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Simon Kernicks Nachtkiller, furioser Thriller nach schwachem Start

Es gibt Bücher, da lohnt es sich dran zu bleiben. Der erste Eindruck ist schlicht verheerend, aber dann entwickelt sich doch noch etwas lohnenswertes, ein Thriller der Spaß macht.

So ist mir das mit „Nachtkiller“ von Simon Kernick ergangen. Das Buch startet mit einer Jane Kinnear, die zu einem vergleichsweise Fremden ins Haus geht: Nach dem dritten Date, so hat sie beschlossen, ist die Zeit reif für Sex. Dazu soll es nicht kommen. Erst erscheint die Ehefrau des Geliebten, von der Kinnear nichts wusste, und dann tauchen auch noch zwei Profikiller auf und töten das Ehepaar. Die verhinderte Geliebte kann entkommen, weil sie sich unterm Bett versteckt.

Schwacher Einstieg, furioses Finale

Der Einstieg in „Nachtkiller“ ist wirklich sehr banal, unglaubwürdig obendrein und eine Ansammlung von Klischees. Tatsächlich wird der Einstieg später noch gebraucht. Zunächst beginnt vor dem Hintergrund der alles überschattenden Angst vor dem Terror eine sehr komplexe Jagd nach dem Täter und potentiellen Attentäter, die England in Angst und Schrecken versetzen könnten.  Die jagende Meute wird von Ray Mason angeführt, einem abgebrühte Cop in Diensten einer Antiterroreinheit der Londoner Polizei. Es sei nicht mehr verraten, nur so viel: Um Mason herum stapeln sich die Leichen, ganz so als sei man krimitechnisch nicht im beschaulichen England sondern im Herzen der USA unterwegs.

Drei gute Gründe für Nachtkiller

Was ändert nun das anfänglich desaströse Bild. Erstens baut Simon Kernick eine raffinierte Kulisse auf, legt falsche Spuren, wirft dem Leser Informationsbrocken hin, die erst später Sinn zu machen beginnen. So webt er eine interessante Geschichte mit überraschenden Wendungen. Zweitens hat sich Kernick interessante Figuren ausgedacht, die für einen tempoorientierten Thriller überraschende Tiefe und spannende Biographien erzählen. Drittens schraubt Kernick das Tempo nach wenigen Seiten hoch und kann es zum veritablen Showdown hin, immer weiter steigern.

Simon Kernick liefert solides Krimihandwerk

Dass dabei sprachliche Finesse, gesamtgesellschaftliche Betrachtungen und psychologische Tiefe auf der Strecke bleiben? Geschenkt. „Nachtkiller ist  kein Kunst-, aber sehr solides Krimihandwerk, solches zudem das bestens unterhält.

Simon Kernick, Nachtkiller, Heyne, 463 S., 9,99€, VÖ: Mai 2017

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Matthew Quirks Direktive ist nur beschränkt einsetzbar

Alle, aber auch wirklich alle Figuren unglaubwürdig. Das Ende? Von vorneherein vorhersehbar.  Die meisten Entscheidungen scheinen einem billigen Horrorfilm entlehnt, in dem die Protagonisten grundsätzlich Wege gehen, die erstens mit Vernunft nicht zu erklären sind und zweitens zielsicher ins Verderben führen.

Verschwörung rund um die US-Notenbank

So einfach lässt sich Matthew Quirks Thriller „Die Direktive“ zusammenfassen. Die Hauptfigur heißt Mike Ford, ein ehemaliger Krimineller – um sich das genau zu erschließen, müsste man wohl den ersten Band der Reihe kennen –, der sich jetzt als Lobbyist in höchsten Washingtoner Kreisen bewegt. Zudem hat eine unglaublich schöne wie kluge Verlobte, die zu dem noch über ihren Vater enorm reich ist.  Bei dem Versuch seinen missratenen Bruder zur Hochzeitsfeier einzuladen, gerät in er in das Visier von Kriminellen, die ihn, wie sich später herausstellen soll, gezielt ins Zentrum einer breit angelegten Verschwörung zerren. Ford soll die sogenannte Direktive, die Zinsempfehlung der US-Notenbank stehlen, auf dass sich die Drahtzieher mit diesem Insiderwissen  unermessliche Reichtümer verschaffen können.

Matthew Quirk beschreibt ein originelles Einbruchsszenario

Was hat „Die Direktive“ auf der Habenseite? Ein einigermaßen originelles Einbruchsszenario. Der Weg an die Direktive der Notenbank hat tatsächlich so etwas wie Raffinesse. Dann verzichtet der Autor weitgehend auf sprachliche Schnörkel: Das Erzähltempo bleibt so hoch. Das ist bei einem Thriller immer eine gute Sache.

Die Direktive eignet sich höchstens als Urlaubslektüre

Auf der anderen Seite habe ich lange schon nicht mehr so einen unglaubwürdigen Quatsch gelesen. Die Figuren bleiben bestenfalls Zweidimensional, Glaubwürdigkeit, Tiefe, Komplexität Fehlanzeige. Wer einen Krimi sucht, der als Lesestoff in einem erfüllten Familienurlaub möglichst wenig Ablenkung darstellen soll, der also zum Einsatz kommt, wenn alle anderen nach einem Strandtag ermattet dösen und die Sonne noch nicht mit einem malerischen Untergang ablenkt, wird nicht völlig unzufrieden sein. Man kann ihn lesen, man kann ihn weglegen. Das ist einerlei. Dafür ist „Die Direktive gut geeignet. Wer wirklich Lust hat, ein intelligentes, spannendes Buch zu lesen, Finger weg.

Matthew Quirk, Die Direktive, Blessing, 430 S., 14,99€, VÖ: 3. April 2017

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Scott Bergstrom lässt in Cruelty eine 17-Jährige auf Europas Unterwelt los

Es ist ja immer ein wenig heikel, sich über das Unglaubwürdige im Thriller zu beklagen. Das Genre lebt ja schließlich davon, dass einem nichts Böses ahnendem Zeitgenossen, ein ganzer Stapel schier unlösbarer Probleme vor die Füße gekippt werden.

Lee Childs lässt seinen Jack Reacher seit Jahrzehnten als unbezwingbare Ein-Mann-Armee ziellos durch die USA reisen, Philip Kerrs Bernie Gunther überlebt äußerlich unbeschädigt die Duelle mit allen möglichen Nazi-Größen. Alles ausgemachter Blödsinn, aber alles ungemein unterhaltsam. In diese Kategorie fällt auch „Cruelty“ von Scott Bergstrom – und das liegt an der Hauptdarstellerin.

Teenager ohne Freunde und Wurzeln

Eben noch war die 17-Jährige Gwen ein halbwegs normaler Teenager in New York. Altersgerecht kämpft sie mit gemeinen Mitschülerinnen, als Diplomatenkind ist sie zwar herumgekommen, spricht eine Reihe Sprachen fließend, ist aber durch das Nomadenleben auch nicht besonders fest in ihrer neuen Heimat verwurzelt. Ihr Vater hat sie seitdem die Mutter vor Jahren ermordet worden war, alleine aufgezogen.

Bergstrom inszeniert die Suche nach dem Vater

Eines Tages verschwindet der Mann, der doch eigentlich Bürokrat im Diensten des Außenministeriums ist, spurlos. Ermittler erzählen dem Teenager, dass ihr Vater eigentlich CIA-Agent ist, und im Einsatz spurlos verschwunden. Die Tochter wird erst verhört, dann ignoriert. Gwen  findet einen Hinweis und macht sich auf die Suche nach ihrem Vater.

Atemlose Jagd quer durch Europa

Die Spur führt nach Europa, zunächst nach Paris, dann über Berlin nach Tschechien. In jeder Stadt muss sich die junge Frau mit immer gemeineren und gefährlicheren Verbrechern auseinandersetzen. Sie trifft auf Drogendealer, Waffenschieber und Menschenhändler. Um ihren Vater befreien zu können, muss Gwen erwachsen und vor allem immer grausamer werden, um sich dem Bösen entgegenzustemmen, dass versucht, sie hinwegzufegen.

Eine gute Balance aus Klischees und originellen Ideen

Auf der Glaubwürdigkeitsskala steht Cruelty sehr weit unten. Eine Siebzehnjährige, die zur Superkämpferin mutiert und reihenweise, Auftragskiller, Söldner und Gewohnheitsverbrecher ausschaltet? Aber ehrlich gesagt, macht das nicht viel aus. Freunde des Genres werden sich trotzdem gut unterhalten fühlen. Erstens bleibt Bergstrom seiner Akteurin dicht auf der Pelle, erlaubt sich kaum einen Perspektivwechsel, kaum Reflexion, das erhöht das Tempo, die Spannung. Zweitens funktioniert die Welt, in die Bergstrom seine Heldin schickt sehr gut. Das Leben im Unterbauch der Städte, zwischen Obdachlosen, Ausreißern, Vertriebenen und Kleinkriminellen hält eine gute Balance aus Klischees und originellen Ideen. Wer sich auf den Plot einlassen kann, der wird „Cruelty“ kaum aus der Hand legen wollen.

Scott Bergstrom, Cruelty, Rowohlt Polaris, 429 S., 14,99€, VÖ: 17. Februar 2017

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Gar nicht so kleine Monster, die Kinder in Marc Elsbergs Helix

Reiche Ernteerträge, gesunde und hyperintelligente Wunschbabys, ein perfides politisches Attentat per Erkältungsvirus: Der neue Roman von Marc Elsberg hält die gesamte Bandbreite von Fluch bis Segen beim Thema Genmanipulation bereit.

Mord mit einem Designer-Virus

Helix heißt das jüngste Werk, das damit bereits im Titel andeutet, welches Thema der Science-Thriller-Autor Elsberg sich diesmal ausgesucht hat. Auftakt bildet ein Mord. Auf der Münchener Sicherheitskonferenz bricht urplötzlich der US-Außenminister tot zusammen, ermordet, wie sich schnell herausstellt, durch einen auf den Mann zugeschnittenen Designer-Virus.

Marc Elsberg hält wieder viele Erzählstränge im Griff

Zu Elsbergs Erzählmuster gehört die Parallelmontage. So erfährt der Leser schnell von überraschend gut gedeihenden landwirtschaftlichen Produkten ausgerechnet in Krisenregionen in Südamerika, Asien und Afrika und einem mäßig amüsierten Lebensmittelkonzern, der um durch scheinbar anarchisch veränderte Lebensmittel um den Ertrag seiner Patente fürchtet.  In einem weiteren Handlungsstrang macht sich ein US-Amerikanisches Ehepaar auf, um die Verlockung eines perfekt designten Wunschkindes auszuloten.

Helix beschreibt wieder ein apokalyptisches Szenario

Zu den Stärken von Marc Elsberg gehören zwei handwerkliche Fähigkeiten, die er bereits in Blackout und Zero unter Beweis gestellt hat. Scheinbar zusammenhanglos zusammengefügte Erzählschnipsel ergeben schnell das Gefühl grundsätzlicher Hoffnungslosigkeit, der perfekte Nährboden eines guten Thrillers. Außerdem arbeitet sich der Österreicher solide in die Materie ein, der Leser bekommt so das Gefühl, dass all das, was da passiert, tatsächlich möglich ist.

Kinder als gar nicht so kleine Monster

Beste Voraussetzungen also für einen perfekten Thriller. Und dennoch funktioniert das, was vor allem den Erstling Blackout zu einer sensationellen Lektüre hat werden lassen, diesmal nicht. Das liegt vor allem an den „Schurken“. Schnell wird klar, zuerst den Lesern, dann der US-Ermittlerin Jessica Roberts, die die Geschichte zusammenhält, dass hinter dem eingetretenen und noch zu erwartenden weitaus schlimmeren Ungemach, genetisch mutierte, hyperintelligente und starke Kinder stecken – und das funktioniert leider nicht. So sehr sich Elsberg bemüht, die kleinen genmanipulierten Monster bleiben Kinder und bei aller zugeschriebenen Raffinesse zutiefst uninteressant.

Helix unterhält, prägt sich aber nicht ein

Wegen der handwerklichen Fähigkeiten Elsbergs ist Helix interessant und leidlich spannend. Wegen der einen zentralen Schwäche stellt sich jedoch nicht diese emotionale Bindung zwischen Buch und Leser ein, die es erstens unmöglich (sehr schwer) macht, das Buch aus der Hand zu legen und zweitens dafür sorgt, dass sich die Story über Jahre hinweg in die Erinnerung einbrennt. Wer so ein Buch sucht, dem sei – wenn er es denn noch nicht kennt – Elsbergs Blackout empfohlen.

Marc Elsberg, Helix, Blanvalet, 646S., 22,99€, VÖ: 31. Oktober 2016

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Patricia Cornwells Paranoia: Es ist kein Raum mehr für literarische Verschwörungstheorien

Zu den Marathon-Schreiberinnen im Krimi-Betrieb gehört auch Patricia Cornwell. Seit 1990 geht ihre Pathologin Kay Scarpetta jetzt schon auf Mörderjagd. Die ersten Folgen der Serie waren sensationell: extrem dicht geschrieben, spannend, und häufig harte Kost. Wie das bei lang laufenden Serien so ist, stellten sich irgendwann Ermüdungserscheinungen ein, die Verbrechen, die Verschwörungen und die Fähigkeiten der Supernichte Lucy wurden immer bombastischer.

Annäherung nach langer Kay-Scarpetta-Abstinenz

Nach einer gefühlt mindestens zehnjährigen Abstinenz jetzt also eine erneute Annährung. „Paranoia“ heißt der bislang neueste Krimi von Patricia Cornwell. Schnell wird klar: Die Autorin verdichtet die Handlung wie immer, erzeugt Spannung und Grusel wie am ersten Tag. Und doch ist ihr Thriller auf den zweiten Blick reichlich merkwürdig.

Ungereimtheiten bei einem Haushaltsunfall

Kay Scarpetta, mittlerweile in Neuengland tätig, wird zu einem Todesfall gerufen, von dem alle vermuten, es sei ein Haushaltsunfall. Die Gerichtsmedizinerin entdeckt am Fundort der Leiche jedoch schnell Ungereimtheiten, und das, obwohl sie abgelenkt ist. Irgendwer schickt ihr einen Link zu Videos, die ihre Nichte zeigen. Videos, die heimlich aufgenommen wurden, und – so entdeckt Scarpetta schnell – schon einige Jahre alt sind. Kein Wunder, dass Fragen aufkommen: Muss Scarpetta das Bild ihrer Nichte revidieren? Inszeniert jemand seit 20 Jahren schon den Versuch, ihre in Ermittlerkreisen höchst umstrittene Nichte Lucy weiter zu diskreditieren? Droht akute Gefahr?

Ein Fest für Aluhuttragende Verschwörungstheoretiker

Die Pathologin lässt ihren Tatort im Stich, und macht sich auf den Weg zu ihrer Nichte. Der droht Ungemach, nicht von Bösewichten, sondern von höchst offizieller Stelle. Ermittler des FBI haben sich auf dem Anwesen breit gemacht. Bereits hier verändert sich „Paranoia“ zur Leib- und Magenlektüre für Aluhuttragende Verschwörungstheoretiker. Obgleich Scarpetta selber seit Jahrzehnten Ordnungshüterin ist, seit geraumer Zeit mit einem FBI-Agenten verheiratet ist, wittert sie Verrat von staatlicher Seite. Spätestens ab diesem Moment beginnt der Leser sich zu fragen, ob – so viel volkstümliche Formulierung sei ausnahmsweise einmal erlaubt – die Autorin einen an der Waffel hat.

Patricia Cornwell: Verwirrstück um Verfolgungswahn

Man kann den Band als raffiniert gewebtes Verwirrstück lesen, dessen Titel Programm ist. Formal spielt sich die gesamte Handlung innerhalb eines einzigen Tages ab, ein Tag, an dem die Protagonistin und ihre Freunde alle Gewissheiten verlieren, Verwandte, Freunde, Partner zu potentiellen Verschwörern werden. Lange Zeit ist offen, ob Kay Scarpetta und ihre Nichte tatsächlich verfolgt werden, oder sie nur einen schweren Schub der titelgebenden „Paranoia“ durchleben.

Cornwells „Paranoia“ bleibt merkwürdig

Wirklich gelungen ist das nicht, weil die Konstruktion, so spannungsgeladen sie ist, so komplex sie erdacht wurde, ganz genau zwischen den Buchdeckeln funktioniert. Wenn man die Handlung in den größeren Bogen der ganzen Serie einbettet, erscheint das Thema konstruiert, wenn die Realität als Schablone hinzukommt, verstärkt sich der Merkwürdig-Effekt bei allem Verständnis und Faible für dichterische Freiheit ganz gewaltig.

Es gibt zu viele Verschwörungstheoretiker

Vielleicht funktionieren Verschwörungsthemen im Thriller auch im Social-Media-Zeitalter nicht mehr. Wenn AfD-Wähler, Donald-Trump-Anhänger und andere unkritische bzw durchgeknallte Facebook-Nutzer die abstrusesten Theorien über Staaten und Gesellschaften für wahr halten, teilen und mit erbittertem Ernst und wirrer Logik verteidigen, macht es keinen Spaß mehr, sich im Krimi mit Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen.  Die abwegigsten Phantasien von Thriller- Autoren werden  mittlerweile häufig vom politischen Wahn rechthaberischer Rechter überflügelt – und das ist dann nicht unterhaltsam, sondern sehr gefährlich.

Patricia Cornwell, Paranoia, Hoffmann&Campe, 400 S., 24€, VÖ: 17. September 2016

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Kathy Reichs: Die Sprache der Knochen bietet wenig Neues

Irgendwann in grauer Vorzeit, vor beinahe 20 Jahren, gab es eine großartige neue Autorin in der Krimi-Welt. Die Anthropologin Kathy Reichs hob, die Fernsehserie CSI und ihre Ableger waren lange noch nicht in Sicht, den wissenschaftlich angehauchten Thriller auf ein neues Niveau. Das war ungewöhnlich, das war innovativ, das war spannend.

Neues aus den Genre des Baukastenkrimis

Heute, 18 Bände später, werden Morde im Dutzend im Labor aufgeklärt, auch um die Hauptdarstellerin Temperance Brennan gibt es längst eine eigene Fernseh-Serie. Mittlerweile gehören die Thriller der US-Amerikanerin zum Genre der Baukastenkrimis, die nach immer gleichem Muster zusammengesteckt werden. Es gibt einen Bösewicht aus einer kleinen, die Recherchefähigkeit des Reichs-Teams belegende Minderheit. Außerdem Selbstzweifel der Protagonistin, ein bis zwei Beziehungskonflikte zum Traummann und einem Verwandten (wechselnd Schwester, Tochter oder Mutter), einen Mordanschlag und eine überraschende Auflösung.

Kathy Reichs schreibt handwerklich auf hohem Niveau

Warum soll man das also lesen? Eigentlich gar nicht (mehr). Aber Reichs schreibt auf handwerklich hohem Niveau, ihre Figurenzeichnung tanzt bei allen bekannten Verhaltensmustern unerträgliche Stereotype souverän aus und der Leser erfährt trotz der eingefahrenen Gleise dennoch meist etwas Neues. Und ein Kathy-Reichs-Fan der ersten Stunde will ohnehin wissen, wie es weitergeht.

Morde unter Exorzisten in der Provinz

Im neuesten Krimi „Die Sprache der Knochen“ hat die Autorin sich zwei Recherchestränge ausgesucht. Sie greift das Phänomen der Hobby-Ermittler auf, die sich über das Internet in Gruppen zusammentun und Wettbewerbe zur Aufklärung offener Verbrechen beziehungsweise Vermisstenfälle austragen. In diesem Fall geht es um eine verschwundene junge Frau im Umfeld einer – der zweite Strang – fundamentalistischen christlichen Gemeinde, die den Ritus des Exorzismus betreibt, und das noch ohne Segen der katholischen Kirche. Man ahnt schnell, dass das nicht gut ausgehen kann. Keine Frage, dass Temperance Brennan mindestens einem perfiden Mordanschlag überstehen muss.

„Die Sprache der Knochen“: Furchtbar vorhersehbar

Das Ganze ist, wie schon erwähnt, alles furchtbar vorhersehbar und zugleich noch hinreichend spannend. Es wäre  interessant zu erfahren, wie ein Erstleser auf „Die Sprache der Knochen“ reagiert. Überträgt sich 20 Jahre alte Innovation in die Gegenwart oder wirkt das wie bei einem 20 Jahre alten Neuwagen eher drollig?

Kathy Reichs, Die Sprache der Knochen, Blessing, 385S, VÖ: Januar 2016

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Cop Town von Karin Slaughter, ein Thriller, der im Gedächtnis bleibt

Atlanta, 1974. Ein Unbekannter ermordet Polizisten. Die Jäger werden auf einmal zu Gejagten und eine Stadt gerät an den Rande des Ausnahmezustandes. Weil die erfahrenen Polizisten auf einem Auge blind sind, scheint kein Ende der Mordserie in Sicht. Ausgerechnet der blutjungen Polizistin Kate Murphy gelingt es, zusammen mit ihrer Partnerin den Mörder zu stellen.

Ein Stand-Alone-Krimi von Karin Slaughter

Karin Slaughter ist eine der Königinnen, des harten Thrillers US-amerikanischen Prägung. Cop Town, ist ein außerordentlich ein außerordentlich gut gelungenes Exemplar des Genres. Eingefleischte Slaughter-Fans sollten jedoch wissen, dass Cop-Town ein sogenannter Stand-Alone-Thriller ist, also nicht zu einer der etablierten Serien gehört.

Kate Murphy und die sympathisch unbeholfenen Wege einer Berufsanfängerin

Zunächst ist Cop Town ein perfekt inszenierter Krimi. Die Suche nach dem Täter führt über genre-gerechte viele Um- und Irrwege, die Figuren sind hinreichend komplex gezeichnet und das Tempo über 500 Seiten angenehm hoch. Da man erstens den unbeholfenen Versuchen der jungen, interessant erdachten Berufsanfängerin Kate Murphy, ihren Weg in den Job zu finden, gerne folgt und es obendrein einen furiosen Showdown gibt, hat Slaughters Thriller wirklich alles, was zu einem unterhaltsamen Krimi dazu gehört.

Cop Town, ein beeindruckendes Portrait der US-amerikanischen Gesellschaft

Cop Town bietet aber noch mehr. Karin Slaughter ist ein beeindruckendes Portrait der amerikanischen Gesellschaft in einer Epoche gelungen, in der Rassismus gegen Schwarze und Diskriminierung gegen Frauen in den Gehirnen weißer Südstaaten-Männer noch ein erbärmliches Rennen um die Vorherrschaft beim Denken führten. Allein die Schilderungen, wie sich die Polizistinnen den Weg durch ihre männlichen Kollegen zu ihren Umkleideräumen bahnen müssen, zeichnen ein drastisches, sehr ergreifendes Bild über Rollenverständnisse, die noch gar nicht so lange Zeit überwunden sind.

Die unsichtbaren Grenzen eines unsolidarischen Kastenwesen

Die Schilderungen einer Gesellschaft, in der es für Frauen bereits als Zeichen des Respekts galt, wenn Sie von ihren Kollegen nicht vergewaltigt oder betatscht wurden, sind auch deshalb so gelungen, weil Slaughters, sich nicht auf ein Täter-Opfer-Bild beschränkt. Im Atlanta der 70er Jahre kämpft so ziemlich jeder gegen jeden; Weiße Männer gegen alle, Schwarze Männer gegen Frauen, Schwarze Frauen gegen Weiße Frauen und so weiter. Es galt ein unausgesprochenes Kastensystem (und man ist sich nicht sicher, ob man wirklich die Vergangenheitsform werden soll), das unsichtbare Grenzen zwischen den Bevölkerungsgruppen zog – selbst, wenn diese den gleichen Beruf hatten. In diesem System gab es, wenn man Slaughter glauben darf, auch innerhalb der Gruppen wenig Solidarität. Wer nicht dem Mainstream-Ideal entsprach, war sehr einsam, um es mal zurückhaltend zu formulieren.

Die Kunst Saughters besteht darin, das alles mit klaren Worten zu erzählen, ohne das Grundprinzip des Spannungsromans zu vergessen. Cop Town ist sehr harte Kost, aber eine außerordentlich lesenswerte, ein Krimi, der im Gedächtnis bleibt.

Karin Slaughter, Cop Town, Blanvalet, 544 S., 14,99€ VÖ: 9. November 2015

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Poznanski&Strobel schreiben mit „Fremd“ einen beinahe perfekten Thriller

Eine alleinstehende Frau bereitet sich auf den Abend vor. Es soll ein gemütlicher Abend auf dem Sofa werden. Doch daraus wird nichts. Erstens steht nicht nur ein Fremder im Wohnzimmer, er behauptet zweitens auch noch, der Lebensgefährte der Frau zu sein. Dieses Alptraumszenario erlebt, so wollen es die beiden Autoren Ursula Poznanski und Arno Strobel in ihrem Thriller „Fremd“ eine junge Frau.

Ein Thriller eines ungewöhnlichen Autoren-Duos

Es hat sich ein profiliertes Duo zusammengefunden, sowohl Ursula Poznanski („Fünf„) als auch Arno Strobel („Das Rachespiel„) haben bereits mehrere Krimis geschrieben, die sich in den einschlägigen Bestsellerlisten wiederfanden.

Fesselndes Verwirrspiel um eine Partnerschaft

Der besondere Reiz bei Fremd liegt darin, dass sie die Geschichte um die eingebildete oder tatsächliche Partnerschaft gleichberechtigt aus den Perspektiven beider Beteiligter erzählen. Joannas Entsetzen über den fremden Mann in ihrem Leben ist genauso glaubwürdig, wie die Verzweiflung von Erik darüber, dass seine Verlobte ihn nicht wiedererkennt. Immerhin raufen sie sich soweit zusammen, dass sie gemeinsam versuchen herauszufinden, was genau eigentlich los ist. Beide mit einem gesunden Misstrauen, dass der jeweils andere ihn belügen könnte.

Ursula Pozanski und Arno Strobel schreiben den perfekten Spannungsroman

Der Wienerin Ursula Poznanski und dem Saarländer Arno Strobel ist mit „Fremd“ und seinen wechselnden Erzählperspektiven der perfekte Spannungsroman gelungen, der die Lust des Lesers am Mitraten, wer denn nun wen auszunutzen versucht, bestens bedient. Idee, Tempo und Figurenzeichnung verbinden sich zu einer Thrillermischung, die das Prädikat „fesselnd“ verdient.

Einen kleinen Schönheitsfehler hat „Fremd“ auch

Einen kleinen Schönheitsfehler gibt es auch. Die Konstruktion des Thrillers bedingt, dass die Suche nach der Auflösung im Mittelpunkt steht, die eigentliche Begründung für die Inszenierung des Verbrechens (es hat eines stattgefunden, soviel sei verraten)  bleibt aber eher diffus bis oberflächlich. Aber das ist, wie gesagt, ein nur kleiner Schönheitsfehler, den „Fremd“ mit vielen Hochspannungsthrillern US-amerikanischer Produktion teilt. Kurz gesagt: Lesen!

Ursula Poznanski, Arno Strobel: Fremd, Wunderlich, 393 S., 16,99€, VÖ: 30. Oktober 2015

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„Der Anhalter“ von Lee Child, ein sehr solider Spannungsroman

Jack Reacher hängt fest. Seit mehreren Romanen versucht der Mann, der Ödnis des mittleren Westens der USA zu entkommen. Seinem Ziel, Virginia – wo möglicherweise eine tolle Frau wartet – kommt er dabei kein Stück näher Mindestens zum vierten Mal in Folge hat Lee Child die Handlung seiner Jack-Reacher-Krimis ins Nirgendwo, dass aus Farmland bis zum Horizont, heruntergekommenen Häusern und gesichtslosen Städten besteht, verlegt.

Lee Child perfektioniert die Schilderung des amerikanischen Alptraums

Klingt nach Wiederholung, ist aber nicht schlimm, weil Child die Schilderung dieser besonderen Form des amerikanischen Alptraums mittlerweile perfektioniert hat. Im neuesten Roman „Der Anhalter“, dem mittlerweile 17. Roman der Serie,  passiert genau das. Jack Reacher steht in Nebraska an einem einsamen Interstate-Highway und versucht, trampend voranzukommen. Erst nach langer Wartezeit hält ein Wagen an. Darin befinden sich drei Insassen, gemeinsam reisende Geschäftsleute. Reacher, der ehemalige Militärpolizist merkt schnell, dass die Geschichten jede Menge Löcher hat. Offenbar sind die beiden männlichen Reisenden Auftragskiller, die eine junge Frau in ihrer Gewalt haben und Reacher als Tarnung für diverse Straßensperren brauchen.

Jack Reacher jagt mal wieder skrupellose Verbrecher

Glaubwürdigkeit war noch nie die Stärke Childs, Spannung dagegen schon. Auf jeden Fall findet die Polizei, nachdem sich Reacher von dem merkwürdigen Trio getrennt hat, die Frau verbrannt am Straßenrand. Kurz darauf verschwindet auch noch die Tochter. Jack Reacher misstraut, wie eigentlich immer, den Behörden und beginnt selber, nach dem Kind zu suchen. Schnell stellt sich heraus: Nichts ist wie es scheint, abgesehen von der Gefahr. Die ist höchst real, aber andererseits Reachers ständiger Begleiter.

„Der Anhalter“ von Lee Child, ein sehr solider Spannungsroman

Lee Child hat wieder einen sehr soliden Spannungsroman geschrieben, in dem der einsame Wolf Reacher sich wieder durch ein kunstvolles Labyrinth von Irrwegen und falschen Fährten kämpfen muss und dabei einen sehr großen Haufen Leichen hinter sich lässt. „Der Anhalter“ ist wieder spannend geschriebene Action, nichts für Feingeister oder Freunde kriminalistischer Sozialkritik, aber immer wieder unterhaltsam zu lesen.

Lee Child, Der Anhalter, Blanvalet, 448S, 19,99€, 29. Juni 2015

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Michael Robothams Um Leben und Tod: Spannender Thriller um einen Pechvogel

Völlig chancenlos? Zu Unrecht verfolgt? Ganz alleine, ohne Freunde auf der Welt? Wer hier drei Mal mit „Ja“ antwortet, sollte entweder dringend einen Psychiater aufsuchen oder aber einen Thriller schreiben. Michael Robotham hat letzteres getan, aber der macht das auch beruflich, und der Mann kann das richtig gut.

„Um Leben und Tod“ begleitet einen flüchtigen Häftling

„Um Leben und Tod“ heißt der neueste Thriller des Australiers. Dafür hat sich Robotham Audie Palmer erdacht. Dieser flieht nach zehn Jahren im Gefängnis, ausgerechnet einen Tag bevor er entlassen werden soll. Der Leser merkt schnell, dass das was alle glauben, kaum der Grund sein kann: Angeblich war Palmer an einem Raubüberfall auf einen Geldtransporter beteiligt und hat die Beute, die nach einem blutigen Feuergefecht verschwunden war, irgendwo versteckt.

Michael Robotham hat den größten Pechvogel der aktuellen Krimi-Welt erdacht

Schnell ist klar, dass hinter der ganzen Angelegenheit viel mehr stecken muss als ein schnöder, missglückter Raubüberfall. Nur eines steht von Beginn an fest. Audie Palmer ist der größte Pechvogel, den die Krimiwelt in den letzten zehn Jahren gesehen hat. Genau darin liegt aber der Reiz von „Um Leben und Tod“. Wir folgen einem Chancenlosen.

„Um Leben und Tod“: Nicht sehr raffiniert, aber extrem emotional und fesselnd

Michael Robotham hat sich keinen besonders raffinierten Plot ausgedacht. Früh zeichnet sich zumindest für den halbwegs geübten Krimi-Leser ab, wohin die Reise geht. Aber darum geht es vermutlich nicht. Robotham schafft eine enorme Nähe zu seiner Figur, dem vom Unglück verfolgten Audie Palmer. Damit gelingt es ihm, seinen Leser perfekt in seinen Bann zu ziehen. „Um Leben und Tod“ gehört bei aller gelegentlichen Schlichtheit in die Kategorie der Bücher, die der Leser nicht mehr aus der Hand legen mag, weil man unbedingt wissen will, wie sich der Protagonist aus den nächsten Wellen an Ungerechtigkeiten freischwimmt, die immer wieder auf ein hereinbrechen.

Tatort:USA

Eigentlich gibt es eine Reihe von Orten, an denen der Australier seinen Thriller „Um Leben und Tod“ spielen lässt, wie in einem Roadmovie geht es von Kalifornien nach Texas. Allen Orten ist eines gemein, sie atmen den heruntergekommenen Hauch der Provinz. Gleich, ob , Verbrecher, illegaler Einwanderer, Staatsdiener oder Vertreter der Oberschicht, alle handelnden Personen haftet diese leicht gestrigen Charme, der in den Weiten der USA (und den sie beschreibenden Krimis) so oft anhaftet. Robotham schafft es, mit sehr wenigen Worten, aber dafür sehr eindringlich, diese Enge, diese Unentrinnbarkeit der Provinz lebendig werden zu lassen.

Michael Robotham, „Um Leben und Tod“, Goldmann, 474 S., 9,99€ VÖ: 20. Juli 2015