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Michael Robothams Um Leben und Tod: Spannender Thriller um einen Pechvogel

Völlig chancenlos? Zu Unrecht verfolgt? Ganz alleine, ohne Freunde auf der Welt? Wer hier drei Mal mit „Ja“ antwortet, sollte entweder dringend einen Psychiater aufsuchen oder aber einen Thriller schreiben. Michael Robotham hat letzteres getan, aber der macht das auch beruflich, und der Mann kann das richtig gut.

„Um Leben und Tod“ begleitet einen flüchtigen Häftling

„Um Leben und Tod“ heißt der neueste Thriller des Australiers. Dafür hat sich Robotham Audie Palmer erdacht. Dieser flieht nach zehn Jahren im Gefängnis, ausgerechnet einen Tag bevor er entlassen werden soll. Der Leser merkt schnell, dass das was alle glauben, kaum der Grund sein kann: Angeblich war Palmer an einem Raubüberfall auf einen Geldtransporter beteiligt und hat die Beute, die nach einem blutigen Feuergefecht verschwunden war, irgendwo versteckt.

Michael Robotham hat den größten Pechvogel der aktuellen Krimi-Welt erdacht

Schnell ist klar, dass hinter der ganzen Angelegenheit viel mehr stecken muss als ein schnöder, missglückter Raubüberfall. Nur eines steht von Beginn an fest. Audie Palmer ist der größte Pechvogel, den die Krimiwelt in den letzten zehn Jahren gesehen hat. Genau darin liegt aber der Reiz von „Um Leben und Tod“. Wir folgen einem Chancenlosen.

„Um Leben und Tod“: Nicht sehr raffiniert, aber extrem emotional und fesselnd

Michael Robotham hat sich keinen besonders raffinierten Plot ausgedacht. Früh zeichnet sich zumindest für den halbwegs geübten Krimi-Leser ab, wohin die Reise geht. Aber darum geht es vermutlich nicht. Robotham schafft eine enorme Nähe zu seiner Figur, dem vom Unglück verfolgten Audie Palmer. Damit gelingt es ihm, seinen Leser perfekt in seinen Bann zu ziehen. „Um Leben und Tod“ gehört bei aller gelegentlichen Schlichtheit in die Kategorie der Bücher, die der Leser nicht mehr aus der Hand legen mag, weil man unbedingt wissen will, wie sich der Protagonist aus den nächsten Wellen an Ungerechtigkeiten freischwimmt, die immer wieder auf ein hereinbrechen.

Tatort:USA

Eigentlich gibt es eine Reihe von Orten, an denen der Australier seinen Thriller „Um Leben und Tod“ spielen lässt, wie in einem Roadmovie geht es von Kalifornien nach Texas. Allen Orten ist eines gemein, sie atmen den heruntergekommenen Hauch der Provinz. Gleich, ob , Verbrecher, illegaler Einwanderer, Staatsdiener oder Vertreter der Oberschicht, alle handelnden Personen haftet diese leicht gestrigen Charme, der in den Weiten der USA (und den sie beschreibenden Krimis) so oft anhaftet. Robotham schafft es, mit sehr wenigen Worten, aber dafür sehr eindringlich, diese Enge, diese Unentrinnbarkeit der Provinz lebendig werden zu lassen.

Michael Robotham, „Um Leben und Tod“, Goldmann, 474 S., 9,99€ VÖ: 20. Juli 2015

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In M.C. Poets Berechnung wird eine Gejagte zur Jägerin

Wer orientierungslos und mit Filmriss in einem Motelzimmer aufwacht, kann sich sehr sicher sein, dass ein gewaltiger Kater das geringste Problem sein wird, mit dem er sich nach dem Wachwerden rumschlagen muss. So geht das auch Hannah Marcks. Als die junge Deutsche zu sich kommt, beugen sich mehrere schlecht gelaunte FBI-Fahnder über sie, um sie zu verhaften.

Auf dem Weg in die Todeszelle

Ein Unbekannter hat nicht nur alle Papiere der Mathematikerin auf Urlaubsreisen gestohlen, sondern ihr gleichzeitig die Identität einer dringend gesuchten, mehrfachen Mörderin übergestülpt. Hannah Marcks hat von da an wirklich keine gute Zeit: Sie landet in U-Haft, vor Gericht und am Ende sogar auf dem Weg zur Todeszelle. Erst nach langem Martyrium bekommt sie von sehr unerwarteter Seite Hilfe.

Lohnenswert: „Berechnung“ von M.C. Poets

Ganz kurz gesagt ist „Berechnung“ von der deutschen Übersetzerin und Autorin M.C. Poets eine Variation des Grundthemas der Gejagten, die – um die eigene Unschuld zu beweisen – zur Jägerin wird. Um es genau so kurz zu sagen: Das hat die Autorin ausordentlich gut gemacht.

Eine „Jagd“-Geschichte mit hoher Sogwirkung

„Berechnung“ ist ein weitgehend schnörkelloser Thriller, dessen Plot von der Autorin mit angenehm hohem Tempo vorangetrieben wird. Hohe Erzählgeschwindigkeit löst ja häufig einen Sog aus, der den Leser an den Stoff fesselt. So ging das mir zumindest – und laut Klappentext 100.000 Lesern, die das Buch schon in einer E-Paper-Variante verschlungen haben.

Erfolg durch eine gut erdachte Protagonistin

Der Erfolg von „Berechnung“ ist vermutlich in erster Linie mit der gut erdachten Protagonisten zu erklären. Hannah Marcks ist eine hochintelligente Mathematikerin mit einem sympathischen Drang zur Lebensuntüchtigkeit. Dass die junge Frau trotz Mathematikstudiums an einer Elite-Uni ausgerechnet ihr Leben als Schäferin hinterm Deich plant, ist einerseits krimi-technisch irgendwie typisch deutsch, andererseits für den Plot vermutlich auch notwendig – wer vermisst schon eine Schäferin ohne nennenswerte Familie hinterm Deich?

Mathematik als Krimi-Hilfsmittel

Jedenfalls macht es enorm viel Spaß, Hannah Marcks beim Rechnen zuzuschauen, gleich, ob es darum geht, die Zeit totzuschlagen, alltägliche Probleme zu klären oder sich allen möglichen Bösewichten zu stellen. Eine absolute Leseempfehlung, die einen Krimi suchen, der ohne großen gesellschaftlichen Entwurf oder gruselige Psycho-Abgründe auskommen darf.

Tatort:Texas

Zwischen den dicht besiedelten Küstenstaaten an Atlantik und Pazifik bieten die USA mittendrin schier unendliche Weite, die perfekt geeignet scheint, sich vor anderen Menschen und insbesondere der Staatsmacht zu verstecken. Diese Ödnis des Mittleren Westens war schon Schauplatz für viele hervorragende Krimis. Die Weiten der USA nutzt auch M.C. Poets für „Berechnung“. Auch ohne viele Worte für die Szenerie zu verwenden, vermittelt die Autorin ein glaubwürdiges Bild der Einsamkeit, die auch im 300-Millionen-Staat USA möglich ist – auch, wenn sie dabei natürlich auf das bestens bekannte Stilmittel der einsamen Hütte als Festung und Falle zugleich zurückgreift. Aber es funktioniert.

M.C. Poets, Berechnung, Rowohlt, 350S., 9,99€, VÖ: 27. März 2015

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Joe R. Lansdale beschreibt einen Road-Trip per Floß in die Freiheit

Normalerweise gelten Flüsse als Keimzelle menschlicher Hochkultur. Wasser bedeutet Landwirtschaft, ermöglicht Transport, Leben schlechthin. Beim Sabine River im Osten von Texas scheint alles anders. Es sind trostlose Gegenden, die der beinahe 1000 Kilometer lange Fluss durchquert, sein brackiges Wasser spendet nur wenig Hoffnung für die Menschen, die in verkommenen Hütten an seinen Ufern siedeln. Dieses Bild zumindest zeichnet Joe R. Lansdale in „Dunkle Gewässer“.

Der US-Amerikaner erzählt in seinem neuesten Roman aus der Sicht der 17-jährigen Sue Ellen. Gemeinsam mit ihren Freunden Terry und Jinx wird sie Zeugin, wie die Leiche der Provinzschönzeit May Lynn aus dem Fluss gefischt wird.  In den Habseligkeiten ihrer Freundin, die immer nach Hollywood wollte, finden die Teenager zunächst Belege, dass May Lynn in einen Bankraub verwickelt war und später das dazugehörige Geld. Alle drei beschließen aus ihrem hoffnungslosen Leben auszubrechen und machen sich gemeinsam mit Sue Ellens alkoholsüchtiger Mutter auf dem Fluss auf den Weg. Rasch heftet sich allerlei finsteres Gesindel an die Fersen des Quartetts.

„Dunkle Gewässer“ ist eine mitreißende Abenteuergeschichte

Joe R. Lansdale hat trotz einiger Kriminalromane entlehnter Stilmittel in erster Linie eine Abenteuergeschichte geschrieben, einen Road-Trip per Floß, angesiedelt im frühen 20. Jahrhundert. Der Weg in die Freiheit ist mühsam, das suggeriert der Roman. So ganz ohne weiteres entkommen die Protagonisten Vorurteilen, Rassismus und primitiver Habgier nicht. Auch, weil sie sich davon zunächst von sich selber befreien müssen.

„Dunkle Gewässer“ ist ein ungewöhnlicher Roman, weil es Lansdale gelingt, mit einfachen Mitteln – ohne moderne Effekthascherei -, das Gefühl von Gefahr, also Spannung zu transportieren. Dabei  gelingt es ihm das Portrait einer beinahe hoffnungslosen Ära in einer äußerst mitreißenden Abenteuergeschichte zu verpacken.

 

Tatort:Texas

Der Sabine River ist der heimliche Hauptdarsteller von „Dunkle Gewässer“ – und natürlich Namensgeber des Romans von Joe R. Lansdale. Der Sabine River ist Grenzfluss zwischen Texas und  Louisiana, 925 Kilometer lang, wasserreich, aber ansonsten eher unbedeutend.   Heute ist er gestaut und dient als Wasserreservoir für die Einwohner von Texas. In Lansdales Roman ahnt man aber, wie es gewesen sein muss, als er noch ungezähmt floss und sich in Hochwasserjahren einfach Häuser, Scheunen und Acker griff.  Der Amerikaner taucht mit seiner Abenteuergeschichte tief in das Leben der Südstaaten vergangener Jahre ein, Zeiten in denen Recht und Gesetz wenig zählten, sich der Stärkere nahm, was ihm zustand. Die Szenerie dazu liefert der Sabine River, an dessen Ufer nur ein Leben in Armut möglich schien. Diese Kulisse malt Lansdale mit energischen, kraftvollen Strichen gleichermaßen glaubwürdig wie Mitleid erregend aus.

Joe R. Lansdale, Dunkle Gewässer, Tropen, 320 S., 19,95€

VÖ: 21. Februar 2013



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