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Kristina Ohlssons „Aschenputtel“: Debütantin mit Geltungssucht

Es gibt Menschen, die überfallen einen unmittelbar nachdem man sie kennen gelernt hat, mit ihrer vollständigen Lebensgeschichte inklusive aller Erfolge und Misserfolge. Meistens hat man dann ja das Pech, dass man sich ausgerechnet dann gerade nicht unsichtbar machen kann.

Ausgedehnte Beziehungsfragen

Ein wenig geht einem das so mit Kristina Ohlssons „Aschenputtel“. Die Schwedin  hat sich für ihr Krimi-Debüt ein Trio erdacht, dass in Stockholm eine Fahndungsgruppe bildet, und fällt, ohne das der Leser Zeit hätte, sich langsam anzufreunden, gleich mit der Tür ins Haus. Über Seiten hinweg erklärt, ohne hier allzu sehr ins Detail zu gehen, beispielsweise die Zivilpolizisten Frederika Bergman in inneren Monologen die Vorzüge und Schattenseiten einer Beziehung zu einem deutlich älteren, verheirateten Mann. Peter Rydh wiederum dürfen wir dabei beobachten, wie er seine Ehe mit seiner depressiven Frau durch wiederholte Seitensprünge mit einer Kollegin an die Wand fährt.

Kristina Ohlsson übertreibt

Es ist ja immer gut – oft sogar eine besondere Qualität – wenn die Figuren in Kriminalromanen nicht nur Funktionsträger sind sondern auch eine menschliche Komponente besitzen, und es ist sicherlich auch Geschmackssache, aber Ohlssons Versuche, dem Leser ihre Protagonisten näher zu bringen, wirken aufdringlich. Das ist außerordentlich schade, denn abgesehen davon hat die junge Schwedin mit „Aschenputtel“ einen sehr ordentlichen, fesselnden Krimi geschrieben.

Ein Telefonat mit Folgen

An einem verregneten Sommertag wird durch eine Signalstörung der Schnellzug von Göteborg nach Stockholm zu einem außerordentlichen Halt gezwungen. Eine junge Frau nutzt die Gelegenheit für ein Telefonat. Dabei verpasst sie den Zug. Das hat fatale Folgen. Bei der Ankunft in der schwedischen Hauptstadt sitzt ihre Tochter, die sie schlafend im Zug zurückgelassen hatte, nicht mehr auf ihrem Platz. Das Mädchen bleibt verschwunden. Sämtliche Ermittlungen der eilig hinzugerufenen Fahndungsgruppe um Rydh, Bergman und ihren Chef Alex Recht bleiben erfolglos.

Jagd nach einem Serienmörder in „Schneewittchen“

Spätestens als das Kind ermordet in einem nordschwedischen Provinznest aufgefunden wird, akzeptieren alle Beteiligten, was die Außenseiterin bei der Polizei, Frederika Bergman, bereits vermutet hatte: Nämlich, dass es sich wohl nicht nur um ein aus den Fugen geratenes Familiendrama handelt. Schnell wird klar, dass die Polizei einen Wahnsinnigen stoppen muss – und dass es eilt, weil weitere Morde nicht lange auf sich warten lassen.

Wer sich an den eingangs erwähnten Beziehungsgeschichten nicht stört, wird mit einer abgründigen Kriminalgeschichte belohnt, die einmal mehr die finsteren Seiten menschlicher Seelen offen legt. Das ist enorm spannend, auch weil Kristina Ohlsson nach dem arg menschelnden Auftakt sich im Verlauf ihres Buches auf die wesentlichen Stränge ihrer Geschichte konzentriert und die Handlung zielgerichtet vorantreibt.

 

Tatort: Stockholm

Viel Lokalkolorit gibt es nicht. Dass der Roman in Schweden spielt, erkennt man eigentlich nur an der Bezeichnung des Schnellzuges X-2000 von Göteborg nach Stockholm. Sonst deuten nur die Namen und vielleicht einige landestypische Befindlichkeiten auf die geographische Einordnung hin. Diese europäische „Beliebigkeit“, die natürlich überhaupt nicht stört, wird dem Krimileser in den kommenden Monaten vermutlich noch häufiger begegnen. In Abgrenzung zu vielen Regionalkrimis setzen immer wieder Autoren auf Spannung als alleiniges bestimmendes Moment ihres Romanes, dann ist es tatsächlich gleichgültig, ob ein Krimi in Stockholm, Salzburg oder Hannover spielt. Das ist letztlich nur für die Leser bedauerlich, die bei ihrer Lektüre gerne in fremde, exotische oder außergewöhnliche Orte „reisen“ wollen.

Kristina Ohlsson, Aschenputtel, Limes, 474 S., 19,99 €

VÖ: 2011

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Klassiker

Stieg Larssons Verblendung: Ein moderner Klassiker

Über 15 Millionen verkaufte Exemplare, seit dieser Woche zwei Verfilmungen und mindestens vier verschiedene Titel: „Männer die Frauen hassen“, The Girl with the Dragon Tattoo“, Teil 1 der „Millenium-Trilogie oder auch einfach nur: „Verblendung“. Stieg Larssons erster Kriminalroman ist, obwohl er in Deutschland erst 2006 erschien, bereits jetzt ein Klassiker.

Ein Journalist deckt dunkle Geheimnisse auf

Die Geschichte ist deshalb auch hinlänglich bekannt. Der Journalist Michael Blomkvist nimmt nach einer beruflichen „Panne“ eine Auszeit und sucht für einen Großindustriellen nach dessen vor Jahrzehnten ermordeter Nichte. Dabei hilft ihm Lisbeth Salander, die formal unmündig, sozial schwierig und intellektuell genial ist. Bei der Suche nach Harriet Vanger, der Ermordeten, deckt Blomkvist allerlei dunkle Geheimnisse und eine brutale Mordserie auf.

Die Kriminalromane Larssons erlangten auch deshalb schnell beinahe schon mythischen Charakter, weil der erste, wie auch die folgenden beiden Bände, posthum erschienen. Der Autor erlag erst fünfzigjährig 2004 einem Herzinfarkt. Alle drei Bände kamen beinahe zeitgleich auf den Markt und bescherten dem Leser gefühlte 3000 Seiten geballten Lesestoff. Alle Krimi-Genießer konnten also tief in eine andere Welt eintauchen.

Zwei Hauptdarsteller mit Anstand

Die besondere Qualität Larssons zeigte sich bei der Trilogie in der Zeichnung der Figuren. Mikael Blomkvist und vor allem Lisbeth Salander sind hochkomplexe Figuren mit jeder Menge Brüchen in ihrer Biographie, mit Problemen beladen oder von Dämonen verfolgt. Trotz aller Schwierigkeiten erscheinen beide als anständige Figuren, die in einer dreckigen Welt voller Intrigen, Verrat und Abgründe versuchen, stets das Richtige zu tun. Dass sie sich dabei gegen Drogendealer, Auftragsmörder, Sadisten und verbrecherische Staatsbedienstete durchsetzen und ganz altmodisch immer wieder auf eine Art Happy End zusteuern, hilft der emotionalen Nähe zu Blomkvist und Salander auf die Sprünge. Man muss die beiden einfach mögen.

Wie seine Vorbilder, die Großeltern des Schwedenkrimis, Maj Sjöwall und Per Wahlöö hatte er seine Serie zudem als Dekalog angelegt. Das schreibende Paar hatte in den sechziger Jahren mit der zehnbändigen Serie um Kommissar Martin Beck das Genre des politischen Krimis wenn nicht erfunden, so doch perfektioniert. Wie die beiden beschrieb Larsson kein skandinavisches Idyll. Auch sein Schweden wird von bestenfalls unfähigen, eher schon korrupten Polizisten bevölkert, von Drogenbanden, Psychopathen und Serienmördern, die ihren Raum finden, weil eine untätige Regierung, aber auch die meisten Einwohner wegsehen. Der kritischee, harte Blick auf Schweden fesselt gerade wegen der Gnadenlosigkeit eines verletzten Liebhabers.

Ein Stoff für Literaturwissenschaftler?

Wegen des Erfolges haben sich mittlerweile bereits Heerscharen von Kritikern und Literaturwissenschaftler mit der „Millenium-Trilogie“ beschäftigt und – man ist versucht zusagen, natürlich – jede Menge abwertende Urteile gefällt. Larssons Beschreibung der journalistischen Arbeit sei nicht korrekt, er habe sich selber inszeniert. Außerdem verstehe er nichts von Spannung und überhaupt seien die Plots überfrachtet und verworren. Wie auch immer. Stieg Larsson hat eine einmalige, großartige, wuchtige Krimi-Trilogie geschrieben, die jeder, der sich für Krimis interessiert und sie noch nicht kennt, schleunigst lesen sollte. Mehr muss man Angesichts des Bekanntheitsgrades dazu nicht sagen.

 

Tatort:Schweden

Michael Blomkvist und Lisbeth Salander kommen bei ihren Recherchen herum. Der interessanteste Ort ist vermutlich Hedeby. Hier geschah einst das Verbrechen, hier ermittelt das ungleiche Paar. Auf der abgeschiedenen Insel, die nur mit einer einzigen Brücke mit dem Festland verbunden ist, steht ein prächtiges Herrenhaus der Industriellenfamilie und zahlreiche mondäne Villen, die aber mit dem Bau des 19. Jahrhunderts nicht mithalten können. Einen treffenden Eindruck der (erdachten) Insel, verblichener großbürgerlicher Pracht und der Einsamkeit weitläufiger Wälder zeigt zumindest die schwedische Verfilmung, die Idyll und Tristesse Nordschwedens gut wiedergibt. Ob die Hollywood-Produktion da mithalten kann, muss sich erst noch zeigen. Sie soll sich aber dicht an der Vorlage entlangbewegen

Stieg Larsson hat es aber, ganz ohne bewegte Bilder, verstanden ein vielschichtiges Schweden zu skizzieren. Das familiäre, hemdsärmelige Bullerbü-Bild kommt in wenigen Momenten ebenso vor, wie eine düstere Seite, in denen das organisierte Verbrechen, korrupte Behörden oder einfach nur soziale Kälte die Lebensregeln bestimmen.

Stieg Larsson, Verblendung, Heyne, 688 S. 9,95€

VÖ: 2006
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Grebe und Träff bereiten ihrer Therapeutin ein neues „Trauma“

Psychotherapeuten sitzen in sorgfältig ausstaffierten Räumen, gucken überlegen und stellen nur scheinbar interessiert Fragen nach Stimmungen und Befindlichkeiten. So stellt man sich das vor. So denkt sich das wohl auch Siri Bergmann, als sie für einen Freund ein Forschungsprojekt übernimmt. Die Therapeutin soll eine Selbsthilfegruppe für Frauen leiten, die das Opfer männlicher Gewalt wurden. Dafür ist sie eigentlich überqualifiziert, aber sie braucht das Geld.

Eine Gesprächsrunde wird zum „Trauma“

Dass nicht alles ganz so einfach ist, wie sich das alle Beteiligten denken, wird schnell klar. Da ist zunächst die Gruppenleiterin. Siri Bergmann ist in mehrfacher Hinsicht selber Opfer. Erst verlor sie unter tragischen Umständen ihren Ehemann, später trachtete ein Wahnsinniger ihr nach dem Leben. Auch die Teilnehmerinnen der Selbsthilfegruppe wollen nicht so richtig ins Raster passen. Als schließlich ein Außensteher in den Kreis der sieben Frauen dringt, gerät die Gesprächsrunde völlig außer Kontrolle. Schnell wird klar: Reden allein bringt die Frauen nicht weiter. Bald wird aber auch deutlich: Mit der als selbstverständlich angenommenen Opferrolle der Frauen kann die Therapeutin es sich auch nicht zu einfach machen. Wenn Liebe besitzergreifend, aus Leidenschaft Besessenheit wird, gelten keine Regeln.

Spannende Thriller um Befindlichkeiten

Die Schwestern Camilla Grebe und Asa Träff hetzen in „Das Trauma“  der armen Siri Bergmann nach dem überzeugenden Erstling „Die Therapeutin“ jetzt zum zweiten Mal einen ganzen Stapel Probleme auf den Hals. Die beiden Schwedinnen haben insofern ungewöhnliche Kriminalromane erschaffen, als sie die Außenwelt, die gesellschaftlichen Umstände, die skandinavische Autoren sonst meist in ihrer Romanhandlungen integrieren, (beinahe) komplett außen vorlassen. Auch wenn in „das Trauma“ die Gewalt gegen Frauen die Basis des Plots bildet, kreist die Handlung überwiegend um die Binnenwelt, die Gefühle und Befindlichkeiten von Siri Bergmann. Aber das ist kein Mangel. Grebe und Träff verstehen sich perfekt darauf, mit den komplexen Innenansichten einer gepeinigten Seele zu spielen und einen perfekt inszenierten Thriller zu schaffen. „Das Trauma“ ist in erster Linie spannend, trotz oder viel mehr sogar gerade wegen des „Psychologisierens“.

 

Tatort: Stockholm

Das „Trauma“ spielt viel in den Gedanken und Köpfen der Figuren. Für elegische Beschreibung des schwedischen Idylls bleibt kein Raum. Lediglich dem abgeschieden gelegenen Hau Siri Bergmann, das in „die Therapeutin“ eine wichtige Bedeutung hatte, kommt wieder eine kleine Nebenrolle zu. Dieses Haus steht für das Schweden, wie es sich der durchschnittliche Tourist vorstellt. Abgelegen, aber traumhaft schön gelegen, sehr einfach ausgestattet aber ungemein gemütlich. Bei Camilla Grebe und Asa Träff wird diese Mischung deshalb nicht unerträglich kitschig, weil sie zeigen, dass hinter der idyllischen blau gelben Fassade, tiefdunkle Abgründe warten.

Camilla Grebe, Asa Träff, Das Trauma, btb, 14,99€

VÖ: 17. Oktober 2011

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„Paganinis Fluch“ donnert rasant über kleinere Fehler hinweg

Eine junge Frau sitzt tot im Vorschiff einer Yacht. Ein Mann hat sich, eigentlich unmöglich, in einem leeren Zimmer seiner Wohnung erhängt. Dieses doppelte Verbrechen, von dem der Leser anders als die Ermitler schnell ahnt, dass sie zusammenhängen bilden den Auftakt zu „Paganinis Fluch“.

Gnadenlose Jagd auf eine Friedensaktivistin

Es sollen nicht die einzigen Verbrechen bleiben. Ein junger Mann wird brutal in einem Bauwagen verbrannt, eine junge Friedensaktivistin von einem brutalen Profi-Killer gehetzt. Schon bald sehen sich die Polizisten in Stockholm auf der mühsamen Jagd auf einen international agierenden Waffenhändler.

„Paganinis Fluch“ ist der jüngste Roman vom schwedischen Autoren-Ehepaar Alexandra und Alexander Ahndoril, die ihre Arbeiten unter dem Arbeitsnamen Lars Kepler veröffentlichen. Obwohl das Duo aus dem skandinavischen Raum stammt, hat es einen action-geladenen Thriller nach US-amerikanischen Vorbild geschrieben.

Blasse Ermittler, starke „Opfer“

„Paganinis Fluch“ ist ein ambivalent. Den beiden Schweden ist ein hochgradig verdichteter Plot gelungen, der mit einer beinahe atemberaubenden Geschwindigkeit vorangetrieben wird. Die Handlung ist allerdings durchschnittlich verschlungen, für einen wirklich komplexen Krimi verläuft die Geschichte insgesamt zu gradlinig. Um „Paganinis Fluch“ als billige Spannungsliteratur abzutun, sind viele Einfälle jedoch wiederum zu intelligent. Leider versanden einige dieser Ideen nach vielversprechend verwirrendem Auftakt dann unmotiviert im Nirgendwo

Ähnlich widersprüchlich präsentieren sich die Figuren. Die Kommissare bleiben bestenfalls blass – oder sind beinahe schon ärgerlich perfekt. Gleichzeitig sind die Figuren in der „Opferrolle“ mit vielschichtigen Biografien hinreichend interessant. Man nimmt an ihrem Schicksal so viel Anteil, dass man möglichst bald wissen will, wie es mit ihnen weitergeht.

„Paganinis Fluch“, ein ambivalenter Krimi

Insgesamt gesehen, geht das Konzept auf. Je weiter sich die Handlung entwickelt, desto tiefer wird der Leser in die Geschichte hineingesogen und will immer weiter und weiter lesen. Das ist ja eigentlich auch schon beinahe alles, was man von einem guten Krimi, einem echten „Page-Turner“ erwartet. Extrem anspruchsvolle Leser und besonders kritische Geister sollten „Paganinis Fluch“ wegen der erwähnten Schwächen links liegen lassen. Alle anderen, die einfach mal ein Buch lang spannend unterhalten werden wollen, sollten es mit dem neuen „Kepler“ versuchen.

 

Tatort:Stockholm

Alexandra und Alexander Ahndoril haben es eilig mit ihrer Geschichte. Viel Raum für feulletonistische Betrachtungen eines Schauplatzes gibt es daher nicht. „Tatorte“ werden nur insofern beschrieben, als sie für die Handlung wichtig sind, also etwa eine luxuriöse Wohnung oder ein abgelegener Bauwagen. Breiteren Raum nimmt lediglich die Schären-Welt vor der Küste ein. Der Leser bekommt bei den Beschreibungen einer Jagd ein ungefähres Gefühl von der Abgeschiedenheit der kleinen Inseln, die doch eigentlich gar nicht so weit weg von der Hauptstadt sind. Insofern ist das Schwedenbild stimmig: Wie bei vielen anderen Autoren, wie beispielsweise jüngst Malin Fors oder Varg Gyllander dominiert das ländlich-abgeschiedene Skandinavien. Und das ist ja gleichzeitig hochgradig mystisch wie heimelig, so dass der deutsche Leser sich immer wieder gerne dorthin entführen lässt.

Lars, Kepler, Paganinis Fluch, Lübbe, 19,99 €, VÖ: 14. Oktober 2011

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Varg Gyllander und sein wenig interessanter alternder Ermittler

Wintertage in Stockholm sind selten erfreulich. Das gilt ganz auch dann, wenn man Forensiker ist und mitten in der Nacht zu einem Tatort gerufen wird. Ulf Holz steht jedenfalls mäßig begeistert auf einem Fußballplatz, auf dem zuvor eine Nazi-Kundgebung abrupt geendet hatte. Der Anführer einer rechtsradikalen Gruppierung wurde von einem Pfeil durchbohrt und regelrecht an einer Holzwand festgenagelt. Schadenfreude verbietet sich. Schließlich ermittelt die  Staatsmacht ohne Ansehen der Person. Das gilt auch dann, wenn sich herausstellt, dass neben den Ansichten auch die Vergangenheit des braunen Wirrkopfes eher wenig appetlich ist.

Eine solider Ausgangslage

Mit dieser Ausgangslage ist das Feld für einen spannenden Kriminalroman solide bestellt. Varg Gyllander hat sich das Szenario erdacht, in dass er seine Ermittler schickt. Der schwedische Autor rückt, bei US-amerikanischen Fernsehserien funktioniert das ja auch seit Jahren ganz gut, Forensiker, also Kriminaltechniker, ins Zentrum seiner Geschichte.

Tatsächlich kommen den ungewöhnlichen Ermittlern ihre besonderen Fähigkeiten bei der Tätersuche sehr gelegen: Obwohl der Mord beinahe in aller Öffentlichkeit geschah, gibt es keine Zeugen und die meisten Spuren hat die Polizei selber vernichtet. Von daher öffnet sich viel Raum für eine spannende Kriminalgeschichte.

Ein trauriger Held

Varg Gyllanders „Eiskalte Rache“ ist dennoch bestenfalls zwiespältig. Das liegt in erster Linie an den Figuren, die den Roman bevölkern. Im Zentrum steht Ulf Holtz, ein Mittvierziger, der eher eine traurige Figur abgibt. Seine Geliebte hat ihn verlassen. Die junge Frau, die soeben die Uni absolviert hat und in etwa so alt wie seine beiden erwachsenen Töchter ist, wollte sich überraschenderweise nicht auf ein geregeltes Leben an seiner Seite in seinem Häuschen in einem ruhigen Stockholmer Vorort einlassen. Seiner eigenen Unruhe versucht der Mann mit wechselnden fernöstlichen Kampfsportarten Herr zu werden. Außerdem hat er keine Freunde, sitzt häufiger einsam in seinem Haus. Er ist, muss man sagen, ein trauriger Held.

Kein Grund für Mitleid

Gyllander gibt dem Leser jedoch kaum einen Grund, Mitleid  mit dem Mann zu entwickeln. Insgesamt bleibt Holtz den gesamten Roman hindurch fremd, seine Probleme wirken eher albern bis aufgesetzt. Und offengestanden hat man die Geschichte des einsamen, alternden Wolfes im Großstadtdschungel mit unterentwickelter sozialer Kompetenz auch einmal zu oft gelesen. Die beiden Partnerinnen an der Seite des Kriminaltechnikers, seine Kollegin Pia Levin und Kommissarin Ellen Brandt bleiben zu blass, um das wieder herausreißen zu können.

 

Durchschnittsware aus dem hohen Norden

Insgesamt bleibt „Eiskalte Rache“ daher eher zwiespältig. Eine gut erdachter und hinreichend komplex zusammengesponnener Plot und einige interessante Nebenfiguren retten einen über die uninspirierten Charakterzeichnungen der „Hauptdarsteller“ hinweg. Dennoch bleibt wegen letzterer Varg Gyllanders Roman Durchschnittsware. Wie mit ähnlichen Mitteln interessantere Geschichten erzählt werden können, haben in diesem Jahr beispielsweise Jens Lapidus und Thomas Enger gezeigt. Ganz besonders gilt das aber für „Totenwinter“ von James Thompson, dem in diesem Jahr bislang spannendsten Krimi aus Skandinavien.

 

Tatort:Stockholm

Viel erfährt man über Schwedens Hauptstadt nicht. Allerdings gibt Varg Gyllander die Stimmung ländlicher, verschneiter schwedischer Vororte gut wieder. Kälte und Dunkelheit, die fester Bestandteil nordischer Krimis sind, erstehen beinahe gänsehautauslösend fühlbar zum Leben. Insbesondere die Einsamkeit eines einsamen Provinznest, in das Pia Levin bei ihren Ermittlungen fahren muss, ist treffend skizziert. Die Leere auf den Straßen, die Tristesse im einzigen Imbiss am Orte ist schön beschrieben und zeigt einmal mehr, welche Möglichkeiten Gyllander hat – und leider verschenkt.

Varg Gyllander, Eiskalte Rache, btb, 9,99€

VÖ: 7. Oktober 2011

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Kein Mitleid mit einem verlorenen Trio in Stockholm

Es ist ein merkwürdiges Volk, das in „Mach sie fertig“ Stockholm bevölkert. Da ist der ehemalige Söldner, der mit dem Leben jenseits des Schlachtfeldes kaum zurecht kommt und sich dennoch in zunehmenden Wahnvorstellungen als Beschützer missbrauchter und erniedrigter Frauen versteht. Dann wäre da noch der mäßig begabte Drogendealer mit arabischem Hintergrund, dessen Lebenszweck mehr oder weniger darin besteht, seinen Körper im Fitness-Studio zur Perfektion zu stählen. Natürlich misslingt das, auch weil er immer wieder versucht, mit Mitteln aus der Chemielabor nachzuhelfen. Das Trio wird durch einen desillusionierten und korrupten Cop vervollständigt, der Kleinganoven erpresst und beklaut, um seine eigenen „Einkünfte“ aufzubessern.

Keine Ermittler, nur Getriebene

Der Mord an einer unidentifizierten – und unidentifizierbaren – Leiche führt das merkwürdige Trio zusammen. Es ist kaum davon zu reden, dass die drei ermitteln oder zusammenarbeiten. Eher schon stolpern sie unbeholfen durchs Leben, sind Getriebene, die mehr schlecht als recht versuchen, den näher kommenden Einschlägen auszuweichen.

Jens Lapidus hat in seinem „Mach sie fertig“ wenig Mitleid mit seinen Figuren. In einer deutlich abwärts zeigenden Spirale aus Versagen und Gewalt treibt der 37-Jährige Autor, der von Haus aus Jurist ist, sein Trio unaufhaltsam einem Showdown entgegen, von dem schon früh klar ist, dass es nicht gut ausgehen kann.

Fehlgriff der Marketing-Strategen

„Mach Sie fertig“ ist ein sehr solides Exemplar der Gattung Kriminalliteratur. Die Konstruktion der drei Hauptdarsteller ist sogar außergewöhnlich gelungen. Das Lapidus Buch dennoch nicht vollends zufrieden stellt, hat zwei Ursachen. Der Anwalt und Autor versucht sich an der Sprache der Immigranten und Kleinganoven. Das ist angesichts des beschriebenen Milieus angemessen, aber nicht immer glaubhaft. Die Ghettosprache wirkt aus der Feder des erfolgreichen Anwaltes bisweilen künstlich, zu groß scheint die Distanz zwischen Urheber und Figur.
Der zweite Grund, der bei „Mach sie fertig“ Unbehagen auslöst, liegt bei den Marketing-Experten des deutschen Verlages. „Nach Stieg Larsson der erfolgreichste Thrillerautor Europas“, haben die PR-Strategen auf das Cover drucken lassen, und damit auch ohne explizit ausgesprochenen qualitativen Vergleich die Latte so hoch gelegt, dass Jens Lapidus sie eigentlich nur reißen kann. Aber dafür kann natürlich ihr Autor nichts.

 

Tatort:Stockholm

Es ist keine schöne Stadt, die Jens Lapidus beschreibt. Wenn man dem Autor folgt, besteht Stockholm ausschließlich aus tristen Vororten, heruntergekommen Sozialwohnungen mit viel Beton und wenig Lebensqualität, billigen Fitness-Studios, schmierigen Kneipen und halbseidenen Nachtclubs, in denen mindestens gekokst, meistens aber auch gedealt wird. Jens Lapidus folgt vielen schwedischen Autoren, die dem vermeintlichen schwedischen Idyll aus Holzhaus und Darlana-Pferdchen eine verkommene Metropole ohne Aussicht auf Besserung entgegensetzen. Der 37-Jährige setzt bei seinen Beschreibungen weniger auf Präzision als vielmehr auf Stimmungen. Das gelingt ihm, auch wenn man häufiger insgeheim denkt, „so schlimm kann es doch gar nicht sein“, sehr überzeugend.

Jens Lapidus, „Mach sie fertig“, Scherz, 14,95 €

VÖ: 8. Juni 2011

Ein Text von mir dazu gibt es auch in der Literarischen Welt