. Da ist der ehemalige Söldner, der mit dem Leben jenseits des Schlachtfeldes kaum zurecht kommt und sich dennoch in zunehmenden Wahnvorstellungen als Beschützer missbrauchter und erniedrigter Frauen versteht. Dann wäre da noch der mäßig begabte Drogendealer mit arabischem Hintergrund, dessen Lebenszweck mehr oder weniger darin besteht, seinen Körper im Fitness-Studio zur Perfektion zu stählen. Natürlich misslingt das, auch weil er immer wieder versucht, mit Mitteln aus der Chemielabor nachzuhelfen. Das Trio wird durch einen desillusionierten und korrupten Cop vervollständigt, der Kleinganoven erpresst und beklaut, um seine eigenen „Einkünfte“ aufzubessern.

Keine Ermittler, nur Getriebene

Der Mord an einer unidentifizierten – und unidentifizierbaren – Leiche führt das merkwürdige Trio zusammen. Es ist kaum davon zu reden, dass die drei ermitteln oder zusammenarbeiten. Eher schon stolpern sie unbeholfen durchs Leben, sind Getriebene, die mehr schlecht als recht versuchen, den näher kommenden Einschlägen auszuweichen.

Jens Lapidus hat in seinem „Mach sie fertig“ wenig Mitleid mit seinen Figuren. In einer deutlich abwärts zeigenden Spirale aus Versagen und Gewalt treibt der 37-Jährige Autor, der von Haus aus Jurist ist, sein Trio unaufhaltsam einem Showdown entgegen, von dem schon früh klar ist, dass es nicht gut ausgehen kann.

Fehlgriff der Marketing-Strategen

„Mach Sie fertig“ ist ein sehr solides Exemplar der Gattung Kriminalliteratur. Die Konstruktion der drei Hauptdarsteller ist sogar außergewöhnlich gelungen. Das Lapidus Buch dennoch nicht vollends zufrieden stellt, hat zwei Ursachen. Der Anwalt und Autor versucht sich an der Sprache der Immigranten und Kleinganoven. Das ist angesichts des beschriebenen Milieus angemessen, aber nicht immer glaubhaft. Die Ghettosprache wirkt aus der Feder des erfolgreichen Anwaltes bisweilen künstlich, zu groß scheint die Distanz zwischen Urheber und Figur.
Der zweite Grund, der bei „Mach sie fertig“ Unbehagen auslöst, liegt bei den Marketing-Experten des deutschen Verlages. „Nach Stieg Larsson der erfolgreichste Thrillerautor Europas“, haben die PR-Strategen auf das Cover drucken lassen, und damit auch ohne explizit ausgesprochenen qualitativen Vergleich die Latte so hoch gelegt, dass Jens Lapidus sie eigentlich nur reißen kann. Aber dafür kann natürlich ihr Autor nichts.

 

Tatort:Stockholm

Es ist keine schöne Stadt, die Jens Lapidus beschreibt. Wenn man dem Autor folgt, besteht Stockholm ausschließlich aus tristen Vororten, heruntergekommen Sozialwohnungen mit viel Beton und wenig Lebensqualität, billigen Fitness-Studios, schmierigen Kneipen und halbseidenen Nachtclubs, in denen mindestens gekokst, meistens aber auch gedealt wird. Jens Lapidus folgt vielen schwedischen Autoren, die dem vermeintlichen schwedischen Idyll aus Holzhaus und Darlana-Pferdchen eine verkommene Metropole ohne Aussicht auf Besserung entgegensetzen. Der 37-Jährige setzt bei seinen Beschreibungen weniger auf Präzision als vielmehr auf Stimmungen. Das gelingt ihm, auch wenn man häufiger insgeheim denkt, „so schlimm kann es doch gar nicht sein“, sehr überzeugend.

Jens Lapidus, „Mach sie fertig“, Scherz, 14,95 €

VÖ: 8. Juni 2011

Ein Text von mir dazu gibt es auch in der Literarischen Welt