Kategorien
Neu

Mark Pearsons „Blutbeute“: Ein Thriller als Seifenoper

Jack Delany ist Ire und Polizist. Er lebt und arbeitet in London. Genauer gesagt treibt er seit dem Tod von Frau und ungeborenem Kind eher ziellos und selten nüchtern dahin – und soll nach dem Willen seiner Chefin doch wieder in seinen Job einsteigen.

Kate Walker hat sich dummerweise auf Jack Delany eingelassen, der sich aber wegen seiner toten Frau nicht auf eine neue Beziehung einlassen will. Die Rechtsmedizinerin betäubt ihren Kummer im Pub und wacht am nächsten Morgen ohne jede Erinnerung an der Seite eines fremden Mannes auf. Der Fremde, so vermutet sie, hat sie betäubt und vergewaltigt.

Seifenoper oder Kriminalroman?

Die wichtigsten Figuren in „Blutbeute“ haben eigentlich völlig ausreichend mit sich selber und ihren Problemen zu tun. Da Mark Pearson keinen Stoff für eine ambitionierte Seifenoper sondern einen Krimi gesammelt hat, legt er seinem geplagten Team noch einige Frauenleichen vor die Füße, die – größeren Schrecken gibt es für die Einwohner der britischen Metropole vermutlich nicht – an die Opfer des bekanntesten aller Serienmörder, Jack the Ripper, erinnern.

Ein verworrener Fall

Der Polizist Delany beginnt zu ermitteln und muss feststellen, dass der Fall nicht nur außerordentlich verworren ist, sondern ihn mehr zwingt, sich mit seiner Vergangenheit und seinem aktuellen Leben auseinander zu setzen, als ihm das lieb sein kann.

Stark im Zentrum, blass an den Rändern

Mark Person hat einen spannenden Thriller geschrieben, bei dem allerdings stellenweise nicht klar wird, was im Vordergrund steht: Die Suche nach einem brutalen Serienmörder oder die persönlichen und Beziehungsprobleme der Protagonisten. Beinahe alles kreist in dem mit sprachlich einfachen aber soliden Mitteln aufgeschriebenen Kriminalroman um das Beziehungsgeflecht von Delany und Walker. Hier ist Pearson glaubhaft und stark. Die eine oder andere Nebenfigur, wie die der karrieregeilen, eitlen und geltungssüchtigen Fernsehreporterin, die sich mit allen Mitteln hochzuschlafen versucht, bleiben dagegen eindimensionale Stereotypen..

Wer bei seiner Krimilektüre nicht mit dem Problemen anderer Menschen behelligt werden will, der sollte von Blutbeute besser seine Finger lassen. Wer jedoch das Drama in der Seifenoper, die man so Leben nennt, auch beim Lesen zu schätzen weiß, der ist mit dem London-Thriller bestens bedient.

 

Tatort:London

Jack Delany ist Ire, den es nach London verschlagen hat. Das Leben des Polizisten spielt sich allen Klischees nach folgerichtig meist in Pubs ab. Hier hält sich Delany auf, hier führt er, so scheint es, die meisten seiner Gespräche. Dennoch ist „Blutbeute“ kein Kneipenführer. Pearson beschreibt ein London jenseits von Finanzdistrikt und Notting Hill. Es ist ein heruntergekommenes, bestenfalls spießig-kleinbürgerliches London, in dem Mörder und Polizisten ihr Katz-und-Maus-Spiel betreiben. Viel Raum nehmen die Beschreibungen des „Tatort:London“ ansonsten nicht ein. Immerhin erfährt man, dass auch im Londoner Vorortpub – so viel  Lebensart muss sein – beim irischen „Herrengedeck“ aus Whiskey und Guinness sich letzteres erst setzen muss. Keine ganz neue, aber immerhin eine nicht ganz unbedeutende Information für den Pub-Neuling.

Mark Pearson, Blutbeute, Goldmann, 8,99€

VÖ: Dezember 2011

 

Kategorien
Neu

Jack Reacher, ein anachronistischer Held im intellektuellen Retro-Design

Es gibt Menschen und Situationen, die sind nicht gut für den Blutdruck. Ein Taxifahrer in der Großstadt, der sich offenkundig nicht im Straßenverkehr auskennt und sich dennoch weigert, zielführende Ratschläge entgegenzunehmen. Ein Bahn-Mitarbeiter mit marketing-getränkter Freundlichkeit, der einem doch wieder nur nicht erklären kann, weshalb auch der nächste Zug nicht fahren wird. Ein vermeintlicher Freund, der einen ohne jedes Schuldbewusstsein über den Tisch zieht. Ein nur scheinbar freundlicher Chef, der seinem Mitarbeiter kalt lächelnd den Stuhl unterm Hintern wegzieht.  Mit steigenden diastolischen Werten und brodelnden Magensäften wachsen auch bei bravsten Bürgern, die sonst ordentlich den Müll trennen und tierlieb jede Spinne ins Freie tragen, die übelsten Gewaltphantasien mit einem Meer von Blut und schrillen Schmerzensschreien.

Ermittler mit schlagkräftigen Argumenten

Genau für diese Situationen könnte Lee Child seinen Jack Reacher erfunden haben. Der ehemalige Militärpolizist walzt sich gnadenlos durch die USA. Der gute Mann, der das Leben eines Stromers führt, gerät – selbstverständlich unverschuldet – immer wieder in die schwierigsten Konfliktsituationen und löst diese mit einigen gekonnt geführten Schlägen und Tritten. Meist liegen nach diesen „Diskussionen“, die Reacher führt, zwischen vier bis sechs kräftig gewachsene Gegner auf den Brettern.

Ein Ausgleich für geplagte Reisende

Für den geplagten Leser mit Gewaltphantasien liefert Lee Child mit seinen Geschichten so eine Art Tele-Karthasis, die eine reinigende Wirkung ausübt. Das ist vermutlich einer der Gründe, weshalb die Reacher-Romane vor allem in Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen seit Jahren turmhoch ins Auge fallen. Der gemeine Reisende im unfreiwilligen Standby-Modus, der sich mit Bodenpersonal, Stewardessen oder gar Bahnbediensteten herumschlagen muss, braucht fürs Seelenheil einfach einen gewissen Ausgleich. Da kommt Jack Reacher mit seiner ganz speziellen Problemlösungskompetenz gerade recht.

Das beste Mittel gegen Turbulenzen

Es gibt einen weiteren Grund, weshalb sich die Krimis von Lee Child besonders gut als Reiselektüre eignen. Sie sind hinreichend einfach geschrieben, dass auch ein laut schnarchender Sitznachbar den Fluss der Geschichte nicht weiter stört und so spannend konstruiert, dass sich auch schwere Turbulenzen in elf Kilometer Höhe perfekt weglesen lassen.

Jack Reacher zwischen Hoffnung und Verzweiflung

In seinem neuesten Fall „Outlaw“ wird der kernige Reacher, bei dem sich der kritische Leser merkwürdig anachronistisch in eine Welt mit Werten der 50er Jahre zurückversetzt fühlt, politisch. Der durchtrainierte Landstreicher mit militärischem Hintergrund gerät in die tiefste Provinz, zwischen die Nester Hope und Despair. In letzterem herrscht ein Unternehmer über eine „Firmenstadt“, in der ein Patriarch die Geschicke der gesamten Stadt bestimmt. Dort werden Fremde nicht gerne gesehen und junge Menschen verschwinden spurlos.

Lee Childs Kommentar zum Irak-Krieg

Jack Reacher mischt sich ein und stößt zusätzlich auf einen merkwürdigen Militärposten. Lee Child setzt sich mit dem Irak-Krieg auseinander, zerlegt dabei die pathetisch-verlogene Doktrin, nach der die US-Armee nie einen Soldaten „zurücklässt“ und thematisiert die den „unpatriotischen Akt“ der Desertation. Das war bei Erscheinen des Buches vermutlich provozierend. Jetzt, rund drei Jahre später, und aus der geographischen Ferne wirkt der Roman und seine Themen jedoch tatsächlich  sehr weit weg, auch deshalb entfaltet „Outlaw“ nicht die ganz große Wirkung. Für Reisende oder Urlauber, die sich auf eine eher schlicht geschriebene, schnörkellose und raubeinige Geschichte einlassen mögen, ist der neue „Reacher“ jedoch gut geeignet.

 

 

Tatort:Colorado

Wenn man sich eine Karte der USA anschaut, fällt der Bundesstaat Colorado zunächst dadurch auf, dass er sehr genau umrissene Konturen hat. Ein präzise gezeichnetes liegendes Rechteck beschreibt die Grenzen. Das sagt beinahe alles. Colorado ist, mal abgesehen von den schicken Ski-Resorts in den Rocky Mountains, ein Staat, durch den die Amerikaner auf der Suche nach grüneren Weiden hindurchgezogen sind. Nur wenige blieben hier hängen. Es waren in erster Linie diejenigen, die auf dem Weg aufgaben. So bechreibt Lee Child in „Outlaw“ die US-Provinz. Man weiß nicht, welche Ödnis schwerer zu ertragen ist: Die Einsamkeit in schier endlosen ausgetrockneten Ebenen aus Geröll und Gras oder die lähmende Tristesse in den Straßen der Kleinstädte, in denen Pickup-fahrende Hinterwäldler den Ton angeben. Dass Lee Childs diese Stimmung eingefangen und lakonischen Sätzen wiedergegeben hat, gehört zu den Stärken von „Outlaw“. Hier kann man den Kriminalroman mit viel Spaß als Reiseführer lesen: Als ultimativer Guide zu Zielen, die man getrost umfahren sollte.

Lee Child, Outlaw, Blanvalet, 19,99 €

VÖ: November 2011

Kategorien
Neu

In Karin Slaughters finsterer Provinz gibt es keine Lichtgestalten

 

Bei Karin Slaughter sind die Abgründe besonders tief, die dunklen Seelen extrem düster. Wie kaum eine andere ihrer Generation gräbt sich die junge US-Amerikanerin besonders weit in den schlammigen Teil des Grundes, auf dem die amerikanische Gesellschaft ruht. Seit mittlerweile zehn Jahren schreibt Slaughter Thriller die von kranken Seelen, verwirrten Geistern, religiösen Wahn und bösartigen Menschen bevölkert werden. Das Besondere dabei: All diese Eigenschaften finden sich bei diesen tiefschwarzen Skizzen der US-amerikanischen Provinz nicht nur bei den Tätern. Auch die Ermittler in den Thrillern aus Georgia haben meist zumindest beschädigte Persönlichkeiten.

Wenig Mitleid mit dem Personal
Das, und die Tatsache, dass Slaughter nicht eben rücksichtsvoll mit dem Personal ihrer Romane umgeht, machen den großen Reiz ihrer Thriller aus. Im bislang letzten Werk beispielsweise brachte sie Jeffrey Tolliver, Polizeichef in einem kleinen Nest und bisheriger Hauptermittler, gemein durch eine Rohrbombe ums Leben. Diese Rücksichtlosigkeit sorgt dafür, dass die Thriller trotz einer mittlerweile recht stolzen, langen Reihe keine Abnutzungserscheinungen zeigen, was bei Krimiserien verständlicherweise sonst schon mal passiert.

Eine traumatisierte Ärztin mischt sich ein
Im neuesten, bislang neunten Roman von Slaughter, „Tote Augen“, kann der Leser nun dessen Frau Sara Linton, ehedem Kinderärztin und Leichenbeschauerin, auf dem mühsamen Weg zurück ins Leben beobachten. Linton ist in die nächst größere Stadt gezogen und arbeitet als Ärztin in der Notaufnahme. Dort schickt ihr die Autorin, damit die Eingliederung nicht zu einfach wird, eine brutal misshandelte Frau ins Behandlungszimmer, eine weitere gleich in die Autopsie. Bei der Untersuchung der lebensgefährlich verletzten und traumatisierten Frau erwachen bei allen Problemen die alten Instinkte und sie beginnt sich in die Ermittlungen einzumischen. Das ist auch dringend nötig, denn die beiden zuständigen Polizisten vom Georgia Bureau of Investigation, Will Trent und Faith Mitchell, bekommen immer mehr ähnlich gelagerte Fälle mit tödlichen Ausgang „auf den Tisch“. Da sie bei ihren Ermittlungen nicht recht vorankommen und zu allem Überfluss schnell klar wird, dass der Täter eine weitere Frau verschleppt und in seiner Gewalt hat, drängt die Zeit – und jede Hilfe ist, wenn schon nicht willkommen, so doch dringend benötigt.

Keine Lichtgestalten in finsteren Wäldern
So wie Sara Linton haben auch Trent und Mitchell ihre Last zu tragen. Es gibt in den dunklen Wäldern amerikanischen Kernlandes eben keine Lichtgestalten.  Im Vergleich zu den Wahnsinnigen und Perversen, die im Auftrag Slaughters die abscheulichsten Verbrechen begehen, wirkt jeder seelische Krüppel – solange er nur die Finger vom Mordwerkzeug lässt – beinahe schon normal.

Kriminalroman mit magnetischer Wirkung

Diese literarisch verarbeiteten Abgründe sind immer wieder ein Fest für Krimileser. Zumindest für diejenigen, die an härterer Kost ihre Freude haben. Der Thrill entsteht schließlich auch dadurch, dass Slaughter die abscheulichsten Untaten mit Phantasie und Liebe zum Detail aufschreibt. Das ist natürlich nicht immer schön, aber die US-Amerikanerin formuliert den Schrecken auch in „Tote Augen“ wieder beinahe schon teuflisch gut, so dass ihre Romanen eine geradezu magnetische Wirkung entfalten. Der Leser findet, wie von einer Kompassnadel gesteuert, immer wieder den Weg zurück und klebt dann unwiderstehlich angezogen an den Seiten.
Tatort:Georgia

In den USA gibt es lange, einsame Straßen durch finstere Wälder, in die kaum ein Mensch je seinen Fuß setzt. Dieses Amerika der Hinterwäldler beschreibt Karen Slaughter in ihren Romanen immer wieder gekonnt. Die Städte wirken anonym, wie glatte, kantenlose Körper, in denen kein Halt zu finden ist, spätestens in den Vororten werden Konturen sichtbar. Hinter den gepflegten Fassaden tun sich Risse auf, die immer tiefer werden, je weiter man sich von den Epizentren städtischen Lebens fortbewegt. Slaughter gewährt ihren Leser einen kurzen Blick hinter diese Risse und die dunklen Räume, die sich dahinter auftun. Die Kunst bei diesen Beschreibungen, die so sorgfältig erdacht sind, liegt darin, dass der Leser aus dem europäischen Ausland nie sicher sein kann, ob der Schrecken der Provinz wirklich allein der Fantasie der Autorin entsprungen ist.

Karin Slaughter, Tote Augen, Blanvalet,

VÖ: November 2011, 19,99€

 

 

Kategorien
A-Z Allgemein

Alle Autoren bei tatort:krimi von a bis z

Eine kleine Orientierungshilfe: Alle Autoren und ihre Bücher, über die ich bisher auf tatort:krimi  geschrieben habe, in alphabetischer Reihenfolge.

Kategorien
Neu

Andreas Winkelmann unterhält in „Bleicher Tod“ mit starken Frauen

Am Ende verdirbt Andreas Winkelmann, den guten Eindruck, den er bis dahin hinterlassen hat. Eigentlich hat der 43-Jährige einen für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich düsteren Kriminalroman geschrieben, den er mit einem Tempo vorantreibt, das man normalerweise nur aus den USA, dem Mutterland der verdichteten, jenseits der Hochspannung allen literarischen Ballast abwerfenden Thriller, gewöhnt ist.

Mal wieder eine kranke Kommissarin…
Am Ende erliegt Winkelmann jedoch der Versuchung, der in jüngster Zeit beinahe alle europäische Autoren nachgeben. Seine Kommissarin ist krank. Zuvor schon hatte sie inmitten wichtiger Ermittlungen kurzfristige kritische Aussetzer gehabt. Zur Auflösung bekommt sie von ihrem geistigen Vater auch noch Diabetes „spendiert“.  Damit reiht sie sich in eine mittlerweile lange Liste leidender Ermittler ein: Zuletzt gab es Hamoriden (Jan Erik Fjell), rätselhafte Kopfschmerzen (James Thompson), Angststörungen (Max Bentow), epileptische Anfälle (C.C. Fischer) oder Migräne (Lars Kepler). Einen Sinn für die Romanhandlungen hatten diese Krankheiten jeweils kaum. Sie sollten die Hauptdarsteller wohl interessanter machen, verhindern, dass Kommissare und Ermittler allzu glatt – ohne Brüche – daherkommen. Nötig war das jedoch in fast keinem Fall – und wenn, dann hat die medizinisch akkurate Diagnose auch nicht geholfen.

„Bleicher Tod“ erfüllt das wichtigste Kriterium
Abgesehen von diesem kleinen Schönheitsfehler ist Andreas Winkelmann mit „Bleicher Tod“  aber ein überdurchschnittlich spannender Thriller gelungen, der ein wesentliches Qualitätsmerkmal erfüllt. Der Leser wird ihn bis zur Auflösung nicht aus der Hand nehmen wollen.

Starke Frauen im Mittelpunkt
Die Kommissarinnen Nele Karminter und Anouschka Rossberg, übrigens auch privat miteinander verbandelt und auch ohne Diabetes nach einem gemeinsam durchstanden Trauma mit ausreichend Konfliktpotential behaftet, müssen einen Leichenfund bearbeiten. In einem Mastbetrieb vor den Toren der Stadt wurde die Leiche einer unbekannten Frau entdeckt, die, so erklären die Pathologen, über Tage hinweg bestialisch zu Tode gequält wurde. Gleichzeitig versucht eine andere Polizistin, eine Frau vor deren gewalttätigen Ehemann zu schützen, und ein Privatdetektiv fahndet nach einem verschwundenen Teenager. Bald wird deutlich: Die Fälle sollten besser nicht getrennt behandelt werden – und die Polizei hetzt den Ereignissen lange Zeit gnadenlos verspätet hinterher. So oder so stehen bei Andreas Winkelmann die Frauen im Mittelpunkt, die Männer kommen nicht besonders gut weg.

Die Soziopathen sind unter uns
Ein Soziopath, ein zutiefst amoralischer Mensch treibt im beschaulichen Lüneburg sein Unwesen. Dieses Monster in Menschengestalt hat kennt nur ein Ziel. Er will das Duell gegen die Polizei und alle anderen wirklichen und vor allem eingebildeten Gegner gewinnen – und wenn es zahllose Menschenleben kostet.

Im Verlaufe von „Bleicher Tod“ erfahren wir – soviel Bildungsroman will der Autor seinen Lesern dann doch zumuten – nicht nur, was den Soziopath ausmacht, sondern auch, dass einer von 25 Bürgern dieser unsympathisch-gefährlichen Spezies zuzurechnen ist. In jedem durchschnittlichen U-Bahnwagen sitzen also zwei potentielle Mörder, Triebtäter oder Folterknechte. Wen diese Vorstellung schreckt, der sollte sich vermutlich auf „Bleicher Tod“ besser nicht einlassen.

Tatort: Lüneburg

Am Anfang steht ein leichtes Kopfschütteln: Andreas Winkelmann tut gerade so, als sei das eher überschaubare niedersächsische Örtchen eine Metropole. Das wird man ihm aber genau so nachsehen können wie die Vorstellung es gäbe coole deutsche Polizisten. Denn spätestens, wenn er die Provinz im norddeutschen Winterchaos beschreibt, wirkt die Örtlichkeit äußerst glaubwürdig karg, kalt und unwirtlich. Selbst derjenige, der noch nicht auf einer der unzähligen Nebenstraßen ins Nirgendwo der norddeutschen Tiefebene unterwegs war, kann sich bei der Lektüre von „Bleicher Tod“ vorstellen, dass es selbst hartgesottenen großen Kerlen einen gehörigen Schrecken einjagt, wenn ein Unbekannter im Dunkeln an ihre Fensterscheibe klopft. Insofern ist Winkelmann, der ausdrücklich keinen Regionalkrimi geschrieben hat, mit einfachen Mitteln eine erinnerungwürdige Schilderung des Tatorts Norddeutschland gelungen.

Andreas Winkelmann, Bleicher Tod, Goldmann, 9,99€

VÖ: November 2011

Kategorien
Neu

Bei Lieneke Dijkzeul findet das Grauen im Privaten statt

Beide Opfer sind jung, sehen gut aus – und haben volles Rotes Haar. Das erste Opfer, eine Polizistin, überlebt den Kampf mit ihrem Peiniger nur ganz knapp. Das zweite, eine junge Studentin, entkommt ihrem Peiniger jedoch nicht. Beide sind jedoch gezeichnet: Der Täter ritzt beiden aufsteigende römische Ziffern auf den Leib und nimmt ihnen das Haar.

Nach dem ersten Überfall  vermuten die Polizisten noch eine Vergeltungsaktion gegen ihre Kollegin. Besonders der deutlich ältere Kommissar Paul Vegter kümmert sich um die junge Frau – und soll, aber das nur ganz nebenbei, bald mehr als nur väterliche Gefühle für die schöne Polizistin Renee entwickeln.

Jagd auf einen Serienmörder?

Spätestens jedoch nach dem zweiten Überfall, bei dem die Studentin stirbt, gehen die Ermittler von einem Serientäter aus und werfen die ganz große Polizeimaschine an. Die Suche nach dem offenbar geistig schwer gestörten Täter geht jedoch nur langsam voran. Alsbald entwickelt sich die Verbrecherjagd zu einem Duell zweier unerwarteter Gegner. Die Polizei steht mehr oder weniger als hilfloser Beobachter am Rande eines erbitterten Zweikampfes, in dem mit allen Mitteln gekämpft wird. Schnell wächst die Erkenntnis: Nur der Sieger wird dieses Duell überleben.

Lienecke Dijkzeul kommt ohne Weltuntergangsszenario  aus

Die Niederländerin Lieneke Dijkzeul hat sich die Geschichte erdacht. Ihr „Vor dem Regen kommt der Tod“ ist ein ungewöhnlicher Psychothriller. Es gibt kein Weltuntergangsszenario, keine mahnend beschriebenen gesellschaftlichen Krise, keine mit übermenschlicher Schläue mordenden Supergangster. Das Grauen findet bei Dijkzeul im Privaten statt – und das lässt ihren Kriminalroman aus der Masse monatlich publizierter Spannungsliteratur herausragen, gerade weil er so scheinbar unspektakulär ist.

Lieneke Dijkzeul hat dabei nicht nur einen spannenden Thriller geschrieben, sie bewegt sich auch sprachlich auf einem ungewöhnlich hohen Niveau. Die Sätze, die Dijkzeul formuliert, sitzen ohne sprachliche Effekthascherei auf dem Punkt. Thematisch wie sprachlich fügt sich Lieneke Dijkzeul also gut in die niederländische Krimikultur ein (die sie aber auch schon seit Jahren mitprägt).

 

Tatort:Niederlande

Wo genau „Vor dem Regen kommt der Tod“ spielt, lässt Lieneke Dikzeul im Ungefähren. Sie konstruiert jedoch eine stereotype, niederländische Großstadt. Es gibt Viertel mit ultramodernen Bürogebäuden mit Fassaden aus Glas und Stahl, eine gemütliche Altstadt mit Straßencafés, Vororte mit kleinen, aber wohnenswerten Häusern und die allgegenwärtigen Grachten. All das passt auf die meisten niederländischen Städte, Rotterdam vielleicht mal ausgenommen. Eine genauere Verortung ist aber auch nicht wichtig. Auch im Vagen bleibend, atmet der Kriminalroman hinreichend niederländisches Lebensgefühl. Und das ist für all diejenigen reizvoll, die bei ihrer Krimilektüre mal über den Rand eines Tellers hinausschauen wollen, in dem meist eine recht einheitliche skandinavisch-amerikanische Suppe schwappt.

Lieneke Dijkzeul, Vor dem Regen kommt der Tod, dtv, 14,90

VÖ: September 2011

Kategorien
Neu

„Paganinis Fluch“ donnert rasant über kleinere Fehler hinweg

Eine junge Frau sitzt tot im Vorschiff einer Yacht. Ein Mann hat sich, eigentlich unmöglich, in einem leeren Zimmer seiner Wohnung erhängt. Dieses doppelte Verbrechen, von dem der Leser anders als die Ermitler schnell ahnt, dass sie zusammenhängen bilden den Auftakt zu „Paganinis Fluch“.

Gnadenlose Jagd auf eine Friedensaktivistin

Es sollen nicht die einzigen Verbrechen bleiben. Ein junger Mann wird brutal in einem Bauwagen verbrannt, eine junge Friedensaktivistin von einem brutalen Profi-Killer gehetzt. Schon bald sehen sich die Polizisten in Stockholm auf der mühsamen Jagd auf einen international agierenden Waffenhändler.

„Paganinis Fluch“ ist der jüngste Roman vom schwedischen Autoren-Ehepaar Alexandra und Alexander Ahndoril, die ihre Arbeiten unter dem Arbeitsnamen Lars Kepler veröffentlichen. Obwohl das Duo aus dem skandinavischen Raum stammt, hat es einen action-geladenen Thriller nach US-amerikanischen Vorbild geschrieben.

Blasse Ermittler, starke „Opfer“

„Paganinis Fluch“ ist ein ambivalent. Den beiden Schweden ist ein hochgradig verdichteter Plot gelungen, der mit einer beinahe atemberaubenden Geschwindigkeit vorangetrieben wird. Die Handlung ist allerdings durchschnittlich verschlungen, für einen wirklich komplexen Krimi verläuft die Geschichte insgesamt zu gradlinig. Um „Paganinis Fluch“ als billige Spannungsliteratur abzutun, sind viele Einfälle jedoch wiederum zu intelligent. Leider versanden einige dieser Ideen nach vielversprechend verwirrendem Auftakt dann unmotiviert im Nirgendwo

Ähnlich widersprüchlich präsentieren sich die Figuren. Die Kommissare bleiben bestenfalls blass – oder sind beinahe schon ärgerlich perfekt. Gleichzeitig sind die Figuren in der „Opferrolle“ mit vielschichtigen Biografien hinreichend interessant. Man nimmt an ihrem Schicksal so viel Anteil, dass man möglichst bald wissen will, wie es mit ihnen weitergeht.

„Paganinis Fluch“, ein ambivalenter Krimi

Insgesamt gesehen, geht das Konzept auf. Je weiter sich die Handlung entwickelt, desto tiefer wird der Leser in die Geschichte hineingesogen und will immer weiter und weiter lesen. Das ist ja eigentlich auch schon beinahe alles, was man von einem guten Krimi, einem echten „Page-Turner“ erwartet. Extrem anspruchsvolle Leser und besonders kritische Geister sollten „Paganinis Fluch“ wegen der erwähnten Schwächen links liegen lassen. Alle anderen, die einfach mal ein Buch lang spannend unterhalten werden wollen, sollten es mit dem neuen „Kepler“ versuchen.

 

Tatort:Stockholm

Alexandra und Alexander Ahndoril haben es eilig mit ihrer Geschichte. Viel Raum für feulletonistische Betrachtungen eines Schauplatzes gibt es daher nicht. „Tatorte“ werden nur insofern beschrieben, als sie für die Handlung wichtig sind, also etwa eine luxuriöse Wohnung oder ein abgelegener Bauwagen. Breiteren Raum nimmt lediglich die Schären-Welt vor der Küste ein. Der Leser bekommt bei den Beschreibungen einer Jagd ein ungefähres Gefühl von der Abgeschiedenheit der kleinen Inseln, die doch eigentlich gar nicht so weit weg von der Hauptstadt sind. Insofern ist das Schwedenbild stimmig: Wie bei vielen anderen Autoren, wie beispielsweise jüngst Malin Fors oder Varg Gyllander dominiert das ländlich-abgeschiedene Skandinavien. Und das ist ja gleichzeitig hochgradig mystisch wie heimelig, so dass der deutsche Leser sich immer wieder gerne dorthin entführen lässt.

Lars, Kepler, Paganinis Fluch, Lübbe, 19,99 €, VÖ: 14. Oktober 2011

Kategorien
Neu

Tom Rob Smith zeichnet ein gelungen düsteres Bild des Kalten Krieges

Der Kalte Krieg beflügelt bis heute die Fantasie. Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als sich die beiden Blöcke unversöhnlich, aber gleichzeitig unlösbar ineinander verbissen gegenüberstanden, regte Dutzende von Autoren zu Spionageromanen und Krimis an.

Seit einigen Jahren hat sich Tom Rob Smith das spannende historische Umfeld für seine Romane ausgesucht. Zwei Bände, „Kind 44“ und „Kolya“ sind bereits erschienen. Soeben ist „Agent 6“ auf den Markt gekommen.  Der jüngste Roman ist, um es kurz zu sagen, schlicht großartig.

Erbärmliche Kreaturen des Kalten Krieges
“Agent 6“ ist zunächst deshalb so außerordentlich gut gelungen, weil  Smith ein düsteres Bild der beiden Blöcke zeichnet. Die Agenten, die auf Seiten der USA oder der Sowjets „kämpfen“, sind keine gut aussehenden, Martini-schlürfenden Kampfmaschinen mit Intelligenz, Charme und Schlag beim weiblichen Geschlecht. Smiths Spione sind ausnahmslos erbärmliche Kreaturen, fanatische Reaktionäre, verblendete Ideologen oder  einfach nur korrupte Drogensüchtige.

Vom Stalinismus zum Afghanistan-Konflikt
Ein Linie, die „Gut“ und „Böse“ unterscheiden würde, lässt sich bei den literarischen Truppen, die der britische Autor gegeneinander in Stellung bringt, nicht wirklich ziehen. Es bleibt die Erkenntnis: Krieg, auch oder ganz besonders der Kalte, ist ein schmutziges Geschäft. „Agent 6“ fasziniert in diesem unerbittlichen Kräftemessen der Systeme auch deshalb, weil es Smith gelingt, einen spannender Bogen von der unmittelbaren stalinistischen Nachkriegszeit bis in die achtziger Jahre und den blutigen Konflikt um Afghanistan zu zeichnen.

Ein Kriegsheld mit Zweifeln
KGB-Agent Leo Demidow  soll einen kommunistischen US-amerikanischen Sänger bei dessen Moskau-Besuch vor der harschen sowjetischen Realität abschirmen. Der  Anhänger des Regimes soll nicht sehen, wie schlecht es den Bürgern in der Nachkriegssowjetunion tatsächlich geht. Das gelingt mit Mühe – und Demidow soll bei der Mission auch noch seine große Liebe kennen lernen. Damit enden die guten Nachrichten für Leser und Protagonisten allerdings abrupt. Es beginnt eine, eigentlich beginnen mehrere Intrigen und Verschwörungen, die Demidow rund um den halben Globus und an den Rand seiner Existenz bringen sollen.

Ein mitreißendes Drama
Auch wer Verschwörungsromanen kritisch gegenübersteht, etwa weil er das ganz große Szenario, wie es zuletzt Sam Bourne in „Der Gewählte“ zeichnete, als unglaubwürdig erachtet, wird sich „Agent 6“ nicht entziehen können: Das Drama um den einstigen Helden des Vaterländischen Krieges, der an seiner Arbeit zu zweifeln beginnt, ist raffinier konstruiert und gleichermaßen glaubwürdig wie mitreißend beschrieben.

Tom Rob Smith hält in seinem dritten Roman die perfekte Balance: Sein Stil ist direkt und schnörkellos. Alles ordnet sich dem Tempo unter. Gleichzeitig räumt der Brite mit schwedischen Wurzeln der Beschreibung der Charakter und ihrer Lebenswelt so viel Raum ein, dass die Seiten permanent eine spürbare, dichte Atmosphäre atmen. „Agent 6“ zählt zu dieser Sorte Krimis in deren Welt man mit einem wohlig-gruseligem Schauer komplett eintauchen möchte und zu deren Gunsten man zum Leidwesen von Freunden und Familie bis zur letzten Seite jegliche ablenkende Realität aussperrt

 

Tatort:Afghanistan

Lew Demidow kommt herum. Er lebt in Moskau, ermittelt in New York und verbringt einen Teil seines Lebens in Afghanistan: Die Schilderung des Staates am Hindukusch während der sowjetischen Besatzung Ende der siebziger Jahre ist extrem glaubwürdig beschrieben. Der abgelegene, nur mäßig entwickelte und von Stämmen beherrschte Staat ersteht auch ohne ausführliche Beschreibungen plastisch zum Leben. Smith vermittelt einen spürbaren Eindruck von Hitze; Staub und Dreck am Ende der Welt. Die wahre Stärke besteht aber eher im „psychologischen“ Tatort, wenn man diese Formulierung einmal zulassen will. Die Grausamkeit der sowjetischen Besatzer, die unerbittliche Härte einer „Befreiung“ durch die Kommunisten und des erbitterten, ebenso harten Widerstandes dagegen, gehören zu den deutlichen Stärken des Romans von Tom Rob Smith.

Tom Rob Smith, Agent 6, Manhatten, 21,99 €<, VÖ: 19: September 2011

Kategorien
Neu

Auf Temperance Brennan wartet einmal mehr Knochenarbeit

Kathy Reichs ist eine großartige Krimi-Schriftstellerin. Sie erdachte vor nunmehr beinahe 15 Jahren die ungemein faszinierende  Temperance Brennan. Als forensische Anthropologin ermittelt die Wissenschaftler in Todesfällen, bei denen die sterblichen Überreste der Opfer durch normale Methoden nicht mehr zu identifizieren sind.

Kathy Reichs hat ihrer Ermittlerin Teile ihres eigenen Lebens auf den Leib geschrieben. Beide leben und arbeiten abwechselnd in Labors im US-Bundesstaat South Carolina und im kanadischen Montreal. Beide verstehen sich eher  als Wissenschaftlerinnen denn als Detektive.

Knochenarbeit für eine Wissenschaftlerin

Die Krimis um Temperance „Tempe“ Brennan, die bei ihren bisher 13 Fällen beinahe immer schwerste Knochenarbeit verrichten musste, gehören zu dem Besten, das in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen ist. Vor allem die ersten Romane der Serie sind ungemein spannend und bestechen durch eine enorme Dichte und Komplexität. Kathy Reichs hatte vom Start weg eine sympathische Hauptfigur geschaffen, die begeisterte. Gleichzeitig spann sie um ihre Heldin ein Universum, dass durch plastische, lebendige Charaktere überzeugte. Das galt für die „Sidekicks“ genau so, wie für die Bösewichte, die die Seiten bevölkerten und der Ermittlerin immer wieder nach dem Leben trachteten.

„Fahr zu Hölle“, ein neuer Fall für Temperance Brennan

Jetzt ist ein neuer Band erschienen. In „Fahr zur Hölle“ nimmt der Fall seinen Ausgangspunkt an einer Rennstrecke in Charlotte, im Bundesstaat North Carolina. Arbeiter finden ein Fass, in dem eine Leiche einbetoniert wurde.  Die Ermittlungen führen Temperance Brennan und die Polizei zu den Rennställen, rechten Fanatikern und Rassisten. Ein umstrittener Sicherheitschef der Strecke und das FBI machen der Wissenschaftlerin das Leben zusätzlich schwer.

Pflichtlektüre nur für Kathy-Reichs-Fans

Für Kathy-Reichs- bzw. Temperance-Brennan-Fans ist „Fahr zu Hölle“ selbstverständlich eine Pflichtlektüre. Gleichzeitig muss man aber feststellen, dass der 14. Band der Reihe wieder zu den eher Schwächeren zählt. Wie üblich sind die Fakten gut recherchiert und mit hohem Tempo aufgeschrieben – auch die Hauptdarstellerin bleibt sich treu. Dennoch überzeugt die Geschichte nicht wirklich. Nebenfiguren, Verdächtige und Täter bleiben merkwürdig blass, überwiegend zweidimensional. Das ist schade, weil gerade dieses Einfühlungsvermögen in die Figuren und deren präzise Beschreibung eigentlich zu den Stärken von Reichs zählt. Das hat sie unter anderem jüngst wieder eindrucksvoll in dem Thriller „Virals“ bewiesen, der ebenfalls dieses Jahr erschienen ist und sich eher an ein jüngeres Publikum richtet. (Hauptdarstellerin ist die 14-Jährige Tory, eine Großnichte von Temperance Brennan, die nach missglückten wissenschaftlichen Experimenten auf einer abgelegenen Insel übernatürliche Kräfte entwickelt.)

Natürliches Auf und Ab

„Fahr zur Hölle“ erscheint mit seiner vergleichsweise geringen Komplexität dagegen eher wie ein Drehbuch für eine Folge von „Bones“, der TV-Serie, die die forensische Anthropologin zum Vorbild hat: Direkt, schlicht und einfach zu konsumieren. Wie gesagt für Fans – die bei einer solch langen Reihe Verständnis ein ganz natürliches  Auf und Ab aufbringen können – ein Muss. Einsteiger sollten eher auf einen der ersten Bände, beispielsweise „Tote lügen nicht“ aus dem Jahr 1997, zurückgreifen. Der ist auch nach 14 Jahren noch sensationell gut.

 

Tatort:North Carolina

Das Problem bei Krimis, die in einer Serie erscheinen, ist immer, dass Autor und Leser die “Location” schon ziemlich gut kennen. Natürlich beschreibt Kathy Reichs die Südstaaten-Stadt, die Wohnung und den Arbeitsplatz ihrer Hauptfigur. Es hat sich jedoch auch hier eine gewisse Routine eingeschlichen, so dass der Reiz ein wenig verloren geht. Erstmals hat sich die Autorin eine Rennstrecke, auf der zahlreiche der gelegentlich etwas merkwürdig erscheinenden amerikanischen Rennserien ausgetragen werden, als Schauplatz ausgesucht. Auch das bleibt ambivalent. Die Beschreibungen des Fan-Wahns, der Pilgerströme von Rennportfans sind sehr realistisch und glaubhaft. In den Boxengassen selber, scheint sich die Autorin jedoch nicht länger aufgehalten zu haben. Die Arbeit in den Rennställen wird jedenfalls nur vage angedeutet. Immerhin erhält man einmal mehr einen interessanten Einblick in das Leben der abgelegenen, ländlichen – offenbar immer noch nicht wesentlich weiter entwickelten – Gebiete der USA.

Kathy Reichs, „Fahr zur Hölle, Blessing, 19,95 €

VÖ: 12. September 2011

Kategorien
Neu

Ein Weltverschwörungsthriller ums Weiße Haus von Sam Bourne

Der frisch gewählte Präsident der USA will insgeheim nichts sehnlicher, als Verbrechen und Elend in Afrika zu bekämpfen

Stephen Baker, der neue Mann im Weißen Haus, hat jedoch nicht ein, sondern gleich drei dunkle Geheimnisse, die ihn Amts bedrohend erpressbar machen.

Es gibt offenbar eine Verschwörung auf mindestens nationalem, möglicherweise internationalem Niveau, die eben diesen Präsidenten vernichten will.

Selbstverständlich ist mindestens eine Regierungsbehörde, namentlich der CIA, auf finsterste Weise in diese Verschwörung verwickelt.

Der Machtapparat, der dem Präsidenten zur Verfügung steht (Secret Service, FBI&co) kann dem Boss im Weißen Haus nicht helfen.

Die einzige Person, die all dieses Unheil aufhalten kann, hat – wenn man dem Autor glauben soll –   zwar im Auftrag der Regierung den Frieden im Nahen Osten gerettet, findet aber im Alltag nur mit Mühe den Weg in ihr eigenes Büro.

Eine unglaubwürdige Basis

Strenge Geister müssen bei Sam Bournes neuem Roman „Der Gewählte“ eine Mengen Augen sehr fest zukneifen, um über augenscheinlich unglaubwürdige Grundannahmen hinwegsehen zu können. Wer dazu in der Lage ist, wird alsbald in einen Weltverschwörungsthriller eintauchen, der sich im Genreumfeld nicht zu verstecken braucht. Der Brite Sam Bourne hat ein spannendes Buch geschrieben.

Ungeschickt im Haifischbecken Washington

Die nach Selbstbeschreibung nicht mehr ganz taufrische Maggie Costello arbeitet im Weißen Haus, ist zwar zu diplomatischen Höchstleistungen fähig, steht aber wegen ungeschickten Verhaltens im Haifischbecken Washington auf der Abschussliste des Establishments. Da sie einst zum Wahlkampfteam des Präsidenten gehörte, wird ausgerechnet sie auserkoren, das Staatsoberhaupt von zahlreichen Vorwürfen reinzuwaschen und damit seine Karriere zu retten. Die Frau hetzt also durch die USA, kommt dabei herum, wird von finsteren Kräften verfolgt und entdeckt Erstaunliches.

Weitgehend klischeefreie Verfolgungsjagd

Wer über die eingangs aufgezählten Merkwürdigkeiten hinwegsehen kann, wird dann auf den folgenden rund 400 Seiten mit einer spannend aufgeschriebenen Verfolgungsjagd belohnt, die weitgehend auf die üblichen Klischees verzichtet, die in derartigen Romanen  den Spaß verderben. Es treten beispielsweise kaum Männer mit vollem, schwarzem Haar, stahlblauen Augen, markantem Kinn und breiten Schultern auf, die sonst derartige Romane gleich reihenweise bevölkern Selbstverständlich sind diese Figuren dann intelligent, vermögend, sportlich und beherrschen mindestens eine absolut tödliche Kampfkunst. Insofern ist die eher schusselige Maggie Costello vergleichsweise sympathisch, so dass man ihr gerne durch die Seiten folgt.

Heile Welt in „Der Gewählte“

Da zum Genre des Weltverschwörungsthrillers ums Weiße Haus auch immer eine gute Portion Schwarz-Weiß-Malerei gehört, gewinnen am Ende die Guten und die Schurken sind in Gesellschaftsgruppen zu suchen, die heutzutage den meisten Menschen in Europa ohnehin suspekt sind. Insofern ist „Der Gewählte“ am Ende auch ein Stück heile Welt. Und das ist ja angesichts aufziehender düsterer Herbstabende auch nicht das Verkehrteste.

 

Tatort:USA

Sam Bourne (eigentlich Jonathan Freedland) ist Brite, der als Korrespondent für die britische Tageszeitung „The Guardian“ in den USA tätig war. Dabei hat er das Land gut kennen gelernt. Vor allem den Medienwahn beschreibt er gut, der Hype der Nachrichtensender, die in ihrem Drang rund um die Uhr Nachrichten zu finden, in schöner Regelmäßigkeit in Hysterie verfallen. Auch die konservativen Medienphänomene wie der Ultrakonservative Radiomoderator Rush Limbaugh und (der wegen offenkundigem Wahn mittlerweile gefeuerte) Fox-Moderator Glenn Bleck haben kleinere „Gast“-Auftritte.

Sam Bourne beschreibt auch den Kampf erzkonservativer Kräfte mit den Liberalen, der spätestens seit der Obama-Wahl die USA zu zerreißen scheint. Da der Autor einen Thriller schaffen wollte, verzichtete er auf tiefgründige Analysen. Die beiläufig hingeworfenen Skizzen des derzeitigen US-amerikanischen politischen Fieberzustandes sind aber dennoch einigermaßen amüsant wie lehrreich für den interessierten Beobachter. So gelingt auch ohne geographische Detailaufnahmen ein gelungenes Portrait des Tatorts Vereinigte Staaten.

Sam Bourne, Der Gewählte, Scherz, 15,40 €

VÖ: 9. September 2011