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Matthew Quirks Direktive ist nur beschränkt einsetzbar

Alle, aber auch wirklich alle Figuren unglaubwürdig. Das Ende? Von vorneherein vorhersehbar.  Die meisten Entscheidungen scheinen einem billigen Horrorfilm entlehnt, in dem die Protagonisten grundsätzlich Wege gehen, die erstens mit Vernunft nicht zu erklären sind und zweitens zielsicher ins Verderben führen.

Verschwörung rund um die US-Notenbank

So einfach lässt sich Matthew Quirks Thriller „Die Direktive“ zusammenfassen. Die Hauptfigur heißt Mike Ford, ein ehemaliger Krimineller – um sich das genau zu erschließen, müsste man wohl den ersten Band der Reihe kennen –, der sich jetzt als Lobbyist in höchsten Washingtoner Kreisen bewegt. Zudem hat eine unglaublich schöne wie kluge Verlobte, die zu dem noch über ihren Vater enorm reich ist.  Bei dem Versuch seinen missratenen Bruder zur Hochzeitsfeier einzuladen, gerät in er in das Visier von Kriminellen, die ihn, wie sich später herausstellen soll, gezielt ins Zentrum einer breit angelegten Verschwörung zerren. Ford soll die sogenannte Direktive, die Zinsempfehlung der US-Notenbank stehlen, auf dass sich die Drahtzieher mit diesem Insiderwissen  unermessliche Reichtümer verschaffen können.

Matthew Quirk beschreibt ein originelles Einbruchsszenario

Was hat „Die Direktive“ auf der Habenseite? Ein einigermaßen originelles Einbruchsszenario. Der Weg an die Direktive der Notenbank hat tatsächlich so etwas wie Raffinesse. Dann verzichtet der Autor weitgehend auf sprachliche Schnörkel: Das Erzähltempo bleibt so hoch. Das ist bei einem Thriller immer eine gute Sache.

Die Direktive eignet sich höchstens als Urlaubslektüre

Auf der anderen Seite habe ich lange schon nicht mehr so einen unglaubwürdigen Quatsch gelesen. Die Figuren bleiben bestenfalls Zweidimensional, Glaubwürdigkeit, Tiefe, Komplexität Fehlanzeige. Wer einen Krimi sucht, der als Lesestoff in einem erfüllten Familienurlaub möglichst wenig Ablenkung darstellen soll, der also zum Einsatz kommt, wenn alle anderen nach einem Strandtag ermattet dösen und die Sonne noch nicht mit einem malerischen Untergang ablenkt, wird nicht völlig unzufrieden sein. Man kann ihn lesen, man kann ihn weglegen. Das ist einerlei. Dafür ist „Die Direktive gut geeignet. Wer wirklich Lust hat, ein intelligentes, spannendes Buch zu lesen, Finger weg.

Matthew Quirk, Die Direktive, Blessing, 430 S., 14,99€, VÖ: 3. April 2017

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George Pelecanos konstruiert einen spannenden Krimi um „Ein Schmutziges Geschäft“

Washington DC ist ein hartes Pflaster. Hier sitzt die Regierung der USA, hier treiben sich aber auch Drogendealer, Erpresser und Auftragsmörder herum – und noch ist nicht entschieden, wer dort mit härteren Bandagen kämpft. Irgendwo zwischendrin versucht Spero Lucas zurecht zu kommen. Der junge Mann arbeitet: Gelegentlich als Ermittler für einen Anwalt, häufiger jedoch auf eigene Rechnung. Dann beschafft er verlorene Gegenstände wieder.

Ein spannender Krimi um einen Anti-Helden

Sein aktueller Auftraggeber ist ein Drogenboss, der seine Geschäfte aus dem Gefängnis heraus leitet. Dem Mann wurden, offenbar entgleitet ihm die Kontrolle über seine Organisation, eine größere Lieferung Marihuana gestohlen. Lucas, bei einem Finderlohn von 40 Prozent nicht zimperlich, macht sich auf die Suche und stolpert in eine Mordserie. Der ehemalige Marine, der im Irak schon einiges gesehen hat, lässt sich davon nicht abschrecken und sucht weiter. Keine Frage, dass er so sehr schnell selber auf der Abschussliste landet.

Frisches Leben für den Detektivroman

George Pelecanos hat sich den neuen Ermittler in der US-Hauptstadt erdacht und mit „Ein schmutziges Geschäft“ dem Genre des Detektivromans frisches Leben eingehaucht. Vom Start weg beginnt die Geschichte mit hohem Tempo, interessanten Figuren und einer klaren, schnörkellosen Sprache. Wer den Krimi unreflektiert liest, wird sich an die Vorbilder aus den 30er du 40er Jahren erinnert fühlen, auch wenn der pessimistische Zynismus jener Jahre fehlt.

Der Krimi ist so gut konstruiert, dass der Leser, wenn er einmal eingetaucht ist, der Handlung gebannt folgt und eigentlich aus dem Lesefluss nicht mehr auftauchen will. Dieser Lesespaß hält, auch das ist nicht selbstverständlich, bis zum Ende an.

George Pelecanos schafft distanzlose Sympathie zu einem Mörder

Beim zweiten Blick auf das Buch stellt sich jedoch im Nachinein ein unangenehmer Beigeschmack ein. Pelecanos, der als Krimi-Autor bereits einen guten Ruf genießt und unter anderem Co-Autor der großartigen TV-Serie „The Wire“ ist, hat eigentlich einen Antihelden geschaffen, dem er dann doch mit distanzloser Sympathie folgt. Sein Spero Lucas ist ehemaliger Soldat, ein Marine, Elitekämpfer also noch dazu. Das, so scheint es, verhilft ihm in den USA zu eingebauter moralischer Überlegenheit. Soldaten haben automatisch einen besseren Charakter, größere Zuverlässigkeit, einen eingebauten Teamgeist und mehr menschliche Tiefe. So darf Spero Lucas – von weltlicher Justiz und inneren Konflikten unbehelligt – ungestraft töten, weil er ja „dort drüben schon so viel gesehen hat“. Das Marine-sein rechtfertigt in diesen Jahren zumindest beim Autoren, wahrscheinlicher aber in der gesamten US-amerikanischen öffentlichen Wahrnehmung beinahe jedes Verhalten, es gelten offenbar eigene Gesetze. Das löst zumindest leichtes Unbehagen beim europäischen Leser aus. Es ist vielleicht nicht so gemeint, fühlt sich aber sehr stark nach unreflektierter Verherrlichung des Militärs an. Das mindert im Nachhinein das Vergnügen an „Ein schmutziges Geschäft. Wer darüber hinwegsehen mag, wird sich dennoch großartig unterhalten fühlen.

 

Tatort:Washington

Spero Lucas treibt sich im Unterleib Washingtons herum, dem Teil der US-Hauptstadt in dem bis heute die Benachteiligten leben, die kleineren Bürger. Er beschreibt aber auch die Versuche, einst verslumte Gebiete zurückzuerobern, Stadtteile, in denen die Reviere der Gangs und eine aufstrebenden Mittelschicht aufeinanderprallen. In Pelecanos Washington ist auch die Rassentrennung noch lange nicht aufgehoben, noch immer gibt es beispielsweise „schwarze“ und weiße Schulen.

Dieser Blick auf die Hauptstadt jenseits vom Weißen Haus und Capitol ist zumindest interessant, meist sogar faszinierend, zumal Pelecanos, vermutlich selber griechischer Abstammung, seinen Protagonisten in das Umfeld dieser Einwanderergruppe gepflanzt hat und so die USA noch einmal als Schmelztiegel der Kulturen portraitiert.

George Pelecanos, Ein schmutziges Geschäft, Rowohlt, 383 S., 9,99€

VÖ: 1. Juni 2012

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Ein Weltverschwörungsthriller ums Weiße Haus von Sam Bourne

Der frisch gewählte Präsident der USA will insgeheim nichts sehnlicher, als Verbrechen und Elend in Afrika zu bekämpfen

Stephen Baker, der neue Mann im Weißen Haus, hat jedoch nicht ein, sondern gleich drei dunkle Geheimnisse, die ihn Amts bedrohend erpressbar machen.

Es gibt offenbar eine Verschwörung auf mindestens nationalem, möglicherweise internationalem Niveau, die eben diesen Präsidenten vernichten will.

Selbstverständlich ist mindestens eine Regierungsbehörde, namentlich der CIA, auf finsterste Weise in diese Verschwörung verwickelt.

Der Machtapparat, der dem Präsidenten zur Verfügung steht (Secret Service, FBI&co) kann dem Boss im Weißen Haus nicht helfen.

Die einzige Person, die all dieses Unheil aufhalten kann, hat – wenn man dem Autor glauben soll –   zwar im Auftrag der Regierung den Frieden im Nahen Osten gerettet, findet aber im Alltag nur mit Mühe den Weg in ihr eigenes Büro.

Eine unglaubwürdige Basis

Strenge Geister müssen bei Sam Bournes neuem Roman „Der Gewählte“ eine Mengen Augen sehr fest zukneifen, um über augenscheinlich unglaubwürdige Grundannahmen hinwegsehen zu können. Wer dazu in der Lage ist, wird alsbald in einen Weltverschwörungsthriller eintauchen, der sich im Genreumfeld nicht zu verstecken braucht. Der Brite Sam Bourne hat ein spannendes Buch geschrieben.

Ungeschickt im Haifischbecken Washington

Die nach Selbstbeschreibung nicht mehr ganz taufrische Maggie Costello arbeitet im Weißen Haus, ist zwar zu diplomatischen Höchstleistungen fähig, steht aber wegen ungeschickten Verhaltens im Haifischbecken Washington auf der Abschussliste des Establishments. Da sie einst zum Wahlkampfteam des Präsidenten gehörte, wird ausgerechnet sie auserkoren, das Staatsoberhaupt von zahlreichen Vorwürfen reinzuwaschen und damit seine Karriere zu retten. Die Frau hetzt also durch die USA, kommt dabei herum, wird von finsteren Kräften verfolgt und entdeckt Erstaunliches.

Weitgehend klischeefreie Verfolgungsjagd

Wer über die eingangs aufgezählten Merkwürdigkeiten hinwegsehen kann, wird dann auf den folgenden rund 400 Seiten mit einer spannend aufgeschriebenen Verfolgungsjagd belohnt, die weitgehend auf die üblichen Klischees verzichtet, die in derartigen Romanen  den Spaß verderben. Es treten beispielsweise kaum Männer mit vollem, schwarzem Haar, stahlblauen Augen, markantem Kinn und breiten Schultern auf, die sonst derartige Romane gleich reihenweise bevölkern Selbstverständlich sind diese Figuren dann intelligent, vermögend, sportlich und beherrschen mindestens eine absolut tödliche Kampfkunst. Insofern ist die eher schusselige Maggie Costello vergleichsweise sympathisch, so dass man ihr gerne durch die Seiten folgt.

Heile Welt in „Der Gewählte“

Da zum Genre des Weltverschwörungsthrillers ums Weiße Haus auch immer eine gute Portion Schwarz-Weiß-Malerei gehört, gewinnen am Ende die Guten und die Schurken sind in Gesellschaftsgruppen zu suchen, die heutzutage den meisten Menschen in Europa ohnehin suspekt sind. Insofern ist „Der Gewählte“ am Ende auch ein Stück heile Welt. Und das ist ja angesichts aufziehender düsterer Herbstabende auch nicht das Verkehrteste.

 

Tatort:USA

Sam Bourne (eigentlich Jonathan Freedland) ist Brite, der als Korrespondent für die britische Tageszeitung „The Guardian“ in den USA tätig war. Dabei hat er das Land gut kennen gelernt. Vor allem den Medienwahn beschreibt er gut, der Hype der Nachrichtensender, die in ihrem Drang rund um die Uhr Nachrichten zu finden, in schöner Regelmäßigkeit in Hysterie verfallen. Auch die konservativen Medienphänomene wie der Ultrakonservative Radiomoderator Rush Limbaugh und (der wegen offenkundigem Wahn mittlerweile gefeuerte) Fox-Moderator Glenn Bleck haben kleinere „Gast“-Auftritte.

Sam Bourne beschreibt auch den Kampf erzkonservativer Kräfte mit den Liberalen, der spätestens seit der Obama-Wahl die USA zu zerreißen scheint. Da der Autor einen Thriller schaffen wollte, verzichtete er auf tiefgründige Analysen. Die beiläufig hingeworfenen Skizzen des derzeitigen US-amerikanischen politischen Fieberzustandes sind aber dennoch einigermaßen amüsant wie lehrreich für den interessierten Beobachter. So gelingt auch ohne geographische Detailaufnahmen ein gelungenes Portrait des Tatorts Vereinigte Staaten.

Sam Bourne, Der Gewählte, Scherz, 15,40 €

VÖ: 9. September 2011